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epa08485069 A handout photo made available by the Turkish President Press office shows Turkish President Recep Tayyip Erdogan looks from window of his helicopter before an opening ceremony of Istanbul Airport's third independent runway, airport mosque and state house in Istanbul, Turkey, 14 June 2020.  EPA/TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan zeigt seine Muskeln und lässt das Kurdengebiet in Nordirak bombardieren. Bild: keystone

Operation «Tigerpranke»: Erdogan bombardiert Nordirak – 4 Dinge, die du dazu wissen musst

2014 ermordete die Terrormiliz «Islamischer Staat» tausende Jesidinnen und Jesiden. Die Bilder des Völkermords an der religiösen Minderheit gingen um die Welt. Sechs Jahre später wirft die Türkei über dem Jesiden-Gebiet Bomben ab.



Das türkische Militär wirft wieder Bomben auf fremdes Staatsgebiet ab. Seit Wochen führt Präsident Recep Tayyip Erdogan erneut einen aggressiven Kurs gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK. Seit einer Woche wird mit der Offensive «Adlerkralle» und «Tigerpranke» das Kandil- und Sinjar-Gebirge im Nordirak schwer unter Beschuss genommen. Auf dem Gebiet leben auch tausende Jesiden, die 2014 vor der Terrormiliz Islamischer Staat geflohen waren. Ein Überblick in vier Punkten.

Was passiert gerade?

Am Montag, 15. Juni schrieb das türkische Verteidigungsministerium auf Twitter: «Die Operation Adlerkralle hat begonnen. Unsere Flugzeuge bringen die Höhlen über den Köpfen der Terroristen zum Einstürzen.» Das war der Startschuss für Luftangriffe der türkischen Streitkräfte in den Kandil-Bergen und in der Region Sinjar beides im Nordirak gelegene Gebiete. Als offizielles Ziel gab die türkische Regierung 80 Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK und ihre Verbündete an. Während im Nordirak die Bomben fielen, zeigte sich Verteidigungsminister Hulusi Akar in den Sozialen Medien im Kommandoraum in Siegerpose.

Den Luftangriffen voraus gingen zunehmende Gefechte zwischen der PKK und türkischen Streitkräften in der Südosttürkei. Der Konflikt ist jahrzehntealt. Nachdem ein Waffenstillstand im Sommer 2015 scheiterte, fliegt das türkische Militär wieder regelmässige Angriffe gegen die PKK im Nordirak und in der Südosttürkei. Die PKK ihrerseits reagiert mit Vergeltungsschlägen.

Das von der türkischen Offensive betroffene Gebiet im Nordirak

Grafik Karte Türkei, Syrien, Irak und Iran

grafik: lea senn

Auf Operation «Adlerkralle» folgte die Offensive «Tigerpranke». Nach «intensivem Artilleriebeschuss» habe man mit dem Einsatz von Bodentruppen begonnen, liess das türkische Verteidigungsministerium am Mittwoch ausrichten. Eingesetzt würden nebst den Kommandos auch Jets, Hubschauber und Drohnen. Parallel zum Militäreinsatz wurde der Druck auf die Kurden auch innerhalb der Türkei erhöht. Mehrere Bürgermeister der kurdisch-demokratischen Partei HDP wurden des Amtes enthoben. Zwei Parlamentarier verhaftet. Ein Protestmarsch gegen die militärische Offensive in Nordirak wurde von türkischen Polizisten niedergeschlagen.

Wer sind die Jesiden?

Von der Militäroffensive im Nordirak betroffen sind auch die Umgebungen des Flüchtlingslagers Machmur und Sinjar. Laut Aussagen des türkischen Präsidents Erdogan dienen sie als PKK-Basis. Tatsächlich aber steht die Gegend unter dem Schutz der Vereinten Nationen und bietet 12'000 kurdischen und jesidischen Flüchtlingen Schutz. Im Lager von Sinjar leben viele Jesidinnen und Jesiden, die darauf warten, in ihre Heimat der Sinjar-Berge zurückkehren zu können.

Seit sechs Jahren sind die Jesiden auf der Flucht. Die Bilder von damals gingen um die Welt. Im August 2014 überfiel die Terrormiliz «Islamischer Staat» das Hauptsiedlungsgebiet der religiösen Minderheit in Sinjar und verübte einen Völkermord an der Bevölkerung. Laut den Vereinten Nationen wurden bis zu 5000 Jesiden ermordet, bis zu 7000 Frauen und Kinder entführt, versklavt und vergewaltigt. Den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG und YPJ) gelang es, 10'000 Jesidinnen und Jesiden das Leben zu retten, in dem sie einen Korridor zum Sinjar-Gebirge freikämpften.

epa07754838 Yazidi ethnic mourner Dyana Faisal 22 years old in (C) cries for her dead family members infront of images of victims, during the fifth anniversary of Yazidi genocide by (IS), in Baadre 25 km south east of Duhok Kurdistan region in Iraq, 03 August 2019, for those who were killed by Islamic state (IS) in Kocho village in Sinjar. Most of Yazidi ethnic population were prepoted to have been kidnaped or killed by Islamic state (IS) group during their control on Sinjar town in 2014. The Kurdish northern Iraq is home to the Yazidi religious minority who was attacked and expelled by the Islamic State (IS) militia group in 2014. Hundreds of people were taken hostages then, including women used as sex slaves and as gifts between the militia fighters.  EPA/GAILAN HAJI

Jesidische Frauen trauern am fünften Jahrestag des Völkermordes. Bild: EPA

Der Völkermord an den Jesiden durch den IS bildete den Höhepunkt an Gräueltaten an der ethnisch-religiösen Minderheit. Die Geschichte der Jesidinnen und Jesiden ist eine Geschichte der Verfolgung. Deswegen reisst die jetzige Militäroffensive der Türkei noch nicht verheilte Wunden wieder auf. Die Autorin und Filmemacherin Düzen Tekkal, eine jesidische Deutsche, sagt: «Die Jesiden sitzen noch immer in ihrem Schmerz des Völkermords vor sechs Jahren. Dieser ist bis heute nicht aufgeklärt und die Täter laufen nach wie vor unbekümmert und frei herum», sagt sie.

Tekkal reiste mehrfach in das nordirakische Krisengebiet, um den Völkermord an den Jesiden zu dokumentieren. «Die Bilder von damals brannten sich im Gedächtnis fest. Vor dieser Tatsache müsste eigentlich allen klar sein, was die Luftangriffe für die Jesiden bedeuten», so Tekkal. Für die Jesiden sei das Sinjar-Gebiet mehr als eine Heimat. «Es ist unsere Erde, der Ursprung des Jesidentums. Wir sind keine Schriftbesitzer, darum sind wir auf diesen Ort angewiesen.»

Gerade deswegen sei es für Tekkal so unbegreiflich, wie nun ausgerechnet die Sinjar-Region geopolitisch verhandelt werde. «Dort sind der Iran, Russland, die USA und die Türkei. Grossmachtfantasien sind wichtiger als religiöse Minderheiten.» Die Jesidinnen und Jesiden würden zum Spielball der unterschiedlichen Akteure gemacht. Tekkal sagt: «Dieses Mal ist es nicht die Mödertruppe des IS, die dort einmarschiert, sondern ein Nato-Bündnispartner. Und das wird von der internationalen Gemeinschaft einfach so hingenommen.»

Was will Erdogan?

Präsident Erdogan sagt, die PKK habe in den vergangenen Monaten wieder mehr Angriffe gegen türkische Sicherheitskräfte, vor allem der Polizei, geführt. Dies von ihrem Rückzugsgebiet im Nordirak aus. Die Operation sei durch das internationale Recht zur Selbstverteidigung gedeckt. Die Truppen würden «die PKK und andere Terroristen», welche die Sicherheit der Türkei gefährdeten, «neutralisieren».

Ausgestattet mit einem Mundschutz trifft Präsident Recep Tayyip Erdogan zur Einweihung eines neuen Krankenhauses in Istanbul ein. Foto: Can Erok/DHA/AP/dpa

Das Coronavirus hat der ohnehin schon angeschlagenen türkische Wirtschaft nicht gut getan. Bild: sda

Maurus Reinkowski, Nahost-Experte an der Universität Basel, sagt, es sei derzeit schwierig, die genaue Absicht von Erdogan zu beurteilen. «Militärinterventionen auf irakisches Gebiet haben immer wieder stattgefunden und gehören zum festen Repertoire der Türkei gegen die PKK.» Wahrscheinlich sei, dass es für die Angriffe auch innenpolitische Gründe gebe. Die ökonomischen Probleme in der Türke seien sehr gross. «Militärische Offensiven helfen, die nationale Solidarität im Land einzufordern», so Reinkowski.

Was sagt die internationale Gemeinschaft?

Die Arabische Liga und der Irak haben die Offensive öffentlich verurteilt. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Ahmad Abu al Ghaith, sprach von einem Angriff auf die Souveränität des Iraks. Der irakische Generalstab spricht angesichts der Verletzung des irakischen Luftraums von einer Provokation. Er verurteilte zudem die Bombardierung der Flüchtlingslager Machmur und Sinjar.

Die EU und die Nato haben sich bisher nicht zu den Angriffen geäussert.

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