DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Portrait von Thomas Kessler, Integrationsdelegierter des Kantons Basel-Stadt, aufgenommen am 3. Juni 2008 in Basel, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Liebäugelt mit einer Nationalratskandidatur: Thomas Kessler. Bild: KEYSTONE

Warum Integrations-Guru Thomas Kessler den Sitz der Grünen Sibel Arslan angreift 

Er war einst Kantonsrat der Grünen in Zürich, machte sich dann in Basel als Drogen- und Integrations-Beauftragter einen Namen und diente der Stadt am Rheinknie zuletzt als Stadtentwickler. 2019 würde Thomas Kessler gerne für die FDP in den Nationalrat einziehen – möglicherweise auf Kosten einer ehemaligen Parteikollegin mit kurdischen Wurzeln.



Alles begann an einem lauschigen Augustabend an einem Apéro von Tino Krattiger, dem Chef des «Kulturfloss», einer Institution im Basler Kulturleben. Bei dieser Gelegenheit sprach der Vizepräsident der FDP Basel-Stadt, Daniel Seiler, den langjährigen Spitzenbeamten Thomas Kessler an. Wie die Basler Zeitung berichtet, fragte Seiler Kessler, ob er sich eine Nationalratskandidatur für die FDP vorstellen könne. Dieser bejahte.

Die gebeutelte FDP Basel-Stadt könnte ein bekanntes Zugpferd wie Kessler gut brauchen. Bei den kantonalen Wahlen im Herbst 2016 war sie die grosse Verliererin, nachdem sie 2015 bereits ihren seit Anbeginn des Bundesstaates gehaltenen Nationalratssitz eingebüsst hatte. Einen Sitz hinzugewinnen konnten damals die Grünen. Mit dem knappsten Resultat aller Gewählten holte Sibel Arslan das vier Jahre zuvor verlorene Mandat für die Grünen zurück.

Thomas Kessler ist dank zahlreichen Mandaten in eidgenössischen Fachgremien in Bern gut vernetzt. Er kann durch seine berufliche Erfahrung nicht nur in der Drogen-, Ausländer- oder Wohnpolitik mitreden. Seit der abtretende Regierungspräsident Guy Morin ihn im Februar 2017 als Stadtentwickler entlassen hatte, fehlt dem medienaffinen Kessler die ganz grosse Bühne.

Von der Anfrage von FDP-Vize Seiler zeigte sich Kessler angetan. In der Parteizeitung Der Freisinn legte Kessler im November seine Vorstellungen einer idealen FDP-Politik dar. Gegenüber watson sagt Kessler, ihm schwebe «eine Rückbesinnung auf die revolutionäre, radikalfreisinnige Epoche in den Gründerjahren des Bundesstaates» vor.

Die vorangegangen Generationen hätten seit dem 19. Jahrhundert eine grosse Vorleistung erbracht. Diese Vorteile dürften nicht einfach wegkonsumiert werden: «Wir müssen mit dem selben Pioniergeist an die Sache gehen, wie die radikalen Freisinnigen nach 1848.» Zentral sei die Herausforderung durch die Industrie 4.0, wo Basel mit seinem grossen Life Science-Sektor besonders exponiert sei: «Mit Chancen für alle, Bildung und Innovationskraft müssen wir die Gesellschaft fit machen für diese neuen Zeiten.»

ARCHIVBILD ZUR JAHRESBILANZ 2016 DER ROCHE, AM MITTWOCH, 01. FEBRUAR 2017 -- The Roche Tower along the Rhine in Basel in evening light. The tower at the headquarter of the pharmaceutical Roche is designed by architects Herzog & De Meuron, pictured on 17. december 2015...Der Roche-Turm in Basel im Abendlicht. Der Turm des Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche ist ein Entwurf der Architekten Herzog & De Meuron, aufgenommen am 17. Dezember 2015. (KEYSTONE/BRANKO DE LANG)

Life-Science-Standort Basel: Der «Roche Tower» am Rhein. Bild: BRANKO DE LANG

Nicht allen in der bürgerlichen FDP gefällt die Vorstellung einer Kandidatur Kesslers, der bis heute nicht Mitglied der Partei ist. Beispielsweise spricht sich Kessler offen für die Cannabis-Liberalisierung aus und hat Asylsuchende schon mal als «Abenteuermigranten» bezeichnet. Am Donnerstag trafen sich die vollzählig erschienen Vorstandsmitglieder der Partei deshalb mit der potenziellen Wahlkampflokomotive.

«An der Sitzung ging es um ein persönliches Kennenlernen zwischen dem Vorstand und Thomas Kessler, den einige Mitglieder bisher nur aus den Medien kannten», sagt FDP-Präsident Luca Urgese auf Anfrage: «Kessler ist ein politischer Quereinsteiger.» In der Politik sei man Quereinsteigern gegenüber zunächst einmal skeptisch eingestellt – «im Sinne von: ‹Da könnte ja irgendeiner kommen.›»

Im Hinblick auf die Nationalratswahlen verfährt die Partei nach dem gleichen Prozedere wie in der Vergangenheit: Im Frühling 2018 wird die FDP ihre Mitglieder dazu aufrufen, sich bei Interesse bis nach den Sommerferien für eine Kandidatur zu melden. «Bis zu diesem Zeitpunkt muss sich auch Kessler entschieden haben», sagt Urgese. Über die Zusammensetzung der Nationalratsliste entscheidet ein Parteitag im Oktober 2018.

Das Gespräch über Kesslers Ideen und seine politische Haltung sei in guter Atmosphäre verlaufen, bilanziert Parteipräsident Urgese: «Es ist uns gelungen, offene Fragen zu klären und uns näher kennenzulernen.» Entschieden habe der Vorstand am Donnerstag nichts, «weil es nichts zu entscheiden gab».

Etwas anders tönt das bei Thomas Kessler: Er habe sich mit dem Vorstand darauf verständigt, das zusammen mit der Basis über die inhaltliche Ausrichtung des Wahlkampfs breit debattiert wird. Diskutiert werden soll auf Basis eines Grundlagenpapiers, das unter Mitarbeit Kesslers von der «Liberalen Denkfabrik» ausgearbeitet wird.

Portrait von Thomas Kessler, Integrationsdelegierter des Kantons Basel-Stadt, aufgenommen am 3. Juni 2008 in Basel, Schweiz. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Hat nicht nur Freunde in der FDP: Thomas Kessler. Bild: KEYSTONE

Explizite Bedingungen für eine Kandidatur stellt Kessler mit Bezug auf die inhaltliche Ausrichtung keine: «Wenn sie sich klar auf alle drei Grundpfeiler Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt abstützt, bin ich zufrieden.» 

Für die FDP engagieren will er sich ausschliesslich auf Bundesebene: «Im Nationalrat kann ich der Partei einen Mehrwert bringen.» Ein Engagement auf kantonaler Ebene oder in einem Parteiamt komme hingegen nicht in Frage. Dafür gebe es geeignetere Personen als ihn mit den entsprechenden Ambitionen.

Darauf angesprochen, warum er als ehemaliger Integrations-Beauftragter und grüner Kantonsrat den Sitz einer Grünen mit Migrationshintergrund angreift, verweist Kessler auf seine Aussagen im Telebasel Talk  im November. «Ich engagiere mich für klare Ideen, nicht gegen Personen.» sagt er zu watson. Wahlen seien völlig freie Auswahlverfahren nach Kompetenz, Ausrichtung und Persönlichkeit.

Sibel Arslan (Gruene-BS) verfolgt die Debatte um die Wirtschaftslage im Nationalrat waehrend der Fruehlingssession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 16. Maerz 2016, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Gefährdet Kessler ihren Sitz? Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne). Bild: KEYSTONE

Sibel Arslan erklärt auf Anfrage, sie habe zum Thema nichts zu sagen: «Das ist eine Entscheidung der FDP.» Wie alle Kandidierenden würde auch Kessler «gegen alle Kandidatinnen und Kandidaten antreten», ergänzt Arslan.

Von den fünf baselstädtischen Nationalratssitzen hält die SP momentan zwei, die SVP, die Grünen und die Liberal-Demokraten (LDP) je einen. Bis jetzt hat erst SP-Nationalrätin Silvia Schenker einen Rücktritt auf Ende der laufenden Legislatur angekündigt.

Morgestraich in Basel

1 / 21
Morgestraich in Basel
quelle: keystone / georgios kefalas
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das könnte dich auch interessieren:

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Offen gesagt

«Lieber Herr Berset, sehr stilvoll ist das nicht ...»

Der Bundesrat präsentiert einen Drei-Phasen-Öffnungsplan, der auf der Durchimpfungsrate der Erwachsenen beruht. Die Jugend kann sich auf Durchseuchung einstellen.

Lieber Herr Berset

Sie haben heute im Namen des Bundesrates den Drei-Phasen-Öffnungsplan entlang der Durchimpfungsrate vorgestellt.

Dabei sind Sie gefragt worden, ob damit nicht alle jene «bestraft» würden, die sich nicht impfen lassen wollen. Weil sie dann an vielen Orten und vielen Anlässen unerwünscht sein werden.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Darauf haben Sie das einzig Richtige geantwortet. Nämlich, dass es kein persönlicher Entscheid ist, ob man sich impfen lässt oder …

Artikel lesen
Link zum Artikel