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«Die Lage war schon vor Corona prekär» – Wie ging es der Schweizer Musikszene im Lockdown?

bild: montage watson

Musikerinnen und Musiker waren praktisch die ersten, die ihren Job während der Coronakrise pausieren mussten. Ihre Branche wurde Mitte März lahmgelegt. Ein Gespräch mit Vertretern der Schweizer Musikszene.



Sie standen bereits auf der Bühne fürs Soundchecking, wenige Stunden später würden sie vor applaudierendem Publikum stehen und in den nächsten Wochen etliche Stunden im Tourbus verbringen. Dann folgte die Pressekonferenz des Bundesrates und die Schweizer Musikerinnen und Musiker mussten ihre Instrumente wieder einpacken: Heute Abend gibt es kein Konzert. Und auch in den nächsten Monaten nicht.

Dabei wollten sie auf Touren ihr neues Album live spielen, ihre Platten und T-Shirts verkaufen, sich an den Festivals einen Namen machen und weiter durchstarten.

So erging es fast allen Bands. Bis vor kurzem wussten sie nicht einmal, ob sie im Herbst bereits wieder auf den Bühnen stehen können – und falls ja, in welcher Form. Seit diesem Mittwoch gibt es für sie nun Licht am Ende des Tunnels, bald geht es für sie wieder los. Was haben sie in den vergangenen Wochen gemacht? Wie geht Home-Office als Musikerin? Was passiert mit ihren Gagen und Auftritten? Ein Gespräch mit drei Köpfen aus der Schweizer Musikszene:

Black Sea Dahu: Janine Cathrein

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bild: zvg

Im ersten Moment war alles unglaublich chaotisch. Wir mussten uns nicht nur um die Konzerte in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, Frankreich oder England kümmern. Als wir realisierten, was genau vor sich geht und dass das Ganze noch länger dauern könnte, machte sich bei uns Unmut breit: Wir haben uns so intensiv vorbereitet und dann war alles weg. Das war so schade.

Mein Manager musste seither vor allem viel zwischen den Booking-Agenturen und anderen Beteiligten kommunizieren, sortieren, was abgesagt und was verschoben wurde und Ersatzdaten fixen fürs nächste Jahr und Termine blockieren. Das ist gar nicht so einfach, denn wir planen normalerweise bereits für die nächsten zwei Jahre. Es hat sich jetzt sozusagen alles um 24 Monate verschoben. Je mehr Fixpunkte klar waren, desto mehr Ordnung kam ins Chaos und wir konnten uns beruhigen.

«Die Behörden verstehen unsere Art von Arbeit nicht. Stundentabellen und Stempeluhren sind in unserer Branche nicht üblich.»

Gleichzeitig ging es darum, uns für Kurzarbeit, Erwerbsausfall und Ausfallentschädigung anzumelden. Das war schwieriger, als angenommen. Im Ganzen mussten rund 32 Gesuche ausgefüllt werden! Denn bei unserer Band ist es ein kompliziertes Unterfangen: Ich bin Inhaberin der GmbH, für uns arbeiten vier Angestellte und sieben Personen als Selbstständige. Zudem sind bei unserem Fall fünf verschiedene Kantone involviert, die sich dann untereinander absprechen mussten.

Es war generell nicht einfach, an die Ersatzgelder zu kommen. Die Behörden verstehen unser Metier und unsere Art von Arbeit nicht. Stundentabellen und Stempeluhren sind in unserer Branche nicht üblich. Ausserdem wurde die EO aufgrund des Lohns vom letzten oder vorletzten Jahr berechnet. Aber als Musikschaffende arbeitet man sich von Jahr zu Jahr zu höheren Gagen rauf. Vor einem Jahr haben wir also viel weniger verdient, als wir jetzt erhalten hätten.

Wenn nun mit der Kurzarbeit und den Entschädigungen alles funktioniert, sollten wir geldtechnisch mit einem Blauen Auge davonkommen. Wir sind es uns aber auch gewohnt, von der Hand in den Mund zu leben. Die Coronakrise verschärft diese Situation.

Neben den mühseligen Koordinationsaufgaben haben wir es auch genossen, mal Zeit zuhause zu verbringen und runterzufahren. Es war befreiend, endlich an Song-Skizzen zu arbeiten, die drei Jahre lang liegen geblieben sind. Aber immer wieder holte mich das Gefühl ein, weg gehen zu müssen. Ich war es mir schlichtweg nicht gewohnt, so lange am selben Ort zu sein, denn seit zwei Jahren war ich ständig unterwegs. Mit Sport konnte ich diesem Gefühl etwas entgegenwirken.

«Ich glaube, viele haben gemerkt, dass Musik oder irgendeine Art von Kunst zu den essentiellen Dingen zählen, die man für den Seelenfrieden braucht.»

Wir haben ursprünglich nicht geplant, bereits dieses Jahr an neuen Songs zu arbeiten und diese aufzunehmen. Doch unter diesen Umständen machte es Sinn, diesen Prozess vorzuverschieben. Wenn alles gut läuft, werden wir deshalb im Spätsommer wieder ins Studio gehen.

Home-Office als Musikerin ist sehr schwierig. Man muss auf den Goodwill der Nachbarn zählen können. Eigentlich dürfte man laut Vertrag nur zwei Stunden pro Tag musizieren. Leider musste ich länger mit meinen Nachbarn verhandeln, bis wir uns auf immerhin vier Stunden einigen konnten.

Während des Lockdowns haben uns viele Leute auf unserer Webseite Geld gespendet und uns in E-Mails gesagt, wie sehr ihnen unsere Musik während dieser Zeit hilft und Kraft gibt. Ich glaube, viele haben gemerkt, dass Musik oder irgendeine Art von Kunst zu den essentiellen Dingen zählen, die man für den Seelenfrieden braucht.

Dass nun bald wieder Konzerte stattfinden können, freut mich einerseits, andererseits ist es fraglich, ob es sich für Veranstalter und Musikschaffende wirklich lohnt. Wenn in einer Lokalität, die eigentlich für 800 Leute Platz hätten, nur 300 zugelassen sind, wird es schwierig. Trotz allem: Wir können es kaum erwarten, wieder fürs Publikum zu spielen. Denn trotz dieser Krise habe ich keine Zweifel, weiterhin mit Musik mein Geld zu verdienen. Musik zu machen ist der Sinn meines Daseins. Das werde ich nicht los.

S S S S: Samuel Savenberg

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bild: zvg

Seit vergangenem September fühlte sich mein Leben wie ein rasender Zug an. Als dann der Lockdown kam, kam dieser Zug langsam zum Halten. Das war sehr komisch. Ich war noch in Deutschland, beschäftigt mit einem Engagement am Staatstheater Hamburg, und reiste dann zurück in die Schweiz. Hier verweile ich nach langem wieder einmal in meiner Heimatstadt. Es ist ungewohnt, nur an einem Ort zu leben und im Einkaufsladen Menschen zu begegnen, die man kennt.

Mein Alltag hat sich abgesehen von den ausfallenden Reisen nicht gross verändert. Ich stehe immer noch früh morgens auf und mache mich an die Arbeit. Ich produziere Musik – auch für andere Musikerinnen und Musiker, wie zum Beispiel Dillon, mit der ich auch auf Tour war. Gleichzeitig lege ich als DJ in Clubs wie dem Berghain auf und performe auch als Musiker bei Live-Auftritten. Mit diesen verdiene ich mit Abstand am meisten Geld, deshalb reisst dieser Ausfall das grösste Loch in die Kasse. Aber bisher komme ich noch über die Runden und konnte von Erspartem leben. Da ich weiterhin auf die Gage des Theaters zählen kann, verzichte ich darauf, Kurzarbeit zu beantragen.

Ich habe im Gegensatz zu anderen Bands das Glück, dass ich alleine unterwegs bin und neben meinem Agenten kein grosses Team hinter mir habe. Ausserdem bin ich breiter abgestützt und habe neben Konzerten noch andere Aufträge. Als Musiker ist es heute nicht mehr so, dass man einfach ein Instrument lernt und damit sein Geld verdient. Das war vielleicht früher so, heute haben viele Musiker verschiedene Standbeine.

Die Lage in der Musikbranche war bereits vor Corona prekär. Die Krise hat die Probleme aber veranschaulicht; die Musik-Konsumentinnen und -Konsumenten wollen nicht mehr gleich viel für die Musik bezahlen und es gibt nicht wirklich geregelte Löhne oder Gagen. Man muss an gewissen etablierten Orten für eine mickrige Gage spielen, nur um dadurch wieder bei einer anderen Lokalität gebucht zu werden. Es gibt so viele Leute, die an dir mitverdienen, obwohl sie gar keine Musik machen. Das ist zwar alles nichts Neues, aber man merkt es noch mehr, wenn die Einnahmen wegfallen.

«Bis jetzt glaubte ich nicht so recht daran, bereits im Herbst wieder auf der Bühne zu stehen. Ich bin noch etwas vorsichtig und bin mir nicht sicher, ob es noch zu früh dafür ist.»

In der ganzen Diskussion um die Unterstützung der Kultur verstehen viele nicht, was alles an diesem Sektor dranhängt; das Gastgewerbe, Druckereien für die Flyer, der Anzeigenmarkt – da hängt ein riesiger Rattenschwanz dran.

In den nächsten Monaten hätte ich eigentlich in Deutschland, Holland oder Portugal gespielt. Diese Daten wurden bisher nicht verschoben. Für Konzerte in der Schweiz konnten Ersatzdaten gefunden werden. Bis jetzt glaubte ich aber nicht so recht daran, bereits im Herbst wieder auf der Bühne zu stehen. Das sieht seit diesem Mittwoch anders aus. Ich bin noch etwas vorsichtig und bin mir nicht sicher, ob es noch zu früh dafür ist. Aber wenn die Leute das so wollen, dann spielen wir eben wieder Konzerte.

Orange Peel Agency: Booker Kilian Mutter

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Die Bands unserer Booking-Agentur waren am 13. März bereits in den Konzerthäusern, als ich sie anrufen und ihnen mitteilen musste, dass sie ihre Sachen wieder einpacken können. Gewisse Bands hatten erst gerade ihr Album veröffentlicht und hätten noch zahlreiche Konzerte vor sich gehabt.

Am Anfang haben wir noch versucht, mit allen Veranstaltern über die Gagenzahlungen zu verhandeln. Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass diese Situation so ausserordentlich und es fast unmöglich ist, an gewissen Dingen festzuhalten. Von März bis Ende August waren es 170 Shows, die wir verschieben mussten oder abgesagt bekamen. Wir vereinbarten verschiedene Lösungen, um den Schaden zu mindern, damit alle Bands bisschen flüssig bleiben können. Beispielsweise konnten wir Bands für nächstes Jahr verpflichten und die Veranstalter haben im Gegenzug 50 Prozent der Gage an die Band überwiesen. Bei Privatanlässen von grösseren Firmen, wo es um höhere Gagen ging, versuchten wir, ihnen unsere Situation klar zu machen. Gewisse haben dann eine Entschädigung bezahlt. Aber es gab auch Veranstalter, die selber ums Überleben kämpfen mussten.

Beim ersten Mail an unsere Bands haben wir sie noch dazu aufgerufen, während dieser Zeit kreativ zu sein. Schnell merkten wir, dass es auch okay ist, mal nichts zu tun und sich zurückzuziehen. Es gibt genug Musikschaffende, die psychische Probleme haben und seit Jahren ihre Gesundheit nach hinten geschoben haben.

Durch die Coronakrise und den Lockdown hat sich gezeigt, dass es kaum möglich ist, ohne Live-Auftritte zu überleben. Früher hat man mit dem Verkauf von CDs und Platten noch Geld machen können. Heute sind es die Live-Shows, die Geld geben. Es zeigt auch, wo die Schwächen der Kulturförderung in der Schweiz liegt. In anderen Ländern greift diese viel tiefer und langfristiger. Hier ist sie eher punktuell und selektiv. Es ist aber auch falsch, diese Krise zu nutzen, um einfach nach mehr Geld zu schreien. Vielmehr geht es darum zu verstehen, wie wir uns als Musik-Community so aufstellen können, dass es sich lohnt, in diesem Bereich zu arbeiten.

Man sieht aber auch, dass sich die Musikerinnen und Musiker verbessern müssen. Sie müssen sich um Administratives kümmern und ihre Finanzen richtig und sauber abrechnen. Ihnen muss stärker bewusst werden, dass das auch zu ihrem Job gehört, wir ihnen aber gerne zur Seite stehen.

«Wer jetzt denkt, es würde eine neue Musikrichtung wie «Corona-Pop» oder so etwas entstehen, liegt vermutlich falsch.»

Die Krise hat aber auch gezeigt, wie viele Leute von diesem System abhängig sind. Es ist nicht nur der Musiker oder die Musikerin, sondern geht von den Technikerinnen und Technikern, den Leuten bei den Labels, Clubs oder Festivals bis hin zu den Promotoren und noch viel weiter.

Dass nun wie im Tourismus auch gegenüber den Schweizer Musikern Solidarität gezeigt wird, passiert bereits. Da die meisten Bands aus dem Ausland noch nicht so schnell einreisen werden, greifen viele Veranstalterinnen und Veranstalter situationsbedingt auf Bands aus der Schweiz zurück. Sie können am schnellsten unmittelbar wieder auf der Bühne stehen. Als Booking-Agentur mit ausschliesslich Schweizer Musikerinnen und Musikern stehen wir natürlich in der Pole-Position – das freut uns. Die schrittweise Öffnung im Konzertbereich ist ein guter Schritt. Jetzt geht es darum, einen Weg zu finden, der für alle Sinn macht . Denn aufgrund der beschränkten Besucherzahl werden die Gagen tiefer sein.

Ich denke nicht, dass die Krise einen direkten Einfluss auf die Musik haben wird. Wer jetzt denkt, es würde eine neue Musikrichtung wie «Corona-Pop» oder so etwas entstehen, liegt vermutlich falsch. Es war trotz allem eine zu kurze Zeit und kein politischer Umbruch, bei dem eine neue Bewegung wie beispielsweise der Punk entstand. Ich hoffe eher, dass die Krise einen positiven Einfluss auf die mentale Gesundheit der Musikerinnen und Musiker hat und sie entschleunigt aus dieser rauskommen.

Kann dieses Jahr auch nicht stattfinden: Bad Bonn Kilbi Festival – dafür hier Bilder aus den letzten 26 Jahren:

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