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Fachleute schätzen, dass in der Schweiz in jeder Schulklasse ein Kuckuckskind sitzt. symbolBild: Shutterstock

Wenn Papi nicht der Vater ist: Drei Kuckuckskinder erzählen

Miriam (20), Manuel (49) und André (67) haben eines gemeinsam: Die Männer, die sie für ihre Väter hielten, sind nicht mit ihnen verwandt. 



Da stand Manuel* also. Fünfzehnjährig, in einer Zürcher Stube, mit zwei Männern. Der eine ein kühler Intellektueller, den er vorher noch nie gesehen hatte, aber die gleichen Gene in sich trug wie er. Der andere ein stolzer Spross einer Arbeiterfamilie, der Manuel zwar miterzogen, aber sonst so gar nichts mit ihm gemein hatte.

Dem Teenager schwirrte der Kopf. Der Fremde sah ihm auffällig ähnlich. Auch in seinem Wesen war er ihm vertraut – obwohl der Mann keinen Hehl daraus machte, dass das Letzte, was er jetzt noch brauchen konnte, ein Sohn war.

Manuel ist ein Kuckuckskind. Der Begriff leitet sich vom Kuckucksvogel ab, der seine Eier in fremde Nester legt. Manuels Mutter – im Zürich der 68er-Jahre schwanger geworden von einer Affäre – sollte ihren Ehemann im Glauben lassen, dass das Kind seines sei. So hatte sie es mit dem Erzeuger abgemacht: Kein Wort zu niemandem.

Doch die Geheimnistuerei machte ihr zu schaffen, also beichtete sie ihrem Umfeld, was geschehen war. Und für Manuel, damals noch ein Kind, begann das Hadern mit seiner Identität.

Der Kuckuck kann seine Eier so gut anpassen, dass die ahnungslosen Eltern, hier ein Rotkehlchen , nichts merken, auch wenn das Kuckuckskind weit groesser als seine Pflegeeltern ist, das Praeparat ist Teil der neuen Ausstellung im Naturmuseum St. Gallen, am Dienstag  27. Maerz 2007, unter dem Titel, Allerlei Eier- Tiereier in Variationen .  (KEYSTONE/Regina Kuehne)

Ein Rotkehlchen füttert einen jungen Kuckuck – in der Annahme, es handle sich um eigenen Nachwuchs.  Bild: KEYSTONE

Manche Fachleute gehen davon aus, dass in der Schweiz in jeder Schulklasse durchschnittlich ein Kuckuckskind sitzt. Andere Studien kommen auf höhere oder tiefere Werte. Verlässliche Angaben zu machen, ist schwierig, denn in vielen Fällen kommt die Wahrheit nie ans Licht. Die vermeintlichen Väter ziehen ein Kind auf, das biologisch gesehen nichts mit ihnen zu tun hat.

Stürzt das Lügengebäude jedoch ein, stellt dies das Leben der Betroffenen komplett auf den Kopf. Manuel erinnert sich: «Ich wusste plötzlich nicht mehr, wo mein Platz zwischen diesen beiden Männern war. Ja, vielleicht überhaupt auf der Welt.» Besonders quälend sei das schlechte Gewissen gegenüber seinem «sozialen Vater» gewesen – so nennt man die Schein-Väter im Fachjargon.

Vor wenigen Wochen hat sich der heute 49-Jährige erstmals mit Menschen ausgetauscht, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. In Winterthur startete eine Selbsthilfegruppe für Kuckuckskinder, Gründerin ist die 20-jährige Miriam*. Mit 13 hatte sie von der Mutter erfahren, dass nicht der Mann ihr Vater war, den sie bisher dafür gehalten hatte. Sondern ein Bekannter der Familie, der sie hin und wieder auf Ausflüge begleitete. 

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symbolbild: shutterstock.com

«Es ist hart, wenn man jahrelang angelogen wird», sagt Miriam. Ihr Rezept, um das dumpfe Gefühl zu vertreiben, hiess Information: «Ich händigte meinen Geschwistern Fragebogen aus, um in Erfahrung zu bringen, wie lange sie schon Bescheid wissen und wie sie über die Sache denken. Ich wollte das alles schriftlich haben.»

Ihren leiblichen Vater traf Miriam in Restaurants, fragte ihn über seine Familie aus. Und kämpfte dabei mit der ständigen Angst, gesehen zu werden. «Lange wusste in meinem Umfeld kaum jemand Bescheid.» Das will sie nun – bestärkt vom Austausch in der Selbsthilfegruppe – ändern.

«Er erwähnte es fast beiläufig. Er dachte, ich wisse Bescheid.»

André (67)

Miriam ist das jüngste Mitglied der Gruppe, André das älteste. Für eine Begegnung, wie sie die beiden anderen mit ihren leiblichen Vätern hatten, ist es für ihn zu spät. Der 67-Jährige erfuhr erst in diesem Frühjahr, dass er ein Kuckuckskind ist. Ein Onkel gab das Geheimnis preis, als der Vater im Sterben lag. «Er erwähnte es fast beiläufig. Er dachte, ich wisse Bescheid.»

«Ungläubig» sei er in dem Moment gewesen, erinnert sich André. Auch wenn es rückblickend eigentlich genug Anhaltspunkte gegeben hätte. Die Mutter, der Vater und die beiden Schwestern hatten blaue Augen, er braune. Als er zwölf war, hatte ihn eine Nachbarin gar einmal gefragt, ob er der leibliche Sohn der Familie sein. «Als ich meiner Mutter davon erzählte, ist sie förmlich explodiert.»

Seinen sterbenden «Bäppu» mit den Aussagen des Onkels zu konfrontieren, brachte André nicht übers Herz. Stattdessen nahm er dem alten Mann unter einem Vorwand eine Speichelprobe ab. Einige Wochen später beschied ihm ein Labor, eine Verwandtschaft könne zu 100 Prozent ausgeschlossen werden. Da war der Vater bereits tot.

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symbolbild: shutterstock.com

Doch nun, da der Verdacht zur Gewissheit geworden war, ging André in die Offensive, kontaktierte die noch lebenden Onkel und Tanten. «Da rückten sie plötzlich mit der Sprache heraus. Wie sich herausstellte, wussten alle davon – nur ich nicht.»

Die Geschichte, die die Verwandten erzählten, geht so: Andrés Mutter hatte als junge Frau einen «Schatz» aus Bern, braune Augen, dunkles Haar. Eines Tages erwischten ihre Brüder den jungen Mann im Ausgang – mit einer anderen Frau im Arm. «Meine Onkel drohten ihm, er solle sich nie mehr blicken lassen – sonst gebe es ‹ufe Ranze›.» Was sie nicht wussten: Ihre Schwester war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger von ihm.

«In einem Oktober schrieb mein Vater meiner Mutter, sie habe einen Riesenfehler begangen. Aber sie würden das gemeinsam durchstehen.»

André

Die Drohung der Brüder wirkte. Der Dunkelhaarige verschwand von einem Tag auf den anderen aus dem Leben der Frau. An seine Stelle trat rasch ein anderer Verehrer: der Mann, den André später «Bäppu» nennen sollte. «Er war von Anfang an verrückt nach meiner Mutter, vergötterte sie geradezu.» Davon zeugten alte Briefe, die er nach dem Tod des Vaters bei der Wohnungsauflösung gefunden habe.

Nur in einem Brief, da ist der Ton eisig. «In einem Oktober schrieb mein Vater meiner Mutter, sie habe einen Riesenfehler begangen. Aber sie würden das gemeinsam durchstehen.»

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Im Mai des darauf folgenden Jahres kam André zur Welt. «Mein Vater musste also gewusst haben, dass ich nicht sein leibliches Kind war.» Dass er ihn dennoch als seinen Sohn akzeptiert habe, rechne er ihm hoch an. Auch wenn das Verhältnis zwischen ihnen stets kühl blieb. «Er behandelte mich korrekt, war aber sehr streng – und es fuchste ihn, wenn mir privat oder beruflich etwas gelang, was ihm in seinem Leben verwehrt geblieben war.»

In Andrés Wohnzimmer, irgendwo im Kanton Solothurn, hängt ein schmaler Bilderrahmen. Darin, auf einem hellen Hintergrund, vier Fotos: Oben ein grosses von Mutter und Vater, er mit strengem Blick, sie strahlend im rosa Pullover. Unten zwei kleinere, je eine blondgelockte Frau im Fokus: Andrés jüngere Schwestern. Im Zentrum: das Kuckuckskind, etwas jünger als heute, während einer Reise durch Indien unter Palmen.

Ein weiteres Foto, ein Porträt in Sepia-Tönen, thront auf einem Sideboard neben der Treppe. «Das ist er, mein Vater.» André lächelt unsicher, der Satz scheint ihm noch nicht recht geheuer.

Den Namen seines Vaters «und ein paar weitere Details» hatte er bei seinem Onkel in Erfahrung bringen können. Die Geschichte liess dem Pensionierten keine Ruhe – er begann, Nachforschungen anzustellen. Klapperte das Zivilstandesamt, das Staats- und das Stadtarchiv ab – und förderte die Geschichte seines Erzeugers so Stück für Stück zu Tage.

«Ich dachte: Das gibt's ja gar nicht: Meine Halbbrüder hatten denselben Bart, dasselbe strube Haar wie ich. Verrückt.»

André

«Ich fand heraus, dass mein Vater schon vor 30 Jahren gestorben ist. Von ihm hätte ich noch zwei Halbbrüder, doch die leben beide auch nicht mehr.» André schrieb der Witwe des älteren Bruders, schilderte ihr die Situation, bat um ein Foto des verstorbenen Vaters. Zurück kam jenes, das nun auf dem Sideboard steht. Zusammen mit einer Antwortkarte, nur ein paar dürre Zeilen Text.

André fasste nochmals Mut, telefonierte mit der Witwe, bat sie um ein Treffen. «Wie sie mir nachher sagte, war es für sie schon von Weitem sonnenklar, von wem ich abstamme.» Fotoalben wurden geöffnet, Bilder aus früheren Jahren verglichen. «Ich dachte: Das gibt's ja gar nicht: Meine Halbbrüder hatten denselben Bart, dasselbe strube Haar wie ich. Verrückt.»

Noch bizarrer wurde die Geschichte, als André seinem Umfeld eröffnete, was er herausgefunden hatte. Während eine Schwester ausrief, sie habe es «irgendwie» immer geahnt, liess sich auch Andrés Ex-Frau zu einem Geständnis hinreissen. Andrés Mutter habe ihr das Geheimnis bereits vor Jahrzehnten anvertraut. «Dass sie alles wusste und nichts gesagt hat, schmerzt mich besonders.»

«Was ich aus der Geschichte mitnehme, ist vor allem eins: Ich will in meiner eigenen Familie keine Geheimnisse haben.»

Denn inzwischen ist auch die Mutter tot. Jemanden, der aus erster Hand berichten könnte, gibt es nicht mehr. André hätte gern gewusst, was sein Vater für ein Mensch war. Ob es mehr Gemeinsamkeiten gegeben hätte als mit dem strengen «Bäppu», für den das Leben ein Wettbewerb war. Der die Nazis glorifizierte und alle, die nicht in sein Weltbild passten, als «Vaganten» bezeichnete. «Wir hatten das Heu wirklich nicht auf der gleichen Bühne.»

Es vergehe kein Tag, an dem er nicht darüber nachdenke, so der 67-Jährige. Dank seiner Partnerin komme er aber zurecht. Auch die Selbsthilfegruppe tue ihm gut. «Was ich aus der Geschichte mitnehme, ist vor allem eins: Ich will in meiner eigenen Familie keine Geheimnisse haben.» Er habe seine erwachsenen Töchter aufgefordert, alles anzusprechen, was sie störe. Fragen zu stellen, so viele sie wollten.

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Auch Manuel, der 68er aus Zürich, ist heute selber Vater. Dreimal war er verheiratet, die Tochter aus erster Ehe ist heute 19, der Sohn aus der aktuellen Beziehung vier. «Es hat sicher auch mit meiner Geschichte zu tun, dass es mir schwerer als anderen fällt, mich zu binden», analysiert Manuel. «Auch deshalb will ich meine Vergangenheit jetzt aufarbeiten. Ich will meinen Kindern geben können, was sie brauchen. Das gelang mir bei meiner Tochter bislang leider nicht immer.»

Dass sich die Geschichte nicht abstreifen lässt, muss er immer wieder erfahren. Das beginnt schon beim Blick in den Pass: So tragen sowohl Manuel als auch seine Tochter den Nachnamen eines Mannes, der nicht mit ihnen verwandt ist. Dies sei aus «systemischer Sicht» bedenklich, liess sich Manuel einst von einem Psychologen sagen. Er solle doch den Namen des leiblichen Vaters annehmen. «Doch damit wäre ich bei ihm nie durchgekommen.»

«Für mich ist es wichtig, dass ich mir immer wieder sage: Das ist nicht meine ganze Geschichte. Ich schreibe meine Geschichte selber.»

Miriam (20)

Heute sieht er seinen Erzeuger alle ein, zwei Jahre. «Aber nur, wenn ich mich melde. Einen Sohn sieht er bis heute nicht in mir. Er sagt, er habe es nicht so mit Gefühlen.» Schwierig blieb auch das Verhältnis zur Mutter. «Das schlechte Gewissen schwingt immer mit. Ich halte ihren ständigen Drang, sich zu rechtfertigen, manchmal kaum aus.»

Dafür dankbar zu sein, was die Eltern für ihn geleistet haben, auch wenn vieles nicht glatt lief, sei ein «Prozess», sagt Manuel. Den richtigen Umgang mit ihrer Geschichte sucht auch die 20-jährige Miriam noch, die zur Mutter und zum sozialen Vater eine gute Beziehung pflegt: «Für mich ist es wichtig, dass ich mir immer wieder sage: Das ist nicht meine ganze Geschichte. Ich schreibe meine Geschichte selber.»

*Manuel und Miriam heissen in Wirklichkeit anders. Aus Rücksicht auf die Familien hat watson ihre Namen geändert.

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Hobby der Tochter oder ein Geniestreich des faulen Vaters?

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