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bild: watson/shutterstock

Analyse

Ach, mein Amerika ... wie konnte das nur passieren?

Die Vereinigten Staaten haben in ihrer turbulenten Geschichte einiges falsch, aber auch sehr viel richtig gemacht. Nun sind sie an einem Tiefpunkt angelangt. Wie konnte das passieren?



Wie hat das begonnen mit der Faszination für Amerika? Mit den Micky-Maus-Comics, in eingedeutschter Fassung? Mit den Western, die auch von den Deutschen (in Kroatien) und Italienern (in Spanien) gedreht wurden? Ich habe Cowboys und Indianer geliebt, ebenso die vielen US-Serien auf den wenigen Fernsehsendern, die man empfangen konnte.

In meiner Kindheit in den 60er und 70er Jahren war Amerikas Populärkultur omnipräsent. Ihre Anziehungskraft war gross und vielfältig, etwa wenn man als Primarschüler mitten in der Nacht aufstand, um Muhammad Ali boxen zu sehen. Auch politisch erfolgte eine frühe Prägung. Mein Vater gehörte zur Generation, die John F. Kennedy als Lichtgestalt verehrte.

John F. Kennedy

Der Anti-Trump: John F. Kennedy war ein Hoffnungsträger. Bild: Shutterstock

Der ziemlich zerfledderte Kennedy-Bildband, in dem ich als Kind oft geblättert habe, steht heute in meinem eigenen Bücherregal. Im Homeoffice habe ich ihn direkt im Blick.

Da war kein Halten mehr

In den USA war mein Vater nur einmal, auf einer Rundreise durch die Nationalparks im Westen. Ich hingegen häufig, das erste Mal 1989, vorher war das Reisen zu teuer. Als das Projekt, in dem ich meine erste Anstellung im Journalismus hatte, eingestellt wurde, erhielt die Belegschaft eine schöne Abfindung. Die Medien schwammen damals noch im Geld.

Mit dem unverhofften «Vermögen» war kein Halten mehr, ich machte mich auf ins Land meiner Träume. Auf dem Flug nach Boston sass ich neben einer älteren Dame. Sie stammte aus Osteuropa und lebte seit Jahrzehnten in den USA. Richtig angekommen war sie nie. Sie beklagte die Oberflächlichkeit, das löchrige soziale Netz, die Kriminalität.

Im Glauben erschüttert

Die Dame versuchte, an meinem Idealbild von Amerika zu rütteln. Es gelang ihr nur bedingt. Selbst nach der Begegnung mit der Realität hielt die Faszination an. Zweimal lebte ich für einige Zeit in New York, der Stadt aller Städte. Unkritisch war mein Blick auf das Land aber nie, ob aus der Nähe oder Ferne. Manches an Amerika nervte mich, stiess mich sogar ab.

Chaos in Washington

Video: watson/een

Niemals aber hätte ich mir träumen lassen, was ich letzte Woche am Fernsehen erlebte. Die Bilder des Mobs, der aufgehetzt von einem auf Bibel und Verfassung vereidigten Präsidenten das Kapitol in Washington stürmte, um einen demokratischen Prozess zu stoppen, erschütterten meinen Glauben an das Land und seine Menschen.

Eine Bananenrepublik

Die Vereinigten Staaten von Amerika, die Gründernation der modernen Demokratie, war auf das Niveau der sprichwörtlichen Bananenrepublik hinab gesunken.

Natürlich, es wäre nie soweit gekommen, wenn Donald Trump sich wie ein «normaler» Präsident verhalten und seine nach allen erhärtbaren Fakten einwandfreie Wahlniederlage anerkannt hätte, statt über einen imaginären Erdrutschsieg zu faseln. Selbst Leute, die Trump und sein exzentrisches Naturell seit Jahren kennen, verstanden die Welt nicht mehr.

«Ich habe Zeit mit Donald verbracht. Niemals habe ich ihn so erlebt, wie er sich jetzt gibt», sagte Arnold Schwarzenegger in seinem bewegenden und oft geteilten Video. Für ihn wird Trump als schlechtester Präsident aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Das trifft zu und ist doch nur ein Teil der Wahrheit. Die Gründe für das amerikanische Malaise gehen tiefer.

Das Ende des American Dream

Donald Trump ist nur das unappetitliche Symptom einer Entwicklung, die vor Jahrzehnten begann. Sie handelt vom Ende des American Dream für zu viele Menschen, vom Wandel einer überwiegend weissen zu einer multikulturellen Nation und von einer Republikanischen Partei, die nach rechts rutschte und sich ideologisch verhärtete.

Aber der Reihe nach.

Arnold Schwarzenegger über Trump:

Video: watson/een

Der American Dream beruht auf der Überzeugung, dass jeder und jede es schaffen kann, wenn er oder sie sich genügend anstrengt. Im Boom der Nachkriegszeit erfüllte er sich für Millionen Amerikaner, die in den Mittelstand mit Haus, Auto und Tiefkühltruhe aufsteigen konnten. Darauf basiert das Image der USA als «Land der unbegrenzten Möglichkeiten».

Schleichender Niedergang

Es war in meiner Kindheit und Jugend omnipräsent. Heute wird der Begriff kaum noch verwendet, denn mit dem Ende des Booms in den 1970er Jahren begann der schleichende Niedergang der unteren Mittelschicht. Die Globalisierung und der Neoliberalismus beschleunigten die Deindustrialisierung und verschärften die soziale Ungleichheit.

Die Löhne breiter Schichten stagnierten, weshalb viele Amerikaner die Hypothek auf ihr Haus erhöhten, um die Illusion eines steigenden Wohlstands zu erzeugen. Es war eine Keimzelle für die Finanzkrise von 2008. Danach begann unter Barack Obama und Donald Trump der längste Aufschwung der jüngeren Geschichte, mit rekordtiefer Arbeitslosigkeit.

Ein auserwähltes Volk

Erstmals seit langem stiegen die Löhne, doch die gut bezahlten Industriejobs, von denen Trump träumte, kamen sehr beschränkt zurück. Für viele Angehörige der unteren Mittelschicht blieb der Aufstieg unerreichbar. Die soziale Mobilität ist in Europa heute grösser als in den USA mit ihrem verblassten «Vom Tellerwäscher zum Millionär»-Mythos.

A person dressed as Lady Liberty wears a shirt with the letter Q, referring to QAnon, as protesters take part in a protest, Wednesday, Jan. 6, 2021, at the Capitol in Olympia, Wash., against the counting of electoral votes in Washington, DC, affirming President-elect Joe Biden's victory. Several hundred people supporting President Donald Trump rallied at the Capitol Wednesday. (AP Photo/Ted S. Warren)

Eine QAnon-Anhängerin als Freiheitsstatue am letzten Mittwoch vor dem Kapitol. Bild: keystone

Ein Schulsystem, das wenig Wert auf Allgemein- und Berufsbildung legt, erschwert die Lage zusätzlich und schürt Ressentiments. Gerade weisse Amerikaner fühlen sich häufig als Angehörige einer auserwählten Nation («God’s own Country»). Die triste Realität und der Wandel zum multikulturellen Land sind die Brandbeschleuniger des Trumpismus.

Die asozialen Medien

Teilweise erklärt sich damit die Anfälligkeit vieler Trump-Fans für Verschwörungsmüll wie QAnon und ihre Leugnung eindeutigster Fakten. Rechte und «asoziale» Medien bestärken sie darin, indem sie die Nutzer vor abweichenden Meinungen verschonen und ihnen zwecks Steigerung der Verweildauer nur liefern, was ihr Weltbild verlangt.

Und doch hätte der Trumpismus nie derart giftige Blüten getrieben ohne den anderen wichtigen Katalysator, die Republikanische Partei. Donald Trump hat sie nicht einfach überfallartig gekapert. Er erntete, was während Jahrzehnten gesät worden war.

Drei Namen, eine Partei

Die Tradition der Republikaner als Partei des Grosskapitals reicht weit zurück. Doch während langer Zeit herrschte innerhalb der Partei ein breites Meinungsspektrum. Die Verhärtung begann in den 60er Jahren, und sie hat weniger mit den Präsidenten Ronald Reagan, George H.W. Bush und George W. Bush zu tun als mit drei anderen Namen.

Barry Goldwater, Newt Gingrich, Mitch McConnell

Barry Goldwater, Newt Gingrich und Mitch McConnell waren die Wegbereiter von Donald Trump bei den Republikanern. Bild: Shutterstock/Keystone

Mit Barry Goldwater, einem erzkonservativen Senator aus Arizona, setzte ein scharfer Rechtsruck ein. Er verlor die Präsidentschaftswahl 1964 haushoch gegen den Demokraten Lyndon Johnson, doch mit ihm begann im Zuge der Bürgerrechtsbewegung die Eroberung der Südstaaten, in denen die Grand Old Party von Abraham Lincoln wenig zu melden hatte.

Saboteure der Demokraten

Goldwaters «Ziehsohn», der frühere Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan, schaffte 1980 den Einzug ins Weisse Haus. Seine Kalte-Kriegs-Rhetorik machte ihn für viele zum Feindbild, doch erst mit Newt Gingrich verschärfte sich der Klassenkampf von rechts, als die Republikaner 1994 erstmals seit 40 Jahren die Mehrheit im Repräsentantenhaus eroberten.

Als Speaker (Vorsitzender) begann Gingrich, die Politik des demokratischen Präsidenten Bill Clinton gezielt zu sabotieren. Perfektioniert wurde diese Politik von Mitch McConnell, dem Dritten im diabolischen Bunde. Als oberster Republikaner im Senat wurde er zur Nemesis von Barack Obama, dessen zweite Amtszeit er vergeblich zu verhindern versucht hatte.

In seiner Funktion als Mehrheitsführer im Senat blockierte er in der Folge alle grossen Reformpläne des ersten schwarzen Präsidenten. McConnell transformierte den Senat von einer Parlamentskammer zum Machtinstrument im Dienste der Republikaner, besonders bei der Ernennung von Richterinnen und Richter, auch und nicht zuletzt am Supreme Court.

Der Nicht-Politiker

Mit ihrem Zynismus öffneten die Republikaner die Türe für einen, den sie erst verabscheuten und dem sie sich dann fast vollständig unterwarfen: Donald Trump. Er profitierte davon, dass die Eliten bei den Republikanern – und Demokraten – den Frust der «Deplorables» ignoriert und gleichzeitig die Evangelikalen mit leeren Versprechungen abgefertigt hatten.

Als erklärter Nicht-Politiker befriedigte Trump die Sehnsüchte jener, die es «denen in Washington» zeigen wollten. Dennoch bleibt es zu einem gewissen Grad ein Rätsel, wie eine Figur, deren Image als erfolgreicher Geschäftsmann mehr auf Showtalent und Mafiamethoden denn auf unternehmerischer Begabung basiert, so weit kommen konnte.

Nun sind die USA an einem gefährlichen Punkt angelangt, Für die Republikaner stellt sich die Frage, ob sie den Trumpismus hochhalten oder sich wieder als vernünftige politische Kraft etablieren wollen. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt daran zweifeln. Dabei ist die Ausgangslage für den neuen Präsidenten Joe Biden schwierig genug.

Das System funktioniert

Der 78-Jährige übernimmt nicht nur ein politisch und gesellschaftlich zerrüttetes, bis an die Zähne bewaffnetes Land. Er muss auch mit drei Herausforderungen umgehen: Einer Pandemie, einer Wirtschafts- sowie der Klimakrise. Und eine linke Politik, wie sie Bernie Sanders oder AOC vorschwebt, ist auch im neuen Senat kaum mehrheitsfähig.

USW Jumbo US-Wahlen Donald Trump Joe Biden

Joe Biden steht vor grossen Herausforderungen. Bild: imago/shutterstock/watson

Es ist im Moment wirklich nicht leicht, Amerika zu lieben. Immerhin hat das demokratischen System dem Ansturm des Trump-Faschismus standgehalten. Dafür haben auch jene aufrechten Republikaner in den Bundesstaaten gesorgt, die die Legitimität des Wahlverfahrens gegen alle Anfeindungen und Einschüchterungen verteidigt haben.

Unschlagbare Softpower

Die USA haben in ihrer turbulenten Geschichte manche Irrwege beschritten. Das begann mit den Erbsünden des «Land of the Free», der Sklaverei und dem Genozid an den Ureinwohnern. In den letzten Jahrzehnten haben sie zu viele fragwürdige Kriege angezettelt. Aber wer sonst kann in dieser unruhigen Welt halbwegs für Stabilität sorgen? Die Chinesen vielleicht?

Sie können von der Softpower der USA nicht einmal träumen. In Sachen Innovation und Kreativität bleiben die Amerikaner unschlagbar. Kein Land hat mehr Nobelpreisträger hervorgebracht. Das müssten auch jene einsehen, die ihren Antiamerikanismus mit dem iPhone auf Facebook oder Twitter posten. Oder ein Gerät mit Android von Google nutzen.

Der Glaube hält, trotz allem

Die Dame von damals im Flugzeug, das mich erstmals über den Teich brachte, hatte schon recht. Die USA sind ein Land mit grotesken Widersprüchen und vielen unschönen Seiten. Aber sie faszinieren unzählige Menschen rund um den Erdball, die ebenfalls mit Micky Maus und John Wayne aufgewachsen sind. Das gilt sogar für jene, die sich an ihnen abarbeiten.

Der unerschütterliche amerikanische Optimismus tönt heute hohl, wie ein Echo aus fernen Zeiten. Trotzdem traut man es diesem Land mehr als jedem anderen zu, dass es den Trump-Irrsinn überwinden kann. Denn wo haben Black Lives Matter und MeToo, zwei der prägenden sozialen Bewegungen der letzten Jahre, ihren Ursprung? Eben.

Ich jedenfalls habe in diesen schwierigen Corona-Zeiten trotz oder wegen Trump eine Sehnsucht nach diesem Land verspürt. Ich will eigentlich weniger fliegen, aber so bald es möglich ist, mache ich mich wieder auf, vor allem nach New York. Eine Faszination, die so tief verwurzelt ist, verdorrt nicht ohne Not. Dafür braucht es mehr als Donald Trump.

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Trumps Amerika

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