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Die Adoptionszahlen gehen in der Schweiz seit Jahren zurück. 
Bild: shutterstock
Interview

«Herr Jakob, Sie konnten gleich zwei Kinder adoptieren – ist das nicht ein bisschen unfair?»

Wer ein in der Schweiz geborenes Kind adoptieren will, braucht Geduld – und Glück. Hierzulande werden nur noch sehr selten Kinder zur Adoption freigegeben. Markus Jakob* und seine Frau hatten gleich zweimal Glück. Ein Gespräch über die Hürden, die es zu überwinden gilt, und die Hoffnung, an der man nicht zu stark festhalten sollte.
08.03.2016, 16:10
*Name von der Redaktion geändert
Dieses Interview wurde zur Wahrung der Privatsphäre anonymisiert. In erster Linie geht es dabei um den Schutz der Kinder, aber auch der leiblichen Eltern. Ein Kind zur Adoption freizugeben, ist ein schwerer Schritt, der lange Zeit nachhallt. Die Möglichkeit, Rückschlüsse auf das eigene Kind ziehen zu können, sollen darum vermieden werden.

Herr Jakob, Sie und Ihre Frau haben zwei Kinder adoptiert. Wie alt waren die beiden, als sie zu Ihnen in die Familie gekommen sind?
Markus Jakob*: Wir haben zwei Töchter. Die Grosse wird bald sieben und die Kleine ist gerade drei geworden. Als die Mädchen zu uns kamen, waren beide gerade drei Monate alt.

Das ist vergleichsweise früh.
Ja, wir hatten grosses Glück, denn aus entwicklungspsychologischer Sicht sind drei Monate ideal. Bei diesem ganzen Prozedere kommt es aber häufig zu Verzögerungen, sodass manche Adoptivkinder erst deutlich später zu ihren Familien kommen.

Wie viel Zeit ist damals vergangen – von dem Moment an, als Sie beschlossen haben, ein Kind zu adoptieren, bis zu dem Moment, an dem Sie tatsächlich ein Kind bekommen haben?
Das ist schwer zu sagen, denn nur schon diese Entscheidungsfindung war ein langer Prozess. Aber von dem Moment an, an dem wir unser komplettes Dossier abgegeben hatten und im Pool der wartenden Paare aufgenommen worden waren, ging eigentlich alles sehr schnell.

«Wir haben das Dossier abgegeben und uns in dem Moment vom Kinderwunsch verabschiedet.»

Das heisst?
Bis zum ersten Kind sind gerade mal sieben Monate vergangen – wir hatten also sozusagen nicht mal eine ganze Schwangerschaft. Und beim zweiten Kind haben wir rund ein Jahr gewartet.

Wie übersteht man diese Wartezeit?
Ich glaube, es gibt Paare, die sich in dieser Zeit total verrückt machen. Darum sind wir die Sache genau umgekehrt angegangen. Wir haben das Dossier abgegeben und uns in diesem Moment gedanklich vom Kinderwunsch verabschiedet. Einfach, weil wir wussten, dass wir sowieso keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung haben. Umso mehr überrascht waren wir, als es dann so schnell geklappt hat.

Sie haben also gar nicht unbedingt damit gerechnet, ein Kind adoptieren zu können.
Naja, wir wussten, dass von den Paaren, die im Pool sind, nur ungefähr ein Viertel ein Kind bekommt – und drei Viertel gehen leer aus. Und wenn es nach drei Jahren noch nicht geklappt hat, dann fliegt man raus aus dem Pool.

Darf ich fragen, warum Sie ein Kind adoptieren wollten?
Meine Frau kann keine Kinder zeugen. Trotzdem war für uns absolut klar, dass wir Kinder haben wollen. Und weil wir Freunde haben, die ebenfalls Adoptiveltern sind, dachten wir uns: «Probieren kann man es ja mal.»

War die Reproduktionsmedizin kein Thema für Sie?
Am Anfang schon, aber wir sind diesbezüglich nicht sonderlich weit gegangen. Wir haben einfach gemerkt, dass das nichts für uns ist und auch keine guten Erfahrungen gemacht. Als wir eine Methode ausschliessen wollten, hat ein Arzt zu uns gesagt: «Dann wollen Sie nicht wirklich ein Kind haben.» Damit war das Thema für uns erledigt.

Bild: shutterstock

Wie kompliziert ist das Prozedere, das man durchlaufen muss, wenn man ein Kind adoptieren will?
Kompliziert ist es eigentlich gar nicht, es ist einfach aufwändig und ein unglaublicher Papierkrieg. Wir haben sicher hundert Seiten Papier ausgefüllt und mussten viel weiter denken, als wenn man selbst ein Kind kriegen möchte.

Was meinen Sie mit «weiter denken»?
Man muss zum Beispiel einen Betreuungsplan erstellen. Das heisst, man muss aufschreiben, wer wann in der Woche wo ist, wer wann arbeitet und wer wann auf das Kind aufpassen könnte – für den Fall, dass da in der Familie ein Kind wäre.

Können Sie mir sagen, was so eine Adoption kostet?
Genau weiss ich das nicht, aber über den Daumen gepeilt würde ich jetzt sagen in etwa 10'000 Franken. Die Kosten entstehen durch all die Formulare, Sozialberichte und Stempel. Aber auch die Übergangspflege, in der sich das Kind in den ersten paar Monaten befindet, müssen die Adoptiveltern bezahlen.

In der Schweiz werden nur noch sehr selten Kinder zur Adoption freigegeben. Ist es da nicht etwas «ungerecht», dass Sie gleich zwei Kinder bekommen haben?
Das kann man so nicht sagen. Es ist einfach so, dass die leibliche Mutter partiell mitentscheiden kann. Wenn sie also ihr Kind weggibt und sagt «Ich möchte, dass mein Kind auf dem Land und in einer Familie mit Geschwistern aufwächst», dann kommen nur Familien infrage, die diese Kriterien erfüllen.

Gibt es nicht eine Art Warteliste?
Nein, das ist ganz wichtig, dass man das weiss. Die Situation wird bei jedem Kind neu bewertet und die am besten passenden Paare werden ausgesucht. Am Ende muss sich der Vormund dann zwischen drei oder vier Dossiers entscheiden. Da spielt ein Stück weit auch der Zufall mit.

«Eine Adoption bedeutet auf jeden Fall einen Qualitätssprung für die Beziehung.»

Werden verheiratete Paare bevorzugt?
Juristisch gesehen kann man auch als Einzelperson ein Kind adoptieren – das ist vor allem wegen der Stiefkind-Adoption so geregelt. Die Fachstelle für Adoption hat für sich aber dafür entschieden, nur verheiratete Paare in den Pool aufzunehmen. Hätten wir keine Kinder adoptieren wollen, hätten wir wohl nicht geheiratet. Aber daran soll es ja nun wirklich nicht scheitern.

Würden Sie anderen Paaren empfehlen, sich in den Kampf um ein Adoptivkind zu begeben?
Das ganze Prozedere erfordert viel Geduld, und ein Adoptivkind zu haben, ist auch keine simple Aufgabe. Aber wer überzeugt davon ist, dass er sein Leben mit Kindern teilen will, der sollte es versuchen. Eine Adoption bedeutet auf jeden Fall einen Qualitätssprung für die Beziehung, denn wenn man gemeinsam eine solche Hürde überwunden hat, dann stärkt das auf jeden Fall die Bindung.

Was meinen Sie mit «ein Adoptivkind zu haben, ist keine simple Aufgabe»?
Die Bindung zwischen Kindern und ihren leiblichen Eltern ist das wichtigste, das es gibt. Das steht für mich ausser Frage. Und darum kann es bei adoptierten Kindern immer zu biografischen Verwerfungen kommen. Man muss sich einfach immer bewusst darüber sein, dass virtuell noch immer eine grössere Familie dahinter steckt und das ist sicher anders, als wenn man nur leibliche Kinder hat.

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