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«Impfplan seit 1978»: Wie das Schwellenland Chile zum Impf-Meister wurde

In Europa verlief der Impfstart schleppend, Länder wie die USA oder Israel impfen deutlich schneller. Auch Chile legte zuletzt einen Raketenstart hin. Was macht das Schwellenland anders?

Patrick Diekmann / t-online



Ein Artikel von

T-Online

Bei der globalen Verteilung von Corona-Impfstoffen gehen viele Entwicklungs- und Schwellenländer bislang leer aus. Die Vakzine sind knappes Gut, bislang haben vor allem reichere Länder Zugang zum Impfstoff – und damit einen Vorsprung im Kampf gegen die Pandemie. Schwellenländer wie Chile haben eigentlich keine gute Ausgangsposition im globalen Impfrennen, trotzdem konnte es einen Raketenstart hinlegen.

epa09016707 A person is vaccinated against COVID-19 in their vehicle, at the National Stadium in Santiago, Chile, 16 February 2021. Getting vaccinated against Covid-19 without getting out of the car is the new bet that the Chilean Government deployed this week in the capital and that will serve to inoculate hundreds of people.  EPA/ELVIS GONZALEZ

Eine Frau bekommt eine Corona-Impfung in ihrem Wagen in Santiago, 16. Februar 2021. Bild: keystone

Seit Dezember konnte Chile täglich immer mehr Menschen impfen und hat mittlerweile eine deutlich höhere Impfquote als alle EU-Staaten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Einerseits ging die chilenische Regierung grössere Risiken bei der Zulassung der Vakzine ein, anderseits wurde die Impfkampagne schnell und gut organisiert. Doch vor allem das Vertrauen in den chinesischen Impfstoff könnte sich am Ende rächen.

Herdenimmunität bis Mitte 2021?

Chile hat am 24. Dezember als eines der ersten Länder Lateinamerikas mit den Impfungen begonnen. Bis Montag erhielten mehr als zwei Millionen von insgesamt 19 Millionen Chilenen mindestens eine Impfdosis. Am 15. Februar hat Chile eine Impfquote von über 11 Prozent der Bevölkerung, zum Vergleich: In der Europäischen Union liegt die Impfquote bei über 5 Prozent, Deutschland liegt dabei ziemlich genau im Durchschnitt.

Die Regierung in Chile hat sich die ehrgeizigen Ziele gesetzt, bis zum 30. März fünf Millionen besonders gefährdete Menschen zu impfen und weitere zehn Millionen Menschen bis zum 30. Juni. Dann wäre eine Herdenimmunität erreicht. 

«Bereits seit 1978 gibt es einen nationalen und ‹stabilen› Impfplan.»

Enrique Paris

Der Fokus der chilenischen Impfkampagne wechselt im Februar von den Risikogruppen hin zu dem Personal in Schulen und Kitas. Gesundheitsminister Enrique Paris sagte am Montag, damit wolle die Regierung «Lehrern, Eltern und auch den Kindern Gewissheit verschaffen, dass sie im März freiwillig und sicher in die Schule zurückkehren können». Die Schulen in dem südamerikanischen Land waren im zurückliegenden Schuljahr wegen der Pandemie die meiste Zeit geschlossen.

Vor dem Schul- und Kitapersonal wurden über 80-Jährige sowie Mitarbeiter des Gesundheitssystems, der Feuerwehr und der Apotheken geimpft. Auch Chile wurde – gemessen an seiner Bevölkerungsgrösse – hart von der Pandemie getroffen. Bislang gab es über 780'000 gemeldete Erkrankungen bei knapp 20'000 Menschen, die mit einer Covid-19-Erkrankung verstorben sind. 

Was macht Chile besser?

Im Februar wurden in Chile die Impfzentren eröffnet, seither baut das Land seinen Vorsprung bei der Impfquote gegenüber den EU-Staaten aus. Nur Staaten wie Israel (76 Prozent), die Vereinigten Arabischen Emirate (51 Prozent), Grossbritannien  (23 Prozent) und die USA (16 Prozent) haben höhere Quoten – diese Länder haben aber früher mit den Massenimpfungen begonnen.

Für den chilenischen Impferfolg gibt es unterschiedliche Gründe:

Frühzeitige Massenbestellung

Chile hat frühzeitig mit der Bestellung von viel Impfstoff begonnen. Die Regierung Chiles hat Verträge über die Lieferung von insgesamt rund 36 Millionen Impfdosen mit Biontech/Pfizer, Sinovac, Johnson & Johnson sowie Astrazeneca geschlossen. Bestellungen wurden teilweise bereits Ende September aufgegeben.

Bislang sind allerdings nur das Vakzin von Biontech/Pfizer und der chinesische Impfstoff Coronavac zugelassen –  letzterer allerdings nur für 18- bis 59-Jährige freigegeben, weil Langzeitstudien zur älteren Generation fehlen. 

Zusammenarbeit mit China

Ein wichtiger Faktor der chilenischen Impfkampagne ist der Corona-Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinovac, dem Studien zwar Sicherheit, aber auch eine geringere Immunisierung bestätigen. Chile hat sich mit Sinovac auf die Lieferung von 60 Millionen Dosen über drei Jahre geeinigt. Damit ging die chilenische Regierung auch ein Risiko ein, weil noch unklar ist, inwieweit das Vakzin auch schwächere Corona-Verläufe verhindern kann.

Hinzu kommt, dass das chinesische Vakzin im Land gleichzeitig angewendet und erprobt wurde. Chile erhielt aus China bevorzugten Zugang zum Impfstoff, weil Sinovac zusammen mit der Päpstlichen Katholischen Universität von Chile eine Impfstoffstudie im Land durchführt. Auch das ist ein Risiko, das den Bevölkerungen vieler EU-Staaten nur schwer zu verkaufen gewesen wäre. 

Das chilenische Gesundheitssystem

Der letzte Grund für den chilenischen Impferfolg ist ein – vor allem im südamerikanischen Vergleich – gut finanziertes Gesundheitssystem, das ausserdem viel Erfahrung mit der Bewältigung von grossen Impfkampagnen hat. Dabei spielte die Immunisierung gegen Influenza-Typen in den letzten drei Jahrzehnten eine grosse Rolle.

«Bereits seit 1978 gibt es einen nationalen und ‹stabilen› Impfplan», sagte der chilenische Gesundheitsminister Enrique Paris der spanischen Tageszeitung El País. «In Chile wird niemand geimpft, ohne seinen Namen, seinen Personalausweis und den Impfstoff, den er erhalten soll, zu registrieren. So können wir genaue Statistiken führen.»

Auch deshalb gibt es in der chilenischen Bevölkerung auch eine allgemein hohe Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

Mehr Migranten kommen nach Chile

In jedem Fall sticht die chilenische Impfkampagne im südamerikanischen Vergleich heraus, in grösseren Ländern wie Brasilien oder Argentinien lösen die Corona-Impfungen eher Ärger und Chaos aus. Besonders Brasilien hat seine Impfkampagne zu spät vorbereitet, das unterfinanzierte Gesundheitssystem steht regelmässig kurz vor dem Kollaps. In Argentinien wurde der Einsatz des russischen Impfstoffes «Sputnik V» zum Desaster.

Der Andrang von Menschen, die aufgrund der schlechten Corona-Lage in ihren Herkunftsländern über chilenische Grenzen strömen, wird grösser. Nach der Ankunft Hunderter Migranten im Norden Chiles hat die Regierung nun zahlreiche Menschen abgeschoben. Am Mittwoch flog die Luftwaffe 86 Migranten nach Kolumbien und Venezuela aus, wie das Innenministerium mitteilte. 52 weitere Menschen wurden in Bussen nach Peru und Bolivien geschickt.

«Ihr Schicksal wird die Ausweisung sein.»

Rodrigo Delgado

«Das ist das erste Mal, dass wir an einem einzigen Tag so viele Menschen abschieben», sagte der chilenische Innenminister Rodrigo Delgado. «Das ist ein Zeichen für all jene, die darüber nachdenken, illegal ins Land zu kommen. Ihr Schicksal wird die Ausweisung sein.»

 Zuletzt waren in der kleinen Ortschaft Colchane an der Grenze zu Bolivien rund 1'600 Migranten eingetroffen. Die Menschen übernachteten auf Strassen und Plätzen, die örtlichen Behörden warnten vor einer humanitären Katastrophe. Bei den meisten Migranten handelt es sich um Venezolaner, die vor der wirtschaftlichen und politischen Krise in ihrer Heimat nach Peru geflohen waren. Wegen der schlechten Wirtschaftslage aufgrund der Corona-Krise waren sie nun über Bolivien weiter nach Chile gezogen.

Letztlich zeigt die Impfkampagne in Chile, dass ein gut finanziertes Gesundheitssystem, eine straffe Organisation von Impfkampagnen und der schnelle Erwerb von Impfstoffdosen der Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen die Pandemie sein kann. Dafür ging die chilenische Regierung allerdings auch Risiken ein, besonders in der Zusammenarbeit mit China. Ob sich das am Ende auszahlt oder vielleicht sogar rächt, muss sich noch zeigen. 

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