DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Simon Küffer aka Tommy Vercetti. bild: janosch abel

Interview

Tommy Vercetti: «Dass eine Handvoll Menschen die halbe Stadt besitzen, ist ein Skandal»

Der Berner Rapper steht mit seinem Album «No 3 Nächt bis Morn» in den Schweizer Albumcharts zuoberst. Wir haben mit dem Systemkritiker gesprochen.



Neun Jahre nach «Seiltänzer» veröffentlichte der Berner Rapper Tommy Vercetti letzte Woche sein zweites Soloalbum «No 3 Nächt bis Morn» – und landete in den Charts gleich auf Platz eins. Wie aber kommt es, dass einer, der sämtliche Trends ignoriert und sich selber einen Marxisten nennt, mit Rap Erfolge feiern kann? Wir haben ihn gefragt.

Erstmals Gratulation zum ersten Platz in den Album-Charts.
Tommy Vercetti:
Vielen Dank. Die Freude ist natürlich riesig. Aber eine Chartplatzierung ist wie Roulette. Sie hängt stark davon ab, wer sonst noch so released. Man darf das nicht überbewerten.

Aber ein bisschen stolz darf man schon sein.
Natürlich! Wir haben drei Jahre an diesem Album gearbeitet. Aber wie gesagt: Am gleichen Tag hat Sido sein neues Album herausgegeben und Stefan Eicher seins eine Woche zuvor. Wenn die, so wie ich, auf Streams verzichten würden, sähe es wohl anders aus.

Bild

bild: moritz keller

Das neue Album «No 3 Nächt bis Morn» gibt es nicht auf Spotify – wir werden noch darauf zu sprechen kommen. Mich hat die Chartplatzierung aber trotzdem überrascht.
Weshalb?

Weil du auf sämtliche Trends der letzten Jahre verzichtest: Autotune, Swissness, Gemurmel, Aufpoppung fürs Radio ...
... das bin nicht ich. Ich konnte in den letzten Jahren mit Eldorado FM eine sehr treue Fangemeinde aufbauen. Diese Leute haben jetzt das Album blind gekauft. Nächste Woche werden wir nicht mehr auf dem ersten Platz stehen [lacht]. Aber ich hoffe schon, dass wir ein gutes Album produziert haben.

Das Intro beginnt mit einem Selbstgespräch. Du rätst dir selber, «was Hoffnungsvolles» zu machen. Viel Hoffnungsvolles folgt danach aber nicht, sondern vor allem eines: wütende Systemkritik.
Ich glaube, man muss die Probleme zuerst konkret benennen, um dann das Element der Hoffnung daraus schöpfen zu können. Das Album ist eine Momentaufnahme dieser aktuellen Probleme.

Das Intro von «No 3 Nächt bis Morn»

abspielen

Video: YouTube/Eldorado FM Official

Es ist vor allem ein Problem, das du benennst: Das Überleben in unserer Leistungsgesellschaft.
Ja. Viele Menschen befinden sich in einem Hamsterrad. Und dann gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die davon profitiert, die Profite anhäuft. Diese Gruppe wiederum kann Entscheide fällen, die auf sehr viele Menschen Auswirkungen hat. Und das ist ein Riesenproblem.

Kannst du uns ein Beispiel geben?
Wenn der Verwaltungsrat einer grossen Erdölfirma entscheidet, dass der eingeschlagene Kurs fortgesetzt wird, dann bestimmt das, wie wir Auto fahren und wie wir unsere Wohnungen heizen. Diese Prozesse werden im Moment immer offensichtlicher und beim Klimawandel zeigen sie sich deutlich.

Und wie könnten solche Abläufe verhindert werden?
Ich weiss, das tönt radikal, und ich werde damit in der Kommunistenschublade landen – aber ich finde, dass wir grundsätzlich eine andere Struktur brauchen. Eine Struktur, die nicht auf Geld und Privateigentum basiert.

Geld und Privateigentum sollen abgeschafft werden?
Geld ist problematisch. Geld ist ja nicht nur ein Wert um Kaugummis am Kiosk zu kaufen. Geld ist eine Entscheidungseinheit. Wer viel davon besitzt, erhält eine grössere Entscheidungsgewalt – und das ist per se undemokratisch. Versteh mich nicht falsch: Beim Privateigentum geht es mir nicht um Zahnbürsten oder Kleider. Aber es geht darum, dass die grossen mächtigen Institutionen nicht im Besitz von ein paar wenigen Leuten sein dürfen. Dass ein paar wenige über Grundbedürfnisse entscheiden können.

Bild

bild: Moritz Keller

Wenn du sagst, es gehe dir nicht um Zahnbürsten oder Kleider – wo ziehst du die Grenze? Willst du Wohneigentum abschaffen?
Nein. Im Gegenteil. Jeder sollte seinen Wohnraum besitzen können. Aber Wohnen ist ein gutes Beispiel. Dass eine Handvoll Menschen die halbe Stadt besitzen können, ist doch ein Skandal. Und aus dem fundamentalen Bedürfnis, ein Zuhause zu haben, wird ein Geschäft entwickelt, das perverse Ausmasse annimmt. In der Schweiz haben wir in gewissen Städten bereits Verhältnisse wie in New York. Du bist ja ungefähr gleich alt wie ich [+/- 40 Jahre, Anm. d. Red.]. Wie viele Bewegungen haben wir gesehen, die nichts bewirkt haben? Was ist von der Occupy-Bewegung geblieben? Von den weltweiten Demonstrationen gegen den Irakkrieg? Da läuft etwas fundamental falsch. Ich bin kein Fan der Theorie, dass sich Geschichte immer wiederholt. Aber wir stecken in einer Krise.

Die Feinde sind in deinen Songs immer dieselben. Es sind «Sie», die Kapitalisten, kafkaeske Figuren, denen du jegliche Menschlichkeit absprichst. Machst du es dir damit nicht zu einfach?
Ich überspitze natürlich. Das schulde ich der Kunstform. Und ich höre den Vorwurf nicht zum ersten Mal. Nur: Den Vorwurf macht man Kafka nicht – oder Michael Ende [Vercetti spielt hier auf die grauen Herren in «Momo» an]. Und auch bei meinen Verallgemeinerungen gibt es einen wahren Kern. Schau nur, wie sich unsere Leute im Bundeshaus Verwaltungsratsmandate anhäufen. Aber man muss noch etwas anderes unterscheiden: Ich greife niemanden persönlich an. Wir sind alle Menschen und handeln entsprechend den Möglichkeiten des Systems. Meine grauen Männer repräsentieren die strukturellen Probleme unserer Gesellschaft.

War es früher denn einfacher? Das Überleben in der Gesellschaft?
Mein Vater konnte mit einem Arbeiterjob eine vierköpfige Familie ernähren. Das ist heute, so behaupte ich mal, unmöglich. Wenn du also von der Schweiz und einer Zeit vor 30, 40 Jahren redest, dann würde ich ganz klar «ja» sagen. Damals war die Blütezeit des Sozialstaates. Die Steuersätze waren hoch. Vielen Menschen wurde ein gutes Leben ermöglicht.

Bild

bild: moritz keller

Du kritisierst Machtverhältnisse und Geld. Und doch gibt es Stellen im Album, bei denen bei mir das Gefühl aufkam, dass auch du ganz froh wärst, reich zu sein.
An welche Stellen hast du gedacht?

Mit fällt spontan eine Stelle ein, bei der du aufzählst, wer es alles geschafft hat – Lo & Leduc zum Beispiel – du aber in der Nacht Windeln wechseln musst.
Nur am Rand: ich bin ja glücklich mit Windeln wechseln, so ist es ja nicht. In einem kapitalistischen System wäre es aber heuchlerisch, so zu tun, als hätte ich nicht auch gerne viel Geld. Du schenkst mir drei Millionen? Nehm ich sofort. Sweet! Aber eben nur unter der Bedingung, dass das System so bleibt wie es ist. Kommt aber der Flaschengeist und ich habe drei Wünsche frei, dann wünsche ich mir den Systemwechsel. Es wäre einfach gesünder. Wenn du nicht fünf Millionen auf der Seite hast, dann musst du doch fast jeden Tag Angst haben, dass dich irgendetwas substantiell gefährdet.

Hast du das? Tägliche Existenzängste?
Ich bin momentan davon zum Glück nicht betroffen. Aber der Überlebenskampf in der Gesellschaft ist spürbar. Viele Menschen leiden an Existenzängsten, leiden darunter, dass sie das Gefühl haben, wertlos zu sein, dass sich niemand für ihre Probleme interessiert. Und dann wählen sie rechts, obwohl sie genau wissen, dass das nicht schlau ist. Von den anderen wurden sie aber einfach zu oft abgewiesen. Seien wir ehrlich: Die Wahl zwischen Clinton und Trump war eine Nulloption. Clinton repräsentiert genau die Schicht, die für die Arbeiterklasse kein Ohr, kein Verständnis mehr hat. Doch auch in dieser Krise gibt es das Hoffnungsmoment. Es braucht halt einfach wählbare Optionen.

Wer wäre das?
In der Schweiz?

Ja.
Ich habe es den Vertretern dieser Partei bereits gesagt: Die SP ist mir eine zu breit aufgestellte Partei. Viele Leute der SP sind wählbar, aber leider nicht alle. Vielleicht die Hälfte. Aber es gibt auch noch die JUSO, die PdA. Hauptsache ist, man wählt gesund links.

Wir haben noch eine Frage offen ...
... die Spotify-Frage.

Genau.
Es ist ein Statement. Wie wenig da bezahlt wird! Unglaublich! Und wer da verdient auf Kosten der Künstler! Ein Album produzieren kostet viel Geld und das muss wieder eingespielt werden. Mit Spotify ist das unmöglich. Als gestandener Künstler kann ich es mir zum Glück leisten, darauf zu verzichten. Ich verstehe aber alle, die sich für Spotify entscheiden. Vor allem die Newcomer. Persönlich nutze ich den Dienst auch und wenn ich dadurch etwas kennen lerne, das mir gefällt, kaufe ich das Album physisch.

Und wie reagierst du, wenn nächste Woche Stress zuoberst steht?
Du. Wir waren Nummer Eins. Es gibt keine Enttäuschung. Wenn ich nächste Woche noch in den Top-20 bin, dann bin ich extrem froh. Es geht heute wahnsinnig schnell. Und dann freut es mich für Stress.

Tommy Vercettis Album «No 3 Nächt bis Morn» gibt es hier.
Infos und Tourdaten.
Sein Instagram.
Sein YouTube.

Eine Albumsbesprechung gibt es bei unseren Freunden der AZ hier.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Irrwegah Kollegah

1 / 8
Irrwegah Kollegah
quelle: dpa-zentralbild / jens kalaene
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Steigende Temperaturen setzen Gletscher zu

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Fakten entscheiden über Recht und Unrecht – ohne Medienfreiheit bleiben sie verborgen

Polizeien in Zürich und Bern tun sich schwer mit der Medienfreiheit. Das entspricht dem Trend, der sich in der Schweiz breit macht.

Wie weit geht die Medienfreiheit? Diese Frage – so meint man – hätte in der Schweiz keine Berechtigung. Sie gilt als Land der Menschenrechte, als Land der direkten Demokratie.

Und doch stellt sie sich. Das zeigen zwei aktuelle Beispiele. Da waren einerseits die Demonstrationen: Am 1. Mai wurden mehrere Journalistinnen und Journalisten von der Stadtpolizei Zürich miteingekesselt. Kollateralschäden passieren, in der Hektik erwischt es auch Unbeteiligte. Nur war das aus Sicht der Polizei kein …

Artikel lesen
Link zum Artikel