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Eine Belegungstafel im Silo 2 der Firma Rhenus Logistics mit dem Pflichtlager fuer Getreide, in Basel, am 22. April 2020. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Eine Belegungstafel im Silo 2 des Pflichtlagers für Getreide der Firma Rhenus Logistics in Basel. Bild: KEYSTONE/Georgios Kefalas

«Staaten schauen im Krisenfall für sich selbst»: Das sagt der Hüter der Notvorräte

Pandemie überstanden, Agrarinitiativen abgelehnt – die Nahrungsversorgung ist vorerst sicher. Doch wie sieht es in Zukunft aus? Wir fragten das speziell dafür zuständige Bundesamt.

Sabine Kuster / ch media



Die Agrarinitiativen und der Lockdown vor einem Jahr haben etwas in den Fokus gerückt, worüber wir uns sonst keine Gedanken machen: Ob wir künftig genug zu essen haben. Beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) gehört der Gedanke zum Job.
Ueli Haudenschild:
Ja, wir arbeiten daran, wie man reagieren soll, wenn die Versorgung gestört ist. Weil die Märkte im Fluss sind, muss man die Massnahmen immer wieder anpassen. Es werden heute viel mehr Fertigprodukte wie Teigwaren importiert und weniger Rohmaterial. Bisher haben wir die nötigen Reserve-Lager an den importierten Rohstoffen bemessen, deshalb gingen die Pflichtlager beim Hartweizen zurück. Wir müssen uns künftig an den benötigten Kalorien orientieren.

Ueli Haudenschild, Mitglied Geschäftsleitung beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung

Ueli Haudenschild, Mitglied Geschäftsleitung beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung Bild: Britta Gut / CH Media

Schon im Zweiten Weltkrieg gelang es der Schweiz, den Selbstversorgungsgrad während der Anbauschlacht bloss von 52 auf 59 Prozent zu erhöhen. Stehen wir heute besser da?
Nun ja, der Selbstversorgungsgrad beläuft sich auf aktuell rund 60 Prozent bei etwa 3000 Kalorien pro Person und Tag.

Der Selbstversorgungsgrad ist also trotz des Bevölkerungswachstums nicht gesunken.
Wir haben das einer immer effizienteren Landwirtschaft, besseren Maschinen, Pestiziden und Dünger zu verdanken. Der Selbstversorgungsgrad wäre noch höher, wenn nicht 30 Prozent der Lebensmittel Food Waste zum Opfer fallen würden.

Wie sehr ist die Schweiz beim Import von Dünger, Saatgut und Futter vom Ausland abhängig?
Sehr. Zu hundert Prozent beim Dünger, hauptsächlich auch beim Saatgut. Beim Getreide gibt es noch eine Inlandproduktion, bei den Kartoffeln nur eine Inlandvermehrung. Saatgut für Raps oder Zuckerrüben muss vollständig importiert werden. Und auch bei der Vorverarbeitung der Lebensmittel und dem Treibstoff für die Landmaschinen ist die Schweiz sehr vom Ausland abhängig. Beim Futtermittel muss rund die Hälfte importiert werden.

«Um einen höheren Selbstversorgungsgrad zu erreichen, müsste weitgehend auf eine pflanzenbasierte Ernährung umgestellt werden.»

Was muss im Land sonst noch funktionieren, damit wir vor vollen Regalen stehen?
Die Verarbeitung, die Verpackung, der Transport, Geldmittel … Kein Glied darf ausfallen.

Silo-Meister Marco Sidler bei der Qualitaetskontrolle im Silo 2 der Firma Rhenus Logistics mit dem Pflichtlager fuer Getreide, in Basel, am 22. April 2020. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Silo-Meister Marco Sidler bei der Qualitätskontrolle in einem Pflichtlager für Getreide. Bild: KEYSTONE

Sind auch der Zustand des Bodens und die Biodiversität für Sie relevant, damit man längerfristig genügend Lebensmittel produzieren kann?
Agrarökonom Roman Hüppi von der ETH forderte kürzlich: «Ernährungssicherheit braucht intakte Natur und fruchtbare Böden. Es geht um weit mehr als nur Kalorien.» Das ist weniger im Fokus, weil es eine Frage der Landwirtschaftspolitik ist. Wir haben einen gesetzlichen Auftrag zu schauen, dass genügend Ackerland vorhanden ist, um eine Inland-Versorgung für begrenzte Zeit sicherstellen zu können. Unsere Massnahmen betreffen eine Krisensituation von einigen Monaten bis vielleicht zwei Jahre. Meist reichen die Pflichtlager, um zu überbrücken. Erst wenn eine Krise längerfristiger ist, würde man den Anbau umstellen. Wirksam würde dies aber erst im folgenden Jahr bei der Ernte.

Wie müssten wir unsere Ernährung ändern, damit wir uns selber versorgen könnten?
Um einen höheren Selbstversorgungsgrad zu erreichen, müsste weitgehend auf eine pflanzenbasierte Ernährung umgestellt werden. Damit könnte die nötige Kalorienmenge für die Bevölkerung im Inland produziert werden.

Was genau würden wir essen?
Eine Modellrechnung von 2017 zu schweren Mangellagen zeigt: Wir müssten zum Beispiel auf Teigwaren, Reis und Bier verzichten und viel weniger Fleisch essen. Wir würden mehr Kohlenhydrate konsumieren und deutlich weniger pflanzliche Fette. Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel sowie Treibstoffe müssten nach wie vor vorhanden sein.

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Die Landwirtschaft in der Schweiz braucht zwei- bis dreimal so viel Fremdenergie, wie sie in Form von Nahrung erzeugt. Sind beim BWL Modelle ein Thema, wie die Landwirtschaft zur Not auch mit weniger Energie funktionieren könnte?
Bei kurzfristigen Störungen der Energieversorgung stehen vor allem Einsparungen bei nicht lebenswichtigen Anwendungen im Vordergrund. Die längerfristige Ausrichtung der Landwirtschaft ist Sache der Agrarpolitik.

Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung wäre auch nötig geworden, wenn die Agrarinitiativen angenommen worden wären, da Landwirtschaft ohne Pestizide weniger ertragreich ist.
Oder wir hätten mehr über Importe kompensieren müssen. In diesem Fall müsste man die Pflichtlager ausbauen.

Eine Ernährungsumstellung ist schwer vorstellbar. Würde Fleisch verboten?
Gehen die Futtermittelimporte zurück, müssten die Viehbestände in der Schweiz verringert werden. Das haben wir 2018 im Hitzesommer beobachtet, als zum Teil frühzeitige Schlachtungen stattfanden, weil die Futterpreise stiegen. Der Markt würde sich also teilweise selber regulieren. Gewisse Vorgaben müsste man beim Tierbestand zusätzlich machen, weil man das knappe Getreide natürlich nicht den Tieren verfüttern, sondern direkt den Menschen zur Verfügung stellen will.

«2018, als der Rhein nicht mehr genug Wasser für die Schifffahrt hatte, mussten wir Pflichtlager freigeben bei Dünger, Speiseöl und Futtermittel.»

Wie realistisch sind solche Selbstversorgungsszenarien, wenn man in so wichtigen Bereichen wie Dünger komplett vom Ausland abhängig ist? Müsste man sich nicht international absichern?
Es wäre schön, wenn das funktionieren würde, aber gerade die Pandemie hat gezeigt, dass Grenzen sich auf einmal schliessen und Güter nicht passieren können. Die Staaten schauen im Krisenfall für sich selbst. Hinzu kommt in der Schweiz das Problem, dass wir als Binnenland weniger sichere Importstrassen haben: 2018, als der Rhein nicht mehr genug Wasser für die Schifffahrt hatte, mussten wir Pflichtlager freigeben bei Dünger, Speiseöl und Futtermittel. Gebraucht wurde schliesslich nur Dünger, aber der Vorfall machte deutlich, wie verletzlich der Rhein als Importweg ist.

Wie würde verhindert, dass nicht nur Leute mit genug Geld genügend zu essen hätten?
Wir können die Marge für ein Produkt begrenzen, sodass ein Verkäufer nicht beliebig draufschlagen kann, und Abgabebeschränkungen einführen. Das wäre auch letztes Jahr in der Pandemie denkbar gewesen, falls die Lebensmittel-Importe noch mehr zum Stocken gekommen wären.

Gibt es noch Engpässe aufgrund der Pandemie?
Ja, vereinzelt: Spezifische Kanülen für Spritzen etwa sind Mangelware, weil die ganze Welt danach fragt für die Impfungen. Da müssen wir ein Auge drauf haben.

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