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Pestizide können der Artenvielfalt schaden. Bild: KEYSTONE

Interview

Pestizide bedrohen die Artenvielfalt – jetzt verteidigen sich die Bauern

Rückstände von Pflanzenschutzmitteln bedrohen die Artenvielfalt in kleinen Bächen. Die Bauern wollen den Einsatz von Pestiziden deshalb weiter reduzieren und verbessern.

Philipp Lenherr / ch media



In den vergangenen Wochen wurden gleich zwei Studien publiziert, die den schädlichen Einfluss von landwirtschaftlichen Pflanzenschutzmittel zum Thema haben. Vor allem in kleinen Gewässern sind die nachgewiesenen Konzentrationen teilweise so hoch, dass sie der Artenvielfalt schaden. Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands, erklärt, was die Bauern dagegen unternehmen wollen.

Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen zur Pestizidbelastung in Schweizer Gewässern tönt alarmierend. Setzen die Bauern zu viele Pflanzenschutzmittel ein?
Ferdi Hodel: Die Studien sind uns teilweise bereits seit längerer Zeit bekannt, wir haben uns auch schon oft mit der Thematik beschäftigt. Wir nehmen die Resultate ernst. Die Sensibilität für das Thema hat bei den Bauern in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Jeder Landwirt ist bemüht, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln weiter zu optimieren.

Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands: «Jeder Landwirt ist bemüht, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln weiter zu optimieren.»

Bild: © LAB

zur Person

Ferdi Hodel ist Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands.

Trotzdem ist das Ergebnis doch erschreckend: In fünf von fünf untersuchten kleinen Bächen in landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten wurden teilweise bedenklich hohe Konzentrationen von Pflanzenschutzmitteln festgestellt.
Diese fünf Bäche wurden aber nicht zufällig ausgewählt, sondern wurden lediglich ausgewählt, weil sie aufgrund früherer Untersuchungen als problematisch gelten. Bei dem grössten Teil der Gewässer ist die Situation sogar sehr erfreulich. Aus den Ergebnissen der Studie kann also keinesfalls geschlossen werden, dass es ein generelles Problem mit Pflanzenschutzmitteln in allen möglichen Gewässern gibt. Tendenziell eher betroffen sind aber beispielsweise sehr kleine Gewässer in Gebieten mit vielen Spezialkulturen, weil dort der Verdünnungseffekt nicht stark genug ist.

Was tut die Landwirtschaft, um die Situation bei speziell betroffenen Gewässern zu verbessern?
Wir haben 2017 in Absprache mit den Behörden den Aktionsplan Pflanzenschutz eingeführt. Darin enthalten sind 50 Massnahmen, die gerade für kleine Gewässer Verbesserungen bringen werden. Für uns ist es natürlich etwas frustrierend, jetzt mit Ergebnissen aus Messungen konfrontiert zu werden, die vorgenommen wurden, bevor die getroffenen Massnahmen umgesetzt sind. Für uns ist relevant, was der Aktionsplan bringt. Bis dazu Erkenntnisse vorliegen, dürfte es noch ein oder zwei Jahre dauern.

Aber das Problem ist ja nicht neu. Was wurde denn in den vergangenen Jahren gemacht?
Es gibt immer wieder Veränderungen bei den eingesetzten Mitteln. Einzelne Pflanzenschutzmittel verschwinden, neue kommen hinzu. Selbstverständlich sind wir dabei bemüht, möglichst solche Mittel zu verwenden, welche für Kleinwasserlebewesen unproblematisch sind. Wir setzen generell nur Pflanzenschutzmittel ein, die einen langen und sehr detaillierten Bewilligungsprozess durch die Bundesverwaltung bestanden haben und als bedenkenlos eingestuft wurden.

Auch die Konsumenten verlangen von der Landwirtschaft natürliche, unbelastete Produkte. Wäre eine Reduktion von Pflanzenschutzmitteln nicht auch ein wirtschaftlicher Vorteil?
Als problematisch gelten ja vor allem Herbizide sowie Glyphosat. Da haben wir in den vergangenen Jahren den Einsatz bereits um rund 50 Prozent reduzieren können. Wir haben aber auch regelmässig Zielkonflikte. Wenn die Ernte durch eine Krankheit bedroht wird, müssen wir eingreifen. Sonst gibt es unter Umständen einen Totalausfall. Und der Konsument will eben nicht nur gesunde Produkte, sondern auch möglichst gut aussehende. Flecken oder andere Unregelmässigkeiten kommen nicht gut an.

Im Zweifelsfall also doch lieber einmal mehr spritzen?
Nein, auf keinen Fall. Spritzen ist für die Bauern mit zusätzlichem Aufwand und Kosten verbunden. Kein Bauer setzt unnötig oder leichtfertig Pflanzenschutzmittel ein. Erst wenn eine gewisse Schwelle überschritten ist, werden gezielt Mittel eingesetzt.

Was können die Konsumenten tun? Vermehrt biologisch hergestellte Produkte kaufen?
Wichtig ist das Vertrauen in unsere heimischen Nahrungsmittel. Bezüglich Bio soll man wissen: Rund 40 Prozent der eingesetzten Pflanzenschutzmittelmenge stammt von Mitteln, die ebenfalls in der biologischen Landwirtschaft verwendet werden. Dabei handelt es sich um Mittel natürlichen Ursprungs, beispielsweise Tonmineralien, Kalk oder Schwefel. Denn auch Biobauern geraten in Situationen, in denen sie Pflanzenschutzmittel einsetzen müssen. Und auch solche Mittel können zu Problemen führen, beispielsweise zu Schwefelrückständen in den Böden.

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