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Herrscht Krise, braucht man einen Schuldigen, sagt die Kommunikationsexpertin. Viele finden ihn im Gesundheitsminister Alain Berset.
Herrscht Krise, braucht man einen Schuldigen, sagt die Kommunikationsexpertin. Viele finden ihn im Gesundheitsminister Alain Berset.
Bild: keystone
Interview

«Diese Art der Schuldzuweisung kann man bei der SVP immer wieder beobachten»

Der Ton in der Corona-Politik ist rauer geworden. Es werden Diktatorvorwürfe gemacht und mit Maulkorbdrohungen um sich geworfen. Warum die Medien da nicht immer mitspielen sollten und wie die SVP in die Trickkiste greift, erklärt Kommunikationsexpertin Dominique Wirz im Gespräch.
03.03.2021, 10:19

Frau Wirz, Vertreter der bürgerlichen Parteien wollen der bundesrätlichen Covid-19-Taskforce den Mund verbieten. Was halten Sie von diesem Vorschlag?
Dominique Wirz: Es wäre verheerend, wenn sich genau die Personen, die sich am meisten mit dem Virus auseinandersetzen, nichts mehr sagen dürften.

Beschliesst der Bundesrat Lockerungsschritte, dauert es nicht lange, bis Vertreterinnen der Taskforce vor den Gefahren warnen. Das verwirrt doch die Bevölkerung.
Natürlich ist es für die Bevölkerung nicht einfach, die vielen verschiedenen Informationen einzuordnen. Es ist anstrengend wenn die Politik «A» und die Wissenschaft «B» sagt. Aber genau das macht eine Demokratie aus. Meinungen bilden sich aus verschiedenen Informationen.

«Es ist anstrengend wenn die Politik ‹A› und die Wissenschaft ‹B› sagt»

Diese Informationen sind aber häufig kompliziert und schwierig zu verstehen. Wie soll ich mir damit eine Meinung bilden, wenn ich nicht selbst Epidemiologin bin?
Hier kommen die Medien ins Spiel. Es wäre ihre Aufgabe, komplexe Sachverhalte zu erklären und in einen grösseren Kontext zu setzen.

Dominique Wirz ist Senior Researcher am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Fribourg. Sie forscht unter anderem zu Emotionen und Persuasion in der politischen Kommunikation.
Dominique Wirz ist Senior Researcher am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Fribourg. Sie forscht unter anderem zu Emotionen und Persuasion in der politischen Kommunikation.
bild: zvg

Sie brauchen den Konjunktiv. Heisst das, wir Journalistinnen und Journalisten machen einen schlechten Job?
Die Medien haben eine zwiespältige Rolle eingenommen. Einerseits ist es wichtig, dass man gerade in Zeiten, wo politisch und gesellschaftlich viel passiert, kritisch berichtet. Andererseits wird meiner Meinung nach in letzter Zeit immer weniger Hintergrund und Kontext geliefert. Die politischen Konflikte werden gerne als Aufhänger benutzt, weil sie ziehen. Eine Einordnung wird dann aber nicht nachgeliefert.

«Die politischen Konflikte werden gerne als Aufhänger benutzt, weil sie ziehen. Eine Einordnung wird dann aber nicht nachgeliefert.»

Können Sie etwas konkreter werden?
Nehmen wir den Skiterrassenstreit. Es wurde emotional diskutiert und berichtet. Mir hat eine unaufgeregte Einordnung gefehlt. Warum wird überhaupt darüber gestritten? Wie gefährlich sind offene Terrassen aus epidemiologischer Sicht? Wie fest schadet eine Schliessung dem Geschäft?

Da haben Sie vermutlich Recht. Anfang Pandemie wurde unaufgeregter berichtet und informiert. Und auch die politischen Parteien demonstrierten Einigkeit. Mit dem Slogan «Eine/r für alle» stellten sie sich hinter die Entscheidungen des Bundesrates. Was ist seither passiert?
Vor einem Jahr dominierten Angst und Unsicherheit. Man wusste nicht viel über dieses neuartige Virus. Man wusste nicht, wie es sich verbreitet, wie gefährlich es für einen persönlich ist. Man setzte grosse Hoffnungen in die Wissenschaft. Der Mensch ist sehr sicherheitsbedürftig, das hat uns zusammengeschweisst. Ein Jahr später stehen wir an einem ganz anderen Punkt. Die subjektive Sicherheit der Menschen ist gestiegen. Ein Grossteil der Bevölkerung ist stärker von den Einschränkungen als vom Virus selbst betroffen. Wir haben aber auch realisiert, dass es keinen schnellen Ausweg aus der Pandemie gibt. Wir sind coronamüde und kaum mehr bereit diese Ambivalenz von guten und schlechten Nachrichten auszuhalten.

Wir sind coronamüde, unzufrieden und brauchen einen Schuldigen. Die SVP scheint ihn im «Diktator Berset» und dem «halben SVP-Bundesrat Parmelin» gefunden zu haben.
Es ist eine menschliche Reaktion, einen Schuldigen finden zu wollen. Man will einen Ausweg aus der Misere und zeigt mit dem Finger auf den vermeintlichen Verursacher.

Weder der Gesundheitsminister noch seine Bundesratskollegen sind schuld an der Pandemie. Die Pandemie ist schuld an der Pandemie.
Diese Art der Schuldzuweisung kann man bei der SVP immer wieder beobachten. Man präsentiert einfache Lösungen für Probleme, die eigentlich viel komplexer sind. Man muss nur kriminelle Ausländer ausschaffen und alles wird gut. Man muss nur den Niqab verbieten und die Schweiz ist vor dem radikalen Islam geschützt. Im aktuellen Fall machte die SVP einen Kunstgriff. Sie kann ja schlecht sagen, der Gesamtbundesrat ist schuld an der Misere, wenn zwei Mitglieder zur eigenen Partei gehören. Man greift lieber einzelne Personen an, um in die Opposition gehen zu können.

«Diese Art der Schuldzuweisung kann man bei der SVP immer wieder beobachten.»

Dem Bundesrat wird vorgeworfen, er entscheide über unsere Köpfe hinweg. Natürlich er hat zu Beginn der Krise das Notrecht eingeführt. Das hat er aber gestützt auf das Epidemiengesetz gemacht, welches das Volk 2013 angenommen hat. Woher kommt diese Angst, dass Dinge entschieden werden, auf die die normale Bürgerin keinen Einfluss mehr hat?
Normalerweise sind die politischen Prozesse der Schweiz unglaublich langsam. Aktuell passiert gerade viel und es wird viel entschieden. Obwohl es auch im Bundesrat immer Kompromisslösungen sind und er im Rahmen des Gesetzes handelt, fühlt es sich für viele so an, als hätte man als Einzelperson kaum Einfluss. Dieses Gefühl, dass alles von oben herab diktiert wird, widerspricht unserem demokratischen Empfinden.

Ist das der Grund, warum die Debatten über die Corona-Massnahmen emotionaler und persönlicher werden?
Gerade wenn die Kantone etwas anderes wollen als der Bund wird es emotional. Weil man da noch mehr das Gefühl hat, dass einzig und allein die sieben Menschen aus Bern alles entscheiden. Die Emotionalität hat aber auch mit der Dauer der Pandemie zu tun. Die Menschen haben keine Lust mehr auf Corona. Die meisten sachlichen Argumente sind gesagt. Man muss abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Diskutiert man das Thema auf einer emotionalen Ebene, bringt man mehr Leute dazu, sich wieder dafür zu interessieren. Das ist eine ungute Entwicklung und lenkt von den wichtigen Informationen ab.

«Dieses Gefühl, dass alles von oben herab diktiert wird, widerspricht unserem demokratischen Empfinden.»

Führt die Corona-Pandemie zu einem Wertezerfall unseres politischen Diskurses?
Das würde ich bestreiten. Die Tonalität ist auch bei anderen Themen gehässig. Über den Klimawandel oder Migrationsthemen wurde ähnlich giftig diskutiert. Was man aber sieht, ist dass die Diskussionskultur mit dem Aufkommen der sozialen Medien feindlicher geworden ist. Der Umgangston ist rauer. Man ist eher bereit jemanden zu beschimpfen, wenn man sich in der Anonymität des Netzes in Sicherheit wähnt.

Stichwort soziale Medien. Welchen Einfluss haben Facebook, Instagram und Co. darauf, wie wir über die Pandemie denken?
Es ist ein grosses Problem, dass viele Menschen sich nur noch über die sozialen Netzwerke informieren. Selbst wenn man Infos von Massenmedien konsumiert, liest man häufig knapp den Titel und die Kommentare – und fühlt sich trotzdem informiert. Studien zeigen aber, dass man seinen eigenen Wissensstand danach überschätzt. Man sieht zwar die Informationen, liest sie aber nicht richtig und weiss defacto sehr wenig.

Hat das Konsequenzen?
Wer sich über ein Thema informiert wähnt, der fühlt sich auch im Stande darüber zu diskutieren. Diese Nicht-Informiertheit führt zu polarisierenden Diskussionen und begünstigt die selektive Wahrnehmung. Diese Wahrnehmung wird durch die Berichterstattung der klassischen Medien verstärkt. Denn Minderheitspositionen erhalten sehr viel Platz. Als im Herbst hin und wieder gegen das Coronavirus und die damit verbundenen Massnahmen demonstriert wurde, wurde gross darüber berichtet. Dabei sind das nur eine Handvoll Menschen, die wirklich vor Ort waren. Die wenigsten Menschen sind strikt gegen das Impfen oder glauben gar, dass das Virus eine Erfindung der Regierung ist. Wird häufig darüber berichtet, führt das dazu, dass die Meinungsverteilung in der Bevölkerung völlig falsch eingeschätzt wird. Man glaubt, die Minderheitsposition sei die Meinung der Mehrheit.

«Die Tonalität ist auch bei anderen Themen gehässig. Über den Klimawandel oder Migrationsthemen wurde ähnlich giftig diskutiert.»

Was braucht es denn, damit eine Minderheit nicht die Öffentlichkeit dominiert und sich unsere aller Meinungen nicht noch mehr spaltet?
Das Wichtigste ist, dass Menschen in einer Gesellschaft mit genügend Informationen versorgt sind. Nur so können sie sich eine Meinung bilden. Es braucht unterschiedliche Perspektiven und Ansichten. Hier kommen die Medien ins Spiel: Sie müssen diese Ansichten in den Kontext setzen und einordnen, weil das nicht jeder für sich selbst kann. Das ist enorm wichtig, gerade auch in einer Gesellschaft, wo man von Informationen nur so überspült wird.

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quelle: keystone / peter klaunzer
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