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Kommentar

Liebe TV-Sender, wenn ihr Replay-TV verhindert, könnt ihr euch gleich selbst abschaffen

Zeitversetztes Fernsehen ist eine Innovation, von der TV-Sender, Anbieter und Zuschauer gleichermassen profitieren könnten. Stattdessen tragen Sender und Provider ihren Verteilkampf um die Einnahmen auf dem Buckel der Konsumenten aus.



Die Fernsehkonsumenten haben sich längst daran gewöhnt: Wer sich ein TV-Abo mit Replay-Funktion leistet, kann beliebige Sendungen der letzten sieben Tage jederzeit auf Knopfdruck schauen – und dies, ohne vorher selbst etwas aufnehmen zu müssen. Das Beste daran: Die nervige Werbung lässt sich bequem überspringen.

Replay-TV ist quasi die moderne und bequeme Form des Videorekorders, der in den 90er-Jahren in fast jedem Haushalt unter der Flimmerkiste stand. Bloss zeichnen heute TV-Anbieter wie Swisscom oder Zattoo das komplette Programm auf, speichern es in der Cloud und verkaufen Replay-TV als (teure) Zusatzfunktion in ihren TV-Abos. Die TV-Sender werden dafür lediglich mit einer geringen Urheberrechtsgebühr abgegolten.

Das ärgert die Sender. Sie jammern seit Jahren über entgangene Werbeeinnahmen in Millionenhöhe, die ihnen zeitversetztes Fernsehen beschere. Ihr Problem: Replay-TV steigert zwar den Fernsehkonsum, überspringen die Zuschauer die Werbung aber, profitieren letztlich nur die durch Abos finanzierten TV-Anbieter wie Swisscom und UPC. Für private, werbefinanzierte Sender geht die Rechnung irgendwann nicht mehr auf, wenn zu viele Zuschauer die Werbung überspringen.

Nun haben die Sender im Kampf gegen Replay-TV einen Etappensieg erreicht. Die Fernmeldekommission des Nationalrats will das zeitversetzte Fernsehen nur noch mit ihrer Zustimmung zulassen und das Überspringen der Werbung unterbinden.

Geschätzte TV-Sender, wir verstehen, dass ihr euer Programm finanzieren müsst, der Grund für fehlende Werbeumsätze ist aber nicht das böse Replay-TV, sondern die innovativere Konkurrenz. Das Geld der Werbekunden fliesst nun zu YouTube und Facebook. Das Geld der Konsumenten zu Netflix. Replay-TV wäre eure Chance, mit der Zeit zu gehen. Replay-TV einschränken und das Spulen der Werbung verhindern ist hingegen der Anfang vom Ende.

Wenn ihr glaubt, ihr könnt den Replay-Nutzern Werbung aufzwingen, dann seid ihr auf dem Holzweg. Diese Kunden zahlen bewusst für das teurere Replay-TV-Abo, um die Werbung eben gerade nicht mehr zu sehen.

Setzt ihr eure Steinzeitideen auch noch im Parlament durch, schaufelt ihr euer eigenes Grab. Denn Replay-TV ohne Werbeunterbrechung ist für viele Menschen der einzige Grund, warum sie dem herkömmlichen TV-Programm die Stange halten. Ja, im Zeitalter des linearen Fernsehens haben wir eure Werbung stoisch erduldet, heute jedoch gibt es mit Netflix und Co. unzählige attraktive, werbefreie Alternativen, die jedem verärgerten Replay-Nutzer mit Handkuss ein neues Zuhause geben.

Jede Massnahme, die zeitversetztes Fernsehen einschränkt oder massiv verteuert, befeuert die Abwanderungswelle zu den Streaming-Anbietern. Und Kunden, die sich für ein werbefreies Netflix-Abo entschieden haben, werden kaum je wieder SRF, Pro7 oder RTL einschalten. Hand aufs Herz, Streaming-Giganten wie Amazon und Netflix produzieren Filme, Dokumentationen und Serien mit Millionenbudgets, von denen ihr nur träumen könnt.

Replay-TV ist eine Innovation, für die viele Kunden bereit sind zu zahlen. Aktuell landetet dieses Geld via Internet-/TV-Abo primär bei den Fernsehabo-Anbietern. Selbstverständlich stört ihr euch daran, dass sich Firmen wie Swisscom und UPC mit teuren Kombi-Abos für Replay-TV vermutlich eine goldene Nase verdienen, während ihr eure Felle davonschwimmen seht.

Verständlich daher, dass ihr für das zeitversetzte Fernsehen eine angemessenere Entschädigung als bisher wollt. Darüber lässt sich diskutieren, falls tatsächlich unfaire Bedingungen zwischen euch und den TV-Anbietern herrschen.

Bleibt also die Hoffnung, dass euer Lobbying für Werbung im Replay-TV nur eine Nebelpetarde ist, um Swisscom, UPC und Co. an den Verhandlungstisch zu zwingen. Denn Vorschläge, wie die Einnahmen zwischen den Akteuren fairer aufgeteilt werden könnten, liegen längst auf dem Tisch. 

Keine Option ist, dass ihr zeitversetztes Fernsehen durch das Einblenden von Werbung seinem Kundennutzen beraubt und so euren Zank mit den TV-Anbietern auf dem Buckel der Konsumenten austragt. So schafft sich das Fernsehen definitiv selbst ab.

Unsere liebsten Zeichentrickserien aus den Neunzigern

Video: watson

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