Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Um Missstände aufzudecken, braucht es Mut – und verlässliche Partner. bild: shutterstock

Die Schweiz erhält ihr eigenes Wikileaks – nur besser!

«SwissLeaks» soll eine sichere Anlaufstelle für Whistleblower werden. Die Vorbereitungen für die neue Online-Plattform laufen auf Hochtouren. Hier sind die wichtigsten Fragen – und Antworten.



«Die Leidenszeit von Whistleblowern ist in der Regel viel zu lang.»

Andreas Freimüller, Campax*

* Dieser Beitrag basiert auf einem Telefon-Interview mit Andreas Freimüller, einem der Initianten von Swissleaks, und der am Mittwoch veröffentlichten Medienmitteilung, die von der Nachrichtenagentur SDA als Meldung weiterverbreitet wurde.

Worum gehts?

SwissLeaks heisst eine neue Online-Plattform, die als sichere Anlaufstelle für Schweizer Whistleblower dienen soll.

Die Plattform wird vor dem Hintergrund des Bündner Baukartell-Skandals und dem fragwürdigen Umgang mit dem Whistleblower Adam Quadroni initiiert (siehe unten).

Hauptziel der Plattform ist es, die Sicherheit von Whistleblowern zu gewährleisten. Mutigen Privatpersonen kommt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe zu, indem sie Alarm schlagen und Missstände aufdecken helfen, primär solche in Politik, Verwaltung und Wirtschaft.

SwissLeaks soll denn auch für alle möglichen Themen offenstehen, die einen Bezug zur Schweiz haben.

Was kann ich tun?

Einiges. 😉

Du kannst:

Das sei eine anspruchsvolle Aufgabe:

«Bei SwissLeaks hast Du mit in vielerlei Hinsicht heissen Inhalten zu tun. Womöglich haben mächtige Gegenspieler ein grosses Interesse daran, Informationen unter dem Deckel zu behalten. Du bist dabei möglicherweise mittendrin und musst daher in der Lage sein auch mit ungemütlichen Situationen umgehen zu können.»

quelle: campax.org

Es hätten sich bereits rund zehn Freiwillige gemeldet, verrät Andreas Freimüller. Unter den vielfältigen Bewerbungen gebe es Berufsleute «mit IT-Hintergrund», aber auch Juristen.

Wer steht hinter dem Projekt?

Campax, eine junge, unabhängige Schweizer Kampagnenorganisation mit Sitz in Zürich, und der Chaos Computer Club Südostschweiz, ein unabhängiger Verein, über dessen Aufnahme der Verein CCC Schweiz Mitte Juni befinden wird.

Die Initiative zur Gründung von SwissLeaks ging von Campax aus. Man wolle die Plattform auf jeden Fall lancieren, heisst es. Unabhängig davon, «was übers Crowdfunding reinkommt».

Campax setzt sich für eine solidarische Gesellschaft, eine nachhaltige Wirtschaft und eine intakte Umwelt ein. Dem Vorstand gehört unter anderen der grüne Nationalrat und Fraktionschef Balthasar Glättli (ZH) an. Präsident und Gründungsmitglied von Campax ist Andreas Freimüller, der unter anderem für Greenpeace spektakuläre Kampagnen organisierte.

Der CCC ist gemäss eigenen Angaben die grösste europäische Hackervereinigung und betrachtet sich als nicht-staatliche Organisation (NGO). Der CCC fordert ein Menschenrecht auf weltweite, ungehinderte Kommunikation und engagiert sich für einen freien Zugang zu Wissen und zu Computern.

Warum «SwissLeaks»?

Der Name könnte für Verwirrung sorgen, den er wurde in der einen oder anderen Schreibweise bereits früher verwendet.

Die SwissLeaks-Gründer haben sich für diesen Namen entschieden, weil er naheliegend und eingängig sei. Allfälligen Verwechslungen sehen sie gelassen entgegen. Das lege sich.

Wird SwissLeaks ein zweites Wikileaks?

Davon gehe er nicht aus, sagt Andreas Freimüller. Auch wenn es gewisse Parallelen gebe. Aber auch Unterschiede: Campax nehme für seine Kampagnen Themen auf, die die Gesellschaft bewegen. Zum Beispiel Waffenexporte. SwissLeaks sei ein erweiterter Zugang, «um uns wichtige Themen zuzuführen».

SwissLeaks könne:

Es könne natürlich auch sein, dass gar nichts unternommen werde, sagt der Campax-Präsident. Jeder Fall werde geprüft.

Whistleblower Edward Snowden of the US, speaks to the crowd on a gigant screen at the Roskilde Festival in Roskilde, Denmark, Tuesday, June 28. 2016.

Der Whistleblower Edward Snowden kann weiterhin nur übers Internet auftreten, er sitzt in Russland fest. Bild: AP

Wie funktioniert SwissLeaks?

Die Whistleblower können übers Internet anonym Missstände melden. Campax will die Eingaben sichten, bewerten und dann entscheiden, ob etwas publik gemacht oder weitergereicht wird. Der CCC Südostschweiz sorgt für den sicheren Betrieb der Plattform.

Zur Klärung von Fragen will Campax mit den Informanten in Kontakt treten können. Ein entsprechender abhörsicherer «Rückkanal» sei in die Plattform integriert. Die Verantwortlichen betonen, dass der Whistleblower-Schutz höchste Priorität habe.

Über das Vorgehen wird von Fall zu Fall entschieden. Im Entscheidungsgremium, also quasi der Geschäftsführung, nimmt Andreas Freimüller Einsitz, dazu ein Jurist und jemand vom Vorstand. «Die juristischen Risiken können relativ happig sein», sagt Freimüller. Man müsse sich entsprechend absichern. «Idealerweise können wir in Zukunft auf ein Netzwerk von Rechtsexperten zugreifen.»

Technische Details zur Plattform will Freimüller aus Gründen der Projektsicherheit nicht preisgeben. Nur so viel: Es handle sich um eine Open-Source-Lösung. Die Website basiere aber nicht auf der international bekannten SecureDrop-Software, die unter anderem von der «New York Times» verwendet wird.

Der SwissLeaks-Server stehe bereits «in einem sicheren Land» und werde auf sichere Art und Weise betrieben.

Update: Gemäss Äusserungen bei Twitter könnte die Open-Source-Lösung GlobaLeaks zum Einsatz kommen.

Bild

screenshot: twitter

An wen werden die Eingaben der Whistleblower weitergegeben?

Das kommt auf die Enthüllungen an.

Wenn beispielsweise Belege für einen möglicherweise illegalen Export von Uranzentrifugen in ein Land im Kaukasus eingereicht würden, könnte SwissLeaks nebst nationalen Behörden auch mit einer internationalen Organisation wie der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zusammenarbeiten.

Die Anonymität der Whistleblower sei auch dann gewährleistet.

Wird SwissLeaks mit Medien kooperieren?

Das werde von Fall zu Fall entschieden, sagt Andreas Freimüller. Sollte zum Beispiel Informationen über einen zweiten Bündner Bauskandal eingehen, dann würde SwissLeaks vermutlich mit einem Medienhaus aus der Region zusammenarbeiten.

Wann gehts los?

SwissLeaks soll bereits im Juni unter der Internet-Adresse swiss-leaks.net online gehen.

Was hat SwissLeaks mit Adam Quadroni zu tun?

Als Auslöser für die Gründung von SwissLeaks nennen die Initianten das Schicksal des Bündner Baumeisters Adam Quadroni, der als reuiges Kartellmitglied massgeblich zur Aufdeckung des riesigen Baukartell-Skandals in Graubünden beitrug.

Quadroni sei dafür aber geächtet und sogar brutal verhaftet worden. Seine Existenz sei zerstört worden. Ein solches Schicksal soll künftigen Whistleblowern dank SwissLeaks erspart werden, etwa durch die Wahrung der Anonymität.

Problematisch an SwissLeaks Argumenten ist die unsichere Faktenlage rund um die Person Quadroni, der in jüngeren Medienberichten, insbesondere von «Blick», attackiert wurde.

Quadroni sei in schweren Turbulenzen, titelte daraufhin der «Tages-Anzeiger». In Chur sei gegen ihn ein Strafverfahren wegen angeblichen Betrugs hängig.

Da stehe Aussage gegen Aussage, betont Andreas Freimüller. «Die Vorwürfe tun nichts zur Sache. Es geht uns darum, dass Menschen in einer ähnlichen Situation wie Adam Quadroni eine sichere Anlaufstelle erhalten.»

Auf Anregung von watson wollen die SwissLeaks-Gründer den Kontakt zu Natanael Wildermuth suchen. Das ist der junge Mann, der die Crowdfunding-Kampagni für Quadroni ins Leben gerufen hat. Sie brachte bereits an die 260'000 Franken ein.

Wildermuth hatte angekündigt, dass mit dem gesammelten Geld auch andere Whistleblower unterstützt werden sollen.

Mit wie vielen Whistleblowern rechnet SwissLeaks?

Das kann derzeit noch niemand sagen.

Bekanntlich sind Whistleblower nach Schweizer Recht nicht geschützt und müssen mit gravierenden Konsequenzen rechnen, von Arbeitsplatzverlust bis hin zu Strafverfolgung.

Die Europäische Union wolle Whistleblower besser schützen, berichtete kürzlich das Magazin Republik. Doch die Schweiz hinke hinterher.

Dem hält Andreas Freimüller entgegen, dass die neue Plattform allen Hinweisgebern Anonymität gewähre. Ein Restrisiko bleibe, doch: «Hinweisgeber sind häufig durch ein Sendungsbewusstsein getrieben und wollen einen Missstand nicht länger hinnehmen.» Nur selten sei Rache das Motiv.

«Die Menschen sind auch bereit, für einen guten Zweck Risiken einzugehen.»

Andreas Freimüller, Campax

Aber es gibt doch bereits Plattformen für Whistleblower?

Ja, die gibts. Aber nicht von einer Schweizer NGO, die auch öffentlichkeitswirksame Kampagnen starten kann und laut Andreas Freimüller über «ein sehr breites Instrumentarium» verfügt.

1. Beim Bund

Offizielle Anlaufstelle für Whistleblower in der Bundesverwaltung ist die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK). Sie betreibt eine externe Online-Plattform, über die auch Zulieferer und Steuerzahlende Hinweise anonym einreichen können. Alle, «denen die Verbesserung der Effizienz in der Bundesverwaltung und die Bekämpfung von Betrug und Korruption ein Anliegen sind».

Gemäss Medienmitteilung vom Juni 2017 wurde die Plattform nach sechsjährigem Betrieb neu eingerichtet.

2. «Beobachter»

Sichermelden.ch heisst die Whistleblower-Plattform des Konsumenten-Magazins «Beobachter». Sie wurde ebenfalls 2011 lanciert und diesen Frühling technisch aufgemotzt.

Neu könnten Redaktionsmitglieder mit allen Hinweisgebern kommunizieren – bei gleichzeitiger Wahrung von Anonymität und Diskretion, wie der Axel-Springer-Verlag mitteilte

Der «Beobachter» sei das erste Schweizer Medienunternehmen, das diese Technologie einsetze. Es sei eine Software der Zürcher Firma Integrityline, die ansonsten hauptsächlich von Banken oder Verwaltungsstellen verwendet werde.

Das Schweizer Recherchenetzwerk investigativ.ch hat Verhaltenstipps für Informanten veröffentlicht. Zuallererst müssten sich Hinweisgeber klar werden, an wen sie sich richten wollen: «Gehen Sie den Weg über den Arbeitgeber, allfällige interne oder externe Anlaufstellen für Whistleblower oder Behörden (z.B. Staatsanwaltschaften) oder wenden Sie sich an die Medien, um den Missstand öffentlich zu machen?» Das Infoblatt ist hier als PDF-Dokument verfügbar.

Mit Material der Nachrichtenagentur SDA

Berühmte Whistleblower und ihre Enthüllungen

Das könnte dich auch interessieren:

Diese Roboter-Robbe hilft Alzheimer-Patienten

Video: srf

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Das steckt hinter den merkwürdigen Paket-E-Mails, die gerade Tausende Schweizer erhalten

E-Mails und SMS, die über den Lieferstatus bestellter Waren informieren, sind praktisch. Doch einmal mehr versenden Betrüger massenhaft Fake-E-Mails im Namen der Post und anderer Paketdienste. Sie haben es auf Kreditkartennummern abgesehen – und locken die Opfer in die Abo- oder Trojanerfalle.

Schweizer Internet-Nutzer werden regelmässig von neuen Phishing-Wellen heimgesucht – und im Oktober haben sich die Meldungen wieder gehäuft. Kriminelle versenden grossflächig betrügerische Fake-E-Mails im Namen der Post und von Paketlieferdiensten wie DHL oder FedEx.

In den Nachrichten ist von einem unzustellbaren Paket die Rede. Die Sendung sei im Verteilzentrum oder am Zoll angehalten worden, da angeblich die Versandkosten nicht bezahlt worden seien. Man müsse 2.99 CHF bezahlen, um …

Artikel lesen
Link zum Artikel