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Wie in deutschen Corona-Testzentren gelogen und betrogen wird – in 5 Punkten

Das Eröffnen von Testzentren ist in Deutschland erstaunlich einfach – ebenso das Betrügen. Wie Test-Anbieter:innen unrechtmässig Gelder einstreichen und wie schwer das Problem zu beheben ist.



So entstehen Testzentren

Seit März sind Corona-Schnelltests in Deutschland kostenlos. Der Startschuss für viele neue Corona-Testzentren, die daraufhin wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Was einst Shisha-Bar, Tattoo-Shop, Handyladen oder gar Stripclub war, wurde kurzerhand in eine Station für Schnelltests umgewandelt. Der Prozess ist erstaunlich simpel: Um Tester:in zu werden, muss man lediglich einen Online-Antrag ausfüllen. Wird dieser angenommen, erfolgt eine kurze Schulung und mit dem Testen kann gestartet werden.

Hairdresser Ute Augustin colors hair of a customer at a barber shop in Gelsenkirchen, Germany, Monday, March 1, 2021. Hairdressers across Germany have reopened for business this morning after a more than 2-month closure, another cautious step as the country balances a desire to loosen restrictions with concern about the impact of more contagious coronavirus variants. (AP Photo/Martin Meissner)

In Regionen mit einer hohen Inzidenz wird für viele Situationen ein Corona-Test benötigt, der nicht älter als 24 Stunden sein darf. Bild: keystone

Es gibt weder genaue Vorgaben zur Datenübermittlung an den Bund, noch werden die Testzentren kontrolliert. Und die Schnelltests sind so gefragt wie noch nie: Wer auf einer Restaurant-Terrasse einen Kaffee schlürfen will oder sich beim Coiffeur eine neue Frisur verpassen lassen möchte, muss einen negativen Schnelltest vorweisen. Die Kosten übernimmt der deutsche Staat.

So wird betrogen

Recherchen des «WDR» (Westdeutscher Rundfunk Köln), des «NDR» (Norddeutscher Rundfunk) und der «Süddeutschen Zeitung» haben nun aufgedeckt, wie einfach in einigen Testzentren betrogen werden kann – und wird.

People pass the traditional Bavarian restaurant 'Hackerbraeuhaus' where a corona test center now works for SARS CoV-2 rapid tests downtown in Munich, Germany, Tuesday, March 23, 2021. (AP Photo/Matthias Schrader)

Im traditionell bayerischen Restaurant «Hackerbräuhaus» wurde im März kein Essen, sondern Schnelltests angeboten. Bild: keystone

Pro durchgeführtem Schnelltest erhalten die Zentren bislang 18 Euro aus Steuermitteln. Das Problem: Ob der Test tatsächlich durchgeführt wurde, prüft niemand. Philipp Perlwitz, der derzeit sieben Corona-Testzentren betreibt, sagt gegenüber «MDR», dass es kaum Vorgaben gebe, welche Daten er von Getesteten sammeln und aufbewahren muss. Für die Abrechnung schicke er eine Tabelle an die Kassenärztliche Vereinigung, welche von dieser verarbeitet werde. Wie die Tabelle aussehen soll und welche Informationen enthalten sein müssen, sei nicht klar geregelt:

«In der Testverordnung steht drin, ich muss die abrechnungsrelevante Daten vier Jahre lang aufheben. Da steht aber nicht drin, was abrechnungsrelevant ist. Reicht der Nachname? Reicht eine Strichliste? Es gibt keine Aussage dazu.»

Philipp Perlwitz

Der Datenschutz tut schliesslich sein Übriges: Beim Testen werden die Personalien der Getesteten zwar aufgenommen, dürfen aber nicht an den Staat weitergeleitet werden. Und so ist es möglich, falsche Strichlisten einzureichen und Millionen an Entschädigungen einzustreichen.

So wurde der Betrug aufgedeckt

Reporter:innen von «NDR», «WDR» und der «Süddeutschen Zeitung» haben die Betrügereien in ihrer Reportage vom 27. Mai aufgedeckt. Sie stellten sich vor Teststationen in den Städten Köln, Münster und Essen und zählten, wie viele Menschen sich dort testen liessen. Noch am selben Abend verglichen sie diese Zahlen dann mit den Angaben der Betreibenden.

Medical staff prepare a bus, containing a so-called rolling vaccination center, for a the test run in Grosshartmannsdorf, Germany, Sunday, Feb. 21, 2021. Mobile vaccination centers will be used to vaccinate people against the coronavirus and the COVID-19 disease in three municipalities of German federal state  Saxony. (Robert Michael/dpa via AP)

Ein Testbus in Grosshartmannsdorf im Bundesland Sachsen. Bild: keystone

Bei einem Testbus vor einem Kölner Möbelhaus kamen sie so an einem Tag auf 80 Testwillige. Der Betreiber hingegen meldete den Behörden fast tausend Tests. Nun hat die Staatsanwaltschaft Bochum Ermittlungen eingeleitet. Auch in Bayern laufen Ermittlungen wegen Betrugsverdachts, berichtet die «Süddeutsche Zeitung».

So wird getestet

Angesichts der bekannt gewordenen Betrugsfalle stellt sich auch die Frage nach der Zuverlässigkeit der durchgeführten Tests. Gemäss den Reportern von «NDR», «WDR» und der «Süddeutschen Zeitung» meldeten die von ihnen beobachteten Zentren in einer Woche rund 25'000 Tests. Dabei soll kein einziger der Getesteten positiv gewesen sein. Bloss Zufall oder das Resultat von schludrigem Testen?

Pflegefachmann Markus Stratmann entnimmt einem Mann in der Praxis checkin Helvetiaplatz eine Probe aus dem Nasenraum, aufgenommen am Montag, 2. Oktober 2020 in Zuerich. Der Abstrich wird in einer Testloesung aufgeloest und anschliessend auf das Tesgeraet mit dem eingelegten Papier-Teststreifen, mit dem Covid-19 Antigene nachgewiesen werden koennen aufgetropft. Mit dem SARS-CoV-2-Antikoerper-Schnelltest liegt das Testresultat zwar schon nach 15 Minuten vor, doch der Test gilt als weniger genau als der herkoemmliche Test, mit dem das Virus selbst nachgewiesen wird. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Abstriche müssen sorgfältig ausgeführt werden, um aussagekräftig zu sein. Bild: keystone

Da Schnelltests weniger sensibel sind als PCR-Tests, müssen sie besonders genau durchgeführt werden. Wenn sich die Teststäbchen beim Abstrich nicht tief oder lange genug im Rachen oder der Nase befinden, ist der Test wertlos. Unterdessen warnt auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz vor mangelhafter Sorgfalt in den Teststellen. Stiftungsvorstand Eugen Brysch sagt gegenüber der Süddeutschen Zeitung:

«Wo solche Strukturen herrschen, ist in der Regel auch die Qualität der Tests schlecht.»

So reagieren die Verantwortlichen

Für den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hagelte es am Wochenende Kritik. Am Sonntag meldete er sich auf Twitter zu Wort:

So richtig verantwortlich scheint sich aber niemand zu fühlen. Gegenüber dem deutschen Radiosender Deutschlandfunk betonte Spahn die Verantwortung der lokalen Berhöden:

Das sächsische Sozialministerium gibt auf MDR-Anfrage allerdings folgende Auskunft:

«Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen, über die die Abrechnung der Bürgertests erfolgt, prüft die Plausibilität der abgerechneten Daten. Die Gesundheitsämter und das Sozialministerium haben keinen Prüfauftrag bezüglich der Abrechnung.»

Auch jetzt reisst sich niemand um die Aufgabe, solche Betrugsfälle zukünftig zu verhindern. Jens Spahn kündigte zwar verschärfte Stichkontrollen an, doch wer diese durchführen wird, ist wohl noch nicht abschliessend geklärt.

Die Kommunen und ihre Gesundheitsdienste lehnen die Verantwortung, die Kontrollen zu übernehmen, ebenso ab wie die Kassenarzt-Vereinigungen, berichtet «n-tv» gestern. Die Gesundheitsämter seien keine Ermittlungsbehörden für Wirtschaftskriminalität, argumentierte die Vize-Verbandschefin der Amtsärzte in der «Rheinischen Post». So dürfte es weiterhin schwierig bleiben, Betrugsfälle aufzudecken.

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