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Der R-Wert sorgt für rote Köpfe, dabei sagt er relativ wenig aus. bild: keystone/watson

Kommentar

Streit um den R-Wert: Hört auf mit diesen Scheindebatten!

In der Schweiz findet eine bizarre Diskussion über die Reproduktionszahl des Coronavirus statt. Dabei sind zwei andere Faktoren für die Bekämpfung der Pandemie viel wichtiger.



Eine Schlagzeile, grosse Wirkung. «Im Kampf gegen Corona setzt Bund auf diffusen Wert», hiess es in dicken Buchstaben auf der Titelseite des «Tages-Anzeiger» vom Dienstag. Die Tamedia-Redaktion hatte herausgefunden, dass die ETH Zürich den R-Wert für Anfang Dezember zweimal stark nach unten korrigiert hatte, von 1,13 auf 1,00.

Mit dem R-Wert ist die Reproduktionszahl des Coronavirus gemeint. Sie gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Liegt sie über 1, droht die Epidemie ausser Kontrolle zu geraten. Sinkt sie auf 0,8 und weniger, ist eine nachhaltige Senkung der Fallzahlen möglich. Berechnet wird der R-Wert von der ETH-Mathematikerin Tanja Stadler.

Martin Ackermann, Praesident, National COVID-19 Science Task Force aeussert sich zur Entwicklung der Covid-19 Pandemie am Dienstag, 29. Dezember 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Taskforce-Chef Martin Ackermann warnt, der R-Wert sei kompliziert und ungenau. Bild: keystone

Am 19. Dezember betrug der R-Wert – er wird wegen der Inkubationszeit mit einer Verzögerung von zehn Tagen ermittelt – 0,81. Das ersehnte Ziel wäre praktisch erreicht. Das ist bedeutsam, denn für den Bund ist der R-Wert seit Mitte Dezember ein massgebender Faktor, ob die Kantone ihre Restaurants oder Skipisten öffnen dürfen.

Empörte Branchenvertreter

Die betroffenen Branchen liessen sich nicht zweimal bitten. Gastro- und Fitnessbetreiber empörten sich in «20 Minuten» über den «zu hoch eingeschätzten R-Wert». Sekundiert wurden sie von der SVP, die am Dienstag vom Bundesrat die sofortige Aufhebung aller Massnahmen und «personelle Konsequenzen» forderte. Mehrere Kantone öffneten am Mittwoch die Skigebiete.

Dabei ist der R-Wert vieles, nur kein verlässlicher Indikator. Er werde geschätzt, sei kompliziert und ungenau, betonte Martin Ackermann, der Präsident der Covid-19-Taskforce des Bundes, am Dienstag vor den Medien. Tanja Stadler teilte mit, der R-Wert sei eine statistische Schätzung und «keine Grundlage für automatische Entscheidungen».

Mit der Betonung des R-Werts hat sich der Bund einen Bärendienst erwiesen. Sie war eine Verlegenheitslösung, um die wegen drohenden neuen Restaurant-Schliessungen wütenden Westschweizer Kantone zu besänftigen. Losgetreten hat der Bund damit eine jener Scheindebatten, die typisch sind für unseren Umgang mit der Coronakrise.

A health worker collects a nose swab sample for a polymerase chain reaction (PCR) test at a drive-in coronavirus testing facility in front of the eHnv hospital (Etablissements Hospitaliers du Nord Vaudois) during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak, in Yverdon-les-Bains, Switzerland, Wednesday, November 4, 2020. Switzerland as many countries in Europe impose more coronavirus restrictions as cases of Covid-19 patients spike in a second wave of pandemic. (Laurent Gillieron/Keystone via AP)

Mit Tests wie hier im Drive-In-Zentrum in Yverdon wird die Zahl der Neuinfektionen ermittelt. Bild: keystone

Denn der R-Wert ist tatsächlich nur eine Annäherung. Zwei andere Faktoren sagen wesentlich mehr aus über den Stand von Corona in der Schweiz. Sie zeigen, dass von einer Entspannung keine Rede sein kann. Die Lage der Nation bleibt im Gegenteil kritisch.

Die Fallzahlen

Die Ermittlung der Neuinfektionen ist ebenfalls keine exakte Wissenschaft. In Kombination mit der Positivitätsrate erlaubt sie dennoch ein ziemlich verlässliches Bild über die Corona-Situation. Und dieses Bild ist nicht gut. Am Dienstag vermeldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) fast 4200 Neuansteckungen und eine Positivitätsrate von 13,0 Prozent.

Dabei befinden wir uns in der Zeit zwischen den Feiertagen, in denen eigentlich wenig los ist. Patrick Mathys vom BAG betonte am Dienstag, die Zahlen seien immer noch zu hoch. Tatsächlich befinden sich die Neuinfektionen seit Wochen im vierstelligen und die Positivitätsrate im zweistelligen Bereich. Das ist alles andere als nachhaltig.

Patrick Mathys erklärte weiter, er befürchte im Januar eine weitere Zunahme der Neuansteckungen. Zu viele Kontakte über die Feiertage und die offenen Skipisten könnten diesen Effekt befeuern. Und im Hintergrund lauern die mutierten Varianten des Virus, die in der Schweiz aufgetaucht sind und für die wahre Schreckensszenarien entworfen werden.

Die Spitäler

THEMENBILD ZU DEN PROGNOSEN DER KOF UEBER EINFLUSS DER CORONA-PANDEMIE AUF GESUNDHEITSKOSTEN --- An empty room built provisory for the COVID-19 patients is pictured in the intensive care unit of the hospital

Leere Betten auf den Intensivstationen sind kein Indikator für die Belastung des Personals. Bild: keystone

Das bedeutet Ungemach für die bereits arg strapazierten Schweizer Spitäler. Wobei auch in diesem Fall eine trübe Scheindebatte im Gang ist. Viel zu oft ist die Rede von den Betten auf den Intensivstationen, die nicht ausgelastet seien. Für Massnahmen-Kritiker wie die SVP ist dies ein Beleg dafür, dass alles nicht so schlimm ist und Öffnungen möglich sind.

Dabei sind die Betten leer, weil das Pflegepersonal zur Betreuung der Patienten fehlt. Es ist schon jetzt bis zur Erschöpfung gefordert. Eine weitere Eskalation könnte auch langfristig tragische Folgen für unser Gesundheitswesen haben. Dennoch meinen gewisse Kantone, sie könnten ihre Skilifte laufen lassen, sobald ein Bett auf der Intensivstation frei wird.

Es ist das Elend des schweizerischen Umgangs mit der Coronakrise, dass die Debatte zu häufig um R-Werte und Intensivbetten kreist und zu selten um Menschen – ob Patienten oder Spitalpersonal. Dabei ist klar: Nur wenn wir die Fallzahlen deutlich senken können, ist ein effizientes Contact Tracing und eine Entlastung der Spitäler möglich.

Dafür braucht es konkrete Massnahmen, von der Politik und uns allen, vor allem wenn man das vorerst gemächliche Impftempo im Land berücksichtigt. Der R-Wert ist bestenfalls statistisches Beigemüse. Das scheinen auch die Tamedia-Kollegen begriffen zu haben. «Reproduktionszahl wird überbewertet», hiess es in der Ausgabe vom Mittwoch.

Da hatten sie den Schaden mit ihrer «Skandalisierung» des R-Werts schon angerichtet. Und eine jener unnötigen Phantomdebatten losgetreten, die in dieser Krise niemand braucht.

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