DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Adele Thorens, gauche, candidate Les Verts (VD) au Conseil des Etats, et Ada Marra, droite, candidate du Parti socialiste (VD) au Conseil des Etats, se congratulent dans les coulisses du plateau de l'emission speciale

Frauenwahl: Die Grünen Adèle Thorens (l.) (VD) und Lisa Mazzone (GE) liegen nach dem ersten Ständeratswahlgang auf dem ersten Platz. Bild: KEYSTONE

Interview

Wie kam es zum historischen Wahlsonntag für die Frauen, Sarah Bütikofer?

Der Frauenanteil im Nationalrat springt auf einen historischen Höchstwert. Im Interview erklärt die Politikwissenschaftlerin Sarah Bütikofer, was die Frauen mobilisiert hat und weshalb ein weniger konservatives Parlament besser für die Frauen ist.



20 neue Frauen ziehen in den Nationalrat ein. Damit steigert sich ihr Anteil im Vergleich zu 2015 von 31 Prozent auf 41,5 Prozent. Ist das die Folge des Frauenstreiks?
Sarah Bütikofer:
So direkt lässt sich das nicht messen, aber diese Wahl war in verschiedener Hinsicht historisch. Es ist davon auszugehen, dass nicht nur die Umweltthematik stark mobilisiert hat, sondern auch die wieder erwachte Frauenbewegung. Die Repräsentation war seit längerem wieder in der öffentlichen Debatte präsent.

Worauf spielen Sie an?
In der Schweiz denke ich an den Kinoerfolg «Die göttliche Ordnung», die Kampagne «Helvetia ruft» von Alliance F und der Operation Libero und natürlich den Frauenstreik. International haben die #MeToo-Bewegung oder der Women’s March nach der Wahl von Donald Trump der Frauenbewegung neues Leben eingehaucht. Diese Ausgangslage führte bereits in den kantonalen Wahlen im Frühjahr 2019 zu starken Gewinnen für die Frauen.

«Es gab nicht nur in den Parteienstärken insgesamt, sondern auch innerhalb der einzelnen Parteien eine Verschiebung hin zu progressiven Kräften.»

Auffällig ist: Auch in konservativen und ländlichen Kantonen wurden deutlich mehr Frauen gewählt. Obwalden und Zug schicken erstmals überhaupt eine Frau nach Bern, in Graubünden stellen die Frauen eine Mehrheit der Nationalratsdelegation. Wie ist das zu erklären?
Dass der Frauenanteil so deutlich gestiegen ist, ist sicher eine Folge davon, dass Frauen auf den Listen viel zahlreicher vertreten waren als in früheren Wahlgängen. Zusätzlich haben die starken Mobilisierungswellen dieses Jahres, die Klimademos sowie der Frauenstreik, mit grosser Wahrscheinlichkeit über das ganze Land ausgestrahlt und entsprechende Wählerschichten mobilisiert. Das führte dazu, dass die konservativen Kräfte im Land gestern deutlich verloren haben. Dies zeigte sich an den Wähleranteilen der Parteien, aber zum Teil auch bei den Personen mit entsprechendem Profil in verschiedenen Parteien, die ab- oder nicht gewählt wurden. Es gab nicht nur in den Parteienstärken insgesamt, sondern auch innerhalb der einzelnen Parteien eine Verschiebung hin zu progressiven Kräften.

Bild

Bild: Genia Ivaschenko

Zur Person

Sarah Bütikofer (43) ist Politikwissenschaftlerin und Wissenschaftsvermittlerin. Sie hat an mehreren Forschungsprojekten zu Frauen in Politik und Parlament mitgearbeitet und ist Herausgeberin der Online-Plattform DeFacto der Schweizer Politik- und Sozialwissenschaften.

Im linken Lager haben die Grünen auf Kosten der SP hinzugewonnen. Sind die linken Frauen für die Grünen an die Urnen gegangen statt für die SP?
Das kann man zur Zeit noch nicht sagen, auch dazu bräuchte es Informationen aus der Nachwahlbefragung. Grundsätzlich ist es aber so, dass die linken Parteien im gleichen Teich fischen. Die Wählerschaft der Grünen ist aber tendenziell jünger und weiblicher als die der SP oder anderen Linksparteien. Auffällig ist auch, dass vor allem in der SP mehrere nicht mehr ganz junge, bisherige Männer nicht wiedergewählt wurden, während an ihrer Stelle eher jüngere Frauen die Wahl geschafft haben.

«Die Wählerschaft der Grünen ist tendenziell jünger und weiblicher als die der SP oder anderen Linksparteien.»

Im Ständerat trat nur eine der bisher sechs Frauen zur Wiederwahl an, befürchtet wurde ein weiteres Absinken des eh schon tiefen Frauenanteils von lediglich 15 Prozent. Nun wurden bereits im ersten Wahlgang fünf Frauen gewählt. Sieben weitere Frauen lagen auf einer der ersten zwei Plätze, verpassten aber das absolute Mehr (GE, 2x VD, VS, LU, BL, BE). Hält die Frauenmobilisierung auch in den zweiten Wahlgängen an?
Generell nimmt die Wahlbeteiligung zwischen dem 1. und dem 2. Ständeratswahlgang jeweils stark ab. Diese finden nicht in allen Kantonen am gleichen Tag statt. Von einer schweizweiten Frauenmobilisierung kann dann nicht mehr ausgegangen werden. Es kommt deshalb stark auf die kantonalen Konstellationen an und die Grösse der Wählerbasis der Parteien der antretenden Frauen. Aber gerade dort wo linke Frauen gegen bürgerliche Männer antreten, kann es durchaus nochmals zu einer Frauenmobilisierung kommen.

Macht ein Parlament mit mehr Frauen grundsätzlich eine «frauenfreundlichere» Politik?
Die politische Position hängt nicht vom Geschlecht ab, aber in der Regel werden sogenannte Frauenthemen auch eher von Frauen ins Parlament gebracht. Ob sie im schweizerischen Konsenssystem dann auch erfolgreich sind, hängt davon ab, wie gut es ihnen gelingt, parteiübergreifende Allianzen zu schmieden. Aber je weniger konservative Personen im Parlament sitzen, desto besser für die Frauen. Und das ist in der neuen Legislatur definitiv der Fall.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Frauen im Parlament

Regula Rytz – Präsidentin Grüne

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Lohn für Hausarbeit? 7000 Franken für Eltern mit zwei Kindern gefordert

Das Bundesgericht drängt Mütter nach der Scheidung verstärkt in den Arbeitsmarkt zurück. Buchautorin und Gleichstellungsspezialistin Sibylle Stillhart hält das für realitätsfern. Sie fordert ein Entgelt für jene Arbeit, die heute mehrheitlich von Frauen gratis verrichtet wird.

Sibylle Stillhart (47) arbeitet als Mutter für ihre drei Söhne (zwölf-, zehn- und fünfjährig) und als Autorin. In ihrem letzten Buch («Schluss mit gratis. Frauen zwischen Lohn und Arbeit») sorgte sie mit der Forderung nach einem «Lohn für Hausarbeit» für Aufsehen.

Aktuell ist sie irritiert über diverse Urteile des Bundesgerichts, die Frauen nach der Scheidung finanziell deutlich stärker in die Pflicht nehmen als bisher. Vereinfacht gesagt: Die Richter in Lausanne schicken Frauen auf Jobsuche, …

Artikel lesen
Link zum Artikel