Schweiz
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Martin Ackermann, Praesident National COVID-19 Science Task Force, waehrend einer Medienkonferenz zur aktuellen Situation des Coronavirus, am Dienstag, 24. November 2020 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Sieht sich als «warnende Stimme»: Taskforce-Chef Martin Ackermann. Bild: keystone

Wovor der Taskforce-Chef warnte – und was tatsächlich eintraf

Der Chef der wissenschaftlichen Covid-19-Taskforce, Martin Ackermann, warnte während der 2. Welle vor überlasteten Spitälern. Ist es tatsächlich so weit gekommen? Seine wichtigsten Aussagen von vier verschiedenen Pressekonferenzen auf dem Prüfstand.



Zunächst werden hier die Aussagen von vier ausgewählten Pressekonferenzen analysiert. Am Ende des Artikels finden Sie ein Statement von Martin Ackermann.

16. Oktober

Mitte Oktober stiegen die Fallzahlen stark an. Am 16. Oktober wurden in der Schweiz und Liechtenstein 3698 Personen positiv auf das Coronavirus getestet. So viele wie nie zuvor. Doch es sollten noch viel mehr werden. Martin Ackermann warnte an jenem Freitagnachmittag in Bern:

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bild: keystone/watson

Die Taskforce sei besorgt, so Ackermann, «die rapide ansteigenden Fallzahlen sind ein Schock.» Die bestehenden Massnahmen würden die Epidemie nicht bremsen können, so der Taskforce-Chef. Er rechnete damit, dass die Fallzahlen innerhalb zwei Wochen bis auf 12'000 steigen könnten, falls erst in einer Woche Massnahmen ergriffen würden.

Ist das Szenario eingetroffen?

Tatsächlich wurden Ende Oktober und Anfang November teilweise über 10'000 Personen in der Schweiz und Liechtenstein positiv auf das Coronavirus getestet. 12'000 oder mehr positive Fälle wurden zwar nie gemeldet, allerdings war die Positivitätsrate auch sehr hoch. Dies ist ein Indiz dafür, dass viele Fälle unentdeckt blieben und zu wenig getestet wurde.

So haben sich die Fallzahlen und Hospitalisationen entwickelt:

Bei den Hospitalisationen trafen die Prognosen von Ackermann nicht ganz ein. Am 16. Oktober wurden 105 Personen ins Spital eingewiesen, zwei Wochen später waren es maximal knapp 300 Leute. Also rund drei Mal und nicht vier Mal mehr. Allerdings muss man erwähnen, dass der Taskforce-Chef bei seinem Modell davon ausging, dass erst am 23. Oktober Massnahmen ergriffen würden. Tatsächlich verordnete der Bundesrat aber bereits ab dem 19. Oktober neue Regeln.

Fazit: Ackermanns Prognose vom 16. Oktober ist ungefähr eingetroffen.

>>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

23. Oktober

Am 23. Oktober trat Martin Ackermann erneut vor die Medien. Der Taskforce-Chef präsentierte die neuesten Zahlen, es fand – wie von ihm angekündigt – eine Verdoppelung statt. Die Situation in den Intensivpflegestationen gebe der Taskforce besonderen Anlass zur Sorge, so Ackermann.

Ackermann zeigte in der Folge Berechnungen der Taskforce mit drei verschiedenen Szenarien. Alle gingen davon aus, dass die maximale Intensivbetten-Kapazität überschritten wird. Im schnellsten Fall schon am 5. November, spätestens aber am 18. November. So sahen die Szenarien der Taskforce aus:

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bild: science taskforce

Ackermann meinte an jenem Freitag zudem:

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bild: keystone/watson

Hier sei erwähnt, dass der Professor für Mikrobiologie eingangs zu seinen Ausführungen sagte, dass die Szenarien dann eintreffen würden, wenn es nicht gelingen würde, die Epidemie zu stoppen. Ein viertes Szenario, bei dem die Intensivpflegebetten nicht überlastet würden, legte Ackermann jedoch nicht vor.

Ist eines der drei Szenarien eingetroffen?

Die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivpflegestationen nahm nach dem 23. Oktober nochmals deutlich zu. Doch die Kapazitätsgrenze wurde schweizweit nie erreicht. Es waren immer mindestens 20 Prozent der Betten frei. Dies unter anderem nur darum, weil Wahleingriffe verschoben wurden.

Zudem ergriff der Bundesrat Ende des Monats weitere Massnahmen, von denen Ackermann am 23. Oktober nichts wusste. In einzelnen Kantonen, wie etwa in Freiburg, waren die Intensivpflegestationen zwar voll, doch die Patienten konnten auf andere Kantone verlegt werden.

Fazit: Die Prognosen der Taskforce vom 23. Oktober sind nicht eingetroffen.

30. Oktober

Der Bundesrat ergriff in dieser Woche neue Massnahmen, welche ab dem 29. Oktober in Kraft traten. Ackermann hielt am 30. Oktober jedoch fest, dass es zehn Tage brauche, bis sich diese auf die Zahlen niederschlagen würden. Der R-Wert lag an diesem Tag immer noch über 1. Die Schlussfolgerung des Taskforce-Chefs lautete:

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bild: keystone/watson

Je weniger soziale Kontakte jeder einzelne jetzt habe, desto kürzer werde die Überlastung der Spitäler im November und Dezember sein, fügte Ackermann an. Gemäss diesen Aussagen war es also nicht mehr die Frage, ob die Kapazitätsgrenze erreicht wird, sondern wann und wie lange.

Ist das Szenario eingetroffen?

Die Kapazitäten der Spitäler wurden nicht überschritten. Tatsächlich begannen sich die Fallzahlen und die Hospitalisationen rund um den 30. Oktober zu stabilisieren, ehe sie sogar wieder langsam abnahmen.

So entwickelte sich die Belegung der Intensivpflegestationen:

Fazit: Ackermanns Prognose vom 30. Oktober ist nicht eingetroffen. Aufgrund der damaligen Datenlage musste man aber mit einer Überlastung rechnen.

6. November

Bei den Fallzahlen und den Hospitalisierungen zeichnete sich zu Beginn des Monats November eine Stabilisierung ab. Dennoch war sich Ackermann nicht sicher, ob die getroffenen Massnahmen von Bund und Kantone ausreichen würden. Der R-Wert sei immer noch über 1 und die Mobilität höher als während der ersten Welle im Frühling. So sagte Ackermann:

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bild: keystone/watson

Haben die Massnahmen ausgereicht?

Im Verlaufe des Novembers sank der R-Wert schweizweit auf unter 1. Die Hospitalisationen und Fallzahlen nahmen ab. Diverse Kantone hatten am 6. November die Massnahmen des Bundes bereits verschärft, seither zogen nur noch wenige die Schraube an. Etwa der Kanton Basel, wo die Restaurants und Bars seit Montag geschlossen sind.

Vielleicht war auch das schöne Wetter im November für den Rückgang der Zahlen verantwortlich. Im Moment geht der Trend jedoch in die richtige Richtung. Ackermann meinte diesen Dienstag dazu: «Wir bekommen mehr Luft, die Kapazitäten beim Contact Tracing, in den Spitälern, aber auch für die Unternehmen werden grösser.»

Fazit: Die Massnahmen, welche am 6. November galten, reichten vorerst aus. Ob sie auch für den Winter genügen, bleibt offen. Am 6. November lag der R-Wert aber immer noch über 1, weshalb man aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich noch nicht sagen konnte, ob die Massnahmen ausreichen würden.

Reaktion von Martin Ackermann:

Martin Ackermann hatte die Möglichkeit, auf den Artikel zu reagieren. Nachfolgend sein Statement:

«Szenarien beruhen wissenschaftlich auf bestimmten Annahmen und dienen dazu, eine Vorhersage machen zu können, was passieren könnte, wenn die Annahmen sich als korrekt erweisen. Im Falle einer Pandemie ist dies besonders wichtig, weil man vorausschauend handeln muss. Szenarien bilden also eine wichtige Grundlage, um politische Entscheidungen zu treffen und auch um der Bevölkerung aufzuzeigen, warum es sinnvoll ist, wenn sich die Individuen vorsichtig verhalten. Die unabhängige Wissenschafts-Taskforce sieht es als ihre Aufgabe an, solche Szenarien zu berechnen und auch darauf hinzuweisen, wenn sie eine mögliche Gefährdung sieht.

Hinter diesen Szenarien stand klar die Absicht, zu zeigen, dass wir Ansteckungen verhindern müssen und so dafür sorgen, dass diese Szenarien eben nicht eintreffen. Es gibt da auch Faktoren, die sich wissenschaftlich nicht so genau bestimmen lassen, zum Beispiel welchen Einfluss solche Szenarien auf das Verhalten der Menschen haben. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass sich die Situation so entwickelt hat, dass die schlechtesten Szenarien nicht eingetroffen sind. Die Schweiz brauchte eine Kursänderung, um die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern.»

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