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Sara Vitorino und Ramon C.* erzählen, wie sie seit Monaten Krankheitssymptome haben. Bild: shutterstock/zvg

«An guten Tagen kann ich 600 Meter spazieren»: So fühlt sich Long Covid an

Das «Post-Covid-Syndrom», kurz «Long Covid», ist die Spätfolge einer Infektion mit Sars-CoV-2. Zwei Betroffene erzählen, wie sich die Krankheit anfühlt und wie unterschiedlich sie behandelt werden.



Acht Tage war ich krank, nachdem ich am 4. November 2020 positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Ich hatte nichts, was man einen schweren Verlauf nennen würde. Es war kaum schlimmer als eine Grippe. Nach einer Woche fühlte ich mich vier Tage lang fit. Aber am fünften Tag ging es dann bergab. Ich hatte Gliederschmerzen, fühlte mich müde und fiebrig.

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Ramon C.* hat sich von der Corona-Infektion Anfangs November 2020 nie ganz erholt. Bild: zvg

Während dieser Zeit habe ich noch 50 Prozent gearbeitet. Ich mache gerade eine Weiterbildung zum Automechatroniker. Viel länger als einen Morgen konnte ich aber nicht in der Werkstatt sein. Um die Mittagszeit liessen meine Beine nach, so dass ich fast nicht mehr stehen konnte. Wenn ich nach Hause kam, ging ich direkt ins Bett. Ich schlief jeden Tag 12 bis 14 Stunden.

Der Arzt stellte mir daraufhin ein Zeugnis aus: 100 Prozent arbeitsunfähig. Er konnte nichts seltsames feststellen, die Testergebnisse von Blut und Lunge waren gut. Er riet mir, dass ich mich genug ausruhe und mich nicht überanstrenge, weil es sonst zu Rückfällen kommen könnte.

«Mein 87-jähriger Grossvater mag weiter laufen als ich.»

Den schlimmsten Rückfall hatte ich sechs Wochen nach dem Corona-Testergebnis. Das war etwa Mitte Dezember. Ich war spazieren, und als der Weg eine kleine Steigung machte, schoss mein Puls auf 150 hoch. Da hatte ich zum ersten Mal Atemnot. Für den Rest des Tages schmerzte meine Lunge. Seitdem kann ich an guten Tagen 600 Meter auf einem flachen Weg spazieren, an schlechten mag ich nach 200 Metern nicht mehr. Mein 87-jähriger Grossvater mag weiter laufen als ich.

Nun liege ich seit gut einem Monat mehr oder weniger im Bett. Ich versuche, jeden Tag ein bisschen aktiv zu sein. Dann lese ich, schaue einen Film, telefoniere mit Freunden und Verwandten oder geh spazieren.

Knapp zwei Mal pro Woche habe ich Arzttermine. Im Bündner Kantonsspital untersucht mich regelmässig ein Arzt, der sich auf Patienten mit Long Covid konzentriert hat. Er führt Tests durch um sicherzustellen, dass es mir körperlich gut geht. Diese Woche war ich dort, um ein MRI von meinem Kopf machen zu lassen. Ausserdem gehe ich zur Osteopathie und in die Ergotherapie. Wenn diese Behandlungen keine Wirkung zeigen, muss ich vermutlich stationär in die Reha.

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Rund einen halben Kilometer kann Ramon C.* spazieren, wenn es ihm gut geht. Bild: zvg

Die Versicherung deckt meinen Arbeitsausfall und den grössten Teil meiner Therapie. Ob sie die Ergotherapie und die Reha decken, ist noch nicht sicher. Long Covid ist etwas neues, das noch nicht als Krankheit anerkannt ist.

Seit einem Monat schreibe ich nun Tagebuch. Dort notiere ich auch alle Symptome. Die Liste ist mittlerweile sehr lang: Neben Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeit habe ich immer wieder Magenschmerzen, Atemnot, wenig Appetit, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, erhöhte Körpertemperatur, Bluttiefdruck oder innere Unruhe. Das ist aber von Tag zu Tag unterschiedlich.

Was mir am meisten zusetzt sind die Müdigkeit und die Konzentrationsleistung. Ich erzähle zum Teil zwei Mal das gleiche, finde die Worte nicht und ein Buch oder einen Text zu lesen ist fast unmöglich.

«Das Schlimmste ist, dass man nicht weiss, wann das alles aufhört.»

Dementsprechend kann ich auch am Home Schooling nicht teilnehmen. Eigentlich hätte ich im Frühling die Abschlussprüfung von meiner zweijährigen Weiterbildung. Ob ich die machen kann, steht in den Sternen.

In einer Art Selbsthilfegruppe auf Facebook tausche ich mich mit anderen Long Covid-Betroffenen aus. Einige haben es noch viel stärker als ich. Oder seit längerer Zeit: Es gibt solche, die haben seit März 2020 Symptome.

Das Schlimmste ist, dass man nicht weiss, wann das alles aufhört. Ich habe keine Angst, aber die Ungewissheit belastet mich.

*Name der Redaktion bekannt.

Ich wurde nie positiv auf das Coronavirus getestet. Als ich im März Symptome hatte, gab es nicht genügend Tests. Da nahm man nur Abstriche bei Patienten im Spital, die intubiert werden mussten, um beatmet zu werden. Mein Hausarzt sagte mir, dass ich das Coronavirus eindeutig hätte. Ich hatte alle klassischen Symptome: Geschmacksverlust, Müdigkeit, Fieber, Atemschwierigkeiten, das volle Programm. Der Geschmack kam nach einer Woche wieder zurück und ich ging davon aus, dass sich der Rest auch wieder normalisieren wird. Da hab ich mich geirrt.

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Sara Vitorino leidet seit bald einem Jahr unter Müdigkeit. Bild: zvg

Als es mir im April nicht besser ging, machte ich beim Arzt einen Check-up. Alles in Ordnung, sagte er. Aber ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Ich war andauernd müde. Wenn ich von meinem Schlafzimmer ins Bad gehen wollte, musste ich unterwegs eine Pause machen, auch wenn meine Wohnung nicht sehr gross ist.

Früher machte ich auch jeden Tag Sport: Tanzen, Cross-Fit oder Joggen. Das kann ich bis heute nicht mehr, obwohl ich es immer wieder versuche. Wenn ich Sport mache, bin ich am nächsten Tag zum Teil so erschöpft, dass ich nicht mal mehr eine Minute am Stück gehen kann. Heute lag ich fast den ganzen Tag im Bett, weil ich gestern ein zehnminütiges Workout für Anfänger gemacht habe.

«Es frustriert mich sehr, dass ich keine Hilfe erhalte.»

Mein Kurzzeitgedächtnis funktioniert auch nicht mehr wie früher. Ich vergesse immer wieder Dinge und habe ständig Kopfschmerzen. Früher kannte ich das gar nicht, jetzt ist es täglich. Auch meine Körpertemperatur ist seit März immer wieder im fieberhaften Bereich.

Zweimal ging ich nochmals zum Arzt und liess mich untersuchen, einmal im Juni, das zweite Mal im November. Nichts. Der Corona-Test war negativ, Blut und Lunge waren in Ordnung. Die Ärzte sagten mir, sie könnten nichts tun.

Es frustriert mich sehr, dass ich keine Hilfe erhalte. Jetzt versuche ich einfach, selber nach Lösungen zu suchen und nehme täglich Vitamine D und B, Eisen und Magnesium.

Eine Freundin aus Grossbritannien, bei der ich mich im März vermutlich mit Corona angesteckt habe, ergeht es da ganz anders. Sie ist in einem Programm für Long Covid Patienten, wo sie regelmässig untersucht wird, Physiotherapien und Vitamin D-Infusionen erhält.

«Dieser Zustand ist eine komische Mischung aus Verzweiflung und Empörung.»

Als ich meinen Arzt fragte, ob es so ein Behandlungs-Programm auch in der Schweiz gäbe, winkte er ab.

Ich will mich eigentlich nicht beklagen, aber ich fühle mich hilflos. Dieser Zustand ist eine komische Mischung aus Verzweiflung und Empörung.

Meine Freunde und meine Psychologin helfen mir, diese Frustration zu überwinden. Manchmal klappt das auch. Aber oft sehne ich mich einfach nur danach, wieder normal zu sein.

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