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Alexander Skarsgard («True Blood»-Beau) beim Nacktlesen in Åre, Schweden. bild: nudeblog

Ob nackt oder nicht, diese circa 37 Bücher (mit eurer Hilfe 1000!) machen den Sommer richtig geil

Strandlektüre, die ihr aber auch ungeniert lesen dürft, wenn ihr nicht am Strand seid.



Drogen sind zu loben

Zumindest die Drogen der anderen. Was für grossartige Bücher da doch entstehen! Hier mal drei Lieblinge, viele weitere finden sich in Listen wie The 15 Junkiest Books About Drugs You'll Ever Read oder High Literature: 24 Mind-Expanding Drug Novels. Beginnen wir mit Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie «Panikherz»: Magersucht trifft auf Kokssucht, Stucki sucht Zuflucht in diversen Kliniken, bei noch mehr Koks, zerstört (Schweizer) Hotelzimmer, wird schliesslich gerettet von Udo «Jesus» Lindenberg. Bei aller Tragik sehr, sehr lustig, toll erzählt, und: ein Buch mit einem grossen, wunden, liebenswürdigen Herzen. Total geile 564 Seiten. Der Autor kann gewaltig nerven, sein Buch tut es null.

«Valley of the Dolls» von Jacqueline Susann ist ein Schlüsselroman der Sixties, drei New Yorker Beauties (Models und so) ernähren sich von Tabletten und Alkohol, Glam-Trash par excellence, dagegen ist «Sex and the City» ein Schlaflied für Babys. Und hier der dazu passende Klassiker, nämlich «The House of Mirth» von Edith Wharton: Junge New Yorker Society-Beauty um 1900 kennt nichts anderes als Luxus, der geht flöten, sie nimmt viele, viele Schlaf- und andere Suchtmittel, Abstieg, Gosse, irrsinnig schön verfilmt übrigens mit «X Files»-Meisterin Gillian Anderson (beide Bücher gibt's nur auf Englisch für Kindle).

Weil er von uns ging 

Markus Werner, dieses Schaffhauser-Schreibtalent, ist eben erst gestorben. Und viele Leute haben in ihren Nachrufen geschrieben, «Am Hang» sei Werners bester Roman. Er ist tatsächlich wunderbar. Aber unvergessen soll auch sein erstes Buch bleiben: «Zündels Abgang». Darin verbringt der Lehrer Konrad Zündel seine Ferien allein in Genua, weil seine Frau gerade genug hat von ihm. Er geniesst den ehrlichen Schmutz, den Unrat der Menschen, der so unverpackt daliegt und stinkt. Vielleicht, weil ihn der Gestank an sein eigenes Leben erinnert. Er trinkt viel und schreibt seine wirren, dunklen Gedanken in sein Tagebuch. Es ist der Alltag, der ihn langsam auffrisst, die Repetition des immer Gleichen. Als er heim kommt, kahlgeschoren und verwirrt, erklärt man ihn für verrückt.

Englands lustigste Bücher

Grob geschätzt tausend Jahre nach den ersten beiden Filmen geht es im Herbst weiter mit «Bridget Jones» im Kino. Aus Nostalgie empfehlen wir hier die ersten beiden BJ-Bücher von Helen Fielding (nicht das dritte mit dem Titel «Bridget Jones – Verrückt nach ihm»! Es ist Mist!), also «Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück» und «Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns». Beide gut gealtert und such sweet fun.

Übrigens: Wer nach einem männlichen Pendant zu Bridget Jones sucht (ebenso verhühnert, stur und britisch), auf den warten noch sämtliche acht «Adrian Mole»-Tagebücher von Sue Townsend, «verfasst» zwischen dem dreizehndreiviertelsten und dem nachneunundreissigsten Jahr des Protagonisten. Auf Englisch alle auch für Kindle, auf Deutsch leider bloss zwei. Die Adrian-Mole-Diaries gelten übrigens als «Englands lustigste Bücher». Direkt vor «Bridget Jones» (Platz 2) und «The Hitchhiker's Guide to the Galaxy» von Douglas Adams (Platz 3).

Von Sue Townsend ist eh alles super, deshalb seien hier auch noch «Downing Street Number 10» (der Premier mischt sich inkognito unters Volk), «Die Frau, die ein Jahr im Bett blieb» (der Titel sagt alles) und «The Queen and I» (die Monarchie wird abgeschafft, die Royals müssen in den Sozialbau) wärmstens empfohlen.

Englands düstere Beute

Wo wir grad bei Brexit-Country und lustig sind: Hilary Mantel, die für «Game of Thrones»-mässige Historienromane über das grausige alte England («Wölfe», «Falken», «Brüder») weltberühmt ist, hatte 2014 Riesenärger, weil sie in einer Kurzgeschichte einen Sniper auf Margaret Thatcher ansetzte. Nachzulesen im Band «The Assassination of Margaret Thatcher» (erst auf Englisch) und leider grossartig wie auch die andern Kurzgeschichten. Auch auf Deutsch gibt es ganz neu «Jeder Tag ist Muttertag («Mother's Day»), einen sensationell schrägen, frühen Mantel-Roman über eine crazy Tochter und ihre noch viel craziere Mutter, die in einem Spukhaus hausen.

Bella Italia

«Am Strand» heisst Cesare Paveses Sommerbuch, in dem sich sechs Personen an der Riviera tummeln. Verstrickungen, Andeutungen, Verwechslungen. Spektakulär ist das Buch, weil es vom absoluten Trauerkloss der italienischen Literatur geschrieben wurde. Der Mann mit dem längsten Stock im Arsch. In allen anderem Büchern geht es um Selbstmord. Und auch Pavese hat sich am Ende umgebracht. Aber davor hat er dieses leichte, sehr lustige Buch geschrieben. 

Der charmanteste Halb-Isländer Berlins

Sein Vater ist Isländer! Wahrscheinlich so ein richtiger «Hu!»-Isländer! Und dann heisst er auch noch Magnusson, Kristof Magnusson! Also, dieser Kristof Magnusson lebt in Berlin, soll irsinnig nett sein, sagen alle Berliner, und will nichts anderes als unterhaltsame Romane schreiben, wofür wir ihm extrem dankbar sind. Und womit er ein Bestseller-Autor wurde. Seine Besteller heissen zum Beispiel «Das war nicht ich» (Bestsellerautor in der Krise sucht in Amerika das Glück) und – ganz neu – «Arztroman» (Leben und Lieben einer Berliner Notfallärztin). Sympa, angenehme Page-Turner.

Bitz Kulturgeschichte für Zwischendurch

Wir behaupten, es ist das gescheiteste Buch, das je geschrieben wurde: Die «Kulturgeschichte der Neuzeit – Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg» (1931) von Egon Friedell. Ein Mann, der mit seinem Künstlergeist an die Geschichte herantritt und sie in jedem Satz gnadenlos subjektiv bewertet. Hier wird nicht dauernd relativiert, hier wird pausenlos geurteilt. Das tut gut und ausserdem darf Friedell das, weil er den Jahrhunderten mit seinen scharfen Augen in die Seele gucken kann. Und weil er gleichzeitig originell ist. Seine Sätze sind so schön, dass man sie mit Gold einrahmen und an die Wand hängen will. 

Ein weiteres Schmuckstück aus der Kulturgeschichtskiste ist Stephen Greenblatts «Die Wende – Wie die Renaissance begann» (2013, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet). Der Harvard-Literaturwissenschaftler erzählt darin von Lukrez' Lehrgedicht «De rerum natura», von dessen langer Reise durch die Jahrhunderte. Es ist die Geschichte eines freien Denkens, das nicht abzutöten ist. Auch nicht durch die Kirche. Es sind die unerhörten Gedanken eines römischen Dichters über die Natur der Dinge, die Basis der modernen Welt, in der der Mensch glücklich sein kann – ohne die Furcht vor Göttern und vor dem Tod. Greenblatt vertritt darin die schöne These, dass ein einzelnes Buch den Lauf der Geschichte verändern kann.

Hitchcock-Style

Wir beten sie an, die Nerds, die seit einem halben Jahr dabei sind, alle Krimis und Psycho-Gesellschafts-Romane von Margaret Millar für Kindle aufzubereiten (im August und September kommen ganz viele neue hinzu!). Bisher alles erst auf Englisch, liest sich aber superleicht und extrem gut. Wer Hitchcock mag, wird ausflippen! Die vorwiegend in den 50er- und 60er-Jahren entstandenen Romane platzen fast vor Style, vor gespenstischen Kleinstädten in denen plötzlich schöne, fremde Mädchen auftauchen, vor unheimlichem Telefonterror, gefährlichen Küsten und Küssen und, und, und. Auf Englisch eine abgründige Fundgrube. Deutsch auch für Kindle erhältlich sind «Liebe Mutter, es geht mir gut ...» («Beast in View»), «Ein Fremder liegt in meinem Grab» («A Stranger in My Grave»), «Die Feindin» («The Fiend»).  

Weil Wien <3 

Aus Wien kommen immer wieder tolle Sachen. Im Moment ist das Robert Seethaler. Und zwar gleich drei Romane von ihm: «Die weiteren Aussichten», «Der Trafikant» und «Ein ganzes Leben». Im ersten geht's um einen Typen, der einen unsäglich unproportionierten Körper hat und mit seinem Goldfisch und seiner Mutter eine Tankstelle betreibt. Und dann radelt ihm eines Tages seine grosse Liebe mitsamt ihren feisten Schenkeln ins Leben. Absurd, wunderbar lustig erzählt und auch auf eine sehr erträgliche Art romantisch. 

«Der Trafikant» handelt vom schlichten Franz, der in Wien eine Lehre als Tabaktrafikant antritt, während Hitler Österreich ans Deutsche Reich anschliesst. Der alte und kranke «Deppendoktor» Sigmund Freud ist sein Kunde. Vieles versteht Franz am Anfang nicht, seine Freunde verschwinden plötzlich. Und am Ende geht auch er.

«Ein ganzes Leben» ist die harte Geschichte eines Bergbewohners, der nicht viel mehr auf den Weg mitbekam als Schläge. Und die ziehen sich auch bis in sein Erwachsenenleben hinein. Gemeinsam mit viel Armut, Elend und Leichen. Doch Andreas Egger erträgt alles still. Und dann trifft er die Liebe in Gestalt der Kellnerin Marie, die nach Schweinebraten riecht. Doch eine Lawine nimmt sie ihm sofort wieder. Und er erträgt auch das wieder still. Eine wundervoll erzählte Geschichte über einen schlichten Mann, der nie etwas vom Leben erwartet hat und auch nichts bekommt. Das alles, ohne sich zu beschweren. 

Dick und dünn

Juli Zeh hat ja 2014 mit dem unheimlichen Taucher-Roman «Nullzeit» schon sowas wie den ultimativen Thriller für den problematischen Paarurlaub geschrieben. Mit 256 Seiten war das ein dünnes Buch. Jetzt folgt ein total Dickes: «Unterleuten», 640 Seiten über ein Provinzkaff, dessen Bewohner einander und ein paar ausgestiegene Berlin-Hipsters bis aufs Blut quälen. Da findet jeder zwischen 20 und 70 seine Identifikationsfigur.

Wo wir schon bei dick und dünn sind: Wie macht Ruth Schweikert das bloss! Da bändigt sie ein fettes Schweizer Familienepos mit mehreren Generation und Geschichten auf schlanken 272 Seiten! «Wie wir älter werden» ist grosse, total fesselnde Erzählkunst, wir haben das in nur einer (langen) Lesenacht verschlungen.

Klassiker, die man wirklich, wirklich lesen muss, weil sie dermassen saumässig gut sind

Die Hauptfigur in Stendhals «Die Kartause von Parma» ist der unsympathischste Typ der Welt. Fabrizio del Dongo. Im idiotischen Klang ist schon der gar nicht mal so subtile Hohn Stendhals zu erkennen. Ein adliger Mailänder, der davon träumt, an der Seite Napoleons zu kämpfen. Er gelangt nach Waterloo, wo er so erschüttert ist vom wilden Kampfgeschehen, dass er sofort eine Flasche Schnaps trinkt. Kurz darauf reitet Napoleon vorbei, aber leider ist er zu besoffen, um es zu bemerken. Die Tragik des Lebens als lächerliche Komödie. Das schönste Buch überhaupt, sagt Walter Benjamin. Und Stendhal hat es den «happy few» gewidmet. 

Dostojewskis «Schuld und Sühne» oder in der Neuübersetzung «Verbrechen und Strafe» ist sowas wie ein psychologisch-philosophischer Krimi. Unheimlich russisch, unheimlich gut und so spannend, dass es einen schier zerreisst. Die Hauptfigur ist Raskolnikow. Er ist arm, er trägt einen krempenlosen Hut mit dem er durch die dreckigen Hinterhöfe von St. Petersburg spaziert. Er muss sein Jurastudium aufgeben, weil er es sich nicht mehr leisten kann. Da kommt er auf die wahnsinnige Idee, eine alte Wucherin umzubringen. Zuerst einfach damit er an Geld kommt. Aber auch, weil er denkt, er sei einer dieser Machtmenschen, er stünde über dem Gesetz. Und über dieser Alten. Also spaltet er ihr mit dem Beil den Schädel. 

E. T. A Hoffmann war einer dieser Universalgenies. Er ist etwas vom Besten, was die Romantik zu bieten hat. Denn er hat sich für die schwarze Seite des Menschen interessiert. Für das Unerklärliche, das Unbewusste und das Unheimliche. In seinen «Nachtstücken» bewegen sich die Menschen immer am Rande des Wahnsinns. Sie verlieben sich in Puppen, werden hypnotisiert, sehen durch Spiegel nicht die Realität, sondern irgendeine grausige Traumwelt. David Lynch im 19. Jahrhundert. 

Etwas mit einem Papagei-Mensch in karierter Hose?

«Globi bi de Führwehr», immer wieder lesenswert. 

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