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Löpfe vs Blunschi

Polit-Schlägerei in Cleveland – die Doppelanalyse des TV-Duells

In der chaotischen ersten Fernsehdebatte gingen Donald Trump und Joe Biden heftig aufeinander los. Man kann sich fragen: Braucht es solche Veranstaltungen wirklich?



Der grösste Boxkampf aller Zeiten fand am 30. Oktober 1974 in Kinshasa (damals Zaire, heute Demokratische Republik Kongo) statt. George Foreman und Muhammad Ali kämpften beim «Rumble in the Jungle» um den Weltmeister-Titel.

Die grösste Polit-Schlacht aller Zeiten hätte in der Nacht auf heute in Cleveland (Bundesstaat Ohio) über die Bühne gehen sollen. Im Vorfeld wurde die Debatte gar als möglicherweise entscheidend für den Wahlausgang am 3. November bezeichnet. Dieser Erwartung wurde sie in keiner Art und Weise gerecht. Die Debatte artete in eine chaotische Polit-Schlägerei aus.

BILDPAKET ZUM TOD DES BOXERS MUHAMMAD ALI --- In this Oct. 30, 1974 photo, referee Zack Clayton, right, steps in after challenger Muhammad Ali looks on after knocking down defending heavyweight champion George Foreman in the eighth round of their championship bout in Kinshasa, Zaire. Ali regained the world heavyweight crown by knockout in the eighth round of the fight dubbed

Beim «Rumble in the Jungle» knockte Muhammad Ali den vermeintlich stärkeren George Foreman aus. Bild: AP

Im «Rumble in the Jungle» wollte Foreman Ali ohne Rücksicht auf Verluste mit harten Schlägen k. o. schlagen. Er zählte darauf, dass er jünger und physisch stärker war. Deshalb griff er von Beginn weg kompromisslos an.

Dieselbe Taktik wandte auch Trump gegen Biden an. Er ging von der ersten Sekunde an bedingungslos in den Angriff, ignorierte die Fragen des Moderators Chris Wallace und unterbrach Biden nach Belieben. Dass es dabei eigentlich um die Themen Obamacare und Supreme Court ging, konnte der Zuschauer bestenfalls erahnen.

Wie seinerzeit Ali versuchte Joe Biden, die Schläge seines Gegners zu blocken und seinerseits gezielte Treffer anzubringen. Das gelang ihm zum ersten Mal in der Covid-19-Frage. Trump prahlte zum x-ten Mal damit, wie er angeblich «mehr als zwei Millionen Tote» verhindert habe, weil er die Einreise von Chinesen verboten habe.

«Hören Sie auf», entgegnete Biden. «Sie haben die Gefahr heruntergespielt, obwohl sie sie kannten. Sie haben behauptet, das Virus verschwinde magisch von alleine, und Sie haben den Menschen geraten, Desinfektionsmittel zu schlucken.»

Trump geriet kurz ins Stottern und versuchte Biden als «dumm» zu beschimpfen. Apropos stottern: Entgegen allen Befürchtungen hatte Biden keinen ernsthaften Versprecher zu verzeichnen. Es gelang Trump auch nie, ihn aus der Reserve zu locken. Die meisten rüpelhaften Angriffen wehrte Biden mit einem Lachen oder einem lockeren «Come on, man» ab.

Trumps Verhalten als «nicht präsidial» zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Er wollte die ganzen 90 Minuten lang nur eines: Biden einschüchtern und aus dem Tritt bringen. Zu diesem Zweck erfand er 300’000 tote Veteranen, die Biden auf dem Gewissen habe. Und er zoffte sich nicht nur mit dem ehemaligen Vizepräsidenten, er legte sich immer wieder auch mit dem Moderator an. Chris Wallace musste sich vorkommen wie ein Lehrer in einer Klasse von ungezogenen Schülern.

Selbstverständlich kam auch die Steuerfrage aufs Tapet. Moderator Wallace wollte von Trump eine Antwort auf den in der «New York Times» erhobenen Vorwurf, er hätte 2016 und 2017 bloss jeweils 750 Dollar Einkommenssteuer entrichtet. Trump behauptet darauf einfach, «er habe Millionen Dollar an Steuern» bezahlt und verwies zum zillionsten Mal darauf, dass seine Steuererklärung noch geprüft werde.

Trump spulte die erwarteten Vorwürfe herunter: Biden sei ein «Trojanisches Pferd» der Sozialisten, sein Sohn Hunter habe auf zweifelhafte Art Millionen verdient, und mit dem Green New Deal würden die Demokraten die amerikanische Wirtschaft zerstören und sogar Kühe verbieten.

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden gestures while speaking during the first presidential debate Tuesday, Sept. 29, 2020, at Case Western University and Cleveland Clinic, in Cleveland, Ohio. (AP Photo/Patrick Semansky)
Joe Biden

Biden verpasste Trump einige schwere Treffer. Bild: keystone

Biden verwies darauf, dass seine Pläne in Sachen Umwelt Millionen von gut bezahlten Jobs schaffen würden. Und was die Wirtschaft betreffe: Trump hinterlasse ein Land, das «schwächer und kränker» sei als vor seinem Amtsantritt.

Den zweiten schweren Treffer landete Biden in der Rassen- und Unruhefrage. Als Chris Wallace vom Präsidenten wissen wollte, ob er die Aktionen der weissen Herrenmenschen verurteilen würde, gab sich Trump unwissend. Und als ihm Biden als Beispiel die rechtsextreme Gruppe «Proud Boys» vorschlug, entgegnete Trump einzig zweideutig: «Stand back und stand by.» (Haltet euch zurück, aber seid wachsam.)

Im «Rumble in the Jungle» siegte Ali in der 8. Runde durch k. o. In der Polit-Schlägerei in Cleveland gab es keinen eindeutigen Sieger. Die Trump-Fans konnten sich am aggressiven Verhalten ihres Idols aufgeilen. Die Biden-Fans konnten erleichtert aufatmen, dass ihr Mann keine Schwäche zeigte und sich nicht aus der Ruhe bringen liess. Die Politexperten fragen sich derweil, ob zwei weitere Debatten dieser Art wirklich sinnvoll seien. Die Frage ist sehr berechtigt.

Die Noten für Trump:

Die Noten für Biden:

«Das war eine Schande»

Wolf Blitzer und Jake Tapper sind alte Hasen. Die beiden CNN-Veteranen haben viel erlebt. Nach der ersten Fernsehdebatte zwischen Präsident Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden in Cleveland aber waren sie fassungslos. Blitzer sprach von der «chaotischsten Debatte, die ich je erlebt habe». Für Tapper war sie «eine Schande».

Man kann sich fragen, wo die beiden die letzten vier Jahre waren. Oder hatten sie von Trump etwas anderes erwartet? Denn eines muss man dem Präsidenten zugutehalten: Er war ganz sich selbst. Ein empathieloser Narzisst, für den keine Schublade zu tief ist. Schon kurz nach Beginn ging er in den Nahkampf über, um Biden zu provozieren.

epa08707162 US President Donald J. Trump puts away a mask as he participates in the first 2020 presidential election debate at Samson Pavilion in Cleveland, Ohio, USA, 29 September 2020. The first presidential debate is co-hosted by Case Western Reserve University and the Cleveland Clinic.  EPA/MICHAEL REYNOLDS

Trump hatte auch gute Momente, etwa als er seine Maske hervorholte. Bild: keystone

Wie erwartet versuchte er, den Ex-Vizepräsidenten als Hampelmann der radikalen Linken zu verunglimpfen. Manche hatten im Vorfeld gebangt, der 77-jährige Biden werde unter den Trumps Schlägen zusammenbrechen. Zeitweise wankte er, doch er fiel nicht. Er sprach nicht immer klar (Biden war Stotterer), leistete sich aber keinen seiner gefürchteten Versprecher.

Stattdessen ging er selber zum Angriff über. Er bezeichnete Trump als Lügner, Clown und einmal ganz offen als Rassisten. Seine Regierungsbilanz sei verheerend: «Sie sind der schlimmste Präsident, den Amerika je hatte», schimpfte Biden. Die Suburbs kenne er nur, wenn er falsch abbiege. «Ich bin dort aufgewachsen», betonte der Demokrat.

Schwächen zeigte Biden, als die Debatte auf die Ausschreitungen am Rande der Black-Lives-Matter-Proteste zu sprechen kam. Trump gelang es zeitweise, ihn mit seinem Lieblingsthema «Law and Order» in die Ecke zu drängen. Dafür schaffte es Biden, seine Empathie zu zeigen und die Wähler persönlich mit Blick in die Kamera anzusprechen.

Er erinnerte an die mehr als 200'000 Corona-Toten und klagte, in Trumps Amtszeit sei das Land «schwächer, kränker, ärmer und entzweiter geworden». In der Corona-Krise sei es Milliardären wie Trump gut ergangen, «aber Ihr Leute zuhause, wie geht es Euch?». Damit spielte Biden auf Ronald Reagan an, der 1980 die Amerikaner fragte: «Geht es euch besser als vor vier Jahren?»

Donald Trump hingegen bekundete Mühe, sein Management in der Corona-Krise zu verteidigen. Er sprach von einer «China-Seuche» und beschuldigte Biden ziemlich unfundiert, er wolle das Land und die Wirtschaft «herunterfahren». Einen Tiefpunkt erreichte Trump, als er sich weigerte, sich klar von weissen Rassisten zu distanzieren.

Trump hatte seine guten Momente, etwa als er sich bei der Klimakrise eloquent verteidigte und einräumte, der Mensch habe «einen gewissen Einfluss» auf das Klima. Hingegen schreckte Trump nicht davor zurück, seinen Kontrahenten auf der persönlichen Ebene zu attackieren. Weil Joe Biden selbst wenig Angriffsfläche bietet, ging er auf dessen Sohn Hunter los und dessen angeblich lusche Geschäfte in China, Russland und der Ukraine.

FILE - In this Oct. 11, 2012, file photo, Hunter Biden waits for the start of the his father's, Vice President Joe Biden's, debate at Centre College in Danville, Ky. In 2014, then-Vice President Joe Biden was at the forefront of American diplomatic efforts to support Ukraine's fragile democratic government as it sought to fend off Russian aggression and root out corruption. So it raised eyebrows when Biden's son Hunter was hired by a Ukrainian gas company. President Donald Trump prodded Ukraine's president to help him investigate any corruption related to Joe Biden, now one of the top Democrats seeking to defeat Trump in 2020. (AP Photo/Pablo Martinez Monsivais, File)
Jill Biden,Beau Biden,Hunter Biden

Hunter Biden wurde wiederholt zur Zielscheibe von Trumps Attacken. Bild: AP

Er wusste, wie empfindlich Biden in familiären Dingen reagiert, doch der war auf den Angriff vorbereitet. Als Trump sagte, Hunter Biden sei wegen Drogenkonsums aus dem Militär geworfen wurde, gelang Papa Joe der vielleicht beste Moment des Abends: «Mein Sohn hatte ein Drogenproblem, aber er hat es überwunden, und ich bin stolz auf ihn.»

Insgesamt aber war es eine penible Debatte. Am Ende der chaotischen 90 Minuten konnte sich Trump einmal mehr nicht nicht zum Bekenntnis durchringen, das Ergebnis der Wahl zu akzeptieren. Mit von Faktencheckern widerlegten Behauptungen insinuierte er, die briefliche Stimmabgabe werde zu Betrug fühlen. Biden dagegen sagte auf die Frage, ob der das Ergebnis anerkennen werde: «Ja.»

«Die Biden-Anhänger werden erleichtert sein», meinte Wolf Blitzer. Das trifft besonders zu, weil viele Amerikaner dieses Jahr wegen Corona vorzeitig wählen werden und die nächste Debatte zwischen den beiden Kandidaten erst in zwei Wochen stattfinden wird. Blitzer allerdings zweifelte, ob es dazu kommen wird. Es wäre kein Verlust.

Die Noten für Trump:

Die Noten für Biden:

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