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Grenze beim Hotel Arbez Franco-Suisse in La Cure

Kuriose Grenzverläufe gibt es auch an der Grenze zwischen dem Kanton Waadt und Frankreich im Jura.  Bild: Arbezie.com

Verrückte Grenzen, Teil I: Sechs Schweizer Grenzfälle



Als hätte der Landvermesser einen über den Durst getrunken: Es gibt Grenzen, die einzelne Häuser zerschneiden, absurde Ausbuchtungen beschreiben oder sonstwie vollkommen verrückt erscheinen. Auch in der Schweiz, wie diese sechs Beispiele zeigen. 

Die Eiserne Hand

Wie ein langer, dünner Finger ragt Schweizer Gebiet von Riehen im äussersten Nordosten des Kantons Basel-Stadt nach Deutschland hinein. Die sogenannte «Eiserne Hand» zwischen Lörrach und Inzlingen ist etwa 1,6 Kilometer lang, maximal 250 Meter breit und besteht fast ausschliesslich aus Wald. Die Legende besagt, dass der Gebietszipfel seinen Namen von einem Waldarbeiter erhielt, der sich dort so an der Hand verletzte, dass er danach eine Eisenprothese tragen musste. 

Eiserne Hand, Riehen BS

Dünner Schweizer Finger zwischen Lörrach und Inzlingen: Die Eiserne Hand. Bild: Google Maps/watson

Im Zweiten Weltkrieg bestand hier ein Schlupfloch in der Grenze von Nazi-Deutschland zur Schweiz, die ansonsten in der Region mit einem Stacheldrahtzaun gesichert war. Obwohl die vier Kilometer lange Grenze bei der Eisernen Hand von Patrouillen mit scharfen Hunden bewacht wurde, gelang einigen Menschen hier die Flucht in die Schweiz.  

Eiserne Haand bei Riehen, BS, deutscher Zaun

Der deutsche Stacheldrahtzaun umschloss die Eiserne Hand nicht.  Bild: Verein Basler Geschichte

Drei Kantonsteile und eine Enklave

«Der Kanton Schaffhausen weist wohl den kompliziertesten Verlauf der Landesgrenze aller Kantone der Schweiz auf», so steht es auf Wikipedia. Das ist keine Untertreibung. Der nördlichste Kanton der Schweiz – er liegt bis auf einige kleine Teile gesamthaft nördlich des Rheins – besteht aus drei voneinander getrennten Kantonsteilen unterschiedlicher Grösse. Als wäre das noch nicht genug, gibt es noch Büsingen: eine deutsche Enklave im Kantonsgebiet. 

Drei Kantonsteile und eine deutsche Enklave: Kompliziertes Schaffhausen.  Bild: Wikimedia/Tschubby

Deren Einverleibung und die Verbindung der drei Kantonsteile durch eine Arrondierung des Schweizer Staatsgebiets durch angrenzende badische Gemeinden war ein Schweizer Anliegen am Wiener Kongress 1815. Doch die Schweizer Diplomatie konnte diese Forderung trotz günstiger Voraussetzungen nicht durchsetzen – während die Genfer Delegation in Wien erfolgreich eine Landverbindung von Genf zur restlichen Schweiz erkämpfte. So hat der relativ kleine Kanton (298 km2) heute noch eine 185 Kilometer lange, stark ausgebuchtete Grenze. 

Ein Bett auf der Grenze

Globetrotter sollten sich hier wohl fühlen: Im Hôtel Arbez Franco-Suisse in La Cure schlafen sie in der Schweiz und essen dann in Frankreich – und das, ohne das Haus zu verlassen. Denn das Hotel steht mitten auf der schweizerisch-französischen Landesgrenze. Die durchschneidet nicht nur den Speisesaal, sondern auch das Bett in der Honeymoon-Suite und weitere Gästezimmer. Die Bar befindet sich ganz auf der französischen Seite, während das Nebengebäude vollständig in der Schweiz liegt. 

Hotel Arbez Franco-Suisse in La Cure

Die Grenze verläuft längs durch das Gebäude, direkt links neben dem Wandbild: Links davon liegt Frankreich, rechts die Schweiz.  Bild: Arbezie.com

Die ungewöhnliche Lage ist das Resultat eines Landabtauschs zwischen Frankreich und der Schweiz im Jahr 1862. Seither gehört der Weiler La Cure, der zuvor ganz französisch war, teilweise zur Waadtländer Gemeinde Saint-Cergue VD.

Hotel Arbez Franco-Suisse La Cure

Der grössere Teil des Hotels liegt in Frankreich.  Bild: Flickr

Was heute nur noch eine Skurrilität ist, war im Zweiten Weltkrieg noch bitterer Ernst: Die deutschen Soldaten im besetzten Frankreich durften nur den französischen Teil betreten; der Zugang zum Schweizer Teil war ihnen strikt verboten. Da die Treppe auf der französischen Seite begann, aber in der Schweiz endete, durften sie die oben gelegenen Räume nicht betreten – was sich Flüchtlinge und Résistance-Mitglieder zunutze machten. 

Krieg und Frieden in einem Dorf

Das Dorf St.Gingolph gibt es gleich doppelt: eine Walliser Ausgabe und eine französische. Die Zweiteilung besteht seit sich die Walliser und Berner 1567/69 aus dem Gebiet südlich des Genfersees zurückziehen mussten. Heute noch verläuft die Landesgrenze zwischen Frankreich und der Schweiz – in Form des Flüsschens Morge – mitten durch den Ort. So gibt es zwei Postämter und zwei Schulen – und sogar zwei verschieden gefärbte Wappen

tour dur dschwiiz 47. etappe

Unten die beiden Dorfwappen, in der Mitte teilt die Morge den Ort. Bild: watson

Die Kirche hingegen gibt es nur einmal. Sie steht im französischen Teil, und diese Tatsache spielte in der Geschichte des Ortes schon einmal eine wichtige Rolle. Im Juli 1944, noch war Frankreich von den Deutschen besetzt, rückte nämlich eine Abteilung der SS an, um das französische St.Gingolph dem Erdboden gleich zu machen. Die deutschen Besatzer wollten mit der brutalen Strafaktion einen Angriff der Résistance tags zuvor rächen, der zehn deutsche Soldaten das Leben gekostet hatte. 

Während die meisten Einwohner in den Schweizer Teil flohen, verhandelte der Schweizer Gemeindepräsident André Chaperon mit den Deutschen und erwirkte die Verschonung der Kirche und einiger weiterer Gebäude. Darauf rückte die SS in den Ort ein und begann ihr mörderisches Werk: Sie exekutierte sechs Einwohner, die nicht geflohen waren, und setzte die Häuser in Brand. 

ARCHIVE --- VOR 70 JAHREN, ENDE JULI 1944, RICHTETEN DEUTSCHE SOLDATEN UND DIE SS IM GRENZDORF SAINT-GINGOLPH AM GENFERSEE BEI EINER VERGELTUNGSAKTION EIN BLUTBAD AN UND ZERSTOERTEN GROSSE TEILE DES DORFES. VIELE BEWOHNER KONNTEN IN DIE SCHWEIZ FLUECHTEN UND ERHIELTEN ASYL. DAS DORF WURDE MIT SCHWEIZER HILFE NACH DEM KRIEG WIEDERAUFGEBAUT. DAZU STELLEN WIR IHNEN DIESES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Ein Schweizer Soldat schaut am 28. Juli 1944 durch ein Loch in der Grenze auf zerstoerte Haeuser im franzoesischen Teil des Dorfes St. Gingolph am Genfersee. Nach einem Anschlag franzoesischer Resistance-Kaempfer am 22. Juli 1944 auf deutsche Soldaten am Grenzposten in St. Gingolph richtet die SS am naechsten Tag ein Blutbad an und erschiesst sechs Dorfbewohner, die nicht gefluechtet sind, und zerstoert einen Teil des Dorfes, 80 Haeuser werden niedergebrannt. Der Gemeindepraesident des Walliser Teils des Dorfes, Andre Chaperon, versucht zu verhandeln und interveniert beim deutschen Kommandanten Hauptmann Hartmann. 313 Dofbewohner aus Frankreich konnten ueber die geoeffnete Grenze in die Schweiz fliehen und erhielten Asyl. Der Walliser Feuerwehr gelingt es, die Braende bei der von beiden Dorfteilen gemeinsam betriebenen Kirche, die auf franzoesischem Boden liegt, zu loeschen.  (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Milou Steiner, PR.)

SS-Racheaktion: Ein Schweizer Soldat schaut durch ein Loch im Grenzzaun auf zerstörte Häuser im französischen Ortsteil.  Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Während sich die Flammen auf den Kern des französischen Ortsteils vorfrassen, wandte sich der Oberstbrigadier Julius Schwarz, Kommandant der Gebirgsdivision 10, an den deutschen SS-Befehlshaber. Der Schweizer wies darauf hin, dass sich zahlreiche Gebäude im französischen Teil in Schweizer Besitz befanden und drohte mit dem Einsatz seiner Division. Der Bluff wirkte; die Schweizer durften die Feuerwehr jenseits der Grenze einsetzen und ein bedeutender Teil von St.Gingolph blieb vom Feuer verschont. 

Ein Läufer am Jurabogen

Der Kanton Solothurn, soll ein Schweizer Schriftsteller bemerkt haben, gleiche einem Läufer, der dem Jurabogen entlang nach Westen eile. Tatsächlich weist der Kanton eine stark gegliederte Form auf, um es gelinde zu sagen: Neben dem seinerseits weit verzweigten Hauptteil besitzt Solothurn noch drei Exklaven. Zwei davon – Kleinlützel und Metzerlen-Mariastein – liegen nördlich des Juras an der französischen Grenze und sind durch den Kanton Basel-Landschaft vom Hauptteil getrennt. 

Kanton Solothurn, Gemeindekarte

Wie ein Läufer, der nach Westen eilt: Der Kanton Solothurn.  Bild: Wikipedia/Tschubby

Die dritte und kleinste Exklave – Steinhof, das zur Gemeinde Aeschi gehört – liegt im Süden des Kantons und ist eine Enklave im Kanton Bern. Beinahe eine solothurnische Exklave bildet zudem die Gemeinde Kienberg im Osten. Das Gemeindegebiet ist nur durch einen rund hundert Meter breiten Korridor mit dem Hauptteil verbunden. Damit nicht genug: Der Bezirk Bucheggberg ragt im Südwesten weit in den Kanton Bern hinein, während die Bezirke Olten und Gösgen sich weit nach Osten hin zwischen die Kantone Basel-Landschaft und Aargau zwängen.

Schwarzbubenland

Der nördliche Kantonsteil: Das Schwarzbubenland.  Bild: Schweiz Mobil

Im Norden bilden die Bezirke Dorneck und Thierstein – das nach Basel ausgerichtete Schwarzbubenland – ähnliche Ausstülpungen. Dies alles beschert dem Kanton eine Grenze in der Gesamtlänge von 380 Kilometern bei lediglich 791 km2 Fläche. Das Gebiet ist derart zerklüftet, dass jemand, der von Solothurn der Aare nach nach Olten wandern möchte, das bernische Bipperamt durchqueren müsste. 

Burghof in Burgäschi, SO

Bauernhof auf der Kantonsgrenze: Burghof bei Burgäschi.  Bild: Google Maps

Direkt auf der Grenze zwischen Bern und Solothurn liegt der Bauernbetrieb Burghof in Burgäschi: Die Wirtschaftsgebäude stehen im Kanton Solothurn, das Stöckli und ein weiteres Gebäude im bernischen Niederönz.  

Welscher Flickenteppich 

Die Grenze zwischen den Kantonen Fribourg, Waadt und Bern bringt jeden Kartographen zur Verzweiflung. Vom Neuenburgersee bis zum Murtensee erstreckt sich ein territorialer Flickenteppich, der in der Schweiz seinesgleichen sucht. Am südöstlichen Ufer des Neuenburgersees wechseln sich waadtländische und fribourgische Gebiete in schneller Folge ab; dazu gesellen sich eine Vielzahl von Exklaven – allein der Kanton Fribourg hat vier davon im Kanton Waadt und eine im Kanton Bern. 

Kantone Waadt, Fribourg und Bern

Der Grenzverlauf zwischen den Kantonen Waadt (grün) und Fribourg (blau) ist besonders komplizert.  Bild: Wikimedia/watson

Besonders kurios dürfte die fribourgische Exklave Notre Dame de Tours östlich von Payerne VD sein: Es handelt sich um eine Wallfahrtskirche mit etwas Umschwung, die zur politischen Gemeinde Montagny-les-Monts gehört und nur gerade 150 Meter vom Fribourger Kantonsgebiet entfernt ist. 

Notre Dame de Tours, fribourgische Exklave im Waadtland

Die winzige fribourgische Exklave Notre Dame de Tours.  Bild: Atlas der Schweiz

Der Grund für die zersplitterte Territoriallandschaft in dieser Region liegt in den ehemaligen Gemeinen Herrschaften in der Alten Eidgenossenschaft, die von Bern und Fribourg im Turnus verwaltet wurden. Einige davon gingen bei der Neuordnung der Schweiz in der Helvetik an den aus der Berner Erbmasse neu geschaffenen Kanton Waadt, während Murten zu Fribourg und Schwarzenburg zu Bern kamen. 

Territoriale Entwicklung der Alten Eidgenossenschaft.

Karte: Wikimedia

Hat die Schweiz bald nur noch 12 Kantone?

Video: srf/SDA SRF

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