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Wenn die Musik in der Stadthalle Dietikon spielt, reisen auch mal mehrere Generationen zusammen an. Bild: flickr.com/martin terber

Ludmila Balkanovic

Jugos in Dietikon: Wenn Halid loslegt, herrscht nur noch Heimat

Halogen-Lampen, Zwiebelgeruch in der ersten Reihe und Leggins überall: Ludmila nimmt dich mit auf eine Reise nach Dietikon in die Stadthalle, wo regelmässig Balkan-Sternchen auftreten.



Zu der Stadthalle Dietikon pflege ich ein gespaltenes Verhältnis. Einerseits liebe ich sie. Weil ich mich nirgends so amüsant fremd in den eigenen Reihen fühle wie da. Meine gute Laune findet aber jedes Mal ein jähes Ende, wenn ich das Klo aufsuche und einen Blick in den Spiegel werfe.

Ich vermute, dass nicht mal Gisele Bündchen unter einer Halogenlampe hübsch aussieht, geschweige denn ich. Oder all die anderen Jugo-Trullas, die sich da in Bleistift-Heels auf den Füssen rumstehen.

Sandwichs, Süssgetränke, Bier

In der Stadthalle Dietikon treten regelmässig Musiker aus dem Balkan auf. Und locken damit Gross, Klein, Jung und Alt aus allen Ecken des Landes an. Genau in dieser Tatsache liegt der Unterschied zu den Konzerten in Clubs. Während sich in diesen vor allem junge Secondos bewegen, reisen bei Stadthalle-Dietikon-Konzerten mehrere Generationen an.

Ludmila Balkanovic

Unsere Kolumnistin Ludmila wuchs zwischen Mani Matter, Kettenrauchern, harten Schweizer Schulregeln und einer «Fuck the System»-Kultur auf. Hier erzählt die Mittdreissigerin aus ihrem Leben zwischen Schweizer Bünzli- und dem Jugotum.

Dauert die Fahrt länger als 30 Minuten, füllen sie die Kühlbox mit Sandwichen, Süssgetränken und Bier. Man weiss ja nie, wann dich Hunger und Durst überfällt. Und der Jugo ist sicher nicht so hohl, dass er auf der A1-Raststätte zehn Stutz für ein Coci und ein «Iklemmtes» ausgibt. Sorry, wir schweifen ab.

Mehr Bling-Bling als beim «Bachelor»

Das letzte Mal war ich mit meinem Kumpel Dejan und seinen Bros da. Henne im Korb quasi. Hat mir den ein oder anderen Mörderblick der anwesenden Frauen auf der Suche nach kreditwürdigen Vätern ihrer Kinder eingebracht.

Dabei bin ich mir jeweils sicher, dass ich ausser Konkurrenz stehe. Sie stolzieren auf Bleistift-Absätzen, ich trage Sneakers. Sie haben tätowierte Augenbrauen, ich nicht. Sie tragen ihr Haar allesamt lang und sehr blondiert. Ich nicht.

Sie haben alle lange Gelnägel mit Nagelpiercings und/oder Airbrush-Muster, ich trage meine Nägel kurz und ohne Muster drauf oder Ringli drin. Outfittechnisch können sie allesamt jede «Bachelor»-Kandidatin in den Schatten stellen. Kurze Stretchmini-Kleidchen mit viel Bling-Bling treffen hier auf lange wallende Kleider in allen Farben mit noch mehr Bling-Bling.

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Liebe Männer, das sind Gelnägel, wie Ludmila sie nicht mag und nicht trägt. Bild: flickr.com/nic senior

Die einzigen Damen, die mir hier ein bisschen das Gefühl von Zusammengehörigkeit vermitteln, sind die, die Leggings in Leoparden-Muster tragen. Ich bin auch Besitzerin von Leomuster-Hosen. Meine erinnern aber mehr an Jogginghosen. Was mich –jetzt mal Hand aufs Herz – erst recht zum Super-Jugo machen muss.

Nix mit gekünstelten Höflichkeiten

Meine Lieblingskonzertbesucher sind aber die Sippen, die mindestens zu zehnt anreisen. Die Männer, Väter, Söhne, Schwiegersöhne, Onkels und Cousins stürmen jeweils als erstes mal den Foodstand, wo sie für wenig Geld Pljeskavice (Hamburger) mit sehr viel Zwiebeln kaufen.

Ich rede von so viel Zwiebeln, dass die ganze Halle danach riecht. So viel Zwiebeln, dass hier jeder rülpst. Nicht hinter vorgehaltener Hand. Von gekünstelten Höflichkeiten hält der Jugo nichts.

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Auf diesem Symbolbild zwar nicht sichtbar: Aber unter der oberen Brotscheide und unter dem Fleisch hat es sehr viel Zwiebeln. Bild: flickr.com/Péter Ágoston

Und so stehe ich in der dritten Reihe. Eingehüllt von Zwiebelgestank. Sehen tue ich nichts. Weil ich mit meinen Sneakers zu klein bin. Dejan und Co. sind auch nicht da. Die Jungs sind schon sehr lange draussen, wo sie Kette rauchen. Dann legt der Sänger los. Und mit ihm zusammen alle um mich herum. Auch ich.

Halid Bešlić mit «Eh kad bi ti»

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Beim beschrieben Sänger und Song handelt es sich um den bosnischen Folklore-Sänger Halid Bešlić. Ludmila liebt Halid. Alle lieben Halid. <3  Video: YouTube/Halid Beslic

Und dann ist es doch da. Das wohlige Gefühl von Heimat. Und Zugehörigkeit. Ganz ohne Stretchmini, High Heels und Louis-Vuitton-Täschli bin ich hier sowas von richtig. Eine «Es ist geil, ein Jugo zu sein»-Euphorie macht sich in mir breit.

Was bleibt, sind nur ein Anliegen und eine Frage.

Das Anliegen: Männer, gegen die Ausdünstungen, die exzessiver Zwiebelkonsum verursachen, helfen Pfefferminz-Kaugummi. Don’t panic. Ein Kaugummi hat noch keinen Balkaner entmannt.

Die Frage: Was um alles in der Welt hat es mit diesen Scheiss-Halogen-Lampen auf sich, denen ich an jedem Jugo-Fest, in jedem Jugo-Club, in jeder Jugo-Disko und an jeder Jugo-Hochzeit begegne?

Eure Ludmila

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