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This image released by the National Transportation Safety Board Sunday, July 7, 2013, shows the flight data recorder, left, and the cockpit voice recorder  from the Boeing 777 Asiana Airlines Flight 214, at the recorders laboratory at the NTSB's Washington headquarters in Washington. The  Asiana flight crashed upon landing Saturday, July 6, at San Francisco International Airport, and investigators took the flight recorders to the recorders laboratory at the NTSB's Washington headquarters overnight to begin examining its contents for clues to the last moments of the flight, officials said.   (AP Photo/NTSB)

Die Blackbox der MH17 soll Licht ins Dunkel bringen. Bild: AP NTSB

MH17

Schweizer Flugunfall-Ermittler: «Ohne die Blackbox zu öffnen, ist eine Manipulation der Daten fast nicht denkbar»



Am Dienstagmorgen übergaben die prorussischen Rebellen in Donezk malaysischen Behördenvertretern die beiden Flugschreiber der abgeschossenen MH17. Sie sollen nun von Experten in Grossbritannien ausgewertet werden. In den Tagen seit dem Absturz gab es widersprüchliche Angaben über den Verbleib der Flugschreiber. Die ukrainische Regierung in Kiew verdächtigt die Rebellen, die Zeit genutzt zu haben, um die Daten auf der Blackbox zu manipulieren. Doch ist das überhaupt möglich? watson sprach mit Christian Gerber, Untersuchungsleiter im Bereich Aviatik bei der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (SUST).

Wem «gehören» die Flugschreiber von MH17 streng juristisch?
Christian Gerber: Die Flugschreiber gehören dem Betreiber, in diesem Fall der Malaysia Airlines – bis zu einem Unfall, beziehungsweise einem schweren Vorfall. Dann erhalten die mit der Unfalluntersuchung betrauten Behörden den Zugriff. Die Flugschreiber sind einzig zum Zweck der Unfalluntersuchung oder der Untersuchung von schweren Vorfällen eingebaut.

Macht es einen Unterschied für die Untersuchung, ob der Absturz auf einen Unfall oder einen Terrorakt zurückgeht?
Ja, der Zweck einer Untersuchung gemäss der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) ist es, durch Lehren, die man aus dem Ablauf eines Vorfalls ziehen kann, weitere Unfälle oder schwere Vorfälle zu verhindern. Eine solche Untersuchung dient nicht dazu, herauszufinden, wer wieviel schuld trägt, sondern was passiert ist und warum. Anders bei einem Terrorakt: Dabei geht es um die Untersuchung einer kriminellen Tat.

Wer entscheidet, wer die Flugschreiber auswertet?
Im Falle einer ICAO-Unfalluntersuchung wäre der Staat für die Untersuchung zuständig, auf dessen Territorium die Trümmer zu Boden gehen. 

A Malaysian expert (C) examines a black box belonging to Malaysia Airlines flight MH17 during its handover from pro-Russian separatists, in Donetsk July 22, 2014. The remains of some of the 298 victims of the Malaysia Airlines plane downed over Ukraine were making their way to the Netherlands on Tuesday as Senior Ukrainian separatist leader Aleksander Borodai (back C, in blue blazer) handed over the plane's black boxes to Malaysian experts. REUTERS/Maxim Zmeyev (UKRAINE - Tags: POLITICS TRANSPORT DISASTER CIVIL UNREST)

Ein malaysischer Experte nimmt in Donezk die beiden Flugschreiber der MH17 entgegen (22.07.2014). Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS

Heisst das, die prorussischen Rebellen hätten die Flugschreiber theoretisch den Behörden in Kiew, und nicht Malaysia Airlines übergeben müssen?
Das ist richtig. Im Falle eines Flugunfalls wäre die ukrainische Unfalluntersuchungsstelle zuständig. Gemäss ICAO werden andere Staaten zur Mithilfe eingeladen oder sind berechtigt, bei der Untersuchung mitzuhelfen. Im Fall eines Terroraktes ist hingegen die lokale staatliche Behörde zuständig. In der Schweiz wären dies Bundespolizei und Bundesanwaltschaft.

Wie öffnet man einen Flugschreiber, um die Daten auszuwerten?
Mit normalem Werkzeug. Meist sind die entsprechenden Schrauben mit einem Siegel versehen. Allerdings braucht ein mechanisch unbeschädigter Flugschreiber nicht geöffnet zu werden, um die Daten auszulesen.

Kim Yo Jong

Das Innere eines typischen Flugschreibers. Bild: Wikimedia Commons

Ist eine Manipulation der Daten möglich?
Die Daten sind in einem Speicher abgelegt. Theoretisch kann man diese durch geänderte Daten ersetzen. Dies erfordert aber sehr viel spezialisiertes Fachwissen und ist schwierig zu bewerkstelligen. Anders sieht es beim Stimmenrecorder (Cockpit-Voice-Recorder) aus: Die Aufnahme kann einfach gelöscht werden.

Staatliche Akteure wie die Ukraine und Russland würden über dieses Fachwissen verfügen.
Das kann ich nicht beurteilen, will es aber nicht ausschliessen.

Wäre es theoretisch mit dem nötigen Fachwissen möglich, die Daten des MH17-Flugschreibers zu manipulieren, ohne dass die Untersuchungsbehörden das anschliessend bemerken?
Ohne den Flugschreiber zu öffnen, ist ein Überschreiben der Daten mit modifizierten Daten fast nicht denkbar. Allerdings könnten die vorhandenen Daten mit leeren Informationen überschrieben werden. Das würde man zwar bemerken, aber die Originaldaten wären weg.

A rescue worker walks across a field carrying a flight data recorder at the crash site of Malaysia Airlines Flight MH17 in Hrabove July 18, 2014 in this still image taken from video. Rescue workers have recovered the flight recorder from the wreckage of the Malaysian airliner that Kiev says militants shot down with a missile, Reuters video shows. The images show men wearing Ukrainian Emergency Ministry uniforms in the village of Hrabove, in the eastern Donetsk region. Walking away from emergency vehicles parked at a rural roadside, the men appear to conduct a co-ordinated search through wheat fields at the crash site. One man is later seen walking across the field carrying the orange-coloured flight data recorder and handing it to a colleague. Audio from another man who is not viewed can be heard saying

Ein ukrainischer Katastrophenschutzmitarbeiter findet am Freitag nach dem Abschuss der MH17 einen der beiden Flugschreiber (18.07.2014). Bild: REUTERS TV/REUTERS

Es ist unklar, wo die Flugschreiber in den vergangenen fünf Tagen waren. Gibt es bei der Flugunfall-Untersuchung auch das Konzept der «Chain of Custody» wie bei den Chemiewaffen-Inspektoren?
Bei einem «normalen» Flugunfall ist die erste Regel, dass das ganze Gelände hermetisch abgeriegelt wird. Als nächstes kommen die Untersuchungsbeauftragten und suchen und behändigen die Flugschreiber. Sie sind nachher verantwortlich, dass diese in ein entsprechend ausgerüstetes Labor kommen und die Auswertung der Daten erfolgt. 

Wie werden die Daten ausgelesen?
Die Flugschreiber werden mit Strom versorgt und mit einer entsprechenden Software wird der Speicher ausgelesen. Ausserdem müssen die Daten entschlüsselt werden. 

Wäre ein Treffer einer Rakete auf dem Stimmenrecorder zu hören?
Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen.

Die Cockpit-Aufnahmen der 1998 abgestürzten SR111 wurden später veröffentlicht. Ist das auch bei MH17 denkbar?
Das ist nicht zu hoffen, die Aufnahmen sind gemäss ICAO absolut vertraulich. Das sollten nur die Untersuchungsbeauftragten hören. Dies zum Schutz der Besatzungen.

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