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ARCHIV - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (l) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einer Konferenz im Januar 2020. Foto: Michael Sohn/AP/dpa

Recep Tayyip Erdogan und Emmanuel Macron bei einer Konferenz im Januar 2020 – seither hat sich das Verhältnis massiv abgekühlt. Bild: sda

Streit zwischen Erdogan und Macron eskaliert – und jetzt kommt auch noch diese Karikatur



Die Beziehung zwischen Frankreich und der Türkei hat sich in den vergangenen Monaten laufend abgekühlt. Die beiden Länder stehen gleich in mehreren laufenden Konflikten auf gegenüberliegenden Seiten. Etwa in Libyen, im Gas-Streit im östlichen Mittelmeer und zuletzt auch noch im Krieg in Bergkarabach.

Seit Mitte Oktober hat sich die Stimmung zwischen den Präsidenten Emmanuel Macron und Recep Tayyip Erdogan abermals verschlechtert. Es kam sogar zu Boykott-Aufrufen und Nazi-Vergleichen. Nun hat das Satiremagazin «Charlie Hebdo» noch einmal Öl ins Feuer gegossen.

Wie ist es so weit gekommen?

Die Enthauptung Samuel Patys

Auslöser der neuerlichen Eskalation ist die Ermordung eines französischen Lehrers, Samuel Paty, nahe Paris am 16. Oktober. Ein 18-Jähriger lauerte Paty auf, enthauptete ihn, und stellte danach ein Foto des Opfers ins Netz mit einer Nachricht an Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, den er als «Anführer der Ungläubigen» bezeichnete.

The portrait of slain teacher Samuel Paty with a black ribbon is displayed Tuesday, Oct.20, 2020 on the steps of the National Assembly in Paris. A memorial march will be held Tuesday evening near Paris in homage to the history teacher who was beheaded last week, while French police said 16 people remain in custody as part of the investigation into the attack. (AP Photo/Lewis Joly)

Portrait von Samuel Paty an der Gedenkveranstaltung: Der Lehrer wurde am 17. Oktober ermordet. Bild: keystone

Kurz nach der Tat wurde der Täter von der Polizei erschossen. Der Enthauptung gingen bereits zahlreiche Drohungen gegen den Lehrer und die Schule voraus. Der Lehrer hatte Anfang Oktober im Rahmen des Unterrichts das Thema Meinungsfreiheit aufgegriffen, wo er unter anderem Mohammed-Karikaturen zeigte.

Daraufhin veröffentlichte ein Vater eines Schülers Posts in sozialen Netzwerken, beschwerte sich bei der Schulleitung und machte gegen den Lehrer mobil. Dies stachelte den Täter derart an, dass er mit einem 30 Zentimeter langen Messer das Leben des Lehrers beendete.

Das sagte Macron

Die Ermordung des Lehrers löste eine grosse Welle der Solidarität aus. In ganz Frankreich gingen in den Tagen danach Tausende Menschen auf die Strasse, um Samuel Paty zu gedenken und die Meinungsfreiheit zu verteidigen.

«Wir werden nicht auf Karikaturen (und) Zeichnungen verzichten.»

Emmanuel Macron

Dies tat auch Staatspräsident Emmanuel Macron. Er kündigte Entschlossenheit und Taten im Kampf gegen den radikalen Islamismus an. Macron wirbt für einen Islam, der «mit den Werten der Republik» vereinbar ist. Die strikte Trennung von Staat und Kirche gilt als ein Grundprinzip der französischen Verfassung.

Bei der emotionalen Gedenkfeier Patys rief Macron zur Verteidigung der Freiheit auf. «Wir werden nicht auf Karikaturen (und) Zeichnungen verzichten», sagte Macron. Der 47 Jahre alte Paty sei das Opfer einer tödlichen Verschwörung von Dummheit, Lüge und Hass auf andere geworden, sagte Macron. «Wir machen weiter, (Herr) Lehrer!»

French President Emmanuel Macron leaves after paying his respects by the coffin of slain teacher Samuel Paty in the courtyard of the Sorbonne university during a national memorial event, Wednesday, Oct. 21, 2020 in Paris. French history teacher Samuel Paty was beheaded in Conflans-Sainte-Honorine, northwest of Paris, by a 18-year-old Moscow-born Chechen refugee, who was later shot dead by police. (AP Photo/Francois Mori, Pool)

Ein sichtlich bewegter Emmanuel Macron bei der Abschiedsfeier von Samuel Paty. Bild: keystone

Zuvor hatte Macron seine Landsleute bereits auf einen langen Kampf gegen den radikalen Islamismus eingestimmt. Eine «Schlacht» müsse in den Bereichen Sicherheit, Erziehung und Kultur geführt werden, und «sie wird dauern», zitierte Regierungssprecher Gabriel Attal den Staatschef nach einer Kabinettssitzung.

Bereits Anfang Oktober hatte Macron ein neues Gesetz im Kampf gegen den «Separatismus» und den «radikalen Islamismus» angekündigt. Es soll Anfang Dezember im Kabinett beraten werden und dürfte nun härter ausfallen als zunächst erwartet.

Am Wochenende wiederholte Macron seine Standpunkte abermals. Auf Twitter sprach er sich gegen Hate Speech aus und verbreitete die Nachricht in diversen Sprachen – unter anderem auch auf Arabisch. «Wir werden nicht nachgeben, niemals», so der 42-Jährige.

Die Reaktion Erdogans

Die harte Vorgehensweise gegen den radikalen Islamismus kam beim türkischen Präsidenten nicht gut an. «Was für ein Problem hat diese Person namens Macron mit dem Islam und Muslimen?», fragte Erdogan bei einem Kongress seiner AKP-Partei in Kayseri. Der türkische Präsident sprach von «besorgniserregenden Anzeichen einer wachsenden Islamfeindlichkeit in Europa» und riet dem französischen Präsidenten, seinen «Geisteszustand untersuchen» zu lassen.

«Achtet nicht auf französisch gekennzeichnete Waren, kauft sie nicht.»

Recep Tayyip Erdogan

Zudem zog Erdogan einen Vergleich zum Nationalsozialismus. «Ihr seid im wahrsten Sinne des Wortes Faschisten», sagte er. «Die Muslime erleben heute eine ähnliche Lynchkampagne, wie sie gegen Juden in Europa zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg geführt wurde.» Den europäischen Regierungen warf er vor, «Kettenringe des Nationalsozialismus» zu sein. Nach diesen Aussagen rief Paris aus Protest seinen Botschafter aus Ankara zurück – einen Vorfall, den es zuvor noch nie gegeben hat.

Damit nicht genug: Am Montag rief Erdogan in einer im Fernsehen übertragenen Rede zum Boykott französischer Waren auf. «Achtet nicht auf französisch gekennzeichnete Waren, kauft sie nicht», so der türkische Präsident. Damit schloss sich Erdogan Boykottaufrufen an, die zuvor im Nahen Osten kursierten.

Denn Erdogan ist mit seiner Kritik an Macron nicht alleine. Die Regierungen in Jordanien, Marokko, Kuwait und Pakistan äusserten sich ebenfalls ablehnend zu den Aussagen Macrons. In Bangladesch und weiteren Orten kam es zu Massendemonstrationen.

epaselect epa08777010 Members of the Islami Andolan Bangladesh party take part in a march towards the French Embassy in Dhaka, Bangladesh, 27 October 2020. The protest was held in response to French president Emmanuel Macron?s comments following the recent beheading of a teacher in France after he had shown cartoons of the Prophet Mohammad in class. Macron vowed his country would not give up publishing such cartoons.  EPA/MONIRUL ALAM

Grossdemo gegen Emmanuel Macron in Dhaka, Bangladesch. Bild: keystone

Auch Saudi-Arabien bezeichnete die Mohammed-Karikaturen erneut als «beleidigend». «Saudi-Arabien lehnt jeden Versuch ab, Islam und Terrorismus in Verbindung zu bringen», hiess es in einer Erklärung des Aussenministeriums in Riad. In den Karikaturen wird Mohammend unter anderem mit Turban in Form einer Bombe dargestellt.

«Charlie Hebdo» legt nach

«Charlie Hebdo» heizte nun die sowieso schon angeheizte Stimmung noch einmal auf. Die Karikatur auf der Titelseite der Mittwochausgabe von «Charlie Hebdo», die am Dienstagabend schon online veröffentlicht wurde, zeigt Erdogan in weissem Oberteil und Unterhose auf einem Sessel sitzend.

Er hält eine Dose in der Hand und hebt das Gewand einer verschleierten Frau hoch, um ihr nacktes Hinterteil zu enthüllen. «Ohh! Der Prophet!», heisst es dazu in einer Sprechblase. Die Seite ist betitelt mit den Worten: «Erdogan – privat ist er sehr lustig».

Die Reaktion der Türkei liess nicht lange auf sich warten. Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun warf dem Magazin am späten Dienstagabend «kulturellen Rassismus» vor. Die «sogenannten Karikaturen» seien «abstossend» und ohne menschliche Moral, hiess es in einer Mitteilung. «Die anti-muslimische Agenda des französischen Präsidenten Emmanuel Macron trägt Früchte!», schrieb Altun.

Die Oberstaatsanwaltschaft in Ankara leitete am Mittwoch Ermittlungen wegen Präsidentenbeleidigung gegen «Charlie Hebdo» ein, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet.

Auch Erdogans Sprecher verurteilte die neuen Karikaturen von «Charlie Hebdo» aufs Schärfste. Die Absicht der Veröffentlichung sei es, «Samen des Hasses und der Feindseligkeit zu säen», schrieb Ibrahim Kalin auf Twitter. «Jeder, der Verstand besitzt, sollte diese ekelhafte Publikation verurteilen und ablehnen.»

Erdogan selber sagte am Mittwoch, er habe die Titelseite von Charlie Hebdo noch nicht gesehen, aber von ihr gehört. Es sei unter seiner Würde, solche «obszönen Publikationen» auch nur zu beachten.

Er habe denen, die den Propheten Mohammed beleidigten, nichts zu sagen. «Wir wissen, dass das Ziel nicht meine Person ist, sondern die Werte, die wir vertreten», so Erdogan. Es sei «Ehrensache», sich gegen Angriffe auf den Propheten zu stellen.

(Mit Material von sda/dpa)

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Charlie-Hebdo-Titelblätter

Der türkische Präsident wollte eigentlich Fussballer werden

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