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An der Extasia kopulieren selbst die Eichhörnchen. Bild: sme

Wieso wollte ich schon wieder an die Erotikmesse Extasia?

Mit den Temperaturen fallen auch die Hüllen, jedenfalls an der Extasia in Basel. Wo mir nette Menschen mit sonderbaren Berufen überraschende Geschichten erzählt haben.



Sie ist höchstens 25 und garantiert silikonfrei. Sie trägt langes dunkles Haar, ist überall mit Glitzerstaub bedeckt und nennt mich «Darling». Ich sag: «Verzeihung, ich bin Journalistin. Und ich war noch nie an so einer Messe. Was genau tun Sie hier? Sind Sie Tänzerin?» «Genau!», sagt sie, «wir sind hier alle Tänzerinnen. Und Freundinnen. Du kannst jetzt mit einer oder zweien von uns in diese Kabine gehen und einfach eine gute Zeit haben. Die Preise hängen an der Wand.»

Die Preise sind mir ein bisschen zu teuer. Ich kann ja schlecht «Lesbo Show 150 Chf» auf meiner Spesenrechnung verbuchen. «Machen Sie das gerne?» – «Als ich ins Business eingestiegen bin, dachte ich, scheisse, das geht alles nicht, aber dann habe ich meine jetzigen Chefs kennengelernt. Sie sind ein Paar. Und echte Pornostars.» – «Die da?» – «Ja, sie sind fantastisch. Die besten Chefs, die's gibt, wir lieben alle unseren Job.»

«Die da» sind ein leicht untersetzter Mann mit schütterem Haarkranz, aber erstaunlich lieben Augen. Als ob es darauf ankäme. Und eine Asiatin, die enorm böse schaut und sich mit der Präzision und Geschwindigkeit eines Peitschenknalls bewegt. 

Die Damen mit den besten Chefs 

Bild: sme

Ein junger Mann streckt mir seine Visitenkarte entgegen. Er ist Callboy und auf der Suche nach neuen Kundinnen. Auch er ist nicht wirklich schön, wirkt aber irgendwie warmherzig. Seltsam, die Frauen hier sind alle hochgetunt, die Männer – abgesehen von den Strippern – nicht. «Sorry», sag ich, «lesbisch». «Oh schade, ich hätte Sie jetzt noch scharf gefunden!», sagt der Mann. «Aber ich bin Journalistin, mögen Sie ein bisschen erzählen?» Mag er.

Alle an der Extasia mögen ein bisschen erzählen und sind geradezu euphorisch nett. Ist hier irgendwas grusig? Hätte ich besser Gummistiefel angezogen? Nein.

Ob Micaela Schäfer aus dem Fernsehen auch nett ist? Schliesslich ist sie eins der «Faces» dieser Messe. Ich hab sie in «Germany's Next Topmodel» gesehen. Und im Dschungelcamp. Ich weiss viel zu viel über die, es gehört zum unnützesten Wissen der Welt, aber Menschen aus dem Fernsehen sind nun einmal was Besonderes, schliesslich waren sie schon stundenlang in meinem Wohnzimmer und damit enorm nah an meinem Innersten. 

Die meisten hier sagen, dass sie das, was sie an der Messe tun, nur im Nebenjob machen. Sextoys verkaufen. Oder Callboy sein. Der Callboy ist einer von ein paar hundert in der Schweiz, sagt er, sein Preis ist gleich «wie der von einer Dame», 450 Franken für zwei Stunden. Seine jüngste Kundin war 23, eine seiner ältesten 65.

«Die 23-Jährige hatte zu jung geheiratet und zu wenig sexuelle Erfahrungen gesammelt. Sie war deshalb nicht glücklich in ihrer Ehe und ich musste sie ‹therapieren›. Erfolgreich. Ihr Mann wusste davon nichts. Eines Tages ruft sie mich an und sagt: ‹Ich komm jetzt nicht mehr, alles ist gut, ich hab jetzt guten Sex mit meinem Mann, vielen Dank!› Man kann mich aber auch für Tanzkurse buchen oder fürs Bungee-Jumping, ich hab keine Angst.» – «Aber Sex ist schon die anspruchsvollste Disziplin, oder?» – «Klar, davon hängt am Ende alles ab.»

«Wissen Ihre Kollegen und Vorgesetzten, dass Sie im Nebenjob Callboy sind?» – «Nein.» – «Besteht die Gefahr, dass einer von ihnen hier vorbeikommt?» – «Ich glaube nicht.»

Alexa Trinity trägt einen Tarnanzug aus Tattoos

Bild: sme

Vis-à-vis bei der Chlamydien-Prävention kann man Blut abzapfen und von einem medizinischen Labor auf allerlei Geschlechtskrankheiten, besonders auf Chlamydien, aber auch auf HIV, Syphilis, Tripper, Herpes und Hepatitis B und C untersuchen lassen. «Aber die Resultate gibt's nicht hier am Stand, Sie können ja nicht gut jemandem an einer Erotikmesse sagen, dass er HIV hat, oder?» – «Nein, das käme nicht gut, die Resultate erfährt man erst später.»

«Wieso werben Sie für den Chlamydien-Test mit einem Tarnanzugs-Design? Sind die im Militär ein speziell grosses Problem?» – «Der Tarnanzug ist da, weil sich Chlamydien so gut tarnen.»

Auf einer Bühne tanzen Frauen. Eine Alexa Trinity. Eine Pussykat. Sie sind sehr geschickt. Also splitternackt, aber immer so, dass man nicht, na ja, in sie hineinschauen kann. Wenn man in eine Frau hineinschauen will, muss man bezahlen. Wieso bin ich schon wieder hier? Ach ja, weil Artikel über Sexmessen gute Quoten bringen.

Zum Auftritt von Pussykat erklingt romantische Musik und Schneeflocken fallen auf die Bühne. Junge Paare halten sich aneinander fest und finden das einfach nur schön. Gewiss werden sie mit fortschreitendem Abend Feuerzeuge hochhalten. Direkt an der Bühne kleben die klebrigen Männer, die man genau so an einer Sexmesse erwartet, und filmen, was der Akku hergibt.

Micaela Schäfer schwört aufs Nacktsein

Bild: sme

Sonst besteht der Soundtrack des Sex in der unterkühlten Halle 3 der Messe Basel aus erstaunlich viel Ed Sheeran, James Blunt und «Despacito». Echt jetzt? Micaela Schäfer gibt hinter einem Vorhang einen 10-Minuten-Talk für Fans.

«Nackte Frauen mag ja irgendwie jeder», sagt Micaela Schäfer, «ich bin nackt bekannt geworden und ich werde auch nie was Anderes machen.»

Ihr Traum: Einmal ins «Promi Big Brother»-Haus einziehen dürfen. Sie hat einen Kalender zum Thema «Foodporn» gemacht. Also nackte Frauen mit Food, irgendwie. Ihr «Schatz» und «Bald-Verlobter» beschützt sie gegen Fans, die wirken, als wären sie nah am Irrsinn gebaut. Hinter jeder ihrer Muskeln und anderen Ausbuchtungen steckt sichtbar harte Arbeit.

Ein paar Stände(r) weiter lässt sich die Luzerner Nacktkünstlerin Milo Moiré vom «Blick» ein heisses Halsband umlegen. Ich geh dann mal zu den Sextoys. An einem kleinen Stand sehen die Vibratoren aus, als hätten die Geschirrdesigner von Alessi den besten Tag ihres Lebens gehabt.

Milo Moiré macht Medienarbeit

Bild: sme

«Die sind von einer kanadischen Künstlerin entworfen worden», sagt der Verkäufer, «es ist heute ganz wichtig, dass sowas von einer Frau entworfen wird.» Finde ich als Frau auch. Aus einigen der Vibratoren wachsen komische Schlauchtrichter. Was ist das? «Das saugt sich an der Clit fest», sagt der Mann ganz sachlich. «Und davon können Sie leben?» – «Nein, das machen wir im Nebenjob.» 

Gut, vor dem Nachhausegehen noch was ganz Nüchternes. «Das Thema Haar ist in der Erotikbranche ganz gross», sagt eine Verkäuferin und fährt mir mit einer Art Enthaarungs-Schleifpapier über den Arm, «ebenso in der Kosmetik- und der Sportbranche, denken Sie nur an all die Velofahrer! Gründliche Enthaarung gehört da zum Wichtigsten.» Eh klar. Denken wir also an Velofahrer. Und an die Chlamydien-Prävention. Grosse Themen.

watson an der Extasia 2014

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Video: YouTube/watson

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