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Ein Mann arbeitet in ihrem abgetrennten Arbeitsplatz fuer das Contact Tracing im Kanton Zuerich, aufgenommen am Freitag, 8. Mai 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

So sieht es aus, wenn Contact Tracer die Ansteckungsketten zurückverfolgen. Bild: KEYSTONE

Welche Ansteckungsorte die Kantone registrierten – und wie viel sie wirklich aussagen

Das BAG steht in der Kritik wegen der Daten-Panne bei den Ansteckungsorten von vergangenem Wochenende. Die Kantone hätten den Fehler bemerken können – doch die Sache ist komplizierter.



Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) musste am Sonntag ein schwerwiegendes Korrigendum herausgeben. Nicht 41,6 Prozent der rückverfolgbaren Ansteckungen seien in den Clubs passiert – sondern gerade einmal 1,9 Prozent. Wochenlang zuvor dominierten sogenannte «Superspreading»-Events im Nachtleben die Schlagzeilen. Positiv getestete Personen besuchten Clubs und Bars und brachten durch ihr verantwortungsloses Vorgehen hunderte in Quarantäne.

Und nun soll das Nachtleben gar nicht so ein schwerer Ansteckungsort zu sein? Die Verärgerung bei den Veranstaltern und in der Politik war gross. «Mal hurti eine ganze Branche durch den Dreck gezogen», kommentierte Christoph Ris von der Bar- und Clubkommission Bern.

Recherchen zeigen nun, dass die kantonalen Behörden bereits vor der Veröffentlichung der falschen Daten wussten, dass die meisten rückverfolgbaren Ansteckungen nicht im Nachtleben passieren. watson fragte bei sämtlichen 26 Kantonen nach, welche Daten die Contact Tracer sammeln konnten. Zwei Erkenntnisse daraus sind zentral:

Daten schwer vergleichbar und nicht überall verfügbar

Die klinischen Daten und die Contact-Tracing-Daten können dabei durchaus Unterschiedliches aussagen. Ein Beispiel verdeutlicht das: Stecken sich vier Arbeitskolleginnen und -kollegen im Büro an, so wird der «Arbeitsplatz» als Infektionsort vom Arzt oder der Ärztin ans BAG gemeldet. Finden die Contact Tracer heraus, dass eine Person sich im Nachtleben ansteckte, bevor sie im Büro das Coronavirus weiterverbreitete, werden die kantonalen Ansteckungsdaten bei dieser Person zu «Club/Bar» korrigiert. Die übrigen Arbeitskollegen bleiben statistisch gesehen «Arbeitsplatz»-Infizierte.

Weil jeder Kanton unterschiedlich gut Infektionen zurückverfolgt, gibt es auch Unterschiede bei der Datengenauigkeit. So publizieren kleinere Kantone wie Obwalden und Appenzell Innerrhoden wegen der tiefen Fallzahl gar keine Daten. Der Kanton Glarus liefert Zahlen zu Ansteckungsorten, die nicht durch Contact Tracern herausgefunden wurden, sondern von Erkrankten mit einer Selbstdeklaration genannt wurden.

Andere Kantone, darunter Jura, Fribourg, Uri oder Graubünden sammeln zwar Erkenntnisse zu den Ansteckungsorten durch Contact Tracern – nennen aber keine konkrete Zahlen, weil die Daten «lückenhaft» oder gar nicht als Statistik verfügbar seien. Eindeutige Zahlen liefern bislang lediglich Zürich, Zug, Solothurn, Basel-Stadt, St. Gallen und Aargau – teilweise sogar öffentlich einsehbar im Internet.

BAG spricht von «menschlichem Fehler»

Jene Kantone, die Daten zu Ansteckungsorten liefern, deuteten bereits vergangene Woche darauf hin, dass die vermeintlich hohen Ansteckungszahlen in Clubs und Bars falsch sind.

Das BAG erhielt gemäss watson-Informationen diese Daten. Laut einem Tamedia-Bericht wurden sie jedoch nicht der SwissCovid-Taskforce des Bundes weitergeleitet. watson hat die BAG-Medienstelle zweimal um ein Hintergrundgespräch gebeten, um die Hintergründe der Datenpanne zu recherchieren. Für ein Gespräch standen die Verantwortlichen bis Redaktionsschluss nicht zur Verfügung.

Gegenüber den Zeitungen der Tamedia versicherte BAG-Sprecher Jonas Montani, dass an einer Anbindung der Contact-Tracing-Datenbanken der Kantone «mit Hochdruck» gearbeitet werde. Beim aktuellen Fall handle es sich um einen «rein menschlichen Fehler». Zudem äusserte sich BAG-Direktor Pascal Strupler am Dienstagabend äusserte in der SRF-Sendung «Club» zum Fehler.

Diese Ansteckungsorte konnten die Kantone durch Contact Tracing eruieren

Falls Grafik nicht angezeigt wird: Hier klicken. Daten-quellen: Kantone.

Was sagen denn nun die Daten aus? Jene Kantone, die ausführlich Ansteckungsorte im Rahmen des Contact Tracings erfasst haben, bestätigen die Aussage der korrigierten BAG-Zahlen. Wenn eine Ansteckungsquelle eruiert werden konnte, dann passierte die Infektion in den häufigsten Fällen an folgenden Orten:

Dies bestätigen auch jene Kantone, deren Fallzahlen gering sind und genaue Zahlen entweder nicht verfügbar sind oder aufgrund starker Schwankungen eine geringe Aussagekraft haben. So stellte etwa Uri fest, dass die überwiegende Mehrheit der rückverfolgbaren Neuansteckungen auf Reiserückkehrende und das familiäre Umfeld zurückzuführen sind.

Graubünden stellte beim Contact Tracing fest, dass es häufig zu Ansteckungen im Freizeit- und familiären Umfeld kommt.

Der Kanton Fribourg berichtet, dass sich Personen am häufigsten «innerhalb der Familie», an privaten Anlässen und während den Pausen an den Arbeitsplätzen angesteckt hätten. «Dies gründet oftmals in den zu wenig konsequent angewandten Schutzmassnahmen durch die Arbeitnehmer/Innen, obwohl die Schutzmassnahmen vorhanden sind», schreibt Claude Bertelletto Küng der Fribourger Gesundheitsdirektion.

Über die meisten Kantonsdaten lässt sich unter dem Strich – auf den ersten Blick – kaum eine erhöhte Infektionsgefahr innerhalb Clubs und Bars feststellen. Der einzige Kanton, der in die Nähe der falschen BAG-Daten kommen könnte, ist Genf. «Nau» zitiert eine Kantonssprecherin, wonach «etwa 40 Prozent der positiven Fälle auf das Nachtleben» zurückgehen würden. watson erhielt von der Genfer Kantonsärztin Aglaé Tardin Daten von Anfang Juli, wo wöchentlich zwischen 16,8 und 33,4 Prozent der Fälle in «zwischenmenschlichen Beziehungen» zurückverfolgt werden konnten.

Solothurn warnt vor falschen Schlussfolgerungen

Die stellvertretende Solothurner Kantonsärztin Bettina Dübi warnt jedoch vor falschen Rückschlüssen. Die Zahlen des Contact Tracings würden keine Auskunft über das tatsächliche Ansteckungsrisiko geben. Einerseits seien die Daten aus ihrem Kanton aufgrund einer kleinen Fallzahl nicht repräsentativ.

«Es mag zwar mehr infizierte Reiserückkehrende als infizierte Diskobesuchende geben, es gibt aber absolut gesehen auch mehr Reiserückkehrende als Diskobesuchende.»

Bettina Dübi, stellvertretende Kantonsärztin in Solothurn

Andererseits müsste man die Zahlen mit Massnahmen und der Grundgesamtheit ins Verhältnis setzen: «Es mag zwar mehr infizierte Reiserückkehrende als infizierte Diskobesuchende geben, es gibt aber absolut gesehen auch mehr Reiserückkehrende als Diskobesuchende.»

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