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In this March 26, 2020, photo, Serbian army soldiers patrol in Belgrade's main pedestrian street, in Serbia. In the ex-communist Europe and elsewhere, rulers are assuming more power while they introduce harsh measures they say are necessary to halt coronavirus spread. (AP Photo/Darko Vojinovic)

Armeeangehörige patrouillieren durch die serbische Hauptstadt Belgrad. Bild: AP

Wie Europas Armeen gegen den unsichtbaren Feind Corona mobilisieren

In etlichen Ländern kämpfen Soldaten an der Seite des Gesundheitspersonal gegen die Seuche. Doch ihre Möglichkeiten haben Grenzen.

Remo Hess, Brüssel / ch media



Die Bilder aus der norditalienischen Provinz Bergamo gingen um die Welt: Ein langer Konvoi aus Armeelastwagen transportiert hunderte von Toten ab, welche das Coronavirus gefordert hat. Die zivilen Behörden kamen mit der Arbeit nicht mehr nach. Das Militär musste einspringen.

epa08310516 Police and military checks at Central station during the coronavirus emergency lockdown, in Milan, Italy, 20 March 2020. Italy declared state of emergency lockdown against the Covid-19 Coronavirus pandemic. Countries around the world are taking increased measures to prevent the wide spread of the SARS-CoV-2 Coronavirus causing the Covid-19 disease.  EPA/MOURAD BALTI TOUATI

Italienische Soldaten am Bahnhof in Mailand. Bild: EPA

Aber längst nicht nur in Italien kämpft mittlerweile auch das Militär gegen das Virus. Faktisch befindet sich halb Europa im Kriegszustand. Neben der Schweiz haben etliche andere EU-Länder ihre Armeen mobilisiert. Französische Soldaten bauen im Elsass Feldlazarette. In Spanien desinfizieren Männer im Tarnanzug die Strassen, in Deutschland fliegt die Bundeswehr Covid19-Patienten in Krankenhäuser. Allein Grossbritannien hat 20'000 Soldaten auf Abruf. In Deutschland sind es bis zu 15000, in Polen 9000. Das Coronavirus ist auch ein Test für die Einsatzfähigkeit militärischer Strukturen, die in Europa in den vergangenen Jahren stiefmütterlich behandelt wurden.

Die britische Armee als mobile Suppenküche

In erster Linie machen die Soldaten das, was sie wie kaum eine andere Institution beherrschen: Sie organisieren den kurzfristigen Transport einer grossen Menge dringend benötigter Güter. In Grossbritannien zum Beispiel verteilt die Armee Essen an rund 1.5 Millionen besonders gefährdeter Menschen, die in striktem Hausarrest verharren müssen. Innert Tagen hat die britische Armee hat auch die Umwandlung eines Messegeländes in London in ein Notspital mit 4000 Betten umgesetzt.

epa08338935 Military personnel outside the Nightingale Hospital at the ExCel conference center in London, Britain, 02 April 2020. The temporary hospital is suppose to be ready to take care of coronavirus COVID-19 patients at the end of the week. Countries around the world are taking increased measures to stem the widespread of the SARS-CoV-2 coronavirus which causes the Covid-19 disease.  EPA/ANDY RAIN

Militärische Unterstützung auch in London. Bild: EPA

Eine weitere Rolle, die die Armee spielen kann, ist die Unterstützung des Gesundheitspersonals mit Militärärzten und -krankenschwestern. In den besonders betroffenen norditalienischen Städten Piacenza, Bergamo und Cremona werden Covid19-Patienten in provisorischen Armeekrankenhäuser gepflegt. Beim Mangel an Medikamenten und Schutzausrüstung kann die Armee zudem mit ihrem Not-Bestand einspringen. Die hierarchischen Befehlsstrukturen sorgen für Effizienz. Etwas, was im Chaos der Pandemie, wie es vielerorts auszubrechen droht, hochwillkommen ist.

Aber die Armeen kommen auch an ihre Grenzen. Ihr prinzipielles Geschäft ist der Krieg und nicht die Pandemiebekämpfung. Sie können den zivilen Behörden nur assistierend zur Seite stehen.

Über 100 Schweizer Armeeangehörige infiziert

Auch stellt die Organisation der Truppe eine Herausforderung dar. Eine enge Kaserne mit ihren Massenschlägen wird schnell zum Seuchenherd. Nicht nur in der Schweizer Armee, wo sich weit über hundert Armeeangehörige infiziert haben. Und auch die höheren Chargen sind nicht verschont: Der italienische Armeechef General Salvatore Farina und sein polnischer Amtskollege sind selbst an Covid19 erkrankt. Obwohl Soldaten jung und sportlich sind und damit nicht zur Risikogruppe gehören, schränkt das Virus die Einsatzfähigkeit der Armeen ein. Das «Defender 2020» Militärmanöver zum Beispiel, bei welchem knapp 30'000 amerikanische Truppen quer durch Europa hätten verschoben werden sollen, wurde im März vorzeitig beendet.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat die Staaten des Verteidigungsbündnisses erneut zu höheren Verteidigungsausgaben aufgefordert. (Archiv)

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnt vor eine Sicherheitskrise. Bild: AP

Die Nato-Schiffe im Einsatz gegen Schlepperbanden in der Ägais dürfen keine türkischen Häfen mehr anlaufen und die Beamten transatlantischen Verteidigungsallianz im Brüsseler Hauptquartier klemmen im Home-Office fest. «Oberste Priorität hat, dass aus der Gesundheitskrise nicht auch eine Sicherheitskrise wird», sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vergangene Woche. Dies auch im Hinblick auf die russische Armee, welche an der Nato-Ostflanke ihre Manöver trotz Corona unbeirrt weiterführt und die Reaktionsfähigkeit mit gezielten Luftraumverletzungen testet. Für Ärger sorgen zudem russische Desinformationskampagnen. So verbreitete ein vom Kreml-gesteuerte News Portal erst am Montag die Falschnachricht, der an Covid19 erkrankte britische Premier Boris Johnson müsse künstlich beatmet werden.

Gleichzeitig spielt Russland ein perfides Spiel mit inszenierten Hilfslieferungen. «From Russia with Love» («Von Russland mit Liebe») lautete die Mission eines russischen Konvois, der Ende März öffentlichkeitswirksam von einer italienischen Luftwaffenbasis in die norditalienische Stadt Bergamo fuhr. Allerdings stellte sich im Nachhinein heraus, dass der Grossteil des von den Russen gelieferten Materials nutzlos war. Die über 100 russischen Experten seien Spezialisten in chemischer und biologischer Kriegsführung anstatt Virologen gewesen, wie die Zeitung «La Stampa» berichtet.

epa08320863 A still image from a handout video footage release 25 March 2020 by the press service of the Russian defence Ministry shows an inscription 'From Russia With Love' visible on a box inside a Russian military transport plane which arrived at the Pratica di Mare Italian Air Force military airport some 30 km south-west of Rome, Italy. The fifteenth Russian IL-76 aircraft of the military transport aviation delivered special equipment, including respiratory devices and masks, and Russian military specialists to Italy to help the country to fight the pandemic COVID-19 disease caused by the SARS-CoV-2 coronavirus.  EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE / HANDOUT BEST QUALITY AVAILABLE HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

«From Russia with Love» – letztlich fast komplett nutzlos. Bild: EPA

(aargauerzeitung.ch)

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25Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • guby 10.04.2020 23:29
    Highlight Highlight Finde es halt doch ganz ok, dass man die Armee als Rückfallebene hat. Gehört sie reformiert? Sicher. Aber soo schlecht funktioniert sie auch wieder nicht.
  • GreendayBoy88 10.04.2020 22:14
    Highlight Highlight Schlechte Zeiten für GSOA und ähnliche Vereine
    • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 11.04.2020 04:40
      Highlight Highlight Die tun nun nichts, was der Zivilschutz nicht besser könnte.
    • BlankLordVader 11.04.2020 09:39
      Highlight Highlight @Antinatalist
      Ich bin im Zivilschutz und stehe aktuell wie viele andere auch im Dienst. Ich weiss nicht woher du weisst, dass wir nichts machen. Ich bin ehrlich gesagt stilz darauf, dass ich mithelfen konnte und durfte.
      Was in den WKs abgeht, hat jede Organisation selber zu verantworten. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass die WKs sinnvoll und ohne leerlauf gestaltet werden. Und ehrlich gesagt, würde ich behaupten, dass wenn ich auf meine Anfangszeit zurückschaue, dies auch geschafft haben.

      Die Armee würde ich trotzdem nicht abschaffen, auch sie macht ihre Arbeit gut.
    • 7immi 11.04.2020 10:53
      Highlight Highlight @antinatalist
      Sicherstellen der Patiententransporte mit Militärambulanzen, Logistikunterstützung mit LKWs, Aufbauen mobiler Spitäler mit eigenem Material, Beschaffung von Beatmungsgeräten, Unterstützung des Zolls, Unterstützung der Polizei, ...
      Welcher dieser Punkte übernimmt denn der Zivilschutz?
  • Stinkstiefel 10.04.2020 21:34
    Highlight Highlight Ich bin es jetzt schon leid, mich im nächsten WK wieder gewaltig zusammenreissen zu müssen, um den Kommandanten bei der Besprechung von Bedrohungsszenarien nicht schallend auszulachen. Zum Glück bald fertig!

    Wenn die Krise etwas gezeigt hat, dann dass wir bei der Aufgabenverteilung zwischen Zivilschutz und Armee gewaltig über die Bücher müssen.
    Die Armee wurde sinnvollerweise aufgeboten weil sie personell am besten aufgestellt ist, aber die Militär-Sanis haben in der RS geübt Sanitätszelte aufzustellen und Druckverbände anlegen, nicht die Unterstützung eines zivilen Spitals im Pandemiefall.
    • Pafeld 10.04.2020 21:58
      Highlight Highlight Komisch. Die Veterinäre bei der Armee lernen den Umgang mit Pandemien und effektive Seuchenbekämpfung. Die ABC-Trupps den Umgang mit biologischen Bedrohungen. Von denen hört man aber nichts. Die Armee war von der Schweinegrippe direkt betroffen (wir wurden in einer Nacht- und Nebelaktion zum Impfen gebracht) und zum handeln gezwungen. Und trotzdem sieht die Armee eine Pandemie nicht als Bedrohung.
      Offensichtlich sind die gängigen Bedrohungsszenarien wirklich nur Wunschszenarien, wie man gerne zum Einsatz kommen würde. Dritte Geige bei einer Pandemie zu spielen ist wohl zu langweilig.
    • Stinkstiefel 10.04.2020 22:25
      Highlight Highlight @Pafeld

      "Offensichtlich sind die gängigen Bedrohungsszenarien wirklich nur Wunschszenarien, wie man gerne zum Einsatz kommen würde."

      Danke, in einem Satz getroffen, was ich sagen wollte. Gemäss dieser Liste sind weder ABC noch Veterinäre aufgeboten.
      https://www.vtg.admin.ch/de/aktuell/coronavirus/ass-d.html

      Ich will einfach nicht hören, dass die Armee ihre Bestände zukünftig mit der Corona Pandemie rechtfertigt, wenn sie offensichtlich nicht in ihren Aufgabenbereich gehört. Das gehört zukünftig in den Zivilschutz und erfordert dort entsprechende Mannschaftsbestände und finanzielle Mittel.
    • henk 10.04.2020 22:38
      Highlight Highlight @leon1 ich muss da doch widersprechen. Neben den Sanitätern gibt es Spitalsoldaten, welche genau dazu ausgebildet werden, zivile Spitäler zu unterstützen und improvisierte Bettenstationen aufzubauen. Spitalsoldaten haben auch die Ausbildung zum Pflegehelfer absolviert und helfen in jedem WK zivilen Einrichtungen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Antinatalist ⚠ Lockdown-Fan-Club 10.04.2020 20:41
    Highlight Highlight Na, vielleicht hätte die Schweizer Armee das Virus längst besiegt, wenn sie diese tollen Flugis hätten kaufen dürfen. Päng, Päng, Päng. Alles hätten sie damit niederschiessen können. Päng. Päng!

    Die Armee gegen einen "unsichtbaren Feind". Diese Witzbolde. 😂
    • 7immi 10.04.2020 21:27
      Highlight Highlight @antinatalist
      Kampfflugzeuge bringen gleichviel gegen das Virus wie Ambulanzen gegen ein Flugzeug in einer Luftnotlage. Nichts. Dennoch sind beide Szenarien real und müssen durch die Reserve des Bundes (=Armee) abgedeckt werden. Und wie man sieht funktioniert das bestens.
    • Bene86 10.04.2020 21:28
      Highlight Highlight Ist jetzt doch noch schön, dass wir das Militär noch haben, gell.
    • Nach der Welle ist vor der Welle 10.04.2020 21:28
      Highlight Highlight Bleibt nur zu hoffen, dass den Armeen im Kriegsfall die Munition genau so schnell ausgeht wie dem Gesundheitswesen im Moment die Schutzmasken...
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