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Interview

SBB-Chef Ducrot: «Ticketing im internationalen Verkehr ist unser Schwachpunkt»

Mitten in der Pandemie hat Vincent Ducrot das Steuer bei den SBB übernommen. Im Interview sagt der Romand, wie er Pendler wieder in den Zug holen will und wo es bei der SBB-App noch immer klemmt.
15.03.2021, 17:14

2020 erlebten die SBB ein Annus horribilis: Wegen Corona fuhren ein Drittel weniger Passagiere mit der Bahn, 12 Prozent weniger Generalabonnemente wurden verkauft. Dies hinterlässt tiefe Bremsspuren in der Bilanz: Die SBB schreiben einen Rekordverlust von 617 Millionen Franken. Das schmerzt den obersten Bähnler.

Herr Ducrot, ein Redaktionskollege von mir fährt seit einem Jahr mit dem Auto statt mit der SBB von Aarau nach Zürich ins Büro. Wie wollen Sie ihn von der Strasse zurück in den Zug bringen?
Vincent Ducrot: Es können nach Corona nicht alle Pendler mit dem Auto ins Büro fahren, schon nur weil die Parkplätze fehlen. Ich bin überzeugt, dass die Bahn als klimafreundlichstes Massentransportmittel Zukunft hat und sich die Passagierzahlen wieder einpendeln. Wir werden auch Werbekampagnen lancieren, um das Vertrauen in den ÖV zu stärken.

Die GA-Verkäufe sind massiv eingebrochen, weil die Leute weniger unterwegs sind. Wann lancieren Sie ein Homeoffice-GA?
Wir überlegen, wie wir unser Ticket-Sortiment ergänzen können. Aber sicher gibt es kein Homeoffice-GA. Denn es kann nicht zwei verschiedene GA geben. Das Generalabo bedeutet, die volle, uneingeschränkte Mobilität im öffentlichen Verkehr. Die Erfahrung zeigt, dass das GA für alle Leute das ideale Abo ist, die pro Woche drei Tage und mehr unterwegs sind.

«Es macht für uns überhaupt keinen Sinn, jetzt neue Ticket-Modelle zu lancieren.»

Wann bringen Sie die neuen Abos auf den Markt?
Ich gebe die Frage zurück: Wann endet die Krise? Es macht für uns überhaupt keinen Sinn, jetzt neue Ticket-Modelle zu lancieren. Denn es herrscht Homeoffice-Pflicht. Weiter dürfen wir wegen Corona zurzeit gar keine Werbung machen, um die Leute zum Reisen zu animieren.

Der Freiburger Vincent Ducrot (57) ist seit April 2020 SBB-Chef.
Der Freiburger Vincent Ducrot (57) ist seit April 2020 SBB-Chef.
Bild: keystone

Sie sind vor einem Jahr als neuer SBB-Chef angetreten, die Digitalisierung voranzutreiben. Wenn ich jedoch via SBB-App ein Ticket nach Hamburg, Paris oder Mailand kaufen will, ist dies auch im Jahr 2021 nicht möglich. Wann geht es im E-Ticketing endlich vorwärts?
Sie haben völlig recht, das Ticketing im internationalen Verkehr ist unser Schwachpunkt. Wir arbeiten hart daran, dies zu ändern. Für Tickets Richtung Frankreich wird eine neue Lösung voraussichtlich bis Ende Jahr auf SBB.ch vollständig nutzbar sein. Heute können bereits Billette ab den TGV-Einstiegs- oder Grenzbahnhöfen nach Frankreich gebucht werden. Bis Ende Jahr sind dann auch durchgehende Billette erhältlich, also z.B. von Bern nach Paris mit Umsteigen in Basel. Heute ist das nicht der Fall. Danach wollen wir die Angebote nach Deutschland, Italien und Österreich ebenfalls über SBB.ch verfügbar machen. Das Problem ist, dass jedes Land andere Philosophien hat. Frankreich und Italien sind wegen der obligatorischen Ticketreservierung eher geschlossene Märkte. Das macht uns das Leben schwer.

«Bis Ende Jahr wird es möglich sein, via SBB-App Tickets nach Deutschland und Österreich zu buchen.»

Was ist Ihre Vision punkto Digitalisierung für die Schweiz?
Es geht voran: Inzwischen verkaufen wir bereits etwa jedes zehnte Ticket via der App-Funktion «Easyride». Wir müssen unser Tarifsystem mittelfristig vereinfachen. All dies soll dazu führen, dass der Zugang zur Bahn weiter vereinfacht wird. Für Details ist es aber noch zu früh, das Projekt ist erst letzten Herbst gestartet worden.

Trotz Corona lief es für Sie im ersten Jahr nicht nur schlecht. Als waschechter Bähnler kommen Sie etwa bei den Mitarbeitenden besser an als ihr Vorgänger Andreas Meyer, wie Umfragen zeigen. Eigentlich können Ihre Beliebtheitswerte fast nur noch sinken.
Ich werde weiterhin meinen Job so gut wie möglich machen und mich für die Mitarbeitenden einsetzen. Sie machen einen hervorragenden Job. Sie können auf mich zählen. Ich bin da für die Leute, aber ich fordere auch sehr viel, damit wir besser werden. Ich muss nicht populär sein, ich muss das Richtige für die SBB tun. Und das mache ich.

«Ich muss nicht populär sein, ich muss das Richtige für die SBB tun.»

Die SBB schreiben über 600 Millionen Verlust. Sie haben an der Medienkonferenz angekündigt, in allen Bereichen zu sparen. Bestellen die SBB jetzt weniger neue Züge?
Wir haben in Absprache mit dem Bund entschieden, unsere Investitionen in neues Rollmaterial nicht zurückzustellen. Die SBB benötigen beispielsweise 200 neue Regionalzüge, die ab 2026 ausgeliefert werden und 1:1 alte Modelle ersetzen.

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