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Laying hens in the outdoor area, pictured on June 7, 2013, on Mister Inauen's farm, where eggs are produced in a barn system, in Duernten, canton of Zurich, Switzerland.

Legehennen im Aussenbereich, aufgenommen am 7. Juni 2013 auf dem Bauernhof mit Legehennen in Bodenhaltung von Herrn Inauen in Duernten, Kt. Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Trotz vergleichsweise fortschrittlicher Tierschutzgesetze: So sieht die Realität der Eierproduktion in der Schweiz aus. Bild: KEYSTONE

Kommentar

Weniger Verlogenheit bitte, von Bauern und Konsumenten

Die Befürworter haben es versäumt, die Bauern mitzunehmen. Deshalb sind die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative trotz positiver Grundstimmung gescheitert. Die zentrale Frage ist damit nicht beantwortet: Welche Landwirtschaft wollen wir?



Die Bauern haben es nicht leicht. Ihre Arbeitstage sind lang, der Klimawandel stresst sie, und sie werden von «ignoranten» Städtern beschimpft, wenn sie Spritzmittel verwenden. Der Vorwurf, sie seien Boden- und Wasservergifter, hat sie in ihrem Berufsstolz getroffen, wie die emotionale Kampagne gegen die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative zeigte.

Ihr Ziel hat sie erreicht. Obwohl die Grenzen des Anstands teilweise überschritten wurden, sind die beiden Agrarinitiativen nach ursprünglich hoher Zustimmung gescheitert. Ein wichtiger Grund war, dass ausgerechnet die Biobauern bei der Trinkwasserinitiative gespalten waren und der Knospe-Verband Bio Suisse die Nein-Parole beschlossen hatte.

Ein Plakat mit der Aufschrift

Die emotionale Nein-Kampagne hat verfangen. Bild: keystone

Die Initianten müssen sich an der eigenen Nase nehmen. Sie haben sich einzig auf das relativ kleine Segment aus dem Biolandbau verlassen, das ihre Anliegen unterstützte, und es versäumt, die grosse Mehrheit der Bauern «mitzunehmen». Das hat die Abwehrreflexe verstärkt und zu einer rekordhohen Stimmbeteiligung auf dem Land geführt.

Unscharf formuliert

Nachvollziehbar ist die Ablehnung auch, weil beide Initiativen unscharf formuliert und nicht zu Ende gedacht waren. Sie hätten sogar kontraproduktiv wirken und zu einem höheren Pestizideinsatz und mehr Einkaufstourismus führen können. Die Bauernlobby hätte diesen Steilpass aufgenommen und eine verwässerte Umsetzung im Parlament durchgedrückt.

Dennoch ist das doppelte Nein auch zu bedauern, denn trotz der vom Bauernverband hinausposaunten Fortschritte ist es vor allem um die Biodiversität in der Schweiz schlecht bestellt. Die hübschen, mit Direktzahlungen abgegoltenen Ausgleichsflächen nützen wenig, wenn in den Äckern und Feldern rundherum kaum etwas kreucht und fleucht.

Tiefer Stadt-Land-Graben

Die Gegner verwiesen auf das als inoffizieller Gegenvorschlag beschlossene «schärfste Pestizidgesetz Europas». Es schreibt eine Halbierung des Pestizid-Risikos bis 2027 vor. Die von den Agrotech-Unternehmen Bayer und Syngenta betriebene Plattform swiss-food.ch polemisiert heftig dagegen, was schon mal kein schlechtes Zeichen ist.

Im Coop im Einkaufszentrum L

Die Konsumenten greifen im Laden nur zu makellosem Obst und Gemüse. Bild: sda

Auf die Umsetzung wird es ankommen. Unabhängig davon hat der Abstimmungskampf den tiefen Graben zwischen Stadt und Land offen gelegt. Vor dem Zweiten Weltkrieg war ein Viertel der Schweizer Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Heute sind es weniger als zwei Prozent. Viele Stadt- und Agglo-Bewohner haben keinen persönlichen Bezug zum Bauernstand.

Verwöhnt oder «verzogen»?

Was ist zu tun? Ansatzweise übt die Landwirtschaft Selbstkritik, auch Bundespräsident und Ex-Winzer Guy Parmelin im watson-Interview. Nötig wäre mehr Realismus auf beiden Seiten des Grabens. Zum Beispiel mit einem Verzicht auf die verlogenen Werbekampagnen, mit denen Grossverteiler und Branchenverbände eine heile Bauernwelt herbei fantasieren.

Das sei «Landwirtschaft aus dem Mittelalter», lästerte ein Bauer gegenüber watson. Heute geht es kaum ohne Pflanzenschutz, vor allem weil die meisten Konsumenten selbst in den Hofläden nur makelloses Obst und Gemüse akzeptieren, auch in Bio-Qualität. Man kann sich fragen, ob sie einfach verwöhnt sind oder vom Detailhandel so «verzogen» wurden.

«Natürliche» Rüebli wachsen nicht kerzengerade, Äpfel oder Aprikosen haben keine fleckenlose Haut. Die Forschung macht beim umweltverträglichen Pflanzenschutz laufend Fortschritte. Aber die Frage, welche Landwirtschaft wir wollen, ist damit nicht beantwortet. Weniger Verlogenheit wäre ein guter Anfang, von Bauern und Konsumenten.

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