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«Sie waren alle Drogenhändler» – Polizei verteidigt blutigen Favela-Einsatz in Rio



Bei dem blutigsten Polizeieinsatz in der Geschichte der brasilianischen Millionenmetropole Rio de Janeiro sind mehr als zwei Dutzend Menschen ums Leben gekommen. Gegen die Polizei wurden schwere Vorwürfe erhoben.

epa09181893 Members of the Police carry out a police operation against a gang of drug traffickers, in the Jacarezinho favela of Rio de Janeiro, Brazil, 06 May 2021. At least 25 people died, including a police officer, and another 5 were injured, two of them when they were mobilizing in the subway, during a police operation on 06 May against a gang of drug traffickers in a Rio de Janeiro favela, local media reported.  EPA/Andre Coelho

Polizeibeamte in der Favela Jacarezinho, in der mindestens 25 Menschen bei einem Einsatz ums Leben kamen. Bild: keystone

«Wir sind zutiefst beunruhigt über die Tötung von mindestens 25 Menschen bei einem gestrigen Polizeieinsatz im Stadtteil Jacarezinho in Rio de Janeiro», sagte Rupert Colville, Sprecher des Menschenrechtsbüros der Vereinten Nationen in Genf, am Freitag. Nach Angaben der Polizei handelte es sich bei den Opfern um 24 Verdächtige und einen Beamten einer Spezialeinheit.

Am Donnerstag war es zu heftigen Gefechten zwischen mutmasslichen Mitgliedern von Drogenbanden und der Polizei in der Favela Jacarezinho gekommen. Seit den frühen Morgenstunden waren Schüsse und Explosionen zu hören. Der Helikopter des brasilianischen Fernsehens hielt fest, wie Männer mit Gewehren versuchten, über die Dächer zu entkommen. Bewohner, unter ihnen eine Braut und eine Schwangere, konnten stundenlang ihre Häuser nicht verlassen. Eine Klinik musste geschlossen bleiben.

«Dies setzt einen langjährigen Trend unnötiger und unverhältnismässiger Gewaltanwendung durch die Polizei in Brasiliens armen (...) und überwiegend afro-brasilianischen Vierteln fort.»

Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros Colville.

Zudem wurden zwei Fahrgäste der Metro, die in der Nähe des Armenviertels im Norden von Rio vorbeiführt, in einem U-Bahn-Wagen angeschossen. Ein Mann wurde in seinem Haus von einem Querschläger im Fuss getroffen. Ausserdem wurden zwei Polizeibeamte bei dem Einsatz verletzt.

In einem Video, den das «Jornal Nacional» von «TV Globo» zeigte, filmt eine Frau einen Polizisten und versichert, dass der Verdächtige sich ergeben wolle. Laut dem Polizeibeamten Felipe Curi gab es keine Verfehlungen:

«Sie waren alle Drogenhändler oder Kriminelle, die versucht haben, unseren Polizisten das Leben zu nehmen, und es gab keine andere Alternative.»

Polizei

Der Polizeibeamte Rodrigo Oliveira sagte, dass «wenn jemand von einer Hinrichtung bei dieser Operation spricht, dann in dem Moment, als der Polizist mit einem Kopfschuss getötet wurde». Der getötete Beamte sei getroffen worden, als er versuchte, eine Barrikade zu entfernen.

Nach Angaben des Nachrichtenportals «G1», das Informationen der staatlichen Universität UFF und der App «Fogo Cruzado» (Kreuzfeuer) auswertete, die Daten über bewaffnete Gewalt sammelt, war dies die Polizei-Operation mit den meisten Toten in der Geschichte Rio de Janeiros. «Dies setzt einen langjährigen Trend unnötiger und unverhältnismässiger Gewaltanwendung durch die Polizei in Brasiliens armen, marginalisierten und überwiegend afro-brasilianischen Vierteln fort», sagte der Sprecher des UN-Menschenrechtsbüros Colville.

EDS NOTE: OBSCENITY - Youths protest a police operation targeting drug traffickers in the Jacarezinho favela of Rio de Janeiro, Brazil, Thursday, May 6, 2021. At least 25 people died during the operation, including one police officer and 24 suspects, according to the press office of Rio's civil police. (AP Photo/Silvia Izquierdo)

Jugendliche protestieren in Jacarezinho nach dem tödlichen Polizeieinsatz. Bild: keystone

Im Juli hatte der Oberste Gerichtshof in Brasília Polizei- Einsätze in Favelas während der Corona-Pandemie ausgesetzt. Diese sind nur in «absoluten Ausnahmefällen» erlaubt. Der Polizeibeamte Oliveira bezeichnete dies als «Justiz-Aktivismus» und versicherte, dass die Polizei alle Anforderungen des Gerichtshofs erfüllt habe.

«Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit»

Der am vergangenen Samstag ins Amt eingeführte Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Claudio Castro, ist ein Verbündeter von Jair Bolsonaro. Brasiliens rechter Präsident spricht sich dafür aus, dass Polizisten nicht juristisch belangt werden können, wenn sie im Einsatz Menschen töten. Er vertritt auch den weit verbreiteten Ausspruch «Nur ein toter Bandit ist ein guter Bandit».

Die Favela Jacarezinho gilt als einer der Stützpunkte des «Comando Vermelho» (Rotes Kommando) im Norden Rios, den dieses unter anderem mit Barrikaden schützt. Mächtige Verbrechersyndikate wie das «Comando Vermelho» und eine Reihe kleinerer Banden ringen in den Armenvierteln um die Kontrolle von Drogenhandel und Schutzgeldgeschäft. Der Polizeibeamte Curi warf dem Drogenhandel vor, Kinder zu rekrutieren. Die Operation habe sich auch dagegen gerichtet.

In keinem anderen Land der Welt kommen so viele Menschen bei Polizeieinsätzen ums Leben wie in Brasilien. Im Jahr 2019 töteten Sicherheitskräfte in dem südamerikanischen Land 5804 Menschen, wie aus einem Gewaltmonitor hervorgeht, der von «G1», dem Brasilianischen Forum für öffentliche Sicherheit und der Universität von São Paulo betrieben wird. In den USA erschossen Polizisten im Jahr 2019 1098 Menschen.

Die Verhältnisse sowie die Arbeitsbedingungen der Polizei in Europa lassen sich nicht mit denen in Brasilien vergleichen: Viele Armenviertel werden von schwer bewaffneten Drogenbanden kontrolliert. Rückt die Polizei in den Favelas ein, um einen Haftbefehl zu vollstrecken oder nach Rauschgift zu suchen, wird sie nicht selten mit Salven aus Sturmgewehren empfangen. Die Operationen in den Ganglands von Rio de Janeiro und São Paulo gleichen eher Militäreinsätzen als Polizeimassnahmen. (sda/dpa)

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Rio ist quasi pleite. Drogengangs machen sich dies zu nutze

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