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Die Nationalräte Diana Gutjahr (SVP/TG) und der Aargauer Cédric Wermuth (SP/AG) kreuzen die Klingen.

SVP-Gutjahr vs. SP-Wermuth: «Das könnten sich die Frauen niemals erlauben!»

Als linker Mann hat sich Cédric Wermuth den Kampf für Gleichstellung auf die Fahne geschrieben. Als rechte Unternehmerin wehrte sich Diana Gutjahr gegen den Vaterschaftsurlaub. Ein Streitgespräch über den Stand der Gleichstellung.

christoph bernet



Frau Gutjahr, Sie müssen Herrn Wermuths Partei dankbar sein. Die SP forderte seit 1904 das Frauenstimmrecht, während die SVP-Vorgängerpartei BGB noch 1959 die Nein-Parole dazu beschloss.

Diana Gutjahr: Selbstverständlich bin ich dankbar, dass ich heute als Frau wählen, abstimmen und mich politisch betätigen kann. Ich habe grossen Respekt vor all den Frauen, die das mit ihrem Einsatz ermöglicht haben. Mit Jahrgang 1984 kenne ich es allerdings gar nicht anders, als dass ich als Frau die gleichen Rechte habe wie die Männer. Im Gegensatz etwa zu meiner Mutter, die in den 1940er-Jahren geboren wurde, habe ich das grosse Privileg, dass mir nie jemand vorgeschrieben hat, was ich tun und was ich lassen soll. Heute sind wir glücklicherweise so weit, dass die Frauen gleichberechtigt sind. Die Möglichkeiten, die das bietet, müssen wir Frauen nun auch wahrnehmen. Denn mit unseren Rechten sind auch Pflichten verbunden.

Diana Gutjahr, Nationalraetin SVP, (TG), an der Delegiertenversammlung der Schweizerischen Volkspartei (SVP), in Les Bugnenets, am Samstag, 23. Juni 2018. (KEYSTONE/Patrick Huerlimann)

Wird Diana Gutjahr die erste SVP-Bundesrätin? Bild: KEYSTONE

Herr Wermuth, als erfolgreiche Unternehmerin ist Frau Gutjahr ein Vorbild für junge Frauen und tut damit doch viel mehr für die Gleichberechtigung als wenn die SP in einem Manifest eine «starke feministische Linguistik» fordert.

Cédric Wermuth: Man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen. Vorbilder zu haben, war für Bewegungen schon immer wichtig, besonders auch für die Frauenbewegung. Für junge Mädchen wie unsere beiden Töchter ist es zentral, dass es Politikerinnen und Unternehmerinnen wie Diana gibt, an denen sie sich orientieren können. Doch Gleichberechtigung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch uns Männer etwas angeht und in unserem Interesse ist. Die Geschichte zeigt, dass es nicht ausreicht, wenn einige wenige die Gleichberechtigung vorleben. Es braucht sowohl den politischen Einsatz für gesellschaftliche Regeln als auch den individuellen Einsatz für mehr real existierende Gleichberechtigung im Alltag.

«Für junge Mädchen wie unsere beiden Töchter ist es zentral, dass es Politikerinnen und Unternehmerinnen wie Diana gibt, an denen sie sich orientieren können.»

Cédric Wermuth

Wenn sich Männer die Sprüche anhören müssten, die sonst nur Frauen abkriegen

Video: watson/Emily Engkent, Madeleine Sigrist, Knackeboul

Gibt es parteiübergreifend Unterschiede darin, wie Männer und wie Frauen Politik machen?
Gutjahr: Ich denke, die eigene Herkunft und die Dinge, mit denen man sich beruflich und im Alltag beschäftigt, prägen die politische Haltung und Herangehensweise. Ich sehe vieles durch die Augen einer Unternehmerin. Aber ich denke, Frauen sind grundsätzlich etwas sensibler und sozialer eingestellt.

Parteipräsident und Unternehmerin

Cédric Wermuth (34) sitzt seit 2011 im Nationalrat. Er lebt in Zofingen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 2020 ist er gemeinsam mit der Zürcher Nationalrätin Mattea Meyer Co-Präsident der SP Schweiz. Diana Gutjahr (37) sitzt seit 2017 im Nationalrat. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie ein Metallbauunternehmen in Arbon TG.

Wermuth: Frauen und Männer machen unterschiedliche biografische Erfahrungen. Anders als meine SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer wurde ich beispielsweise nie gefragt, wie ich Kinder und Politik unter einen Hut bringe. Und wir erhalten zwar beide sehr viele Beleidigungen zugeschickt. Bei Mattea sind da aber immer auch Androhungen von sexualisierter Gewalt dabei. Das sind andere Erfahrungswelten. Aber das sorgt nicht für unüberwindbare Unterschiede. Bei mir war es ein langer Lernprozess bis ich realisierte, wie viel einfacher ich es als Mann im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen hatte – und weiterhin habe.

Woran merken Sie das konkret?

Wermuth: Schauen Sie das Parlament an. Da gibt es unzählige Männer, die frisieren sich nie. Die steigen aus dem Bett und kommen so ins Bundeshaus.

Gutjahr: Der war gut! (lacht)

Wermuth: Das könnten sich die Frauen niemals erlauben! Es würde sofort eine Schlagzeile geben. Das zeigt, wie unterschiedlich Frauen und Männer immer noch bewertet werden. Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern darum, dass jeder Mensch so sein kann, wie er oder sie will. Davon profitieren am Ende auch die Männer: Wir können uns von alten Rollenbildern befreien.

Frauen sind in Führungspositionen weiterhin signifikant untervertreten, übernehmen den Grossteil der Erziehungs- und Haushaltsaufgaben, arbeiten viel häufiger Teilzeit als Männer. Ist die Gleichberechtigung wirklich erreicht?

«Wenn ich irgendwo angefragt werde, weil ‹man noch eine Frau braucht›, sage ich sofort ab. Ich will wegen meinen Kompetenzen, nicht meines Geschlechts zum Zug kommen.»

Diana Gutjahr

Gutjahr: Ja. Wir haben die gleichen Rechte und Pflichten. Ich fühle mich nirgendwo benachteiligt. Paare sollen Beruf und Familie so aufteilen können, wie es für sie passt. Wir müssen aufpassen, dass die Debatte nicht kippt. Ich erlebe immer häufiger, dass sich Frauen, die auf eigenen Wunsch bei den Kindern bleiben, diskriminiert fühlen.

Wermuth: Natürlich hat es Fortschritte gegeben in den letzten 50 Jahren. Aber die Frauen sind in der Schweiz weiterhin einem viel grösseren Armutsrisiko ausgesetzt. Sie erhalten einerseits für gleiche Arbeit weniger Lohn und andererseits sind die für die Gesellschaft enorm wichtigen Berufe wie etwa in der Kinderbetreuung oder der Altenpflege deutlich unterbezahlt, weil sie von Frauen ausgeübt werden. Heute macht man die Frauen individuell verantwortlich. Sie seien selber schuld, sie müssten halt härter verhandeln. Aber das ist falsch. Deshalb braucht es, wie bei der Volksschule, eine flächendeckende und gebührenfreie ­externe Kinderbetreuung mit einem garantierten Platz für jedes Kind.

Cedric Wermuth, SP-AG, Co Praesident von der SP Schweiz aeussert sich ueber die vom Bundesrat geplanten Covid 19 Massnahmen, am Mittwoch, 9. Dezember 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

SP-Wermuth ist seit kurzem SP-Copräsident. Bild: keystone

Gutjahr: Mehr als 99 Prozent der Unternehmen in der Schweiz sind KMU. Diese kennen ihre Mitarbeitenden und ihre familiäre Situation gut und versuchen, bezüglich Vereinbarkeit von Beruf und Familie individuell zufriedenstellende Lösungen zu finden. Jede Gemeinde hat andere Bedürfnisse. Eine nationale, kostenlose Regelung ist in meinen Augen der falsche Weg. Das belastet die Steuerzahler massiv. Wir dürfen auch die Kinderlosen nicht vergessen, die bereits heute in vielen Fällen einen hohen Beitrag an die Finanzierung der Kinderbetreuung leisten.

Braucht die Schweiz eine Frauenquote für Führungspositionen?

Gutjahr: Gemischte Teams erzielen bessere Ergebnisse. Mehr Frauen in Führungspositionen sind erwünscht. Aber das Wachstum geschieht bereits ohne Quote – auf natürliche Weise. Wir haben immer mehr hervorragend ausgebildete Frauen in den Firmen, die ihrerseits Frauen fördern. Das ist besonders bei den KMU zu beobachten, wie eine Studie der Uni St.Gallen zeigt. Die Quote würde dazu führen, dass Frauen unterstellt würde, sie hätten ihre Position nur wegen ihres Geschlechts erhalten.

Wermuth: Das Beispiel Norwegen zeigt: Mit einer Quote kann man die Untervertretung der Frauen in Führungspositionen sehr schnell korrigieren. Ohne gesetzliche Vorschriften ziehen Männer andere Männer nach. Und zwar nicht nach Kompetenzkriterien, sondern weil da Männernetzwerke und Machtstrukturen eine grosse Rolle spielen. Ich stimme mit Diana überein, dass eigentlich die Kompetenz das alleinige Kriterium sein sollte. Heute muss eine Frau für einen Kaderjob eine absolute Überfliegerin sein, bei Männern reicht oft auch Mittelmass und das richtige Netzwerk. Das ist auch eine Quote, aber halt für die Männer. Eine Frauenquote balanciert das aus – und kann dann wieder abgeschafft werden.

Apropos Frauen in Führungspositionen: Werden Sie die erste SVP-Bundesrätin?

Gutjahr: Was morgen ist, weiss ich nicht. Ich bin sehr verankert in unserem Familienbetrieb. Ich bin in erster Linie Unternehmerin und in zweiter Linie Politikerin. Aber ich weiss: Man darf niemals nie sagen.

Wermuth: Gratuliere, das war jetzt eine klassische Bewerbungsrede für das Amt! So tönt das bei allen Unternehmerinnen und Unternehmern mit Bundesratsambitionen. (lacht)

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quelle: keystone / ennio leanza
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