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«Freizeit Magazin Royale»: Wenn Klatschblatt-Verleger selbst die Headlines zieren

Böhmermann macht die Jäger zu Gejagten: Die Köpfe der grossen deutschen Klatschpresse-Konzerne prangen auf der satirischen Version seines neuen Schmierblättchens. Das finden wiederum die von den reisserischen Schlagzeilen erstmals selbst betroffenen Bauer- und Burda-Familienmitglieder nicht ganz unproblematisch.



Die Grenzen des guten Geschmacks sieht man ja immer gern da verletzt, wo sie über die eigene Haustüre hinaus mitten ins Innere, ins Kernstück, ins Herz gehen.

Zumindest scheint das die Ansicht des deutschen Verlagshauses Hubert Burda Media zu sein. Dort nämlich, so weiss das Branchenportal «Übermedien», ist man über Jan Böhmermanns jüngsten Wurf nicht gerade amüsiert:

«Die Satire-Sendung mit Jan Böhmermann im ZDF lebt von der Provokation, vom Übertreiben weit über die Grenzen des guten Geschmacks. Der Komödiant geniesst Narrenfreiheit, und deswegen kommentieren wir seine Geschichten in der Öffentlichkeit nicht [...]»

Kay Labinsky, Chief Publishing Officer Popular von Hubert Burda Media via übermedien

Der Moderator der Satiresendung «ZDF Magazin Royale» hat vergangenen Samstag nämlich ein etwas anderes Klatschheftchen herausgegeben: Im «Freizeit Magazin Royale» finden sich für einmal keine Promis mit ihren haarsträubenden Skandalen, Schock-Geständnissen und dunklen Geheimnissen, sondern diejenigen, die für jene reisserischen und oftmals schlicht lügnerischen Schlagzeilen verantwortlich sind.

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Wenn die Jäger zu Gejagten werden: Das in einmaliger Auflage erschienene Satire-Heftchen «Freizeit Magazin Royale» von Jan Böhmermann. bild: screenshot youtube

Die Häuser, auf die Böhmermann abzielt, sind die der richtig grossen deutschen Medienkonzerne, von Bauer Media Group, Hubert Burda Media, Funke Medien Gruppe und dem Alles Gute Verlag.

Kein Schumacher also, und auch keine Corinna, die sich mit Schirmen und Decken gegen die Drohnen vom «Neuen Blatt» wehrt, damit diese nicht durch die Fenster hinein in ihr Haus fotografieren für eine Doppelseite in ihrem Schmierheftchen.

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400 Titelgeschichten seien seit Schumachers Skiunfall vor sieben Jahren in deutschen Klatschblättern erschienen – und dies, ohne dass er je auch nur ein einziges Interview gegeben hätte. bild: screenshot youtube

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Natürlich lässt sich auch aus dem verzweifelten Versuch einer Frau, ihre Privatsphäre im eigenen Haus zu schützen, noch eine Story schreiben ... bild: screenshot youtube

Nein, in Böhmermanns «Freizeit Magazin Royale» bekommt Ivonne Bauer, Verlegerin und Erbin des Bauer-Imperiums, ihre ganz eigene, hoch dramatische Schlagzeile:

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Wer aus einem komatösen Rennfahrer Profit schlägt bekommt von Böhmermann «Schreckliche Hirntod-Unterstellungen». bild: instagram/janböhmermann

Für den Wahrheitsgehalt seines Magazins stehe er mit seinem Namen ein, sagt Böhmermann. Schliesslich wird dieser auch von den Damen und Herren des deutschen Klatsch-Universums immer wieder gern beschworen.

«Faktencheck ist bei uns, wie überall in der Branche, journalistischer Alltag.»

Yvonne Bauer, Erbin und Verlegerin der Bauer Media Group

Schlagzeile: «Prinz William – Schock zum 38. Geburtstag! Wird er seine Lieben nie wieder sehen?»

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Inhalt des Artikels: «Prinz William trägt manchmal eine Brille.» Und offensichtlich tut er das manchmal auch nicht! bild: screenshot youtube

Schlagzeile: «Helmut Kohl – Lebendig eingemauert: Alles über die schreckliche Tragödie»

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Inhalt des Artikels: «Maike Kohl-Richter liess sogar einen meterhohen Sichtschutz errichten.» Um sich und ihren kranken Mann, by the way, von den Zudringlichkeiten der Klatsch-Reporter zu schützen. bild: screenshot youtube

«Wir garantieren tatsächlich den Wahrheitsgehalt dessen, was wir transportieren. Also das ist eine garantierte Qualität der Information.»

Philipp Welte, Vorstand Medienmarken National der Hubert Burda Media Holding Kommanditgesellschaft

Was Klatschblätter wie die «Prima Freizeit» oder «Das Neue» aber vor allem transportieren, sind im besten Fall Gerüchte, im Normalfall konstruierte Dramen aus komplett langweiligen Tatsachen und im schlechtesten Fall Lügen.

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Auch Böhmermann garantiert den Wahrheitsgehalt seines Klatschheftchens «Freizeit Magazin Royale» ... Hier Philipp Weltes Headline. bild: instagram/janböhmermann

Im Grunde kann man sich in Klatschspalten bloss auf eins wirklich verlassen: Je mehr von einer «zuverlässigen Quelle» die Rede ist, desto unzuverlässiger ist sie.

Im Hause Burda beharrt man dennoch auf der Qualität seiner Produkte und ist «stolz» drauf. Für Kay Labinsky, Chief Publishing Officer Popular von Hubert Burda Media, basiert die Treue ihrer Leserinnen und Leser dann auch auf der «Glaubwürdigkeit ihrer redaktionellen Arbeit».

Und ja, es mag tatsächlich sein, dass manch ein Leser glaubt, was er da liest. Vom Hauch der Autorität dazu verführt, das ein gedrucktes Magazin noch immer zu verströmen vermag. Doch bei näherer Betrachtung steigt einem schnell der Gestank einer nicht gewissenhaften Berichterstattung, ja gar eines klar kalkulierten Rechtsbruchs in die Nase.

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Die «Freizeit Woche» der Bauer Media Group hatte im Juni 2014 ein Interview mit Sandra Bullock erfunden. Die Mitarbeiterin selbst behauptete, es von einem englischen Kollegen übernommen zu haben, doch sie konnte nicht sagen, wer dieser Kollege war. Die Unterlagen dazu habe sie nicht finden können, weil sie gerade umgezogen sei und die Kisten noch nicht ausgepackt habe. bild: screenshot youtube

Und solange es sich lohne, Interviews zu erfinden – wie es mit Roger Moore oder Sandra Bullock geschah –, solange würden die Klatschblätter damit weitermachen, sagt auch der Medienrechtsanwalt Dr. Christian Schertz.

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Wenn Gerichte dir die Schlagzeilen verbieten ... So sehen die Online-Versionen deutscher Klatschblätter aus. Natürlich sind die persönlichkeitsverletzenden Geschichten längst gedruckt, bis ein Gericht sein Urteil spricht ... bild: screenshot youtube

Ironischerweise wittert man nun wiederum bei der Bauer Media Group einen Rechtsbruch vonseiten Böhmermanns und seines «Freizeit Magazin Royale». Denn dort erachte man Satire zwar als «richtig und wichtig», allerdings finde man es «besorgniserregend, dass das ZDF offensichtlich die rechtlichen Grenzen seines Rundfunkauftrags verlassen hat, indem es mit Rundfunkgebühren eine neue Print-Zeitschrift publiziert.»

Eine Grenzüberschreitung des öffentlich-rechtlichen Auftrags also?

Beim ZDF weist man den Vorwurf mit dem Hinweis zurück, dass das «Freizeit Magazin Royale» auf eine Einzelausgabe beschränkt und eine Begleitpublikation des ZDF Magazin Royale vom Freitag sei – und damit «gemäss Medienstaatsvertrag» veröffentlicht.

Die mit dem Satireheftchen erzielten Gewinne würden zudem in ein gemeinnütziges Projekt fliessen, das sich für die Stärkung von Medienkompetenz in Print und Internet einsetzt.

Hier geht's zu Böhmermanns komplettem Beitrag:

abspielen

Video: YouTube/ZDF MAGAZIN ROYALE

(rof)

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