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Wie geht's im kulturellen Leben nach Corona weiter? Bild: keystone

Gibt es Impfprivilegien? Wann geht das kulturelle Leben weiter? 4 Protagonisten erzählen

Wie geht es mit der Kultur weiter? Wann? Und mit vielen Besuchern? Wie veränderte Covid-19 das Kulturleben? Wir haben vier Protagonisten aus der Kunst, der klassischen Musik, des Theaters und des Kinos sieben Fragen gestellt.

j. Stephan, D. Muscionico, D. Fuchs, c. Berzins / ch media



Diese vier Personen aus der Kultur nehmen zu den Fragen Stellung:

Ab wann rechnen und planen Sie mit einem normalen Programm – mit mindestens halber Saalbelegung?

Nina Zimmer, Direktorin des Kunstmuseums Bern: Wir haben mit dem normalen Programm am 2. März wiedereröffnet.

Numa Bischof, Intendant des Sinfonieorchesters Luzern: Irgendwann zwischen der einheimischen Kirschenernte und vor dem Verfärben des Laubes. Alles, was davor möglich ist, wäre ein Geschenk.

Benedikt von Peter, Intendant des Theaters Basel: Wir planen eine Wieder­öffnung am 5. April. Die Saalbelegung hängt davon ab, welches Schutzkonzept sich durchsetzt. In Basel haben wir in einer Arbeitsgruppe ein Konzept erarbeitet, das Zuschauerbeschränkungen von Raumgrösse und Lüftungskapazität abhängig macht. Mit ihm könnten wir die Plätze anfänglich zu einem Drittel besetzen. Wir hoffen, dass sich keine Pauschalregelung durchsetzt wie im letzten Herbst, sondern dass die Grösse unserer Räume berücksichtigt wird.

Sandra Meier, Leiterin Kino Kinok in St. Gallen: Wir haben mit April gerechnet. Jetzt lässt der Bundesrat vielleicht bereits ab 22. März kleinere kulturelle Veranstaltungen zu. Offen ist, ob Kinos dazugehören.

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Nina Zimmer: Direktorin des Kunstmuseums Bern. bild: sandra ardizzone

Was, wenn in Zukunft nur noch halb so viele Menschen kommen?

Nina Zimmer: Wir wissen nicht, wie sich die Besucherzahlen in diesem Jahr entwickeln. Aber wir bieten unser maximal bestes Programm – das sind wir unserem Publikum schuldig: Im Moment «Tools for Utopia», eine Ausstellung zu lateinamerikanischer Moderne, und schon ab Ende April «Grenzgänge» eine Ausstellung zu nord- und südkoreanischer Kunst.

Numa Bischof: Die Sehnsucht nach kulturellen und sozialen Erlebnissen ist immens. Die Menschen warten nur darauf, wieder ins Konzert kommen zu können. Voraussetzung ist, dass die Impfversorgung endlich rasch vorangeht und probate Schutzkonzepte in Anwendung kommen. Nachdem sich das eingespielt hat, werden die Menschen auch wieder kommen.

Benedikt von Peter: Wir haben schon im November für die Monate ­April bis Juni lediglich dreissig Prozent Zuschauer budgetiert.

Sandra Meier: Studien ­belegen, dass Theater- und Kino­räume zu den sichersten ­Räumen zählen, deshalb würde eine frühe Öffnung Sinn machen. Nach dem ersten Lockdown hatten wir sehr erfreuliche Besucherzahlen, wir rechnen mit einem ähnlich grossen Interesse.

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Numa Bischof: Intendant des Sinfonieorchesters Luzern. bild: nadia schaerli

Ist es denkbar, dass nur mehr Geimpfte eingelassen werden?

Nina Zimmer: Diese Diskussion beginnt erst. Als öffentliches Haus werden wir die Empfehlungen der kantonalen Behörden sehr genau berücksichtigen.

Numa Bischof: Eine Frage, die den Ermessensspielraum eines Intendanten eindeutig übersteigt. Ein heikles, aber wichtiges Thema, das nur gemeinsam mit den Gesundheitsbehörden und auf politischer Ebene zu beantworten ist.

Benedikt von Peter: Persönlich bin ich dagegen. Man könnte im Zuschauerraum aber Bereiche schaffen, wo nur Geimpfte sitzen, und man könnte nicht geimpfte Risikogruppen von anderen Zuschauern separieren. Mit so einer Regelung bekäme man mehr Gäste ins Haus.

Sandra Meier: Das ist im Moment keine Option, da bis jetzt so wenige Leute geimpft sind und nicht geklärt ist, ob Geimpfte das ­Virus weitergeben. Impfungen sind sicher für alle sehr wichtig, aber Testen ist noch wichtiger, vor allem für Veranstalter. Andere Länder und Institutionen machen das vor. In Österreich können sich alle kostenlos und niederschwellig testen lassen, das wird rege genutzt. Zudem sind Selbsttests zugänglich. Ganze Orchester werden laufend getestet. Auch die Madrider Oper ist offen, das Schutzkonzept für Ensembles und Besucher hat sich bewährt.

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Benedikt von Peter: Intendant des Theaters Basel. bild: roland schmid

Reisen ist spätestens seit 2020 out, Nachhaltigkeit gefragt. Es gibt Orchester, die nur noch mit dem Zug reisen wollen. Was heisst das für ihre Branche?

Nina Zimmer: Das heisst für uns, dass wir ganz andere Wege ­gehen müssen. Anstatt Kurierreisen (Begleitung der Kunstwerke, die in andere Häuser gehen) experimentierten wir mit virtuellen Methoden. Die internationalen Messen, Biennalen und Ausstellungen, die oft als Grundlage für Austausch, Begegnung und Inspiration dienten, sind grösstenteils ausgefallen. Somit haben wir uns im Team in virtuellen Lesegruppen zusammengetan, den Austausch untereinander intensiviert und Projekte entwickelt, die wir mit minimalem Reiseeinsatz umsetzen können.

Numa Bischof: Ich gebe die Frage zurück: Werden Menschen zukünftig darauf verzichten, für Ferien das Flugzeug zu nehmen? Wird der Apfel aus dem Thurgau die peruanische Mango verdrängen? Sushi das Eglifilet? Ich bezweifle es. Für un­sere Branche sehe ich aufgrund der verknappten Mittel die Notwendigkeit, selektiver und reflektierter vorzugehen. Nicht alles, was in der Vergangenheit gemacht wurde, wird automatisch fortgesetzt werden können. Und das ist auch gut so.

Eine gesunde Ökologie wie Ökonomie muss im Interesse eines Sinfonieorchesters und seiner nächsten Hörergeneration sein. Unsere Instrumente werden schliesslich aus Holz gefertigt, was eine intakte Natur bedingt. Allerdings gehört der internationale Austausch mit entsprechender Ausstrahlung zum Kompendium einer führenden Kulturinstitution.

Museen werden weiterhin auf Leihgaben aus anderen Kontinenten angewiesen sein, um Kontexte aufzuzeigen. Universitäten benötigen grenzüberschreitende Kooperationen für Wissensaustausch und Entwicklung. Dasselbe gilt für ein Sinfonieorchester, das ohne internationale Gastspiele und Beziehungen die Aura eines erstklassigen Klangkörpers nicht aufrechterhalten kann. Aber die Losung wird sein: Weniger ist mehr. Apropos, schon vor der Pandemie haben wir, wenn immer möglich, den Landweg benutzt, je nach Destination und Zeitplan.

Benedikt von Peter: Theaterschaffende können nicht global über Zoom performen. Aber man kann sich als Theater fragen: Muss jeder Termin tatsächlich vor Ort stattfinden? Engagiert man Gäste auch einmal längerfristig? Auch die Gastspielpartner in der Schweiz werden wir ernster nehmen.

Sandra Meier: Wir reisen an Filmfestivals meist mit dem Zug. Wann die Festivals wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen können, ist unklar.

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Sandra Meier: Leiterin Kino Kinok in St.Gallen. bild: michel canonica

Was haben Sie aus dem letzten Jahr gelernt?

Nina Zimmer: Wie viele Branchen haben auch wir bei den digitalen Experimenten, die wir unternommen haben, im Vermittlungsbereich, aber auch im Eventbereich und bei der Zusammenarbeit sehr viel gelernt. In Zukunft werden wir digitale und analoge Formate mutiger mischen und das Beste aus beiden Welten kombinieren.

Numa Bischof: Die Gesellschaft hat noch nie bis auf die Knochen gezeigt bekommen, wie sich ein Leben ohne Kultur anfühlt. Es fühlt sich an wie ein Mahnmonument. Darauf müssen wir aufbauen, wenn es um die Rechtfertigung von Kultur und deren Finanzierung geht. Ernüchternd ist die Erkenntnis, wie zersplittert und kraftlos die Lobby für Kultur in unserem Land ist.

Hier müssen sich alle Betroffenen besser organisieren und grösser denken. Alle sprechen momentan von Digitalisierung und Streaming, kein wirklich neues Thema. In der Pandemiezeit wurde es indes massiv beschleunigt. Daraus können wir viel lernen für die zukünftige Vermittlung von Musik. Einen höheren Stellenwert dürften auch lokale und nationale Kooperationen erhalten.

Benedikt von Peter: Wir haben realisiert, wie wichtig Lobbying ist. Kultur ist kein Sonderfall. Wir sollten uns als Teil der Kreativwirtschaft verstehen, unsere Stellung griffbereiter beschreiben und mit der Politik zusammenarbeiten. An den Schweizer Theatern arbeiten mehr Menschen als bei der Swiss. Während der Pandemie wurde uns erstmals bewusst, wie prekär das Anstellungsverhältnis für unsere jährlich rund 700 Gastkünstler ist. Auch hier braucht es Massnahmen.

Sandra Meier: Die Lockdowns haben gezeigt, dass Streaming den Kinobesuch nicht ersetzt. Kino ist Magie, stellt Gemeinschaft und Öffentlichkeit her. Ein Kinobesuch entführt die Zuschauer aus ihrem Alltag, lässt Begegnung mit anderen Besuchern und Filmschaffenden zu. «Kinok» ist auch ein Ort der Auseinandersetzung, mit Einführungen und Gesprächen. Unser sorgfältig kuratiertes Programm ermöglicht Orientierung in der Vielfalt und verspricht Qualität. Unsere Stärke ist die Nähe zum und der Austausch mit dem Publikum.

Wird in Zukunft weniger, aber besser produziert, Klasse statt Masse?

Nina Zimmer: Wir werden uns noch stärker auf unsere eigentlichen Stärken, unsere Sammlungen, zurückbesinnen und neue Perspektiven entwickeln – nicht über bombastische Leihgabenausstellungen, sondern über intelligente neue Fragen an den Bestand. Wenn wir radikal offen, neugierig und mit Forschungslust den traditionellen kunsthistorischen Kanon aufbrechen, stehen uns atemberaubende Entdeckungen bevor.

Numa Bischof: Es ist zu hoffen. Die Krise hat uns wenige, aber ein paar relevante Chancen eröffnet, zum Beispiel unendlich viel Zeit für Reflexionen. Die Ideenkörbe sind prall. Dies erhöht den Zwang zur Verdichtung und Selektion zukünftig nur noch mehr, und das wird es auch enorm spannend machen. In der Kunst der Verdichtung lag schon immer der grösste Reiz, man höre Contrapunctus 1 aus der «Kunst der Fuge» von J. S. Bach. Wenn wir endlich wieder loslegen können, werden wir wie verliebt spielen. Aber waren wir das eigentlich nicht schon vor der Pandemie?

Benedikt von Peter: Das war schon vor der Pandemie mein Thema. Ich habe bei meinem Antritt in Basel bewusst weniger Premieren angesetzt, um besser produzieren zu können. Zu einer guten Vorstellung gehört aber mehr als nur der Theaterabend: Wie gestaltet man die Gastronomie? Wie bindet man die Zuschauer ein?

Sandra Meier: Es sieht nicht danach aus, dass weniger Filme produziert werden. Während des Lockdowns war das Bedürfnis nach Filmen gross. Das Fernsehen hatte hohe Einschaltquoten, die TV-Produktion ist gestiegen. Wenn die Kinos wieder öffnen, werden sich die Filme stauen. Viele Filme wurden verschoben, die jetzt alle ins Kino drängen. Im Moment ist eine Fülle von Filmen vorhanden.

Was machen Sie, damit das Publikum wieder wieder Vertrauen und Lust auf einen Kulturanlass hat?

Nina Zimmer: Wir stellen fest, dass das Publikum sich im Museum sicher und wohl fühlt – die Schutzkonzepte funktionieren in den grosszügigen Räumlichkeiten bestens.

Numa Bischof: Das, wofür wir berufen sind: inspirierende Programme, erstklassige Aufführungen. Und dies unter den besten Schutzvorkehrungen.

Benedikt von Peter: In der Logik der Wirtschaft haben wir den Kontakt zu unserer Kundschaft verloren. Es braucht Zeit, bis die Leute wiederkommen. Die Politik unterschätzt, was für Einbussen diese Aufbauarbeit verursachen wird. Das hätte bei der Frage der Schliessung von Kulturinstitutionen berücksichtigt werden sollen.

Sandra Meier: Ein spannendes Programm wird unser Publikum ganz bestimmt in den Kino­saal locken. Viele warten sehnsüchtig darauf, dass das Kino wieder öffnet. Die Sicherheit unserer Gäste hat höchste Priorität. Unser Schutzkonzept hat sich bewährt: Das Contact-Tracing funktioniert, unsere Saalluft wird innerhalb von nur fünf Minuten ausgetauscht, alle Flächen werden nach jedem Einlass desinfiziert, die Einlasszeiten wurden ausgedehnt, Ein- und Ausgangs­bereiche sind getrennt, damit sich die Besucherströme nicht mischen. Wir freuen uns auf unsere Besucher und sind optimistisch, dass sie wieder ins «Kinok» kommen.

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