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epa08383798 Senior high school students celebrate their graduation wearing the traditional white caps while drinking on the terrace of a restaurant in downtown Stockholm, Sweden, 24 April 2020 (issued 25 April 2020). While most countries in Europe have shuttered all restaurants, bars and nightclubs in a bid to slow down the spread of the ongoing COVID-19 pandemic, Sweden has taken a far less drastic approach; for example, allowing primary schools to remain open as well as bars and restaurants as long as they limit all service to table service only. The government's response to the coronavirus emergency â?? a mix of recommendations and enforceable rules â?? is still a matter of public debate in the Scandinavian nation and has even become the focus of some international media outlets.  EPA/ANDERS WIKLUND SWEDEN OUT

Schwedische Schülerinnen feiern in einem Restaurant in Stockholm im April. Bild: EPA

Interview

«Wir haben ja gesehen, wohin die schwedische Strategie geführt hat»



Die schwedische Virologin Lena Einhorn gehört zu den bekanntesten Kritikerinnen des schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell. Dieser sorgte weltweit für Schlagzeilen, da er im Frühling keinen Lockdown in Schweden anordnete und Schulen und Restaurants offen liess.

Einhorn hat sich im April als Reaktion auf die schwedische Strategie mit zahlreichen schwedischen Wissenschaftlern zusammengetan und das «vetenskapsforum covid-19» gegründet. Dieses verbreitet gemäss ihrer Webseite «wissenschaftlich fundiertes Wissen über die wichtigsten Probleme und Herausforderungen, die die anhaltende Pandemie für die Welt und Schweden mit sich gebracht hat.»

Im Gespräch mit watson erklärt Lena Einhorn, weshalb die Strategie Tegnells gescheitert ist und wie die Situation heute in Schweden aussieht. Zudem zeigt sie sich sehr besorgt über die steigenden Zahlen in der Schweiz und meint, in ein bis zwei Monaten könnte es ein böses Erwachen geben.

Guten Tag Frau Einhorn, in der Schweiz explodieren die Corona-Fälle gerade, wie ist die Situation in Schweden?
Lena Einhorn: Die Zahlen in Schweden steigen auch. Aber wie sieht's denn in der Schweiz aus? Das muss ich sofort nachschauen.

Bild

Lena Einhorn. bild: agneta akesson

Zur Person

Lena Einhorn ist Medizinerin, Autorin und Dokumentarfilmerin. Am Karolinska-Institut in Stockholm erwarb Einhorn ihren M.D./Ph.D. als Tumorbiologin und Virologin. Sie gehört zu den bekanntesten Kritikerinnen des schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell.

Nur zu ...
Wow, die haben sich ja innerhalb nur weniger Tage verdoppelt. Ihr seid noch nicht so schlimm dran wie Grossbritannien, aber das sieht nicht gut aus. Ihr müsst äusserst vorsichtig sein! Testet ihr denn genug?

Die Positivitätsrate lag am Dienstag bei über 15 Prozent.
Dann testet ihr ja viel zu wenig. Gibt es eine Bewegung in der Schweiz, die Herdenimmunität will?

Ja, da gibt es einige, aber die grosse Mehrheit inklusive der Regierung will das nicht.
Das ist auch besser so. Wir haben ja gesehen, wohin die schwedische Strategie geführt hat.

«Wir sind sehr weit von einer Herdenimmunität entfernt.»

Nur 13 Länder haben eine höhere Todesrate als Schweden. Fast 6000 Menschen sind gestorben ...
Es war absolut schrecklich, was hier im Frühling abging. Während einiger Wochen hatten wir sogar die höchste Todesrate der Welt. Die kumulative Todesrate ist etwa zehn Mal höher als in Finnland oder Norwegen.

Und nun steigen die Fallzahlen also wieder, auch in Stockholm, wo das Virus im Frühling besonders verbreitet war. Sind Sie überrascht?
Nein, natürlich nicht. Es ist die grösste Stadt Schwedens und die Bevölkerungsdichte ist dort am höchsten. Wir sind sehr weit von einer Herdenimmunität entfernt. Gemäss den letzten Zahlen konnten in Stockholm bei etwa elf Prozent der Bevölkerung Antikörper festgestellt werden. Im Rest des Landes bei etwa sechs bis acht Prozent.

Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell war im Gegensatz zu Ihnen durchaus überrascht. Er sagte kürzlich in der Tageszeitung «Göteborgs-Posten», dass es ein wenig «schwierig zu verstehen» sei, weshalb die Zahlen in Stockholm steigen.
Unglaublich. Die steigenden Zahlen in Stockholm sind doch logisch, denn wir haben keine Herdenimmunität. Niemand ausserhalb des staatlichen Gesundheitsamtes weiss, was ihre Strategie war. Wenn sie denn überhaupt eine hatten.

epa08740143 State epidemiologist Anders Tegnell of the Public Health Agency of Sweden speaks during a news conference updating on the coronavirus pandemic (Covid-19) situation, in Stockholm, Sweden, 13 October 2020.  EPA/Henrik Montgomery ** SWEDEN OUT **

Anders Tegnell: Der schwedische Staatsepidemiologe ist ob den steigenden Zahlen in Stockholm überrascht. Bild: keystone

Was ist da falsch gelaufen?
Ich kann da nur spekulieren. Wollen Sie meine Theorie hören?

Gerne.
Tegnell und sein Team waren sich bis Ende Februar sicher, dass wir keinen Corona-Ausbruch haben würden. Als der Rest der Welt merkte, dass sich das Virus auf dem ganzen Globus ausbreitet, weigerten sie sich, Ihre Meinung zu ändern. Die anderen skandinavischen Länder führten Lockdowns ein, wir nicht. In der Folge schossen die Infektions- und Todeszahlen in Schweden in die Höhe. Doch weil sie absolut unfähig sind, Fehler zuzugeben, wollten sie die Bevölkerung mit dem Versprechen beruhigen, dass Schweden aufgrund seiner Strategie bei einer zweiten Welle besser abschneiden würde.

«Der Sommer war ein Geschenk für das Gesundheitsamt.»

Tut es aber nicht, wie die Zahlen aus Stockholm beweisen.
Noch im April, Mai und Juni sagten Tegnell und sein Team immer wieder, dass in Stockholm 50 Prozent oder mehr immun gegen das Virus sein würden. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Ihre Strategie ist nicht aufgegangen. Das schwedische Experiment ist gescheitert.

Ist denn wenigstens die Wirtschaft nicht so stark eingebrochen?
Der Wirtschaftseinbruch bewegt sich etwa auf ähnlichem Niveau wie in Norwegen oder Finnland. Nur mussten dort zehn Mal weniger Menschen sterben.

Im Sommer gingen die Zahlen dann aber merklich zurück. Kann man diese Leistung dem Gesundheitsamt anrechnen?
Der Sommer war ein Geschenk für das Gesundheitsamt. Schweden ist spärlich besiedelt, viele verbrachten ihren Urlaub auf dem Land und kehrten erst Ende August wieder zurück. Jetzt fürchten sich die Regierung und das Gesundheitsamt offensichtlich davor, dass sich das gleiche wie im Frühling wiederholt.

Schweden und andere Länder im Vergleich, Coronavirus 13. Oktober 2020

Der Sieben-Tage-Schnitt pro 100'000 Einwohner: Auch in Schweden steigen die Infektionszahlen wieder an. Bild: watson

Haben Tegnell und sein Team ihre Strategie denn nun geändert, oder machen sie dieselben Fehler noch einmal?
Ich glaube nicht, dass sie immer noch eine Herdenimmunität erreichen wollen. Sie haben die Testkapazitäten im Vergleich zum Frühling stark erhöht. Zudem haben sie beim Isolations-Regime die Schraube etwas angezogen. Die Situation ist jetzt einiges besser, nicht mehr so verrückt wie im Frühling.

Wieso hat Tegnell seine Meinung Anfang Frühling nicht schon geändert? Boris Johnson wollte zunächst auch Herdenimmunität erlangen, schwenkte dann aber um.
Er ist einfach absolut unfähig, Fehler einzugestehen und seine Meinung zu ändern. Er weigert sich etwa nach wie vor, Masken zu empfehlen. Dieser Widerstand ist absurd. Es gibt so viele Studien, die beweisen, dass sie funktionieren. Seit dem 1. Oktober dürfen Angehörige jetzt wieder ihre Grosseltern im Pflegeheim besuchen und das ohne Maske.

Dabei gab es doch im Frühling gerade in den schwedischen Pflegeheimen ein Massensterben wegen des Coronavirus ...
Ja, das ist völlig verrückt und gefährlich. Auch wenn man ins Spital oder zum Arzt geht, müssen weder Patient noch Arzt eine Maske tragen.

Tegnell will offenbar auf ein Regime setzen, mit dem die Bevölkerung langfristig leben kann. Kürzlich sagte er der Financial Times: «Wir sehen eine Krankheit, mit der wir noch lange umgehen müssen.» Ist der schwedische Weg nachhaltiger als die anderen?
Der schwedische Weg, so wie er im Frühling angewandt wurde, ist nicht nachhaltig. Es sind zu viele Menschen ums Leben gekommen. Das Gesundheitsamt hatte einfach Glück, dass der Sommer kam. Jetzt haben sie ihre Strategie ja geändert. Wenn sie jetzt noch eine Maskenpflicht einführen, oder zumindest die Wirksamkeit von Masken nicht mehr bestreiten, sind wir auf einem einigermassen guten Weg. Und eine Sache, die haben sie von Anfang an ziemlich gut gemacht.

«Die Zahlen in der Schweiz machen mir echt Sorgen. Ihr müsst auf der Hut sein!»

Welche?
Schon ziemlich früh haben sie eine Obergrenze von 50 Personen bei Veranstaltungen eingeführt, das ist für mich sehr sinnvoll. Seither wurde daran nicht mehr gerüttelt. Auch hier war Tegnell äusserst stur, für einmal hatte es aber positive Effekte.

In der Schweiz gehen jetzt wieder tausende Zuschauer an Eishockey- und Fussballspiele ...
Das könnt ihr nicht lange durchziehen. Nicht mit diesen Zahlen, die gehen steil nach oben.

Coronavirus: So trägst du die Schutzmaske richtig

Video: watson/Emily Engkent

Aber es gilt eine Maskenpflicht.
Ja gut, wenn alle konsequent die Maske anlassen, dann kann man das vielleicht machen. Aber die Zahlen in der Schweiz machen mir echt Sorgen. Ihr müsst auf der Hut sein!

So dramatisch ist es noch nicht. Die Todeszahlen sind ja nach wie vor tief.
Das ist aber nicht beruhigend. Das Virus breitet sich jetzt in der Bevölkerung aus, die infizierten Personen können nicht mehr ausreichend isoliert werden. Es dauert nun vielleicht einige Wochen, bis auch die vulnerablen Personen infiziert werden. Heute steigen die Infektionszahlen, in ein bis zwei Monaten die Todeszahlen. Glauben Sie mir, wir haben dies in Schweden leider nur allzu nahe erfahren müssen.

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