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Provinciehuis Utrecht zijaanzicht, Provinzgebäude Utrecht
https://nl.m.wikipedia.org/wiki/Bestand:Provinciehuis_Utrecht_zijaanzicht.jpg

Das Provinzgebäude in der niederländischen Stadt Utrecht. Bild: Wikimedia

Kommentar

«Black Mirror» in Utrecht – so sieht die Vision eines «gesunden Wohnviertels» aus



Der Lokalpolitiker Cees Bos aus der niederländischen Stadt Utrecht wird etwas nervös, so schreibt er in einem Tweet. Grund für seine Nervosität ist ein Text, der in einer Ausstellung im Foyer des Provinzgebäudes hängt. Auf vier Tafeln skizziert dort die Provinzverwaltung Utrecht ihre Gedanken zum Wohnviertel der Zukunft. Bos hat den Text zum Thema «Gezonde wijk» («gesundes Wohnviertel») fotografiert und per Twitter verbreitet – und damit einen Sturm im Twitter-Wasserglas verursacht.

«Ich werde doch etwas nervös, wenn ich sehe, was @ProvUtrecht als Definition eines gesunden Wohnviertels verwendet. Brrr.... 🤔 Wenn das so weitergeht, ziehe ich nach Almelo um.» [Almelo ist ungefähr das Spreitenbach der Niederlande]

«Was den Leuten auffällt, ist die gesunde Energie, die man in diesem Viertel spürt», steht da. «Es ist hier grün, die Anwohner sind offen für Neues, fit und entspannt.» Klingt gut, könnte man sagen – und sich allenfalls fragen, ob es sich hier um eine Beschreibung oder eher um eine Anweisung handelt.

Pluspunkte für «soziales und gesundes Verhalten»

Dann erfahren wir, warum die Quartierbewohner so fit und entspannt sind: Autos sind nur in Ausnahmefällen willkommen, es gibt eine Schnellstrasse für Velos, die so intelligent konzipiert ist, dass man nie Gegenwind hat. Im Zentrum steht ein Sharing-System, das über eine eigene «Wijkshare App» läuft. Diese App speichert auch die «Social Credits» – Pluspunkte, die man durch «soziales und gesundes Verhalten» verdient und mit denen man Dienstleistungen bezahlt.

Und damit nicht genug: Wer viele Social Credits gesammelt hat, geniesst überdies mehr Einfluss im Quartier: Seine Stimme hat entsprechend mehr Gewicht bei den Entscheidungen darüber, wie das Viertel gestaltet werden soll. «Soziales Verhalten wird belohnt, aber auch gelehrt», verkündet der Text weiter. Alle Schüler der Orientierungsstufe absolvieren ein soziales Praktikum, bei dem sie mit einer Person im Rentenalter gekoppelt werden, mit ihr Ausflüge machen und so Punkte sammeln.

Im Quartier gibt es auch Begegnungsplätze. Ist jemand mit denselben Interessen in der Umgebung, erhält man eine Push-Nachricht. Stets sind Quartier-Coachs zur Stelle, um die «geistige und körperliche Fitness» der Bewohner zu verbessern. Der Text endet mit dem Satz: «Logisch, dass die Leute hier alt werden und lange wohnen bleiben.»

Ein Blick in die Ausstellung im Provinzgebäude.

Negatives Echo

Welcher Teufel mag nur die Beamten der Provinzverwaltung Utrecht geritten haben, als sie diesen Text absegneten? Nun gibt es ja gegen eine Veloschnellstrasse ohne Gegenwind wenig einzuwenden. Doch wesentliche Teile dieser optimistischen Zukunftsvision erscheinen bedeutend weniger «gesund», als es sich ihre Architekten vorstellen.

Nicht nur von rechts, wo man gleich zum rhetorischen Zweihänder greift und der Provinzverwaltung maoistische Tendenzen unterstellt, auch aus den Reihen der linksliberalen Partei D66 wird scharfe Kritik laut. Und auf Twitter ist das Echo so einseitig negativ, dass man schon fast Mitleid mit den braven Beamten bekommt.

Es fragt sich, in welcher Welt die Autoren dieses Texts leben. Wer sonst denkt beim Begriff «Social Credits» nicht sofort an die Bestrebungen der chinesischen Regierung, ihre Untertanen über ein «Social-Scoring-System» in die erwünschte Richtung zu lenken? Wer sonst fühlt sich nicht an die dystopische Netflix-Serie «Black Mirror» erinnert?

«Schau dir die Episode ‹Nosedive› aus der Serie ‹Dark Mirror› (SE3, E1) auf Netflix an und sieh, wohin das alles führt... »

abspielen

Den Sozial-Faktor messen: «Black-Mirror»-Episode «Nosedive». Video: YouTube/Worldie

Hoffen wir, der Gegenwind, der den naiven Zukunftsplanern von Utrecht nun aus Twitter-Kommentaren ins Gesicht bläst, möge ihren Eifer etwas kühlen. Auch wer nur vermeintlich Gutes im Sinn hat, kann sich irren. Oder Teil jener Kraft sein, die – in Umkehrung des Faust-Zitats – «stets das Gute will und stets das Böse schafft.»

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