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In this Jan. 21, 2015, photo, a man takes a picture of a woman at the AVN Adult Entertainment Expo in Las Vegas. The idea that porn stars might have to wear protection in productions filmed in Nevada generated a buzz among some of the 25,000 attendees collecting autographs from porn stars posing in fishnet stockings and bustiers. (AP Photo/John Locher)

Porno-Shooting: Produktion für ein nachgefragtes Gut.  Bild: John Locher/AP/KEYSTONE

Interview

«Bis zu sechs Prozent aller Schweizer sind sexsüchtig»

Sie trauen sich nicht in die Badi, masturbieren bis zu zwanzig Mal am Tag und das sogar am Arbeitsplatz; ein normaler Alltag ist für Pornosüchtige undenkbar. In der Schweiz sind es etwa 300'000 Personen, die unter der Krankheit leiden. Das «Mannebüro Zürich» eröffnet darum jetzt eine eigene Beratungsstelle. Renanto Poespodihardjo, Psychologe für Verhaltenssucht, erklärt im Interview, warum die Krankheit gefährlich ist und behandelt werden muss.



Renanto Poespodihardjo

bild: zvg

Renanto Poespodihardjo

Leiter der «Ambulanz für Verhaltenssüchte» in den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Herr Poespodihardjo, ist Sex- und Pornosucht eigentlich dasselbe?
RENANTO POESPODIHARDJO:
Bei der Sucht nach Sex meint man meistens die Sucht nach pornografischem Sex. Jemand, der pornosüchtig ist, konsumiert so häufig Pornografie, dass sein Verhalten Auswirkungen auf das normale Alltagsleben, auf den Job oder auf die Beziehungen hat. Pornografiesucht kann psychisch krank machen und zu Depressionen führen.

Ab wie häufigem Pornokonsum spricht man von einer Sucht?
Dafür gibt es keine feste Berechnungsgrundlage. Wenn ein Paar zweimal täglich miteinander Sexualität geniesst und dies für sie das Schönste der Welt ist, ist das völlig in Ordnung. Die Absprache mit dem Partner ist wichtig und ob sich die Menschen in ihrem Verhalten wohl fühlen. Wenn aber die Häufigkeit des Konsums der Person selbst und seinem Umfeld Schaden zuführt, dann ist ein wichtiges Suchtkriterium erfüllt. Die Sucht beginnt, wenn ein Verhalten wiederholend schädigend ist und die Person das nicht mehr stoppen kann.

Was heisst das, man kann es nicht mehr stoppen?
Dass man zum Beispiel während der Arbeitszeit Pornos schauen muss und damit den Job gefährdet. Oder dass man zum Masturbieren Orte aufsucht, die man eigentlich unangenehm findet. Derzeit werde ich auch öfters von Klienten kontaktiert, die es nicht aushalten, ins Schwimmbad zu gehen, weil es dort so viel nackte Haut zu sehen gibt. Problematisch wird auch, wenn das Sexualverhalten gesundheitsschädigend wird. Beispielsweise, wenn jemand oft mit wechselnden Partnern Sex hat, ohne sich dabei zu schützen.

Tabuthema Pornosucht

Die Zahl der Personen, die unter Sex- oder Pornosucht leiden, ist gross. Laut Experten gibt es in der Schweiz rund 300'000 Sexsüchtige. Nur wenige überwinden ihre Scham und begeben sich in die Hände von Therapeuten. Mitunter ein Grund, warum das Angebot von Behandlungsplätzen in der Schweiz noch immer klein ist. Das «Mannebüro Züri» will das jetzt ändern. Noch dieses Jahr erarbeitet die Beratungsstelle ein Konzept, um pornosüchtigen Männern zu helfen. Es soll eine dauerhafte Anlaufstelle entstehen.

Wie unterscheidet sich Pornosucht von anderen Süchten?
Anders als Alkohol- oder Drogensucht, werden bei der Pornosucht keine Stoffe eingenommen. Der Körper wird anders aufgeputscht. Mit körpereigenen Mitteln, sozusagen. Mit der Erregung, Euphorie und dem Rausch werden innere Empfindungen betäubt. Das können psychische Schmerzen sein, Depressionen, Angststörungen oder eine erhöhte Lebensbelastung, die erleichtert ausgehalten werden, wenn man sich zurückzieht und einen Porno konsumiert.

«Anders als Alkohol- oder Drogensucht, werden bei der Pornosucht keine Stoffe eingenommen. Der Körper wird anders aufgeputscht. Mit körpereigenen Mitteln, sozusagen»

Das heisst, wenn jemand pornosüchtig ist, liegt meist schon eine psychische Krankheit oder ein innerer Schmerz vor, der mit dem Rausch betäubt werden will?
Nein, das muss nicht sein. Oft ist es so, dass ein innerer Schmerz, eine Belastung vorliegt und über die Selbstmedikation von Substanzen, über das Glücksspiel oder Pornografie kompensiert werden. Es gibt aber auch Menschen, die kerngesund sind aber in einen Strudel geraten. Zum Beispiel wenn einer das erste Mal ins Casino geht und dort viel Geld gewinnt und sich das Glücksgefühl gut anfühlt. Dann geht er wieder hin und gewinnt nochmals. Und nochmals. Bis er verliert, sich verschuldet und seinen Job verliert.

Ist heute Pornosucht verbreiteter als früher? 
Es gab schon immer Menschen, die süchtig nach Sex waren. Doch als noch Sexheftchen konsumiert wurden, war die Suchtgefahr deutlich geringer. Das Heft war teuer und wenn man es durchgeblättert hat, war es fertig. Heute ist Pornografie ständig und vor allem gratis verfügbar. Für den Konsum kann man sich unbeobachtet in die eigenen Räume zurückziehen. Bei Xhamster, Youporn und dergleichen kann ein Videoclip nach dem anderen abgespielt werden. Es gibt Videovorschläge, die zum Suchprofil passen. Diese Faktoren haben die Suchtgefahr von Pornos erhöht.

Wer ist gefährdet, süchtig nach Pornos zu werden?
Youporn oder Xhamster gehören zu den weltweit am häufigsten angeklickten Internetseiten der Welt. Unglaublich viele Menschen schauen sich Pornos an. Es gibt kaum ein Mann, der keine Pornos schaut und auf drei bis fünf konsumierende Männer kommt eine Frau. Eine Sexsucht kann jeder entwickeln, der eine höhere Verletzlichkeit dafür aufweist.

«Es gibt mehr Menschen, die pornosüchtig sind, als solche die abhängig sind nach Geldspielen.»

Wie verbreitet ist die Krankheit in der Schweiz?
Die Zahlengrundlage ist nicht stabil. Man geht zwischen drei bis sechs Prozent der Bevölkerung aus, die ein hypersexuelles Verhalten aufweist. Die allermeisten Betroffenen sind Männer. Es gibt mehr Menschen, die pornosüchtig sind, als solche die abhängig sind nach Geldspielen. Das ist eine grosse Zahl. Doch nur ein ganz kleiner Teil lässt sich tatsächlich therapieren.

Aus Scham?
Ja klar. Sex und Pornos sind Tabuthemen und die Sucht danach umso mehr. Wenn jemand sich entschliesst eine Therapie zu machen, dann hat er meist schon eine lange Leidenszeit hinter sich. Ein anderes Problem ist, dass viele, die zu mir in die Therapie kommen, gar nicht sexsüchtig ist.

Sondern?
Sie haben Beziehungsprobleme. Oder zumindest Probleme in der Beziehung, weil sie Pornos konsumieren und es nicht diskutieren können.

Wie gefährlich ist Pornosucht?
So gefährlich, wie jede andere Sucht, die chronisch ist und die dazu führt, dass man sein Leben nicht mehr normal führen kann. Wenn man nicht mehr zur Arbeit gehen kann, weil man zwanzig Mal pro Tag masturbieren muss, ist das schlimm. Sexsucht hat ein hohes Gefährdungspotential. Und sie kann auch zu erhöhtem Alkohol-, Drogenkonsum, zu Angst und Depressionen führen.

Inwiefern beeinflusst Pornosucht die Sexualität in der Partnerschaft?
Auf vielfältige Art und Weise. Sexsucht ist eine Erkrankung, die eine intime, verbindende, lebensbejahende partnerschaftliche Sexualität stark belastet bis verunmöglicht. Bei Pornosucht findet die Sexualität singulär und nicht in der Partnerschaft statt. Das führt zu einer Isolierung.

Was kann man gegen Pornosucht tun?
Der wichtigste Schritt ist das Aufsuchen eines Fachpsychologen oder Facharztes und das Lernen darüber zu sprechen. Dann müssen die auslösenden und aufrechterhaltenen Umstände der Sucht ermittelt und aufgezeigt und behandelt werden. Wenn die Pornosucht zu einer Depression geführt haben, muss auch die erkannt und behandelt werden.

Wie gross sind die Therapieangebote in der Schweiz?
Leider klein. Es gibt viele Fachpersonen, die sich mit sexuellen Funktionsstörungen beschäftigen. Es gibt Gynäkologen, Urologen, Sexualtherapeuten, et cetera. Aber Fachpersonen für Sexsucht gibt es erst wenige. Wenn man bedenkt, wie viele Leute in der Schweiz sexsüchtig sind, braucht es dringend eine Sensibilisierungskampagne und mehr Einrichtungen für Therapien.

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