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Impression vom Weltseniorentag, am Samstag, 1. Oktober 2016, auf dem Alexanderplatz in Chur. Das Gesundheitsamt Graubuenden organiserte einen Tanz-Flashmob mit rund 300 Seniorinnen und Senioren. (PPR/Sebastian Schneider)

Sie haben zu viel politisches Gewicht, meint ein ETH-Forscher: Senioren beim Sport. Bild: PPR

Gegen die Diktatur der Babyboomer – ETH-Forscher will, dass Stimmen der Jungen mehr zählen

Weil die Alten künftig jede Abstimmung dominieren können, schlägt ein ETH-Professor ein stärkeres Stimmgewicht für Junge vor. Bundesratskandidat Pierre Maudet verfolgt einen anderen Ansatz.

yannick nock / Aargauer Zeitung



Wer Rentner quält, wird nicht gewählt. Diese Politik-Regel ist hierzulande mit der AHV-Reform aktueller denn je. Höheres Pensionsalter, tiefere Rente: Wer solches fordert, ist politisch tot. Dabei sind es nicht die Alten, die im demokratischen Prozess den Anschluss zu verlieren drohen, sondern die Jungen. Nun wird die Diskrepanz noch grösser: Mit den Babyboomern geht eine Generation in Rente, die sämtliche Alters-Rekorde brechen wird – und das ganze Land muss zittern, ob das gut geht.

Die Zahlen sind erdrückend: Bei der Gründung der AHV 1948 kamen auf 100 Aktive 15 Rentner, heute sind es 29. Mit den Babyboomern steigt die Quote massiv an. 2045 werden es gemäss Bund 48 Rentner pro 100 Aktive sein. Es wächst eine Gesellschaft der Alten und sehr Alten, die ihre Macht auch einsetzen wird, um ihre Interessen zu wahren. Michael Hampe, Professor der ETH Zürich, ist sich deshalb sicher: «Unter der Politik der Babyboomer werden künftige Generationen leiden», sagt er auf Anfrage.

Die meisten, die in den 1950er- und 1960er-Jahren geboren wurden, seien sehr privilegiert aufgewachsen, sagt der Philosoph, der 56-jährig selbst der Babyboomer-Generation angehört. Besonders im Vergleich zur vorherigen Generation, die den Krieg miterlebt hat. Diese relative Sorglosigkeit führe häufig zu einer oberflächlichen, kurzsichtigen Einstellung – und zur Verantwortungslosigkeit, sagte er jüngst im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung».

Eine Stimme für jedes Kind

Die Situation gilt auch für die Schweiz. «Die Generation der Babyboomer ist jetzt fast überall an der Macht.» Es dauert nicht mehr lange, bis die Jungen rechnerisch die politische Mehrheit ebenfalls hierzulande verlieren. Es droht eine Diktatur der Alten. Der ETH-Professor bringt deshalb eine neue Form des Stimmrechts ins Spiel: die chronologische Gerechtigkeit. Dabei wird den Jungen ein grösseres Stimmgewicht eingeräumt. Wer länger mit den Folgen einer Entscheidung leben muss, soll stärkeren Einfluss nehmen können. Das würde auch die politische Kultur beleben.

«Ein Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung über 40 Jahre alt ist, ist kulturell, technologisch und künstlerisch nun mal weniger dynamisch.» Es gehe nicht darum, einen Generationen-Konflikt heraufzubeschwören, sagt Hampe, «aber die Babyboomer müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden».

Die Schweiz kennt Ideen, wie sie Hampe äussert. Politiker ernten damit aber keine Mehrheiten, sondern bloss Empörung. Vor einem Jahr wurde die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) konkret: «Mein Vorschlag ist, dass 18- bis 40-Jährige zwei Stimmen, 40- bis 65-Jährige 1,5 Stimmen und über 65-Jährige eine Stimme erhalten», sagte sie. Der Aufschrei war so laut wie vorhersehbar. Nach wenigen Stunden waren die Kommentarspalten voll: «Quatsch», «beschämend», «man sollte ihre Stelle einsparen».

Jacqueline Fehr, Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern, spricht an einer Medienkonferenz anlaesslich der Administrativuntersuchung im Gefaengnis Pfaeffikon, aufgenommen am Montag, 3. Juli 2017 in Zuerich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP). Bild: KEYSTONE

Es sei richtig gewesen, eine Debatte anzuregen, sagt Fehr heute. Die Älteren müssten sich bemühen, die Anliegen der jungen Generation besser nachzuvollziehen. Ausserdem gebe es das gewichtete Stimmrecht bereits, wie das Ständemehr beweise. Es sei ein bewährtes Mittel, um eine strukturelle, hierarchische Überlegenheit abzufedern. Im Vordergrund stehe aber kein Modell, sondern die Sensibilisierung. Wenn Grosseltern vor jeder Abstimmung mit ihren Enkeln reden würden, würde das bereits helfen, sagt Fehr.

Dann lieber gar nicht abstimmen: Wahlfälschung in der Schweiz

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Wahlfälschung in der Schweiz
quelle: keystone / valentin flauraud
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Mit einem angepassten Stimmrecht beschäftigen sich nicht nur Politiker und Professoren. Die Denkfabrik Avenir Suisse wälzte schon radikalere Ideen, um die demografische Zeitbombe zu entschärfen. Sie schlug ein Stimmrecht für alle Kinder ab Geburt vor. Bis zur Volljährigkeit könnten die Eltern stellvertretend für ihren Nachwuchs abstimmen. Das habe gleich zwei Vorteile. Erstens weil Eltern kleiner Kinder in der Regel eher jung sind und somit den Jungen zusätzliches Gewicht verleihen. Zweitens weil sie Anliegen der Zukunft stärker berücksichtigen würden. Bisher waren aber alle Vorstösse für ein Stimmrecht ab Geburt chancenlos.

Die Zeit für neue Ideen drängt, denn nicht nur die Babyboomer werden ihre Macht ausspielen, auch Politiker orientieren sich mehr und mehr an den Bedürfnissen der Alten. Sie glauben, nur so Wahlsiege einzufahren. «Das Rentenalter wird nicht angehoben», ist so ein Versprechen, das aus dieser Haltung resultiert. Für ETH-Professor Michael Hampe sind solche Aussagen aber «fatal». «Politiker sollten Kompromisse aushandeln und dabei auch an die Zukunft der Jungen denken.» Die Mehrheit habe nicht immer recht.

Politik-Lektionen an Schulen

Vertreter aller Parteien würden heute stark um die älteren Generationen buhlen, sagt auch Regierungsrätin Fehr. Oft höre sie hinter den Kulissen, dass man sich eigentlich mehr für die Anliegen der Jungen einsetzen sollte. In der Öffentlichkeit hätten die gleichen Personen aber Beisshemmung. Das gelte vor allem in der Familienpolitik, bei Fragen wie der Mutterschaftsversicherung oder mehr Plätzen in Kinderkrippen. «Wenn das Thema die Älteren nur noch wenig betrifft, ist es schwierig, eine Mehrheit zu finden», sagt Fehr.

Doch was nützt ein stärkeres Stimmgewicht, wenn man das vorhandene nicht nützt? Viel zu oft bleibt ein Grossteil der Jungwähler den Abstimmungslokalen fern. Diese Entwicklung könnte sich gemäss Hampe noch verschärfen: «Wer das Gefühl hat, nicht gehört zu werden, partizipiert irgendwann nicht mehr am politischen Prozess.»

Pierre Maudet, conseiller d'Etat genevois en charge du departement de la securite et de l'economie (DSE), s'adresse aux medias concernant sa candidature a la succession du conseiller federal Didier Burkhalter, ce mercredi 9 aout 2017 a Geneve. Pierre Maudet commence sa campagne pour succeder a Didier Burkhalter au Conseil federal au lendemain d'avoir recu le plein soutien du PLR genevois, lors d'une assemblee des delegues.(KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Will Bundesrat werden: Staatsrat Pierre Maudet (FDP/GE). Bild: KEYSTONE

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der 39 Jahre junge Bundesratskandidat Pierre Maudet (FDP/GE). Er glaubt, dass es den Jungen an Vorbildern fehlt. «Wir müssen mehr Junge dazu bringen.» Auch die Hochschulen nimmt er in die Pflicht. «An den Universitäten sollte es spezielle Ausbildungsgänge geben für Junge, die sich eine solche Karriere vorstellen könnten.» Zudem müssten Kinder bereits in der obligatorischen Schule mehr Lektionen zur politischen Bildung erhalten. Das würde die Jungen stärker für eine Karriere in der Politik begeistern, ist sich Maudet sicher.

Er selbst hat es vorgelebt. Im Alter von 15 Jahren gründete Maudet ein Jugendparlament in Genf, mit 21 wurde er Mitglied des Stadtparlaments und vor fünf Jahren übernahm er den Posten des Regierungsrats. Sollte er im September mit 39 gewählt werden, wäre er seit Ruth Metzler, die 1999 mit 34 in die Landesregierung einzog, der jüngste Bundesrat der Nachkriegszeit.

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