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Aufregendes muss draussen besprochen werden. bild: watson

Corona-Fatigue – Eine Reportage aus dem Jugendzentrum

Sie vermissen grosse Gruppen, den Nachtzug und sind wütend auf Alain Berset. Im Jugendtreff in Zürich Affoltern warten die Jugendlichen auf bessere Zeiten.



Zürich, Bushaltestelle Glaubtenstrasse. Drei beachtliche Löcher klaffen in der Glasscheibe des Selecta-Automaten. Das Muster erinnert an ein Spinnennetz, ist mit seinen verworrenen weissen Linien fast kunstvoll. Die Strasse führt leicht aufwärts, am Fuss des Käferbergs entlang, der das Quartier Affoltern von der Innenstadt trennt. Hier trifft raue Vorstadtverruchtheit auf idyllische Landromantik. Versprayte Betonwände vor aufgeräumten Schrebergartenhäuschen.

Weiter hinten in der Strasse ein knallrotes Gebäude, an den Seiten das Graffito des Stadtzürchers Lieblingsfussballclubs. Vor dem Jugendtreff stehen vier Elektrotöfflis, weitere werden im Verlauf des Nachmittags dazukommen. In einer Eisenschale brutzelt ein Feuer, rundherum sitzen ein paar Jugendliche, reden, rauchen.

Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe. Aufs Mal stehen alle auf, drücken die Zigaretten aus, marschieren zur Glastür des Treffs und klopfen ungeduldig. «Seid ihr wieder auf Wanderschaft?», fragt David Meury, einer der Jugendarbeiter, als er ihnen die Tür öffnet. «Wie Nomaden. Hin und her.» Die Jugendlichen lachen und gehen schnellen Schrittes an ihm vorbei, schnurstracks in den Discoraum.

Maja Hernandez, die Stellenleiterin der OJA Affoltern (OJA steht für offene Jugendarbeit), überprüft, ob sich die Jugendlichen richtig eingeloggt haben. Wenn sie hereinkommen, müssen sie sich über einen QR-Code registrieren. Maximal dürfen sich 20 Personen gleichzeitig drinnen aufhalten und weitere 10 draussen an der Feuerschale.

Maja Hernandez:

«Ohne Corona hätten wir hier zwischen 40 und 80 Jugendliche an einem Nachmittag. Mit der Kapazitätsbeschränkung sind wir jetzt eigentlich immer voll. Wie überall sonst gilt auch hier drin eine Maskenpflicht. Die Jugendlichen halten sich in der Regel sehr gut daran. Manchmal vergessen sie es, selten steckt eine böse Absicht dahinter. Ich bin froh, dass die Jugendtreffs in Zürich offen haben dürfen. Vor allem an kalten Tagen ist das hier ein wichtiger Ort, der von jungen Leuten stark frequentiert wird. Im Lockdown im Frühling vor einem Jahr haben wir per WhatsApp den Kontakt zu den Jugendlichen gehalten. Schön war, dass sie sich auch untereinander in einer von uns erstellten Chat-Gruppe vernetzt und organisiert haben. Sie gaben sich Tipps, wo es noch offene Schnupperlehren gibt oder welche Serie man auf Netflix schauen soll.»

Im Discoraum dröhnt Deutschrap aus Boxen. Farbige Lichter reflektieren in der Spiegelwand und werfen nervöse Schatten auf den Boden. In einer Ecke zusammengequetscht sitzen und liegen sieben 15- und 16-Jährige quer durcheinander auf einem Sofa. Kurz geht die Tür auf, grelles Licht fällt in den Raum. Jugendarbeiter Meury steckt den Kopf rein, schaut, ob alles in Ordnung ist, zieht sich dann wieder zurück und lässt die Jungen allein. Getanzt wird hier drin nicht, nur gechillt. Manchmal gibt es ein kleines Gerangel darum, wer das nächste Lied einstellen darf, aber ansonsten spielt sich das Spannendste hier drin auf den Screens der Smartphones ab.

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Zwischen Vorstadtverruchtheit und idyllischer Landromantik: Die OJA Zürich Affoltern. bild: watson

Mauro* schiebt sich die Brille etwas tiefer ins Gesicht. Der 16-Jährige arbeitet auf Baustellen als Plattenleger-Lehrling. Normalerweise wäre er jetzt vielleicht an der Seepromenade oder an der Langstrasse. Aber seit Corona läuft dort nicht mehr viel. Mit seinen Kumpels hängt er darum an Orten rum, wo sie ungestört abschalten können. Manchmal am Bahnhof Affoltern, manchmal am Waldrand, manchmal hier.

Mauro:

«Im Winter haben wir bei uns im Keller einen Raum eingerichtet, mit Sofas und Playstation. Wir haben Freunde eingeladen und gezockt. Das Räumchen gibt es immer noch, manchmal hängen wir noch dort rum. Sonst sind wir draussen irgendwo. Ob man sich nur zu fünft oder zu fünfzehnt treffen darf, ist mir egal. Wenn ich meine Freunde sehen will, dann mach ich das einfach. Was mich aber massiv stresst, ist die Polizei. Sie fahren mit dem Kastenwagen rum und wenn sie uns sehen, kontrollieren sie uns. Die waren schon vor Corona ein Problem. Aber jetzt nerven sie noch härter. Manchmal werd ich an einem Abend sogar mehrere Male von der Polizei kontrolliert. »

Schon vor Corona war die Stadt für minderjährige Jugendliche nicht unbedingt ein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Zwischen 14 und 17 Jahren ist man zu jung, um in eine Bar oder in den Club zu gehen und zu alt, um zu Hause bei den Eltern zu hängen. Die Hormone sprudeln, die Identitätsentwicklung läuft auf Hochtouren – doch wohin, wenn wenig erlaubt ist und der Lehrlingslohn für die Teilnahme an der teuren Spassgesellschaft nicht ausreicht?

In den Jugendtreff zum Beispiel. Der Bundesrat bemerkte nach dem ersten Lockdown schnell, dass junge Menschen Orte brauchen, wo sie sich zurückziehen können. Nach den ersten Öffnungsschritten durften im Mai auch die Jugendtreffs wieder aufmachen. Doch das Gleiche wie vor der Pandemie sei es nicht, sagen die Jugendarbeiterinnen von der OJA Affoltern. Nebst den Hygienemassnahmen, die im Treff gelten, habe sich auch das Publikum etwas geändert. Vor allem während der Sommerferien seien Jugendliche aus anderen Orten, sogar aus anderen Kantonen zu ihnen gekommen.

Draussen neben der Wand mit dem FCZ-Graffito, steht Elin*, 16, beherrscht lässig, Nike Air Max, weisse Trainerhosen, schwarzes Top, funkelndes Bauchnabelpiercing, Wimpern so schwarz und lang wie Spinnenbeine. Um sie herum stehen Jungs, alle ebenfalls penibelst im Trainerchic durchgestylt. Bei den wenigen Auftritten, die sich ihnen noch bieten, wird kein Detail dem Zufall überlassen.

Elin:

«Was mich am meisten stresst? Dass es keine Nachtzüge und Nachtbusse mehr gibt. Schon so lange nicht. Ich bin aus Dielsdorf, was bedeutet, dass ich um Mitternacht auf den letzten Zug nach Hause muss, sonst bin ich am Arsch. Um Mitternacht! Das scheisst schon an. Ich komme hierher, weil es hier so gute Leute hat. Der da drüben ist mein Freund. Wir hängen, rauchen, reden, normal halt. Ich mein, was soll ich in Dielsdorf? Dort hat es gar nichts.»

Abseits der schäkernden Gruppe, auf einem der parkierten E-Töffs, sitzt Lucas*. Die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen, der Blick aufs Handy.

Lucas:

«Ich gehe nicht so oft raus. Momentan muss ich viel lernen. Ich schreibe schlechte Noten. Wegen dem Home-Schooling hab ich den Anschluss verloren. Ich habe Angst, dass ich die Lehre nicht bestehe. »

Drinnen steigt kurzzeitig der Lärmpegel. Die Tür zum Discoraum öffnet sich, Musik dringt in den Nebenraum. Ein Mädchen rennt halb lachend, halb schreiend durch das Entrée, ein Junge ihr hinterher. Er packt sie am Arm, sie wirbelt herum und verpasst ihm mit der Faust ein Tomätli.

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Lucas schreibt schlechte Noten, weil er beim Home-Schooling den Schulstoff weniger gut verstanden hat. bild: watson

Meury schaut dem neckischen Boxkampf kurz zu und mahnt dann: «He, langsam bitte. Nicht dass sich am Schluss jemand weh tut.» Und mehr zu sich selbst: «Die brauchen's ja gerade mega.» Der Bewegungsdrang sei gross, das sei wie ein Ventil, das wegfalle, sagt Meury. Zum Glück seien die Sportvereine für die Jugendlichen wieder offen. Und auch die Midnight-Sport-Events kann die OJA wieder wie gewohnt abhalten. Und doch fehlen den Jungen die verschiedenen Aktivitäten, die Abwechslung.

David Meury:

«Schwierig für die Jugendlichen ist, dass sie sich nur noch in begrenzten Gruppen treffen können. In dem Alter lieben sie es, sich in grossen Haufen zu versammeln, rumzublödeln und zu balzen. Stattdessen sind die Grüppchen kleiner geworden, oder man liefert sich ein Katz- und Mausspiel mit der Polizei. Auch fehlt ihnen das Feedback von Menschen ausserhalb ihrer Bezugsgruppen. Als Jugendlicher ist es wichtig, Grenzen auszuloten, zu wissen, wie weit man bei wem gehen darf. Dadurch, dass sie nur noch unter sich sind, fällt dieses für die Identitätsbildung wichtige Ausprobieren weg.»

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Im Haufen balzen: Junge tun, was Junge tun. bild: watson

In der OJA Affoltern ist es an diesem Nachmittag ein nervöses Kommen und Gehen. Immer wieder muss wichtiger Tratsch draussen am Feuer besprochen werden. Dann galoppiert eine ganze Herde Jugendlicher vor die Tür. Wenige Minuten später wollen sie alle wieder rein. Für Einrichtungsleiterin Hernandez gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Sie zählt die Jugendlichen nochmals durch und sagt: «Jetzt sind wir voll. Mehr dürfen nicht rein.» Vor der Tür warten drei jüngere Mädchen. So leid es Hernandez tut, sie müssen warten.

Maja Hernandez:

«Wir arbeiten nicht nur hier im Treff, sondern machen auch aufsuchende Jugendarbeit. Das heisst, wir besuchen die Jugendlichen an ihren Plätzen im Quartier. Was uns in den letzten Monaten auffiel, ist, dass sie weniger in die Innenstadt gehen und mehr in Affoltern bleiben. Je nachdem wo sie sich hier treffen, kann das zu neuen Dynamiken oder manchmal auch Spannungen in einem Wohngebiet führen. Wir versuchen, da gut zu vermitteln.»

Mauro, der Plattenleger-Lehrling, lässt sich im Entreé auf ein Sofa fallen. Er hat genug vom Discoraum. Er holt sein Handy aus der Hosentasche und zockt irgendein Game. Die Masken nerven ihn, es sei seltsam, dass man immer das Gesicht verstecken müsse. Aber was ihn noch mehr nervt, ist, dass er die Pandemie hindurch auf der Baustelle habe arbeiten müssen. Dass es hiess, alle müssen ins Home-Office, weil man sich sonst mit dem Virus anstecke, nur sie hätten weitergemacht wie ganz normal.

Mauro:

«Was ich Alain Berset sagen würde, wenn ich ihn treffen könnte? Ich würde ihm gar nichts sagen. Ich würde nicht mit ihm reden wollen. Was soll das Getue mit dem Hin und Her, dem Auf und Zu? Niemand checkt irgendwas. Mir wär's lieber gewesen, wenn wir einen Monat Hardcore alles zugemacht hätten. Dann wär jetzt Ruhe. Aber so... Das geht doch noch ewigs weiter!»

Die unsichere Situation, keine Perspektive auf eine baldige Änderung, wenig Abwechslung, die Jugend, die ihre Jugend verpasst. Einige von ihnen haben vor ein paar Wochen in St Gallen ihrer Wut darüber auf der Strasse freie Bahn gelassen. Schaufenster gingen in Brüche, Kabelbinder zurrten. Auch in Zürich wurde mobilisiert. Via Snapchat wurde der Aufruf verbreitet, man wolle in der Altstadt eine riesige Party feiern. Gekommen sind am Ende aber nur Polizistinnen, Journalisten und einige Gaffer. Die Affoltemer Jugendlichen blieben an jenem Abend zu Hause. Im Treff erklärt es einer so: «Wir haben keinen Bock auf noch mehr Stress mit der Polizei.»

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Treffleiterin Maja Hernandez und Jugendarbeiter David Meury. bild: watson

Bei einigen Jugendlichen sei auch die Situation zu Hause belastend, sagt Stellenleiterin Hernandez. Im vergangenen Monat habe sie sechs Fälle erlebt, wo Jugendliche gesagt hätten, sie wollten nicht mehr nach Hause. Manchmal können sie sich mit Freundinnen oder Freunden organisieren und ein paar Nächte auswärts schlafen, bis es sich wieder einrenkt. «In Notsituationen suchen wir mit ihnen nach Lösungen oder begleiten sie ins Schlupfhuus», so Hernandez.

Ein grosses, hageres Mädchen kommt zur Tür rein, macht eine Freundin auf dem Sofa ausfindig und setzt sich zu ihr hin. Um den Hals trägt es ein enganliegendes Tattoo-Halsband, eine Wiederentdeckung der 90er-Jahre. Ilaria* ist 15 Jahre alt und wohnt in Zürich Unterstrasse. Dort laufe aber wenig. Nach Affoltern komme sie, weil sie hier Leute kenne.

Selina:

«Meine Mutter ist sehr besorgt wegen Corona. Während des ersten Lockdowns dufte ich gar nicht raus. Ich war zwei Monate lang nur im Haus. Ich hatte Home-Schooling. Nur am Abend ging ich manchmal mit meiner Mutter spazieren. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich begann zu schreien und so. Jetzt geht es mir besser. Ich darf jetzt auch wieder raus. Ich hoffe jetzt wirklich, dass das mit den Impfungen schnell geht und alles wieder normal wird. Wobei meine Mutter sagt, dass es nie ganz weggeht. Aber es wird weniger. Und besser.»

*Alle Namen der Jugendlichen wurden zur Wahrung ihrer Privatsphäre geändert.

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