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HMD-Chef Florian Seiche begrüsste gestern das neue Smartphone Nokia 2 beim Marktstart in Indien. bild: twitter / @mehta_ajey

Interview

Nokia-Mobile-Chef: «Wir wollen in drei bis fünf Jahren zu Apple und Samsung aufschliessen»

Seit Anfang Woche ist Florian Seiche offiziell der Mann, der Nokia Mobile zurück an die Spitze bringen soll. Sein Ziel: In spätestens fünf Jahren gehört Nokia wieder zur Top 3 der Smartphone-Gilde.



Der Überblick:

  1. Wie der HMD-Chef Nokia wieder gross machen will (Interview)
  2. Wie Nokia-Mitarbeiter Nokia zurückgekauft haben
  3. Wie Nokia das Rennen gegen Apple und Google verlor

Florian Seiche spricht schnell. Seine Antworten sind routiniert. Er nimmt mir quasi die Fragen aus dem Mund. Er ahnt, was der Journalist als Nächstes wissen will. 

Seiche gehört zu einer Reihe von ehemaligen Nokia-Topmanagern, die sich mit ihrer neu gegründeten Firma HMD Global die Rechte an der Marke Nokia von Microsoft zurückgekauft haben. Ihr ehrgeiziges Ziel: die Handymarke wieder zur alten Grösse führen.

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Die Palette der neuen Nokia-Geräte reicht von Billigst-Handys für 40 Franken bis zu über 700 Franken teuren Highend-Smartphones. bild: installornot

Seit Anfang Jahr lanciert HMD im Monatstakt neue Handys und Smartphones – nicht zuletzt deswegen bezeichnet die Presse die junge Firma als «finnisches Start-up auf Steroiden». Im Gespräch mit watson erklärt der Firmenchef, wie der Neustart gelingen soll.

Das Interview

Herr Seiche, als neuer CEO von HMD Global haben Sie den nicht ganz einfachen Job, die vergessene Marke Nokia zu alter Stärke zurückzuführen. Wie wollen Sie das anstellen?
Florian Seiche:
 Wir haben bereits damit begonnen. HMD ist erst seit zehn Monaten aktiv und in dieser kurzen Zeit haben wir zehn Mobiltelefone lanciert – günstige Handys (wie die Neuauflage des Nokia 3310, Anm. d. Red.), aber auch ganz neue Nokia-Smartphones mit Android. Was mich besonders freut: Diese neuen Geräte erzielen eine extrem hohe Kundenzufriedenheit.

Welchen Marktanteil brauchen Sie, damit das Experiment Neustart gelingen kann?
Natürlich stehen wir noch ganz am Anfang unserer Reise. Wir wollen mit HMD das nächste Kapitel der Geschichte von Nokia Mobile schreiben. Konkret möchten wir in drei bis fünf Jahren wieder zu den weltweit führenden Smartphone-Herstellern gehören, also dahin kommen, wo heute Apple, Samsung und Huawei sind. Das ist ein sehr ehrgeiziges Ziel, aber wir sind schon jetzt wieder in mehr als 80 Ländern aktiv.

Zur Person

Florian Seiche gehört zu einer Gruppe ehemaliger Nokia-Manager, die mit der neu gegründeten Firma HMD die Marke Nokia zurück zur alten Grösse führen wollen. Der 50-jährige Deutsche hat den Chefposten im Sommer interimistisch vom damaligen CEO Arto Nummela übernommen. Diese Woche wurde er offiziell zum CEO berufen. Vor HMD bekleidete er führende Positionen bei Microsoft, Nokia und HTC. Seiche wohnt mit seiner Familie in Windsor bei London.

Können Sie konkrete Zahlen nennen?
In einigen Ländern haben wir in kurzer Zeit mehr als zehn Prozent Marktanteil erobert. Indien ist ein sehr wichtiges Land für uns. Wir sind aber auch mit der Entwicklung in Europa und Asien zufrieden.

Der Smartphone-Markt ist hart umkämpft. Nebst Samsung und Apple werden vor allem die chinesischen Hersteller immer wichtiger.
Unser Vorteil ist, dass wir nicht bei null beginnen. Wir haben in vielen Ländern etablierte Geschäftsbeziehungen zu den lokalen Firmen, welche die Smartphones vor Ort verkaufen. Wir können also auf ein bestehendes und über viele Jahre gewachsenes Beziehungsnetz aus früheren Nokia-Zeiten zurückgreifen, um unsere Geräte rasch in vielen Märkten zu verkaufen. Das ist die Basis für unseren Erfolg und, wenn Sie so wollen, die DNA von Nokia, die nun in HMD steckt.

Die Marke Nokia ist zurück, aber die Geräte werden von der neu gegründeten Firma HMD verkauft. Wie viel Nokia steckt überhaupt noch in einem Nokia-Smartphone?
In HMD steckt sehr viel Nokia, ich zum Beispiel, und natürlich auch ganz viele andere sehr erfahrene Nokia-Mitarbeiter. Wir haben zum Beispiel das Original-Designteam übernommen. Unser Verkaufsteam ist auch aus Nokia-Zeiten. Gleichwohl sind wir eine neue Firma, da wir auch viele neue, junge Mitarbeiter rekrutiert haben, die teils eine andere Sichtweise einbringen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Nokia aus?
Wir sind eine strategische Partnerschaft eingegangen. Nokia stellt uns den Markennamen zur Verfügung und wir profitieren vom technischen Know-how. In unserem neuen Smartphone Nokia 8 steckt beispielsweise eine 360-Grad-Raumklang-Technologie, die bei Nokia entwickelt wurde. Mehrere Mikrofone nehmen so während des Filmens den Ton aus allen Seiten auf.

Nokia 8

Das Nokia 8 ist das erste Premium-Smartphone von HMD. bild: watson

Was macht HMD anders als Nokia früher?
Als junge Firma haben wir ein anderes Geschäftsmodell als Nokia, das von der Forschung und Entwicklung über das Design und Betriebssystem bis zur Produktion fast alles selbst gemacht hat. Wir hingegen sind sehr schlank aufgestellt. Unsere neuen Smartphones werden zum Grossteil vom alten Nokia-Designteam, das wir übernommen haben, in London entworfen. In der Forschung und Produktion arbeiten wir eng mit starken Partnern wie dem weltweit grössten Smartphone-Fabrikanten Foxconn zusammen.

Als Start-up mit rund 600 Mitarbeitern dürfte es schwierig werden, Giganten wie Samsung und Apple herauszufordern.
Wir treten nicht alleine an. Unser Geschäftsmodell basiert auf strategischen Kooperationen. Wir fokussieren uns auf unsere Stärken: Produktdesign, Marketing und Verkauf. Bei der Forschung, Produktion und der Software-Entwicklung arbeiten wir mit Partnern wie Android-Entwickler Google, Foxconn und natürlich Nokia zusammen. Jeder Partner bringt dabei seine spezifische Stärke ein.

Nokia hat wichtige Trends wie Smartphones ohne Tastatur verschlafen. Wie wollen Sie solche Fehler verhindern?
Mit unseren starken Partnern sind wir heute wesentlich agiler aufgestellt und können viel schneller auf neue Kundenwünsche reagieren.

Können Sie ein Beispiel geben? Wie hat das neue Nokia 8 konkret von diesen Kooperationen profitiert?
Ein gutes Beispiel ist die neue Dual-Sight-Kamera im Nokia 8, die gleichzeitig nach vorn und hinten fotografieren und filmen kann. Der Nutzer kann solche Doppel-Videos live ins Netz streamen. Die Idee dafür kam von uns, für die Entwicklung brauchten wir aber die Unterstützung von Kamera-Spezialist Zeiss und Prozessor-Hersteller Qualcomm.

Animiertes GIF GIF abspielen

Nokias Dual-Sight-Kamera filmt und fotografiert in beide Richtungen.

Dieser sehr spezifische Anwendungsfall, dass sich beide Kameras gleichzeitig aktivieren müssen und das Dual-Sight-Video nicht nur in hoher Qualität aufgenommen, sondern live auf YouTube oder Facebook gestreamt wird, erfordert sehr viel Rechenleistung. Ohne aufwändige Optimierungen würde das Smartphone rasch überhitzen.

Weltweit laufen mehr als acht von zehn Smartphones mit Android. Was unterscheidet ein Nokia-Smartphone mit Android da noch von den anderen Herstellern?
Android hat sich mit weltweit 86 Prozent Marktanteil als Betriebssystem für Smartphones durchgesetzt. Wir müssen das Rad nicht mehr neu erfinden, wir haben für Android aber einen speziellen Ansatz gewählt: «Pure, Secure and Up-to-date.» Im Gegensatz zu anderen Herstellern nutzen wir das reine, unveränderte Android von Google.

Was meinen Sie damit?
Im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern verändern wir Googles originale Benutzeroberfläche von Android nicht. Daher können wir über den ganzen Lebenszyklus eines Smartphones rasch neue Feature-Updates ausliefern. Darüber hinaus haben wir uns dazu verpflichtet, unsere Smartphones mit monatlichen Sicherheits-Updates zu beliefern, also stets auf dem neusten Stand zu halten. Wir merken, dass dies bei den Kunden sehr gut ankommt.

Aktuell wird viel über rahmenlose Smartphones gesprochen. Was kommt als Nächstes? Flexible, faltbare Smartphones? Oder werden Smartphones gar von smarten Uhren ersetzt?
Ich glaube, das Smartphone wird uns in den nächsten Jahren erhalten bleiben. Die Interaktion wird aber vermehrt über die Sprache geschehen. Mit den Möglichkeiten, die wir mit künstlicher Intelligenz erhalten, werden Sprachassistenten für Menschen nützlicher werden.

Nokia-Mitarbeiter kaufen sich Nokia zurück

Anfang 2011 ging Nokia aus der Not heraus eine Partnerschaft mit Microsoft ein. Die Finnen verpflichteten sich, künftig Microsofts Betriebssystem auf ihren Smartphones zu nutzen. Im Mai 2014 verkaufte Nokia die gesamte Mobiltelefon-Sparte an den Windows-Konzern. Tausende Mitarbeiter, Patente, Markenrechte und ganze Fabriken wechselten in den Besitz der US-Amerikaner. Nokia selbst konzentriert sich seitdem primär auf das Geschäft mit Telekommunikationsnetzen.

Als bei Microsoft kurz darauf Satya Nadella das Zepter von Steve Ballmer übernahm, wollte der neue Chef die erfolglose Smartphone-Sparte seines Vorgängers so schnell wie möglich wieder abstossen. Für ehemalige Nokia-Manager stellte dies die Gelegenheit dar, die wertvollen Bereiche von Nokia Mobile zurückzukaufen (zum Beispiel Markenrechte, Design- und Vertriebteams) und eine eigene Firma zu gründen.

2015 wurde das Start-up HMD von ehemaligen Nokia-Mitarbeitern ins Leben gerufen. Die Anschubfinanzierung wird durch den privaten Aktienfonds Smart Connect LP von Jean-François Baril gesichert. Baril war von 1999 bis 2012 ein hochrangiger Nokia-Manager.

Im Frühling 2016 erwarb HMD von Microsoft das Geschäft mit einfachen Handys zurück und sicherte sich für zehn Jahre das Exklusivrecht, Smartphones und -Tablets mit der Marke Nokia zu verkaufen. Seit dem 1. Dezember 2016 tritt das finnische Start-up mit rund 600 Mitarbeitern aktiv am Markt auf. In den ersten elf Monaten des Firmenbestehens hat HMD insgesamt elf Android-Smartphones sowie klassische Handys wie die Neuauflage des Nokia 3310 lanciert. 

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Laut HMD wird der Aufbau der Smartphone-Sparte teils mit Gewinnen aus dem Handy-Geschäft finanziert.

Wie Nokia das Rennen gegen Apple und Google verlor

Vor zehn Jahren war Nokia der unangefochtene Handy-König

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2007 nutzte eine Milliarde Menschen Nokia-Handys. «Kann irgendjemand den Handy-König einholen?», fragte das Wirtschafts-Magazin «Forbes» damals.

Es ist eine Geschichte voller Fehler, Versager und verpasster Chancen: Der jähe Abstieg begann mit dem iPhone, das Steve Jobs Anfang 2007 präsentiert hatte und ab 2009 in Fahrt kam. Als Apple das iPhone lancierte, hatte Nokia eigentlich schon lange technisch überlegene Smartphones im Angebot. Das dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum das iPhone von Nokia zunächst nicht als «Game Changer» erkannt wurde.

Die Krux: Die Finnen waren ihrer Zeit voraus, da für ihre frühen Multimedia-Smartphones ausserhalb von Skandinavien die schnellen Mobilfunknetze fehlten. Auch die ersten iPhone-Nutzer plagten langsames mobiles Internet und fehlende Datenflatrates, aber das Apple-Handy war weit intuitiver zu bedienen.

Das zweite Problem: Die Finnen hielten zu lang an ihrem veralteten Betriebssystem Symbian fest und setzten zu spät auf Smartphones ohne physische Tastatur. Eigentlich galt Nokia als Innovationsschmiede aus dem hohen Norden. Aber die meisten Konzepte für moderne Smartphones und Tablets verschwanden laut Berichten früherer Mitarbeiter in der Schublade.

Nokia setzte gleich doppelt auf das falsche Pferd

Als man in Finnland merkte, dass den tastaturlosen Smartphones die Zukunft gehört, wurde das neue Betriebssystem MeeGo entwickelt. MeeGo basierte wie Android auf Linux, wurde allerdings erst 2011 marktreif – drei Jahre nach Android und vier Jahre nach dem iPhone. Da war der Zug für die Finnen bereits abgefahren.

Da Google Android schneller entwickelt hatte, gelang es Nokia nicht mehr, die App-Entwickler für MeeGo zu begeistern. 2011 wurde mit dem Nokia N9 doch noch ein MeeGo-Smartphone lanciert – und aufgrund der ausweglosen Situation gleich wieder eingestampft. Nokia fehlten die Apps von Drittherstellern, die ein mobiles Betriebssystem attraktiv machen.

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Das Nokia N9 von 2011 mit dem neu entwickelten Betriebssystem MeeGo kam ohne Home-Button aus, sehr ähnlich wie das iPhone X sechs Jahre später.

Bereits 2011 konnte das Nokia N9 mit dem Betriebssystem MeeGo fast vollständig mit Wischgesten bedient werden. Es hatte also keinen Home-Button am unteren Rand, was bei gleicher Gerätegrösse ein grösseres Display erlaubte. 

Apple beispielsweise hat den Home-Button im iPhone X nun ebenfalls zugunsten von mehr Displayfläche entfernt, so dass auch bei iOS Wischgesten die Funktionen des Home-Buttons übernehmen müssen. Das Nokia N9 war seiner Zeit voraus, ohne Apps aber chancenlos.

Nokia scheiterte letztlich aber nicht am iPhone, sondern an Googles Entscheidung, sein Betriebssystem Android allen Smartphone-Herstellern kostenlos zur Verfügung zu stellen. Alte Rivalen wie Samsung, Motorola oder HTC, die gegen den Handy-König jahrelang chan­cenlos waren, konnten dank Google plötzlich Smartphones offerieren, die besser als jedes Nokia-Handy waren.

Da das eigene MeeGo gegen Googles Android von Anfang an auf verlorenem Posten stand, ging Nokia Anfang 2011 in der Not eine Partnerschaft mit Microsoft ein. Microsofts Betriebssystem Windows Phone sollte Nokia helfen, sich von der Masse der Android-Hersteller abzuheben. Wie MeeGo scheiterte auch Windows Phone an der mangelnden Unterstützung durch die App-Entwickler, für die jede weitere Plattform mehr Aufwand und mehr Kosten bedeutet.

Vor zehn Jahren hätte fast niemand gedacht, dass der Handy-König so abrupt zu Fall kommen könnte. In weiteren zehn Jahren kann es wieder ganz anders aussehen. So oder so: HMDs neuer Anlauf mit Android dürfte der letzte Versuch sein, der Traditionsmarke neues Leben einzuhauchen.

Gelingt HMD die Wiederbelebung der Marke Nokia?

Nokias Comeback-Smartphones im Test

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