Gesellschaft & Politik
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Anil Akman steht an einem Beobachtungsposten in Çaykara. Im Hintergrund sind Fernsehteams stationiert, in der Ferne liegt Kobane.   bild: anil Akman

Interview mit Schweizerin in Kobane

«Ich habe die Kurden noch nie so stolz erlebt»

Letzte Woche flog die 22-jährige Halbkurdin Anil Akman vom beschaulichen Zürich-Wiedikon ins Krisengebiet um Kobane. Von einem Grenzdorf zur umkämpften Stadt berichtet sie exklusiv für watson, was sie vor Ort angetroffen hat. 



Frau Akman, letzte Nacht fanden in Kobane die heftigsten Kämpfe seit Wochen statt, was haben Sie davon mitgekriegt?
Anil Akman: Ich befinde mich jetzt in Çaykara, einem kleinen Dorf in der Nähe von Suruç, rund fünf Kilometer von Kobane entfernt. Die Explosionen sind spürbar. Wenn eine Bombe niedergeht, sieht man zuerst Feuer und erst dann hört man den Knall. Der Boden vibriert und Gewehrschüsse knallen. Nachdem gestern bekannt wurde, dass die Türkei Peschmerga-Kämpfer nach Kobane einreisen lässt, um die Kämpfer in Kobane zu unterstützen, gab es abends grosse Explosionen. Der IS versuchte den Norden der Stadt von der Türkei zu kappen, um die Einreise der Peschmerga-Kämpfer zu verhindern. Angeblich warfen die IS-Kämpfer sogar Streubomben in die Türkei.

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Das Bild zeigt die Explosionen in Kobane von letzter Nacht. bild: anil Akman

Was sehen Sie sonst noch von Ihrem Beobachtungsposten aus? 
In Kobane ist auch mit Feldstechern kaum Leben zu erkennen. Die Kämpfer halten sich in Deckung. Die IS-Fahne, die auf einem Gebäude mitten in der Stadt gehisst wurde, ist aber klar zu erkennen. Am Wochenende sahen wir die Kampfjets der Amerikaner über Kobane fliegen. In der Nacht sind türkische Militärtrucks zu erkennen, die über die Grenze hin und zurück fahren. 

Anil Akman

Anil Akman. bild: watson/rafaela roth

Zur Person

Anil Akman lebt in Zürich und war bis vor einigen Wochen als KV-Angestellte tätig. Letzten Mittwoch reiste die 22-jährige Schweizerin mit kurdischen Wurzeln ab in Richtung Türkei, um persönlich über den Kampf der Kurden in Kobane zu berichten. In ihrem Blog «My point of view – Aus meiner Sicht» schildert sie, was sie erlebt, hört und sieht. Als Tochter einer Kurdin und eines Abachasiers wurde sie früh in ihrem Leben mit politischen Misständen konfrontiert. 

Was ist in den Trucks? Waffen für den IS aus der Türkei oder Waffen von Kurden für Kurden? 
Niemand kann kontrollieren, was da transportiert wird. Vor ein paar Tagen räumte das türkische Militär Beobachtungsposten der Kurden an der Grenze – teilweise gewaltsam, wie es hiess. Eine Frau ist im Spital. Viele Kurden denken, die Türken wollen nicht, dass die Beobachter etwas sehen, dass sie nicht sehen sollten. Die Türkei lässt auch keine Kurden nach Kobane einreisen. Alle werden an der Grenze aufgehalten. 

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Kurden beobachten Kobane. Blick vom Dach der Moschee in Çaykara bei  Suruç. bild: anil akman

Spitzt sich der Konflikt zwischen Türken und ethnischen Kurden in der Türkei jetzt wieder zu?
Ich glaube nicht. Die Kurden, mit denen ich gesprochen habe, unterscheiden sehr klar zwischen der türkischen Regierung und den Türken selber. Mit der Regierung sind sie keineswegs einverstanden, die Türken hassen sie aber nicht. Die hartnäckigen Gerüchte, dass IS-Kämpfer in türkischen Spitälern gepflegt werden, tun dem schwierigen Verhältnis mit der Türkei aber auch keinen Gefallen.

«Die Kurden haben in Kobane ihr Schicksal selber in die Hand genommen.» 

Und nun haben die Kurden den Kampf selber in die Hand genommen. 
Genau. Es ist, als hätten sich die Kurden gesagt, «jetzt reicht es, ein weiteres Mal lassen wir uns nicht vertreiben». Die Kurden haben in Kobane ihr Schicksal selber in die Hand genommen. Ich habe die Kurden noch nie so stolz erlebt. 

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Anil Akmans Schlafplatz auf dem Küchenboden. bild: anil akman

Wie zeigt sich das? 
Gestern habe ich mit einem Mann geredet, der gerade erfahren hatte, dass sein Sohn bei einem Gefecht in Kobane ums Leben kam. Er hatte ein Lächeln auf dem Gesicht. Als ich ihn fragte wieso, sagte er nur: «Ich bin unglaublich Stolz auf meinen Sohn.» Die Kurden halten jetzt zusammen. 

Sind auch Sie als Ausländerin willkommen? 
Sehr. Alle sagen mir, ich solle darüber schreiben, was ich sehe. Ich solle ihre Stimme ins Ausland tragen. Ich erlebe hier eine Solidarität, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Mir wurden mindestens vier Schlafplätze angeboten. Ich schlafe jetzt mit zwei anderen Frauen auf einem Küchenboden. Suruç und die umliegenden Dörfer platzen vor Menschen. Alle Häuser sind voll, überall schläft jemand. 

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Kinder verpflegen sich in Çaykara. In den Grenzdörfern werden täglich drei Mahlzeiten gratis verteilt.  bild: anil akman

Sind das alles Flüchtlinge? 
Natürlich hat es auch syrische Kurden aus Kobane darunter. Aber auch sehr viele Kurden aus den umliegenden Städten, die alle hier her gereist sind, um irgendetwas für die verzweifelt Kämpfenden in Kobane zu tun. Jeden Tag werden hier drei Mahlzeiten verteilt. Es gibt Kioske und Notunterkünfte. Organisiert wird alles durch die kurdische BDP, die Partei des Friedens und der Demokratie. 

Hatten Sie auch schon Kontakt zu Flüchtlingen?
Auf dem Weg hierher sind wir an Flüchtlingslagern vorbei gefahren. Es sind riesige Meere aus Zelten. Sie stehen dicht an dicht und platzen beinahe aus allen Nähten. Ich habe ein Mädchen aus Syrien getroffen. Sie hatte Freude an meiner Kamera. «In Kobane hatte ich auch eine», sagt sie. Sie und ihre Familie haben alles zurück gelassen. 

Çaykara, drei Kilometer nördlich von Kobane (syrischer Name: Ayn al-Arab) quelle: google maps

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