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Mithilfe der «Connect»-App wurde versucht, einen Handy-Netztest zu manipulieren. bild/screenshots: watson

Beschiss beim grössten Schweizer Handy-Netztest – so reagieren Swisscom und Co.

Die Schweizer Provider nehmen Stellung zu den Manipulationsversuchen rund um den «Connect»-Test, dem wichtigsten unabhängigen Vergleich der hiesigen Mobilfunknetze.



Das Wichtigste in Kürze:

Was ist passiert?

Beim «Connect»-Test, den das gleichnamige deutsche Magazin seit Jahren für die Schweizer Handynetze durchführt, gab es 2018 Manipulationsversuche. Und zwar in Zusammenhang mit sogenannten Crowdsourcing-Analysen – das sind Messdaten, die per App anonym von Smartphones Dritter erhoben werden und in die Gesamtbewertung der Mobilfunknetze von Swisscom, Sunrise und Salt einfliessen.

«Connect» betont, die manipulierten Daten seien rechtzeitig herausgefiltert worden. Darüber habe die Redaktion die Netzbetreiber letzten November informiert. Danach seien – bei einigen neuen teilnehmenden Smartphones – «wieder absolut aussergewöhnliche Muster» aufgetreten. Auch diese hätten die Fachleute vor der Bewertung ausgefiltert.

Das deutsche Fachmagazin für die Mobilfunkbranche hat die Manipulationsversuche selber publik gemacht. In einem Beitrag zur Methodologie der neusten Studie wird unter dem Stichwort «Fairness und Transparenz» informiert.

Wie wurde manipuliert?

Betroffen waren Smartphones, auf denen die «Connect»-App installiert war, um unabhängige Messdaten zum jeweiligen Handynetz an «Connect» zu übermitteln. Im Zentrum steht dabei die Leistungsfähigkeit des mobilen Internets.

Zum «Connect»-Test 2019 informieren die Organisatoren, ihnen sei bereits im Lauf der (letztjährigen) Datenerfassung für das Crowdsourcing aufgefallen, dass «von einer geringen zweistelligen Anzahl teilnehmender Smartphones sehr grosse Downloads durchgeführt wurden». Und dies «sehr regelmässig und breit gefächert über die gesamte Schweiz».

Sprich: Es wurde über das ganze Testgebiet versucht, die Surfgeschwindigkeiten, die «Connect» für die Beurteilung des mobilen Internets berücksichtigt, zu manipulieren.

Wie schlimm ist es?

Die «Connect»-Redaktion räumt selbst ein, dass die aufgeflogenen «Samples» das Potenzial hatten, «die Bewertungen betroffener Netzbetreiber nach oben zu treiben». Genaue Analysen hätten zudem gezeigt, dass vergleichbare Muster in keinem anderen von der Messfirma P3 analysierten Land auftreten.

Im online verfügbaren Bericht zum «Connect»-Test 2019 werden die Manipulationsversuche erst auf der vierten Seite erwähnt und als relativ harmlos dargestellt:

«Eine kleine Anzahl auffälliger Ausreisser nach oben haben wir aus den in der Crowd-Wertung berücksichtigten Ergebnissen ausgefiltert, weil sich bei ihnen ein Manipulationsverdacht nicht völlig ausschliessen liess.»

quelle: connect.de

Die Manipulationsversuche hatten laut «Connect» keinen Einfluss auf die Testergebnisse 2019. Es seien vor der Auswertung «alle unter Manipulationsverdacht stehenden Crowdsourcing-Teilnehmer aus dem Datenpool ausgefiltert» worden.

Wer steckt dahinter und mit welchem Ziel?

Das ist nicht bekannt.

Die Urheber «gezielt zu ermitteln», sei wegen der Anonymität der Datenerhebung (per App) nicht möglich gewesen, schreiben die «Connect»-Verantwortlichen.

Zu den Motiven, die hinter den Manipulationsversuchen stehen, werden lediglich Vermutungen angestellt:

«Unklar blieb, ob dieses ungewöhnliche Treiben das Ziel hatte, den renommierten Netztest von ‹Connect› und P3 zu diskreditieren, ob eventuell eine dritte Seite eine Disqualifikation betroffener Betreiber herbeiführen wollte oder ob auf diese Weise eine hohe Bewertung erreicht werden sollte.»

quelle: connect.de

Bernd Theiss, Leiter Test und Technik bei «Connect», antwortet auf die Frage, welche Schweizer Netzbetreiber von den Manipulationen betroffen waren:

«Wenn wir Anhaltspunkte hätten, dass Netzbetreiber selbst beteiligt wären, würden wir diese nennen, ohne Indizien verzichten wir darauf. Denn bei einer Namensnennung bliebe immer etwas am Betreiber hängen. Das entspräche nicht unserem Selbstverständnis der Neutralität.»

Das sagt Swisscom

Gegenüber watson nimmt Swisscom-Sprecher Armin Schädeli Stellung. Er schreibt: 

«Wir bedauern, dass es offenbar zu Manipulationsversuchen gekommen ist. Swisscom hat zu keiner Zeit versucht, die Tests zu manipulieren.»

Swisscom-Sprecher

Auf die Frage, wie die Swisscom reagierte, nachdem die «Connect»-Redaktion das Unternehmen am 23. November 2018 über die Vorgänge informierte, heisst es: «Als Teilnehmende am Test konnten wir keine Massnahmen ergreifen.»

Und: Aus Vorjahren seien Swisscom keine ernstzunehmenden bzw. vergleichbaren Manipulationsversuche bekannt.

Bleibt die Frage, ob und wie sich die Swisscom finanziell an der Durchführung des «Connect»-Tests beteiligt. Dazu der Swisscom-Sprecher:

«Nein, wir unterhalten keine Geschäftsbeziehungen zur Zeitschrift ‹Connect›. Wir lassen unser Mobilfunknetz aber während dem ganzen Jahr immer wieder von P3, der Messfirma, die auch für ‹Connect› arbeitet, messen, damit wir die Performance von unserem Netz kontinuierlich verbessern können.»

Das sagt Sunrise

Der zweitgrösste Schweizer Provider antwortet nicht auf die konkreten Fragen von watson, sondern mit einer ausführlichen allgemeinen Stellungnahme.

Mediensprecher Rolf Ziebold schreibt:

«Sunrise nimmt laufend Optimierungsmassnahmen im Mobilfunknetz vor, um den Kunden jederzeit die bestmöglichen Sprach- und Datenverbindungen zu bieten. Dabei informieren wir während dem ‹Connect›-Messzeitraum P3/‹Connect› über diese Massnahmen. Kritik und Verdächtigungen im Zusammenhang mit dem ‹Connect›-Netztest wurden seitens eines anderen Anbieters bereits letztes Jahr geäussert. Sunrise kommentiert solche Verdächtigungen nicht weiter. Bitte kontaktieren Sie hierzu ‹Connect› direkt.»

watson hat selbstverständlich bei «Connect» nachgefragt. Zur Antwort von Testleiter Bernd Theiss siehe oben.

Was der watson-Redaktor von Sunrise, Swisscom und Salt wissen wollte:

Das sagt Salt

Die Antworten des drittgrössten Schweizer Mobilfunk-Providers fallen kurz und bündig aus.

Viola Lebel, zuständig für PR und Unternehmenskommunikation, schreibt: «Ja, wir wurden über diese Vorgänge informiert.» Salt sei davon nicht betroffen. Und:

«Wir distanzieren uns von solchen Manipulationsversuchen.»

Salt-Sprecherin

Auf die Frage, ob sich Salt finanziell an der Durchführung des Tests beteilige, heisst es: «Wir zahlen ‹Connect› eine Gebühr für die Verwendung des ‹Sehr-gut›-Logos.»

Unbeantwortet lässt die Salt-Sprecherin die Frage, ob dem Unternehmen «ernstzunehmende bzw. vergleichbare Manipulationsversuche» aus Vorjahren bekannt seien.

Wie wichtig ist der «Connect»-Test?

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass dem «Connect»-Test branchenweit grosse Bedeutung beigemessen wird. Das zeigt sich an den Reaktionen. Positive Resultate werden zu Werbezwecken und für PR in eigener Sache verwendet.

So haben unter anderem die SBB mit einer Medienmitteilung auf die Veröffentlichung des «Connect»-Tests 2019 reagiert, wie auch die Swisscom und Sunrise, die sich gemäss dem Testbericht ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert haben.

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screenshot: watson

Wie wird gemessen?

Die «Connect»-Redaktion beschreibt die Methodologie in einem ausführlichen Beitrag auf ihrer Website. Titel: «So testen wir das beste Handynetz.» Zu den mithilfe der «Connect»-App (für Android und iOS) erhobenen Crowdsourcing-Daten heisst es, man könne damit unter anderem die höchste Download-Geschwindigkeit messen, die «jeder teilnehmende Nutzer während des Auswertungszeitraums erreichte».

54'000 App-Nutzer

Die «Connect»-Redaktion schreibt, die durchgeführten «Drivetests, Walktests und Crowdsourcing-Analysen» erfüllten die eigenen Ansprüche auf höchste statistische Belastbarkeit. Die Messungen mit Spezialfahrzeugen und zu Fuss deckten rund 2,1 Millionen Einwohner der Schweiz und somit einen Viertel der Bevölkerung ab. Für die zusätzlich in die Bewertung einfliessenden Crowdsourcing-Daten, die über die «Connect»-App erhoben werden, hätten rund 54'000 Nutzer 153 Millionen Samples beigetragen.
(Quelle: connect.de, PDF)

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