DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Strahlt gleichermassen Ruhe wie auch Kraft aus: der Polestar 2.
Strahlt gleichermassen Ruhe wie auch Kraft aus: der Polestar 2.
bild: watson.ch

Der Polestar 2 im Test: Endlich eine Model-3-Alternative

20.09.2020, 17:59

Es gab eine Zeit, als die Vorstandsmitglieder der Traditionshersteller über Tesla lächelten, den Möchtegern-Autohersteller mit Spaltmassen wie die Zahnreihen von Andres Ambühl. Beim Abendsherry wetteten sie auf den Bankrott der Kalifornier – um danach noch etwas die Abgaswerte zu fälschen.

Doch wir kennen die Geschichte.

Spätestens mit dem Model 3 riss Tesla eine gigantische Wunde in die Autoindustrie. Der Aussenseiter ist plötzlich wertvollster Autobauer der Welt und hat einen Technikvorsprung von mehreren Jahren. Und als ob das nicht genug wäre, müssen die Traditionshersteller zusehen, wie der Disruptor in Rekordtempo riesige Fabriken hochzieht. Schneller wächst nur noch Teslas Fanbase.

Das Model 3 hat dafür gesorgt, dass Tesla zum wertvollsten Autobauer aufstieg.
Das Model 3 hat dafür gesorgt, dass Tesla zum wertvollsten Autobauer aufstieg.
Bild: AP/Tesla Motors

Hastig werden Konkurrenzprodukte zusammengezimmert – und dann zum Teil der Lächerlichkeit preisgegeben. Doch während die teuren Tesla-Modelle S und X mittlerweile so etwas wie Konkurrenz erhielten, wagte sich bisher niemand daran, dem Model 3 Konkurrenz zu machen.

Bis jetzt.

Oldschool Baroni fährt den newschool Polestar 2

Video: watson/Emily Engkent

Es erstaunt nicht, dass die erste richtige Konkurrenz des Model 3 ebenfalls von einem sehr jungen Hersteller kommt: Polestar. Das Tochterunternehmen von Volvo geht zurück auf ein Rennteam. Später wurde daraus der offizielle Volvo-Tuner und jetzt soll Polestar den Tesla-Weg gehen. Will heissen: ohne eingerostete Konzernstrukturen ein Elektroauto bauen. Wie Tesla begann Polestar mit dem 1 im Luxus-Segment. Der Polestar 2 soll nun das Model 3 angreifen.

Und?

Der Polestar 2 wurde von den Lesern der <a target="_blank" rel="nofollow" href="https://www.autozeitung.de/das-schoenste-elektroauto-leserwahl-198802.html#:~:text=Leserwahl%3A%20Das%20ist%20das%20sch%C3%B6nste,sich%20der%20Sportler%20Porsche%20Taycan.">Autozeitung</a> mit Abstand zum schönsten Elektroauto gekürt.
Der Polestar 2 wurde von den Lesern der Autozeitung mit Abstand zum schönsten Elektroauto gekürt.

Ich muss gestehen, ich bin ein bisschen ein Fanboy. Seit ich den Polestar 2 zum ersten Mal gesehen habe, bin ich verliebt. Genau so muss ein Auto aussehen: Verwegen, aber nicht rotzig, kräftig, aber nicht furchteinflössend – modern, aber nicht unelegant. Das Auto hat den Wow-Effekt. Kaum parkiert, steht auch schon ein Bewunderer da. Auf dem Elektroparkplatz im Einkaufszentrum kann sich ein Tesla-Fahrer (S) die Komplimente nicht verkneifen. Schüler drehen sich nach dem Wagen um. Kein Mittelklassewagen der letzten Jahre war jamesbondiger. Müsste sich 007 im Polestar 2 schämen? Of course not, my dear. Fühlt sich auch Michi Müller im Polestar 2 ein bisschen wie im Auftrag ihrer Majestät? Yes, absolutely.

Dafür sorgt auch der Innenraum. Der Stoffbezug ist etwas zwischen Zeltblache und Anzug: Abenteuer mit Stil quasi – ein Hauch von Jovialität –, aber nicht unwarm. Auch die sauber verarbeiteten Armaturen schaffen den Spagat zwischen stabil, aber doch nett anzuschauen. Die Kraft des Wagens ist förmlich spürbar – unaufdringlich, aber bestimmt. Das ist nicht einfach billige schwedische Inneneinrichtung. Die hier ist chic. Und sie kommt bereits montiert.

Der Innenraum präsentiert sich unaufdringlich chic.
Der Innenraum präsentiert sich unaufdringlich chic.
bild: polestar
Hauptbedienelement ist das Android-Tablet. Aber im Gegensatz zum Model 3 gibt es auch einen Screen hinter dem Steuerrad.
Hauptbedienelement ist das Android-Tablet. Aber im Gegensatz zum Model 3 gibt es auch einen Screen hinter dem Steuerrad.

Unnötiger Schnickschnack fehlt im Polestar 2 wie im Model 3, Teslas Radikalkur macht Polestar aber nicht ganz mit. Es darf auch mal andeutungsweise verspielt sein. Dort, wo weniger das Auge, dafür die Krümel der Jungmannschaft hinfallen, herrscht Pragmatismus. Einzig die etwas dominante Mittelkonsole fällt ein wenig aus dem Rahmen. Sie wirkt einen Schuss zu klobig. Auch wenn mich das Model 3 manchmal an eine nasse Socke erinnert, ist es kein hässliches Auto. Optisch spielt der Polestar 2 aber in einer anderen Liga, und auch dieses Gefühl von Wertigkeit vermittelt das Model 3 nicht.

Doch an Ähnlichkeiten soll es nicht mangeln:

  • Der Preis: Den Polestar 2 gibt es ab 57,900 Franken. Er befindet sich damit zwischen dem Model 3 mit maximaler Reichweite (54'990 Franken) und dem Performance Model 3 (59'990 Franken).
  • Die Batteriegrösse: 78 kWh für den Polestar 2, 75 kWh für das Model 3.
  • Gewicht: Der Polestar 2 wiegt in der von uns getesteten Version 2,173 Tonnen, die Teslas 1,847 und 1,860. Erwartungsgemäss ist der Bremsweg der Teslas deshalb kürzer – allerdings nur minim.
  • Auch die Masse der beiden Autos sind sehr ähnlich: Der Polestar ist etwas kürzer, dafür 1 Zentimeter breiter als das Model 3 (4,61 Meter vs. 4,69 Meter und 1,86 vs. 1,85 Meter). Der Höhenunterschied beträgt 3 Zentimeter (147 Zentimeter vs. 144).
  • Der Luftwiderstandsbeiwert des Polestar beträgt 0,278. Das Model 3 schafft 0,23. Je tiefer der Wert, desto besser.
  • Die Reichweite: Trotz grösserer Batterie schafft der Polestar 2 «nur» 470 Kilometer (WLTP) vs. 530 oder gar 560 der Model-3-Versionen. Reichweitenangst braucht man in beiden Fahrzeugen keine zu haben.
  • Die Leistung beträgt beim Polestar 300 kW (406 PS) und bei den Teslas 324 kW (440 PS) und 377 kW (510 PS).
  • Die Beschleunigung: Der Polestar 2 beschleunigt offiziell in 4,7 Sekunden von 0 auf 100, die Model 3 sind mit 4,6 und 3,4 (!) Sekunden schneller. Praxistests haben aber für sämtliche Modelle noch bessere Zeiten ergeben. Für alle gilt: Es ist genug. Echt. Auf die Autobahn einfahren funktioniert fast auf einem Bierdeckel.
  • Remote-Updates der Fahrzeug-Software ist bei beiden Fahrzeugen gegeben.
  • Der 1-Pedal-Drive: Ich bin Fan, dem alten Rock'n'Roller Oliver Baroni wurde es dabei aber schlecht. (1-Pedal-Drive bedeutet: Bei Fuss runter gibt der E-Wagen Gummi, bei Fuss rauf bremst er mit dem Motor und rekuperiert damit Energie bis zum Stillstand.)
  • Der Stauraum: Der Polestar nimmt 440 Liter mit, das Model 3 425 Liter. Bei beiden kann die hintere Sitzreihe hinuntergeklappt werden. Die Verteilung ist aber ungleich. Der Polestar verfügt über einen wesentlich grösseren und besser zugänglichen Kofferraum, dafür über einen kleineren Frunk.
  • Beide Modelle verfügen über ein grosses Glasdach. Und beide Modelle verzichten auf Heckscheibenwischer. Liegt am Morgen Tau, nervt das ganz gewaltig. Und wenn wir schon beim Nerven sind:
  • Der Polestar 2 ist made in China. Das ist für mich das grösste Ärgernis des Wagens. Damit bleibt die Herstellungs-CO2-Bilanz eine Blackbox. Audi lässt seinen E-Tron in seinem CO2-neutralen Werk in Brüssel produzieren. Volvos Motorenwerk (Skövde) ist klimaneutral, das Werk in Gent hat eine Solaranlage auf dem Dach. Wieso nicht auch der Polestar 2? Die Antwort liegt vermutlich beim anvisierten Kampfpreis. Immerhin: Polestar hat den Fussabdruck erfasst. 26 Tonnen CO2 sollen bei der Produktion anfallen – vor allem wegen der Batterie. Das ist ein Äquivalent von fast 6 Jahren Verbrenner fahren (bei einem Durchschnitt von 4,6 Tonnen pro Jahr).
  • Fahrhilfe: Der Polestar bietet (ebenfalls) diversen Schnickschnack. Die Spurhaltehilfe funktioniert in etwa und ist noch etwas hakelig. Automatische Spurwechsel und ähnliche Kunststücke, die der Tesla bereits kann, findet man im Polestar 2 (noch) nicht. Während es Tesla gelingt, so etwas wie einen ersten Eindruck von autonomem Fahren zu vermitteln, schafft das der Polestar 2 bei Weitem nicht.
  • Die hintere Sitzreihe bietet bei beiden Herstellern ungefähr denselben Platz und Beinfreiheit – mit leichten Vorteilen für den Tesla. Wir packen einen fast zwei Meter grossen Briten (1,97 Meter) in den Wagen. «It's fine», meint dieser zuerst. Kaum lehnt er aber nach hinten, touchiert sein Kopf das Dach. Die Schwiegermutter hat hingegen Platz. Doch ihr entfährt ein «Jebeno», als sie zwischen die Kinder auf den Mittelplatz klettern muss. Dort führt ein Batteriestrang und damit eine auffallend hohe Schwelle durch. Die Beinfreiheit ist im Polestar 2 hier deutlich eingeschränkt. «Bis Kroatien würde ich es aber aushalten», meint sie beim Aussteigen. Tesla hat hier die Nase vorn.
Das Android-Tablet ist einfach zu bedienen. Wenn wir schon dabei sind: Eine 80-prozentige Ladung kann beim Polestar in 40 Minuten erreicht werden.
Das Android-Tablet ist einfach zu bedienen. Wenn wir schon dabei sind: Eine 80-prozentige Ladung kann beim Polestar in 40 Minuten erreicht werden.

Ob es auch die Eltern nervlich bis Kroatien aushalten würden, steht in den Sternen geschrieben. Und damit sind wir wieder bei einem grossen Unterschied zwischen den beiden Fahrzeugen: das Android-Tablet. Jep. Fast alles lässt sich im Polestar per Android steuern: Fahrassistenten, Klimaanlage, das Navi (Google Maps) und und und. Und – das freut vor allem die Jungmannschaft – das funktioniert auch per Spracheingabe. Und so befehlen zwei hohe, aber energische Stimmchen der bemitleidenswerten Frau Google-Assistentin immer wieder aufs Neue, Witze zu erzählen. Sie fallen in der Tendenz flach aus. Der Vorteil von Google im Auto: Die Bedienungs-Software wächst mit den Verbesserungen durch den Techgiganten. Hoffentlich auch die Witzqualität.

Beim Parkieren hilft der Screen ebenfalls mit einer live gerenderten Vogelperspektive von Umschwung und Wagen. Wer nicht genau hinschaut, fühlt sich satellitenüberwacht. In Tat und Wahrheit sind die Kameras an der Seite angebracht und die Perspektive wird berechnet. Well done, Polestar.

Die Fahrt

Schwedische Elektromobilität: Ein Polestar 2 zieht eine Kalk von Cake. Den Test des Elektro-Motorrades findest du <a target="_blank" rel="follow" href="https://www.watson.ch/digital/auto/845280749-kalk-von-cake-wir-haben-die-fast-perfekte-pendler-loesung-getestet">hier</a>.
Schwedische Elektromobilität: Ein Polestar 2 zieht eine Kalk von Cake. Den Test des Elektro-Motorrades findest du hier.
bild: polestar

Die 2,1 Tonnen lassen sich entspannt mit zwei Fingern steuern, wie direkt, bestimmt die Fahrerin per Knopfdruck. Bisweilen wirkt die Fahrt etwas hart. Das mag an den Einstellungen des Performance-Modells (+ 6000 Franken) liegen, das wir testen. Dafür gibt es Öhlins und Brembo-Bremsen. Das Gaspedal vergibt sehr grosszügig. Wer richtig Umpf will, bekommt ihn. Aber nur, wenn richtig durchgedrückt wird. Weil kein Motor aufheult, wirkt der Kraftakt wie bei anderen E-Autos mehr wie ein Hüpfer. Der Sound der hochdrehenden Elektromotoren hat was von einem Raumschiff.

Mit heruntergeklappten Sitzen hat der Polestar richtig viel Stauraum (nicht nur für Videogrümpel).
Mit heruntergeklappten Sitzen hat der Polestar richtig viel Stauraum (nicht nur für Videogrümpel).
bild: watson.ch

Die Magie des Polestars liegt aber im Zusammenspiel sämtlicher Komponenten. Die Kombination aus fast absoluter Ruhe während der Fahrt, dem einlullenden Interieur und dem fast schwerelosen Dahingleiten wirkt meditativ. Kreuzt ein entgegenkommendes Auto, blendet der Wagen einige seiner zahlreichen Pixel-LEDs ab. Ja. Der Polestar 2 ist auch gut zu den anderen Verkehrsteilnehmern. Leises Tropfen auf das Glasdach, zufriedenes Summen der Motoren. Eine Fahrt wie eine Yoga-Stunde. Der Polestar kann weiss Gott auch Achterbahn. Und wie. Seine herausragendste Eigenschaft aber liegt in der Geborgenheit, die er während der ganz alltäglichen Fahrt ausstrahlt.

Fazit

Im Vergleich zum Model 3 kassiert der Polestar 2 in Sachen Reichweite und Fahrassistenz zwei klare Niederlagen. Reichweitenfetischisten sind mit dem Model 3 besser aufgehoben – zumal Polestarfahrer nicht auf das Tesla-Ladenetzwerk zugreifen können. Der Unterschied beim Fahrassistenten ist nach heutiger Gesetzeslage im Prinzip nur theoretischer Natur. Das könnte sich natürlich irgendwann einmal ändern. Und da hat der Ami die Nase deutlich vorn. Klare Siege erringt der Polestar 2 beim Kofferraum (mit Ski-Klappe), vor allem aber bei der Ausstrahlung.

Wer Wert aufs Optische legt, wer sich in seinem Wagen gerne zuhause fühlen will und die radikale Nüchternheit des Teslas als abstossend empfindet, der kriegt mit dem Polestar 2 die perfekte Alternative. Eine Alternative ist der Polestar selbstverständlich auch für benzinverbrennende Audi- und BMW-Fahrer, die langsam genug davon haben. Auch sie werden angenehm überrascht sein von der freundlichen und einladenden Ausstrahlung, die auch ein kraftvoller Wagen haben kann.

Well done, Polestar.

So. Und nach so viel Gesäusel wollt ihr sicher noch wissen, was «jebeno» bedeutet:

«Hey Google, was heisst jebeno?»

Video: watson

Mit diesen Tricks zauberst du Hollywood-Effekte in deine Videos

Video: watson
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

40 lustige und absurde Dinge, die Leute im Brocki gefunden haben

1 / 42
40 lustige und absurde Dinge, die Leute im Brocki gefunden haben
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

58 Menschen auf einem Motorrad?

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

E-Auto? Brennstoffzelle? Oder doch Diesel? Diese Autoantriebe haben die beste Klimabilanz

Welcher Antrieb ist der klimafreundlichste? Mit wachsendem Umweltbewusstsein stellen sich Autokäuferinnen und -käufer zunehmend diese Frage. Antworten bietet nun eine Studie des Schweizer Paul Scherrer Instituts.

Vor den ersten Kilometern schneiden Elektroautos in Sachen Klimabilanz noch schlechter ab als andere Fahrzeuge. Je weiter man jedoch damit fährt, desto besser wird diese Bilanz.

Grund dafür ist, dass die Herstellung der Batterie für E-Autos relativ viele Emissionen verursacht. Der Betrieb mit Strom aus erneuerbaren Quellen macht diesen anfänglichen Nachteil jedoch mehr als wett, zeigt eine Studie des Paul Scherrer Instituts (PSI), von der das Institut in seinem Magazin berichtet.

Im Auftrag des …

Artikel lesen
Link zum Artikel