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Boko Haram entführt (wieder) 300 Kinder in Nigeria – 5 Dinge, die du dazu wissen musst

Am Freitagabend wurden in Nigeria über 300 Kinder aus einer Schule entführt. Seit heute Morgen ist bekannt, dass es sich bei den Entführen um die islamistische Gruppe Boko Haram handelt. 5 Dinge, die zur aktuellen Situation in Nigeria wissen musst.



Der Überfall

Das Internat in Kankara, im nördlichen Nigeria, war bis zum letzten Freitag ein ruhiger Lernort für Hunderte von Schuljungen. Dies änderte sich letzten Freitag, als die Schule gemäss Zeugen von etwa 150 Motorradfahrern überfallen wurde. Mit Maschinengewehren um sich schiessend, zwangen sie die Schuljungen in ihre Schlafsäle, um sie an der Flucht zu hindern. Im Chaos des darauffolgenden Schiessgefechts mit der ortsansässigen Polizei gelang einigen Schülern die Flucht in den nahegelegenen Wald.

Einer von ihnen ist Usama Aminu. In diesem Video, welches der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt, berichtet er über die verhängnisvolle Nacht:

«Sie sagten, sie würden jeden töten, der zu flüchten versucht, aber ich begann zu rennen.»

Zurzeit kursieren unterschiedliche Informationen über die Anzahl entführter Kinder. Nach einem Treffen mit Sicherheitskräften am Sonntag sprach Aminu Masari, Gouverneur der Region Katsina von 333 vermissten Schuljungen. Nach eingehender Betrachtung des Schulregisters kam die nigerianische Zeitung «Daily Trust» hingegen auf 668 Vermisste.

Im Rahmen einer grossangelegten Suche sei das Gebiet, in dem die Kinder vermutlich festgehalten würden, von Regierungstruppen umzingelt worden, berichten diverse Medien. Wie viele Kinder sich tatsächlich dort befinden ist aber unklar.

Präsident Muhammadu Buhari verurteilte den Angriff, schloss die Schulen im Bundesstaat Katsani und verordnete eine erhöhte Sicherheitsstufe an allen Schulen an.

FILE- In this file photo taken Friday, May 29, 2015, Nigerian President elect, Muhammadu Buhari, arrives for his Inauguration at the eagle square in Abuja, Nigeria. The Boko Haram extremist group has finally been crushed — driven from its last forest enclave with fighters on the run and no place to hide, Nigeria's president declared Saturday, Dec. 24, 2016. (AP Photo/Sunday Alamba, File)

Buhari ist seit 2015 amtierender Präsident Nigerias. Bild: AP/AP

Wie der Gouverneur der Region Katsina gestern auf Twitter bekannt gab, hätten die Entführer Kontakt mit der Regierung aufgenommen und verhandelten über die Rückkehr der Kinder zu den Familien.

Die Boko-Haram bekennen sich zur Tat

Seit heute ist bekannt, wer für die Entführung verantwortlich ist. Obwohl Entführungen und Erpressungen durch verschiedene agierende nigerianische Banditen nicht unüblich sind, handelt es sich bei der Massenentführung wenig überraschend um die «Boko-Haram». Dies ist eine im Nordosten Nigerias aktive terrorristische islamistische Gruppierung, die sich für ein Verbot der westlichen Bildung einsetzt. Seit Jahren fordert sie die Einführung der Scharia in ganz Nigeria.

In den frühen Morgenstunden erhielt die nigerianische Zeitung «HumAngle» die 4:28 min lange Sprachnachricht der Boko Haram:

«Ich bin Abubakar Shekau und unsere Brüder sind für das Kidnapping in Katsina verantwortlich.»

FILE - In This Monday May 12, 2014 file photo taken from video by Nigeria's Boko Haram terrorist network, and shows their leader Abubakar Shekau speaking to the camera. A struggle in Nigeria's Islamic extremist group Boko Haram is playing out in public with a new leader named by the Islamic State group accusing longtime leader Abubakar Shekau of killing his own people and living in luxury while fighters' babies starve. (AP Photo/File)

Dieses Foto stammt aus einem Video des nigerianischen Terrornetzwerks Boko-Haram und zeigt seinen Anführer Abubakar Shekau im Gespräch. Bild: AP/Militant Video

Die Tat begründet Abubakar Shekau wie folgt:

«Was in Katsina geschah, wurde getan, um den Islam zu fördern und un-islamische Praktiken zu unterbinden, da westliche Bildung nicht die Art von Bildung ist, die Allah und sein Heiliger Prophet zulassen.»

Abubakar Shekau

Der Name des islamistischen Anführers ist der nigerianischen Bevölkerung nicht unbekannt: Er war ebenfalls für die Massentführung nigerianischer Schülerinnen 2014 verantwortlich.

Bereits 2014 gab es eine Massen-Entführung

In der Nacht vom 14. auf den 15. April 2014 fuhren bewaffnete Männer in Lastwagen auf das Schulareal in Chibok, welches den 15-18-jährigen Mädchen auch zur Unterkunft diente. Die Angreifer zwangen die Schulmädchen in die Lastwagen und brachten sie an einen unbekannten Ort. Insgesamt wurden 276 Mädchen entführt, was weltweit für Schlagzeilen sorgte.

FILE - This Monday May 12, 2014 file image taken from video by Nigeria's Boko Haram terrorist network, shows the alleged missing girls abducted from the northeastern town of Chibok. Islamic extremists killed 35 people and kidnapped at least 185, fleeing residents said Thursday of an attack near the town where nearly 300 schoolgirls were taken hostage in April. Teenager Aji Ibrahim said he was lucky to escape into the bushes.

Dieser Screenshot eines Videos zeigt angeblich die entführten Mädchen aus Chibok. Bild: AP/Militant Video

In einem 57 Minuten langen Video bekannte sich Abubakar Shekau wenige Wochen später zur Tat und kündigte an, die Mädchen auf dem Markt verkaufen zu wollen. Sowohl im Jahr 2016 als auch im Jahr 2017 liessen die Boko-Haram im Anschluss an Verhandlungen 21 respektive 82 Mädchen frei – mit bitterem Nachgeschmack: Im Austausch wurden inhaftierte Boko-Haram Mitglieder wieder auf freien Fuss gesetzt.

Bis heute gelten noch immer mehr als 100 der sogenannten «Chibok-Mädchen» als vermisst.

Landarbeiter im Visier der Boko-Haram

Der letzte Angriff der Boko Haram liegt kaum zwei Wochen zurück. Dabei wurden im Nordosten Nigerias mehr als 40 Landarbeitern auf Reisfeldern die Kehle durchgeschnitten. In zwei anderen Attacken im Oktober wurden etwa 22 Landarbeiter getötet. Sowohl Holzarbeiter, Viehhalter und Fischer sind im Visier der Boko-Haram, weil diese angeblich als Informanten für die Polizeibehörde arbeiteten.

epa08851188 Nigerians attend a mass burial of farm workers killed in an attack at Zabarmari, Borno State, northeast Nigeria, 29 November 2020. According to reports, 43 farm workers in Zabarmari were killed by Boko Haram fighters in fields near Koshobe on 28 November 2020. The attackers tied up the farm workers and cut their throats in the village of Koshobe leaving many of them beheaded.  EPA/STR

Am 29. November fand das Massenbegräbnis der getöteten Landarbeiter im Bundesstaat Borno statt. Bild: keystone

Die politische Lage ist angespannt

Die Lage in Nigeria ist schon seit längerem angespannt. Nebst interreligiösen Konflikten, die seit 1999 immer weiter aufflammten, wurde im Oktober in blutigen Demonstrationen gegen Polizeigewalt protestiert. Auslöser war ein Video auf Twitter, welches zeigt wie die Polizeieinheit SARS einen nigerianischen Bürger erschoss. Trotz Auflösung der Sondereinheit bleiben viele zentrale Forderungen der Bevölkerung unbeantwortet, wie die New York Times berichtet.

People hold banners as they demonstrate on the street to protest against police brutality, in Lagos, Nigeria, Tuesday Oct. 20, 2020. After 13 days of protests against police brutality, authorities have imposed a 24-hour curfew in Lagos Nigeria's largest city as moves are made to stop growing violence. (AP Photo/Sunday Alamba)

In Lagos, der grössten Stadt Nigerias, protestierten die Menschen während Tagen gegen Polizeigewalt. Bild: keystone

Die Unzufriedenheit mit der Regierung wächst und die Wut auf die Armee, welche die Bevölkerung nicht vor Angriffen zu schützen vermag, wird immer grösser.

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Boko Haram – Nigerias Terror in Fakten

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