Schweiz
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Matthias Egger, Praesident National COVID-19 Science Task Force, spricht waehrend einer Medienkonferenz zur Situation des Coronavirus, am Freitag, 1. Mai 2020, in Bern.(KEYSTONE/Peter Schneider)

«Die Gefahr, dass die Zahlen weiterhin ansteigen, ist da», sagt Matthias Egger, Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes. Bild: KEYSTONE

Interview

Leiter der Corona-Taskforce zu Cluböffnung: «Aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich»

Nicht nur das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bewertete in seiner internen Risikoanalyse eine Cluböffnung als Gefahr, auch die Taskforce des Bundes warnte ausdrücklich davor. «Wir hätten sicherlich nicht so viel auf einmal geöffnet», sagt Matthias Egger, Leiter der wissenschaftlichen Corona-Taskforce des Bundes.



Herr Egger, in der Risikoanalyse des Bundes, die per Öffentlichkeitsgesetz publiziert werden musste, erscheint die Bar- und Cluböffnung tiefrot. Es seien weder Distanzregeln noch Schutzmassnahmen möglich. Sah das die Taskforce genauso?
Matthias Egger: Wir haben bereits im April von einer Wiederöffnung abgeraten und die Risiken im Rahmen unserer öffentlichen Policy Briefs publiziert. Vor allem weil die Nachverfolgung der Fälle schwierig ist und weil Distanz- und Hygienemassnahmen kaum eingehalten werden können.

>>> Alle Entwicklungen im Liveticker

Also waren sich das BAG und die Taskforce einig, dass mit der Öffnung der Clubs ein grosses Risiko in Kauf genommen wird. Ist der Bund zu schnell vorgeprescht?
Wir hätten sicherlich nicht so viel auf einmal geöffnet. Die Taskforce hat stets für eine etappenweise Öffnung plädiert. Denkbar wäre gewesen, zuerst Restaurants zu öffnen und dann zwei Wochen abzuwarten und zu schauen, wie sich die Fallzahlen entwickeln. Nun hat man ziemlich alles auf einmal geöffnet, inklusive der Grenzen, wo es noch keine Schutzkonzepte gibt. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht bedenklich.

Bild

Schutzmassnahmen können «kaum getroffen» werden, heisst es in der internen Risikoanalyse des BAG. bild: screenshot

Das klingt nicht gerade hoffnungsvoll ...
Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen. Es ist auch möglich, dass wir den R-Wert wieder unter 1 bringen und sich die Infektionszahlen auf relativ tiefem Niveau bei zum Beispiel 50 pro Tag einpendeln. Das wäre ein Szenario, das wir bewältigen können. Aber die Gefahr, dass die Zahlen weiter ansteigen, ist da.

Wenn zusehends mehr Bars- und Clubs als Infektionsherde fungieren, wäre es nicht der konsequente Schluss, diese wieder zu schliessen?
Wenn sich die Clubbesucher aufgrund falscher Angaben nicht tracen lassen, dann muss man über eine erneute Schliessung diskutieren. Es hat sich aber gezeigt, dass das Contact Tracing der Clubbesucher im Flamingo Club ziemlich gut funktioniert hat. Eine wichtige Rolle könnte hier auch die freiwillige SwissCovid-App spielen. Sie hat den Vorteil, dass sie potentiell schneller und effizienter ist als das klassische Contact Tracing der Kantone.

Steigen die Fallzahlen wieder an, werden auch die Kantone stärker mit dem Social Tracing ausgelastet sein. Wie weit reichen die kantonalen Kapazitäten, allen infizierten Personen nachzutelefonieren?
Das ist leider immer noch schwierig zu beurteilen. Die Kantone sind sicher viel besser vorbereitet als im März. Wie hoch die Kapazitäten aber wirklich sind und wie schnell sie hochgefahren werden könnten, weiss niemand. Es gibt keine nationale Koordination, die den Überblick hätte. Zudem fehlt auch weiterhin eine zentrale Datenbank, wo die Resultate des Contact Tracing von den Kantonen in Echtzeit eingespeist werden könnten.

Die Schweiz befindet sich wieder in der besonderen Lage. Nun liegt es primär an den Kantonen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Hätte der Bundesrat die ausserordentliche Lage besser noch verlängert?
Eine Pandemie ist eine enorme Herausforderung für einen föderalistischen Staat, das Virus macht ja nicht halt vor den Kantonsgrenzen. Es ist nun extrem wichtig, dass die Kantone und das BAG eng zusammenarbeiten und dass Probleme und Nachteile sehr rasch adressiert und verbessert werden. Jeder Tag zählt.

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27Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Aerohead 01.07.2020 07:14
    Highlight Highlight Solange es keine Impfung gibt, müssen wir mit der Anwesenheit des Virus lernen umzugehen. Wir müssen und schon überlagen, was denn eigentlich unsere Werte sind. Wenn das Ziel sein soll, dass es null Ansteckungen gibt, dann findet die nächsten 2 Jahre einfach kein öffentliches Leben statt. Und nein, in so einer Welt möchte ich nicht leben.
  • Lucida Sans 30.06.2020 23:53
    Highlight Highlight Liebe Leute, dem Coronavirus ist es sch.... egal, wie smart, jung und cool ihr seid.
  • what's on? 30.06.2020 23:23
    Highlight Highlight Ist eigentlich in diesem Club irgendjemand erkrankt? Oder ist das gar nicht mehr wichtig?
  • snowflake_ 30.06.2020 22:50
    Highlight Highlight R-Wert in Zürich mittlerweile bei 1.75. Wenn die Zahlrn wieder exponentiell steigen und steigen, wird das Contact Tracing relativ bald an seine Grenzen kommen, die sind ja jetzt schon rund um die Uhr im Einsatz und müssen sowohl neue Fälle bearbeiten wie auch die Isolierten betreuen. Davon gibts in ZH schon fast 700. Und wenn das Contact Tracing nicht mehr aufrecht erhalten werden kann bricht die Strategie zusammen. Da wird auch das App nicht viel bringen - es wird ja nur von denjenigen benützt welche Corona ernst nehmen und sowieso vorsichtig sind.
  • Noblesse 30.06.2020 22:39
    Highlight Highlight Gewisse Zusammenhänge erweisen sich langsam aber sicher als sehr bemühend. Jede Bar, Club oder Disco muss für überprüfbare gültige Adressen sorgen. ID mit überprüfter Adresse beim Einlass. Wer nicht den Namen seiner ID notiert, Echtheit seiner Telefonnummer beweist oder überhaupt nicht aussieht wie auf der ID Foto geht nicht über die Türschwelle. Man könnte Zivilschützler für solche Jobs anbieten. Aber einfach MACHEN und nicht immer alle mit diesem Kindergarten-Gestümper belasten!!
  • c_meier 30.06.2020 21:52
    Highlight Highlight "Zudem fehlt auch weiterhin eine zentrale Datenbank, wo die Resultate des Contact Tracing von den Kantonen in Echtzeit eingespeist werden könnten...."

    kann denn nicht die Task Force den Rahmen vorgeben und sagen für einen Überblick benötigen wir das und das an Daten von den Kantonen, Formular erstellen für die 26 Kantone et voila...

    mich dünkt jeder forscht da an seinen Modellen und übt mal leise oder lauter Kritik an den Kantonen, aber so richtig Konstruktiv etwas verbessern mit den Kantonen dann doch eher nicht
    (oder ist sowas im Hintergrund in Planung?)
    • Vernunft wo bisch 30.06.2020 22:58
      Highlight Highlight Dass es keine Datenbank hat, ist der witz an der app. Lol
  • Toerpe Zwerg 30.06.2020 21:03
    Highlight Highlight Ohne Nachtleben würde es tausende illegal Parties ohne Tracing-Möglichkeit geben.

    Man muss Massnahmen an der Machbarkeit messen.
  • Wolk 30.06.2020 20:38
    Highlight Highlight Wofür hat man eigentlich eine wissenschaftliche Taskforce, wenn man sie nicht braucht?
  • Fairness 30.06.2020 18:00
    Highlight Highlight Wie kann man bloss alles Erreichte riskieren und einen Grossteil der zig Milliarden Corona-Kosten in den Sand setzen.
    • DrMedFacharztFürStatistischeKrankheiten 30.06.2020 23:02
      Highlight Highlight Das Erreichte... Wurde es wegen den Massnahmen erreicht?Korrelation = Kausalität?
  • Daniel Egli (1) 30.06.2020 17:51
    Highlight Highlight Ich wohne in Bayern und bin regelrecht schockiert ob der Sorglosigkeit, mit der in der Schweiz mit diesem Virus umgegangen wird. Es wird früher oder später zu einem weiteren Lockdown kommen müssen, auf freiwilliger Basis funktionieren solche Massnahmen nicht.
  • Scrat 30.06.2020 17:39
    Highlight Highlight Und alle sagen: „wir hätten nicht so schnell alles geöffnet“! Und trotzdem wurde es gemacht - offenbar entgegen jeglicher Vernunft. Da frage ich mich schon, was die Gründe für dieses Einknicken sind?
    • Meinung 30.06.2020 17:58
      Highlight Highlight Geld?
      Wirtschaft?
      Kantone?
      Thja, gute frage.
    • Madison Pierce 30.06.2020 18:23
      Highlight Highlight Theorie eines Kollegen: es war ein politischer Entscheid. Die Leute hätten früher oder später nicht mehr daran geglaubt, dass Schliessungen notwendig sind. Deshalb hat man eine Branche geöffnet, bei welcher man wusste, dass es zu Ansteckungen kommen wird, aber wenigstens vorwiegend von jungen Leuten. Dies hat man im Sommer gemacht, weil sich da das Virus nicht so gut weiterverbreitet wie im Herbst/Winter.

      Nun kann man mit einem "seht ihr"-Effekt wieder Schliessungen anordnen.
  • champedissle 30.06.2020 17:38
    Highlight Highlight Natürlich ist die Cluböffnung gefährlich. Aber was will man tun. 70 % der Jugend weiss nichts mit sich anzufangen und verblödet noch ganz, wenn man ihnen auch noch das "bumbumbumbumbum" wegnimmt. Dann haben sie gar keinen Lebensinhalt mehr.
  • Antiypanikmacher 30.06.2020 17:03
    Highlight Highlight Hallo Frau Obrist. Die Lockerungsmassnahmen sind ein politischer Entscheid. Es geheim Gütetabwägungen. Experten müssen das nicht tun und machen es auch nicht. Sie empfehlen immer die Maßnahmen mildem kleinsten Risiko. Darum waren sie auch gegen die Schulöffnung und siehe da es stecken sich in der Regel nur Lehrer an.
    Wir können nicht alles geschlossen haben bis wir eine Impfung haben. Dann hilft auch keine Kurzarbeit mehr. Dann werden alle die jetzt Kurzarbeit haben arbeitslos, denn kein Unternehmen wird Leute beschäftigen welche sie voraussichtlich ein Jahr lang nicht beschäftigen kann.
  • _andreas 30.06.2020 16:45
    Highlight Highlight "Zudem fehlt auch weiterhin eine zentrale Datenbank, wo die Resultate des Contact Tracing von den Kantonen in Echtzeit eingespeist werden könnten"

    Sorry aber wie schwer kann es sein, eine Logingeschützte Webapp mit Datenbank zu erstellen.. So hoch werden die Anforderungen warscheinlich nicht sein und kaum mehr als 2 Wochen Entwicklung brauchen.. Oder gibt es hier noch Datenschutz/Gesetze die dies verhindern?
    • n3rd 30.06.2020 18:32
      Highlight Highlight Wie schwer es ist so etwas zu entwickeln dürften die vielen Data Breaches über die letzten Jahre gezeigt haben.

      Genau die Attitüde „nicht schwer, in zwei Wochen rasch gemacht“ ist wohl die Top-Ursache für die ständigen Breaches.
    • marmuel 30.06.2020 20:18
      Highlight Highlight Klar, dann halt in 6 Wochen. Wir sind allerdings im 6. MONAT dieser Pandemie. Glaube auch nicht dass die kantonale IT Infrastruktur soo sicher ist.

      Dies anzustossen wäre Sache des BAG nehme ich an?
    • n3rd 30.06.2020 21:22
      Highlight Highlight @marmuel: Wer es anstossen muss weiss ich nicht. Interessant dazu wäre zu wissen, wo das Contact Tracing organisatorisch angehängt ist (bzw. wer ist Vorgesetzter vom CT), ob sie nach Bundes- oder Kantonsrecht arbeiten und auf wessen Infrastruktur.

      Falls es Sache vom Bund wäre, müsste das Ganze übrigens wohl oder übel mit einer WTO-konformen Ausschreibung beginnen - ausser das BAG hätte selber Entwickler oder man dürfte ausnahmsweise ohne Ausschreibung arbeiten.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Der Buchstabe I 30.06.2020 16:40
    Highlight Highlight Mann hätte kein Experte sein müssen, um zu merken, dass das eine Scheissidee war.
  • nautilus 30.06.2020 16:12
    Highlight Highlight Zitat: "Es hat sich aber gezeigt, dass das Contact Tracing der Clubbesucher im Flamingo Club ziemlich gut funktioniert hat." - Really...
  • black-bird 30.06.2020 16:09
    Highlight Highlight mich würde mal intressieren was die clubs selbst zu dieser situation meinen... wollen die überhaupt offen haben, oder müssen sie nun da sie sonst bankrott gehen..?
    • Snowy 30.06.2020 17:58
      Highlight Highlight Exakt.
      Solange der Bund oder der Kanton kein Verbot aussprechen, gibts auch kein Geld.
  • invisible 30.06.2020 15:54
    Highlight Highlight Irgendwie werd ich einfach das Gefühl nicht los dass zwar jeder seinen Text, aber keiner seine Aufgabe kennt. Aber das liegt wahrsch. an mir und meiner Position als weit aussen stehender Laie, weil.... so einfältig wie mir das teilweise vorkommt ist doch niemand in echt... oder...? In Clubs herrscht nunmal keine Ordnung im klassischen Sinn, Menschen lügen wenn sie glauben dass es ihnen hilft, und im Notfall beschuldigt man jemand anderen und/oder behauptet man sei nicht zuständig- Passierschein A38 🤪

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