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Supporters of President Donald Trump rally at the U.S. Capitol on Wednesday, Jan. 6, 2021, in Washington. (AP Photo/Jose Luis Magana)

Der Mob stürmt das Kapitol – auch mit dem vermeintlichen Segen Gottes. Bild: keystone

Analyse

Donald Trumps christliche Dschihadisten

Christliche Fundamentalisten waren mit dabei, als das Kapitol gestürmt wurde. Sie bilden einen zentralen Bestandteil von Trumps Kampftruppen – und sie sind brandgefährlich.



Kuhhörner, die Flagge der Südstaaten, Wikinger-Felle und Runen: All dies bringen wir in Verbindung mit den Chaoten, welche das Kapitol in Washington gestürmt haben. Wir denken an Neo-Nazis und weisse Herrenmenschen. Gerne übersehen wir die Vielzahl von christlichen Symbolen, die ebenfalls mitgeschleppt wurden, etwa Fahnen, auf denen die Liebe zu Christus verkündet wird.

Die gewalttätigen Proud Boys sind vor dem Sturm gar zum Gebet niedergekniet. Das ist kein Zufall. «Die Extremisten unter den Unterstützern von Trump sind nicht mehr zu trennen von Teilen der evangelikalen Macht in Amerika», stellt die «New York Times» fest.

Supporters of President Donald Trump who are wearing attire associated with the Proud Boys attend a rally at Freedom Plaza, Saturday, Dec. 12, 2020, in Washington. (AP Photo/Luis M. Alvarez)

Die Proud Boys in Aktion. Bild: keystone

Es handelt sich dabei nicht um ein paar verwirrte Sektengeister. Das haben die Auswertungen der Wahlen vom 3. November ergeben. Gegen 30 Prozent der Wählerinnen und Wähler bekennen sich zu fundamentalistischen christlichen Kirchen, 78 Prozent von ihnen haben Trump gewählt.

Mit anderen Worten, christliche Dschihadisten sind ein tragender Pfeiler der Trump-Bewegung. Sie lassen sich keiner der beiden führenden Glaubensrichtungen – Protestantismus, Katholizismus – zuordnen.

Katherine Stewart, Religionsspezialisten bei der «New York Times», beschreibt sie wie folgt:

«Sie kollaborieren in einem engmaschigen Netz von Denkfabriken, Politik-Gruppen, Rechtsbeiständen und einem konservativen pastoralen Netzwerk. Was sie zusammenschweisst, ist keine zentralisierte Kommando-Struktur, sondern eine radikale politische Ideologie, welche Demokratie und Pluralismus zutiefst hasst. Dazu gehört ein politischer Stil, der darauf angelegt ist, moralische Panik zu provozieren, Paranoia zu belohnen und jeden parteiischen Konflikt als einen Kampf um das Überleben der Welt darzustellen.»

Ironischerweise haben die christlichen Fundamentalisten viele Gemeinsamkeiten mit ihren Todfeinden, den heiligen Kriegern des Islams. Wie die Dschihadisten wähnen sich auch ihre christlichen Gegenpole in einem «heiligen Krieg».

Typisch ist etwa Lindsay French, eine 40-jährige Texanerin. Gegenüber der «New York Times» erklärte sie, sie sei extra nach Washington geflogen, weil «Gott mir ein Zeichen gegeben hat», und weil ihr Pastor sie gemahnt habe, dass man «den Wahlbetrug verhindern müsse» (stop the steal). Menschen wie French betten gerne auch Versatzstücke der QAnon-Verschwörungstheorien in ihren Glauben ein.

Auch die Hassprediger dürfen nicht fehlen. Einer von ihnen ist Greg Locke, der kurz vor dem Sturm aufs Kapitol noch wie folgt gesprochen hat: «Das ist mehr als ein Great Awakening (religiöse Welle, wie sie die USA mehrmals in ihrer Geschichte erlebt haben, Anm. des Verf.). Das ist das grösste aller Awakenings, das wir je erlebt haben.»

Oder David Harris, ein weiterer Hassprediger. Er drückt sich wie folgt aus: «Wenn du wie ich an Gott glaubst, und wenn du glaubst, Gott habe Donald Trump dazu ausersehen, dieses Land zu führen, und wenn du wie ich glaubst, dass er wiedergewählt wird, dann mein Freund, muss du nun stark sein. Denn jetzt befinden wir uns im Krieg.»

Für die christlichen Dschihadisten sind Joe Biden und die Demokraten längst keine politischen Gegner mehr, die es zu besiegen gilt. Es sind Todfeinde, die vernichtet werden müssen, um zu verhindern, dass das Abendland in die Hände der Ungläubigen gerät.

Wie im Islam finden wir zuoberst die Ayatollahs, Männer wie die beiden Senatoren Ted Cruz und Josh Hawley. Beide sind nicht nur tief gläubig, sondern kennen sich auch bestens in der Jurisprudenz aus. Sie verfügen über Abschlüsse der besten Universitäten Amerikas. Trotzdem geben sie vor, im Namen des kleinen Mannes – der «Bemitleidenswerten» (der deporables, wie sie Hillary Clinton einst sehr ungeschickt nannte) – gegen die Eliten anzukämpfen.

Josh Hawley

Will einen christlichen Gottesstaat: Senator Josh Hawley.

Eine Gesellschaft gleicher und freier Menschen ist jedoch das Letzte, das sie anstreben. «Hawleys Vorstellung von Freiheit bedeutet die Freiheit dessen, was er und seine bevorzugten religiösen Autoritäten als richtig deklarieren», stelle Katherine Stewart klar.

Mit anderen Worten: Hawley strebt wie die Ayatollahs einen Gottesstaat an, allerdings mit christlichen Vorzeichen.

Das Heer der christlichen Fundamentalisten darf nicht unterschätzt werden. Rund 15 Millionen Trump-Anhänger gelten als gewaltbereit. Im Vorfeld der Inauguration von Joe Biden ist Washington D.C. in eine Festung verwandelt worden. Mkindestens 15’000 Soldaten der Nationalgarde verstärken die Sicherheitskräfte. Bereist wird auch diskutiert, die Feier nicht wie üblich vor dem Kapitol, sonder im Innern, oder gar im Weissen Haus, durchzuführen.

Nicht nur das Kapitol in Washington ist in Gefahr. Das FBI befürchtet, dass auch in den einzelnen Bundesstaaten die jeweiligen Parlamente gestürmt werden könnten. In den nächsten Tagen herrscht daher bei den Sicherheitskräften höchste Alarmstufe.

A Washington State Patrol trooper talks with members of the Washington National Guard inside a fence surrounding the Capitol in anticipation of protests Monday, Jan. 11, 2021, in Olympia, Wash. State capitols across the country are under heightened security after the siege of the U.S. Capitol last week. (AP Photo/Ted S. Warren)

Soldaten der National Garde in Washington D.C. Bild: keystone

Seinem Gegner nach einer Ohrfeige die andere Wange hinzuhalten, gilt als christliche Tugend. Dazu ist nun jedoch der falsche Zeitpunkt. Der Präsident selbst ist der Drahtzieher und muss daher zur Rechenschaft gezogen werden. Milde gegenüber Trump ist daher nicht angebracht. Oder wie es die «New York Times» in einem redaktionellen Kommentar ausdrückt: «So bedauernswert es auch für die Nation sein mag, es gibt keine andere Wahl als den Präsidenten ein zweites Mal zu impeachen.»

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