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Eine Frau in Lausanne untersucht Coronavirus-Proben. Bild: Shutterstock

Der Corona-Blindflug geht weiter – dieser Vorschlag der Taskforce hätte helfen können

Bereits im Juni schlug die Taskforce vor, flächendeckende Sequenzierungen vorzunehmen. Das BAG setzte den Vorschlag jedoch nicht um. Weshalb, will das BAG nicht sagen.



Vor 22 Tagen beschloss der Bundesrat strikte Massnahmen im Kampf gegen das Coronavirus. Die neuen Regeln sind einschneidend: Schweizerinnen und Schweizer dürfen sich höchstens noch in Gruppen von fünf Personen treffen, Einkaufsläden bleiben bis mindestens Ende Februar zu. Vielleicht sogar noch länger. Bundesrat Alain Berset sagte diesen Mittwoch in Bern: «Man kann nicht davon ausgehen, dass Ende Februar grossflächige Lockerungen möglich sind.»

Der Grund für die Massnahmen: Das Coronavirus ist mutiert, allen voran der Mutant B.1.1.7 breitet sich in der Schweiz aus.

Doch wie stark der Mutant B.1.1.7 – und auch die weiteren Mutanten – in der Schweiz verbreitet sind, wusste der Bundesrat zum Zeitpunkt, als er die Ladenschliessungen anordnete, nicht. Die Datenlage zu den Mutanten ist in der Schweiz bescheiden.

Mitte Januar wurde gerade mal jeder 100. positive Corona-Test sequenziert. Nur wenn man einen Test sequenziert, kann man überhaupt herausfinden, ob es sich um einen Mutanten handelt. Bei 99 Prozent der Tests wurde dies demnach nicht gemacht. Ein Blindflug.

Dennoch sagte Alain Berset an jenem 13. Januar, als die neuesten Massnahmen beschlossen wurden: «Wir machen sehr viele Sequenzierungen in der Schweiz.» Wenn man die Schweiz etwa mit Deutschland vergleicht, mag diese Aussage eine gewisse Berechtigung haben. Dort wurde Mitte Januar noch weniger sequenziert.

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Doch es gibt auch andere Beispiele: In Dänemark wurde im Januar jede achte Probe sequenziert, in Grossbritannien jede 19., wie SRF berichtete. Der Grund: Dort seien Sequenzierungen schon lange etabliert worden, sagte Taskforce-Epidemiologin Nicola Low im watson-Interview. Die Zahl der Viren, die in der Schweiz sequenziert würden, sei derweil «zu tief», so Low.

Taskforce forderte bereits im Juni vermehrte Sequenzierungen

Die Datenlage in der Schweiz könnte heute jedoch bereits deutlich besser sein. Denn bereits im Juni schlug die Taskforce vor, dass man sämtliche positiven Tests sequenziere.

«Wir empfehlen bei jeder positiv getesteten Person eine systematische genetische Sequenzierung des Virus.»

Corona-Taskforce, Juni 2020

Sie veröffentlichte einen Policy Brief, der immer noch auf der Website der Taskforce zu finden ist. Darin heisst es: «Wir empfehlen bei jeder positiv getesteten Person eine systematische genetische Sequenzierung des Virus, um die Überwachung der Epidemie zu verbessern und die Rückverfolgung der Kontakte zu unterstützen.»

Zur Erinnerung: Im Juni bewegten sich die Fallzahlen deutlich unter 100. «Die Mitte Juni 2020 geringe Zahl von Fällen würde eine systematische Sequenzierung bei jedem positiven Test möglich machen», schrieb die Taskforce dazu. Mit der Analyse der Mutationen könne man neue Infektionsherde ausfindig machen und Importe aus dem Ausland identifizieren, so die Taskforce. In einem solchen Fall könne die Einrichtung einer Quarantäne helfen, die Ausbrüche zu stoppen.

Doch das BAG setzte den Vorschlag der Taskforce damals nicht um, wie Low zu watson sagte. Die Folgen: Die Anzahl der Sequenzierungen wurden erst zu Beginn dieses Jahres merklich aufgestockt. Die Schweiz hat es verpasst, sich früh vorzubereiten und auf ein Niveau wie Dänemark oder Grossbritannien zu kommen.

Auch Anfang Februar ist die Datenlage immer noch sehr dünn. «Es würde sich lohnen, viel mehr Proben zu sequenzieren und genauer zu ermitteln, welche Varianten bei uns auftreten», sagte Taskforce-Epidemiologe Marcel Salathé am Mittwoch den Tamedia-Zeitungen. Man stütze sich zu stark auf Erkenntnisse aus anderen Ländern wie Grossbritannien. Die Folge der mangelnden Datenlage sei unter anderem, dass man nach wie vor nicht genau wisse, um wie viel ansteckender die Mutanten seien. Salathé: «Ein Pilot, der von seinem Nachtsichtgerät nur alle 15 Minuten verpixelte Bilder bekommt, lebt gefährlich.»

Zunächst hiess es, B.1.1.7 sei bis zu 70 Prozent ansteckender. Der deutsche Virologe Christian Drosten geht mittlerweile aber davon aus, dass die Mutante um 35 Prozent ansteckender ist. Epidemiologe Christian Althaus sprach kürzlich von 33 Prozent.

Das sagt das BAG

Weshalb hat das BAG den Vorschlag der Taskforce von Mitte Juni nicht umgesetzt? Weshalb hat es das BAG verpasst, frühzeitig Sequenzierungen zu etablieren?

Vor 22 Tagen haben wir dies das BAG gefragt. Wir wollten zudem wissen, wie viel Prozent der Tests momentan sequenziert würden. Seither haben wir mehrere Male nachgehakt. Gestern Mittwoch traf nun endlich eine Email ein. Auf eine konkrete Antwort hofften wir jedoch vergebens. Das BAG schreibt lediglich:

«Bitte entschuldigen Sie die verspätete Antwort. Die Testung ist bisher noch nicht repräsentativ und es können keine verlässlichen Daten zu der Grundgesamtheit gegeben werden. Die Gensequenzierungen wurden deutlich gesteigert – aber auch hier haben wir keine repräsentativen Daten, da oftmals gezielt und auf einen Auftrag hin bestimmte Proben sequenziert werden.»

Der Blindflug geht weiter.

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