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Die Ruhe vor dem grossen Sturm: So friedlich ist «The Last of Us Part 2» selten.
Die Ruhe vor dem grossen Sturm: So friedlich ist «The Last of Us Part 2» selten.
bild: zvg
Review

Die grosse Game-Kritik: Warum «The Last of Us Part 2» Videospielgeschichte schreibt

Am nächsten Freitag ist es endlich so weit: «The Last of Us Part 2» lässt uns in ein Videospiel mit ganz viel Drama versinken. Wir haben die Fortsetzung bereits durchgespielt und nehmen euch spoilerfrei auf eine ganz besondere Reise.
12.06.2020, 09:0113.06.2020, 11:37

Ellie schreit, weint und lacht. Ellie rennt, taumelt und fällt. Ellie kämpft, blutet und leidet. Und jede einzelne Gefühlsregung überträgt sich schlagartig auf die Person vor dem Bildschirm. Willkommen bei «The Last of Us Part 2».

Süss war sie, die kleine Ellie aus dem ersten Teil. Unschuldig und immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen weckte sie den Beschützerinstinkt in uns und wir wurden zum digitalen Vater. Stets haben wir sie im Auge behalten und auf eine lange Reise mitgenommen. Fünf Jahre nach den Ereignissen im ersten Teil ist sie wieder da. Doch jetzt ist alles ganz anders geworden, als wir dachten ...

2013 durften wir Ellie und Joel auf einer epischen Reise voller Dramen begleiten, haben beide in unser Herz geschlossen und konnten uns an der opulenten Grafik kaum sattsehen. Die spartanische Musik, der Spannungsbogen, die unvorhersehbaren Wendungen, das war alles ganz grosses Game-Kino. Nach diversen Verschiebungen und schier unendlicher Wartezeit ist es jetzt aber endlich soweit und die Videospielgemeinde ist ready für diese lang ersehnte Fortsetzung.

Im Westen hofft man auf ein bisschen Frieden.
Im Westen hofft man auf ein bisschen Frieden.
bild: zvg

Die Unruhe vor dem grossen Sturm

Etwa fünf Jahre ist es her, seit wir in der Rolle von Joel die zerbrechliche Ellie gerettet und in Sicherheit gebracht haben. In einer heruntergekommenen Welt in der nahen Zukunft kämpften die beiden ums Überleben. Sie mussten sich nach einer Pandemie nicht nur mit feindlichen Gruppierungen auseinandersetzen, sondern auch gegen mutierte Menschen antreten, die sich durch einen Virus in aggressive und besonders hässliche Zeitgenossen verwandelten.

Wie es in einer postapokalyptischen Welt so an der Tagesordnung steht, versammeln sich die Überlebenden fernab jeglicher Metropolen in sicheren Camps, um ein Funken Menschlichkeit zu wahren. Auch Joel und Ellie sind mittlerweile aus der Gefahrenzone herausgekommen und versuchen im bevölkerungsarmen Bundesstaat Wyoming ihre geschundenen Nerven zu schonen. Das ist nach den Strapazen im ersten Teil auch dringend nötig.

Ellie ist übrigens immer noch immun gegen das heimtückische Virus und wurde deswegen überhaupt erst zum Ziel von verschiedenen Fraktionen. Das Kind war also die ganze Zeit fast nur auf der Flucht und hat Dinge erlebt, die man keinem Menschlein zumuten möchte. Aber vorerst ist ja alles wieder gut. Vorerst ...

Ellie wirkt in sich gekehrt. Warum genau erfahren wir im Laufe des Spiels.
Ellie wirkt in sich gekehrt. Warum genau erfahren wir im Laufe des Spiels.
bild: zvg

Ein skrupelloser Rachefeldzug

Wenn zwei Menschen durch die persönliche Hölle gehen, fesselt sie das aneinander, macht sie zu einer Einheit. Doch Joel und Ellie sind mürrisch geworden und in sich gekehrt. Man ahnt es schon in den ersten Minuten, da muss einiges passiert sein, von dem wir noch keine Ahnung haben.

Für Gefühlsduseleien ist aber vorerst keine Zeit, denn eine simple Mission wird für alle Beteiligten zu einem Himmelfahrtskommando und der Spieler sitzt bereits nach den ersten Stunden mit offenem Mund vor dem Bildschirm. In den weiteren ca. 25 Spielstunden wird das zur Gewohnheit werden.

Es geschehen Ereignisse, die alles auseinanderbrechen lassen und die Figurenbeziehungen neu mischen. Schlussendlich gipfelt alles in einem persönlichen Rachefeldzug, der eine blutige Schneise der Zerstörung hinter sich herzieht.

Ellie ist definitiv aus den Kinderschuhen herausgewachsen und zeigt sich nun von ihrer skrupellosen und oft auch hässlichen Seite. Was folgt ist ein Trip nach dem anderen, eine Wendung nach der anderen, ein emotionaler Vulkanausbruch nach dem anderen, die man in einem Videospiel in einer solchen Intensität noch nicht erlebt hat.

Dina und Ellie sind bereit für eine Mission.
Dina und Ellie sind bereit für eine Mission.
bild: zvg

Schlaue und beinharte Gegner

Wir dirigieren Ellie durch heruntergekommene Gegenden, achten via Verfolgerperspektive ganz genau auf sie und gehen in ihrer Haut auf Konfrontationskurs gegen widerliche Zeitgenossen. Wer denkt, dass die verseuchten, mutierten Monster das Schlimmste seien, wird schnell eines Besseren belehrt. Denn auch hier gilt, wenn eine Gesellschaft zusammenbricht, zeigt der Mensch sein wahres, hässliches Gesicht.

Aber Ellie ist gut vorbereitet. Sie steuert sich deutlich agiler als Joel durch das Unterholz, kriecht über den matschigen Boden und versteckt sich im hohen Gras. Direkte Konfrontation oder Schritt für Schritt die Gegner bodigen und immer wieder ausweichen, das darf jederzeit selber entschieden werden. Wie man sich auch entscheidet, die meisten Gegner sind schlau und oft auch beinhart.

Ellie ist gut vorbereitet und steuert sich perfekt.
Ellie ist gut vorbereitet und steuert sich perfekt.
bild: zvg

Und plötzlich möchte man nicht mehr weiterspielen

Ein Videospiel hat als Erzählmedium den grossen Vorteil, dass mit Interaktionen in die Spielfigur geschlüpft werden darf. Die Immersion erfolgt dabei nicht nur durch die reinen Bewegungen der Figur auf dem Bildschirm, sondern auch mittels Zwischensequenzen. Da erleben wir Gefühle hautnah, können uns noch besser mit dem Charakter identifizieren, so dass wir die Motivation stets nachvollziehen können und wir Eins werden.

Aber Entwickler Naughty Dog bringt uns nicht nur an die Immersionsgrenzen, sondern wirft uns auch darüber hinaus. Denn der Entwickler schafft es, dass man sich plötzlich weigert, weiterzuspielen. Unweigerlich wird man mit Entscheidungen und Spielaufforderungen konfrontiert, die sich nicht mehr mit der Charakter-Sympathie decken lassen. Es kommt zum inneren Zerwürfnis, ein Konflikt erhebt sich. Die Einheit zwischen Spieler und fiktivem Charakter bricht entzwei und trotzdem werden wir gezwungen weiterzumachen, weil die Geschichte es verlangt.

«Ich will das nicht!», «Das könnt ihr doch nicht machen!», «Ok, jetzt brauche ich eine Pause!», diese und ähnliche Sätze hallen durchs Wohnzimmer, wenn man die junge Frau auf ihrer neuen Reise begleitet. Kopfschütteln, aber auch respektvolles Kopfnicken wechseln sich ab. Man mag es oft gar nicht glauben, was das Spiel mit einem macht. Wir spielen nicht das Spiel, das Spiel spielt mit uns ...

Entwickler Naughty Dog bringt uns immer wieder an unsere persönlichen Grenzen.
Entwickler Naughty Dog bringt uns immer wieder an unsere persönlichen Grenzen.
bild: zvg

Die Nextgen-Hardware kann warten

Bei solch persönlichen Irrungen und Wirrungen wird die Technik eines Videospiels eigentlich zur Nebensache. Dass Naughty Dog stets eine saubere Arbeit abgibt, ist bekannt, und es hätte überrascht, wenn die Macher hier nicht auch ein Paradebeispiel einer modernen Unterhaltungssoftware abgeliefert hätten.

Ja, das Ding sieht wirklich fantastisch aus und jederzeit möchte man via Fotomodus Screenshots anfertigen, um persönliche Erinnerungen zu speichern. Egal ob man in einer verwüsteten, zertrümmerten Stadt herumschleicht, über malerische Landschaften wandert oder gegen aggressive, bissige Wetterverhältnisse ankämpfen muss, es ist ein Fest fürs Auge. Egal ob finstere Nachtszene oder eitel Sonnenscheinwetter, was hier aus der Playstation 4 gekitzelt wurde, ist bemerkenswert. Oder anders ausgedrückt: Nach diesem Spiel stellt sich die berechtigte Frage, ob die neue Hardware-Generation nicht noch länger auf sich warten kann.

Und die Macher haben es sich nicht nehmen lassen, auch in diesem Epos die berühmten Naughty-Dog-Momente einzuflechten. So gibt es sie in dieser rauen Welt immer wieder, diese ruhigen Augenblicke, wo besonders intensiv verweilt wird, wo die Figuren Luft holen, innehalten dürfen und noch tiefer in die Seele blicken lassen. Eine kleine Insel der Ruhe, ein Minispiel in einem Megaspiel, eine Auszeit von der harten Game-Wirklichkeit. Sie tun gut und bleiben lange in Erinnerung.

Einfach mal innehalten und die Ruhe geniessen.
Einfach mal innehalten und die Ruhe geniessen.
bild: zvg

Verdammt brutal

In Erinnerung bleibt auch der hohe Gewaltgrad. «The Last of Us Part 2» ist schonungslos und kompromisslos geworden. Dass es in der rauen Welt auch ziemlich rau zu und her geht, kennen wir bereits vom Vorgänger. Doch in der Fortsetzung haben die Macher nochmals kräftig aufgedreht. Pixelblut und brutale Momente gehören zur Tagesordnung. Und man muss sich daran gewöhnen, dass die Kamera bei expliziten Szenen dranbleibt und meistens die blanke Konsequenz von Gewaltausbrüchen zeigt. Fasziniert und angeekelt zugleich starrt man auf den Bildschirm und wendet seine Augen ab, weil es manchmal oft auch zu viel des Bösen ist.

Vor allem beim Nahkampf wird so mancher spitziger Gegenstand in das Fleisch gebohrt, mancher Schädel malträtiert und manche Kehle aufgeschlitzt. Unterstützt wird die ganze Prozedur durch erstickendes Gurgeln, qualvolle Visagen und lähmende Schreie, die das Blut in den eigenen Adern zum Gefrieren bringen. Nein, dieses Spiel ist definitiv nichts für schwache Nerven.

Gleich wird es richtig blutig und eklig.
Gleich wird es richtig blutig und eklig.
bild: zvg

Ein Stück Freiheit

«The Last of Us Part 2» setzt hauptsächlich auf Narration, Atmosphäre und Emotionen. Da erstaunt es nicht, wenn sich gameplaytechnisch nicht viel geändert hat. Wer vor kurzem gerade noch den Vorgänger gespielt hat, wird mit dem Controller sofort wieder verschmelzen. Die Figur steuert sich butterweich, die Navigation im Spielmenü flutscht und schnell werden aus gefundenen Schrott-Einzelteilen Splitterbomben gebastelt, medizinische Hilfsgüter erstellt oder die Schusswaffen modifiziert. Gefundene Dokumente und Sammelobjekte lassen sich schnell hervorkramen und begutachten. Alles da, alles gut.

Nebst den obligaten Schusswaffen gibt es natürlich auch diverse Hieb- und Stichwaffen, die man in den Arealen auffinden kann. Diese sind übrigens weitläufiger ausgefallen als beim Erstling. Zwar ist die Grundstruktur immer noch sehr geradlinig, aber mit einladenden, verwinkelten Gebäuden voller Dinge zum entdecken oder einer schier endlosen Landschaft mit beeindruckender Flora und Fauna schaffen es die Macher, gekonnt eine grössere Spielwiese zu präsentieren, ohne dass man sich darin verliert.

Das Ziel ist klar und die Spielwiese gross.
Das Ziel ist klar und die Spielwiese gross.
bild: zvg

Gefühlscocktail par exellence

Fazit: «The Last of Us Part 2» ist ein Gefühlschaos. Mit den Protagonisten geht man regelrecht durch die Hölle, wird selber am Nacken gepackt, an die Wand gedrückt und auf den Boden geschmettert. Und wenn man röchelnd da liegt, wird nochmals nachgetreten.

Naughty Dog hat das Medium Videospiel erzähltechnisch auf ein neues Level gehoben. Der innere Kampf der Figuren entfacht sich auch beim Spielenden und hallt lange nach. Während die berauschende Optik sowie die fantastische Musik einen einlullen, wird man im nächsten Moment wieder auf den Boden der harten Tatsachen geworfen. Wir spielen nicht das Spiel, das Spiel spielt mit uns.

Die Fortsetzung besteht aus so zahlreichen Höhepunkten, dass es einem schwindelig wird und man nicht genug davon bekommt. Der sich entwickelnde Rausch ist perfekt. Und am Schluss sitzt man einfach nur noch da, ist total ausgelaugt, aber auch dankbar, dass man an dieser einzigartigen Charakter-Reise teilnehmen durfte.

«The Last of Us Part 2» ist ab dem 19. Juni exklusiv erhältlich für Playstation 4 und freigegeben ab 18 Jahren.

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