DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Ärzte verbreiten Corona-Mythen in Schweizer Fachblatt – die Reaktionen folgen prompt

In der Schweizerischen Ärztezeitung haben Doktoren Corona-Mythenverbreitet. Das blieb nicht widerspruchslos. Die Vereinigung FMH und andere Ärztinnen reagierten mit Repliken.



Will man den Puls der Ärztinnen und Ärzten in der Schweiz fühlen, sollte man zur «Schweizerischen Ärztezeitung» (kurz SÄZ) greifen. Das Blatt feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum und gilt neben dem «Swiss Medical Forum» als meistgelesene medizinische Fachzeitschrift.

Die Ärztezeitung liefert Einblicke in die medizinische Arbeit und berichtet über Erkenntnisse der Wissenschaft oder der Behörden. Wie jedes anständige Branchenblatt, findet sich auch hier eine Leserbrief-Rubrik. Während der Corona-Pandemie wurde auch sie ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der Einzelpersonen Skepsis und Mythen verbreiten.

So kritisiert etwa der Rheintaler Frauenarzt Peter Böhi die Massnahmen des sogenannten Lockdowns als «Gesundheitsdiktatur». Er behauptet, die Reproduktionszahl sei im Frühling «unabhängig der getroffenen Massnahmen» gefallen und hätte mehr mit dem «gesetzmässigen Verlauf» einer Pandemie zu tun. Böhi erklärt damit, dass man «jetzt vor einer zweiten Welle» keine Angst haben müsse. «Auch die restlichen Auflagen wie Handhygiene, Abstandsregeln, Maskentragen etc. bleiben in ihrer Bedeutung umstritten, da gemäss einer WHO-Analyse zu Massnahmen gegen Grippe-Pandemien von 2019 die Evidenz dafür fehlt», schreibt Böhi weiter.

«Impfpflicht»-Unwahrheit abgedruckt

Der Thurgauer Arzt und Allgemeinmediziner Michael Kingerter verbreitete in einem Leserbrief die Fehlinformation, dass der Bundesrat mit seinem geplanten Covid-19-Gesetz «die Durchsetzung einer allgemeinen Impfpflicht legalisiert und umsetzbar macht». Kingerters Behauptung ist dieselbe, die seit Wochen in der Szene der Verschwörungsgläubigen kursiert. watson stellte Anfang Juni in einer Faktenüberprüfung klar, dass das geplante Covid-19-Gesetz weder eine Impfpflicht noch einen Impfzwang einführen will.

Die Verbreitung von Corona-Mythen kommt nicht bei allen Ärztinnen und Ärzten gut an. So wurde Böhis «Corona-Theater»-Text mit einer «Replik» des Facharztes Carlos Quinto veröffentlicht. Quinto sitzt im Zentralvorstand der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, besser bekannt unter der Abkürzung «FMH». Darin schreibt er, dass die Ärzteschaft sich in einer «Phase des Lernens» befindet und deshalb auch Leserbriefe veröffentlicht werden, die man «aus fach­licher Sicht nicht unbedingt» teile.

Ärztevereinigung reagiert auf Leserbrief

Was darauf folgt, kann – gelinde gesagt – als «höchst diplomatische Gegenkritik» bezeichnet werden. Quinto sagt, dass bei der Analyse der Covid-19-Pandemie die «Krankheitslast» statt der Todesrate gewählt werden solle. So sei das Durchschnittsalter der Personen auf Intensivstationen «wesentlich tiefer» als jenes der an Covid-19 verstorbenen Patienten.

Der Ärztevereinigungs-Vertreter Quinto reagiert auch auf Böhis Verharmlosung der Gefahr einer möglichen zweiten Welle: «Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Replik finden sich viele Hinweise, die gerade nicht, wie vom Schreiber des Briefes sug­geriert, auf ein Abklingen der Pandemie hinweisen, weder national noch international.»

Ärztinnen und Ärzte antworten ebenfalls auf «Corona-Theater»-Text

Kritik gibt's auch von der Aargauer Psychiaterin Patricia Mbumaston: «Ich bin erschüttert. Ich bin sprachlos. Dass ein Arzt jetzt noch (Juli 2020) die COVID-19 mit einer starken (immerhin!) Influenza vergleicht, ist bedauerlich.» Sie reagiert auf Böhis Leserbrief mit einer Mahnung: «Wir müssen davon ausgehen, dass sich bei der Invalidenversicherung schon bald die Gesuche stapeln werden von Menschen, die aufgrund von Spätschäden durch das Coronavirus nicht mehr wie früher arbeiten können.»

Böhi erhält aber auch Zustimmung. Der Basler Gynäkologe Nenad Pavic zitiert dazu die Zahlen der Intensivstationen. «Gemäss Schweizerischer Gesellschaft für Intensivmedizin waren auf dem Höhepunkt von Covid-19 in der Schweiz maximal 56 Prozent aller IPS-Betten mit SARS-CoV-2-Infizierten belegt. Am 5. Februar 2020 waren schweizweit 88 Prozent aller IPS-Betten belegt, im Jahresdurchschnitt sind es 75 Prozent (+13%)», sagt er und stellt fest, dass die «bevorstehende Überlastung der Spitäler» gar nicht real drohe. Böhis Leserbrief spreche ihm daher «aus dem Herzen» und er schliesst mit der Behauptung, dass die «Pandemie zumindest in Europa und in der Schweiz tatsächlich vorbei» sei.

Zahlreiche europäische Länder melden seit Tagen deutlich ansteigende Fallzahlen. Darunter Frankreich, Ukraine, Niederlande, Rumänien, Serbien, Tschechien, Bosnien, Kosovo, Luxemburg und die Slowakei. Länder wie die Schweiz oder Österreich melden leicht ansteigende Fallzahlen und haben bereits oder wollen Massnahmen verschärfen. (pit)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Bilder der Corona-Demo in Berlin

1 / 25
Bilder der Corona-Demo in Berlin
quelle: keystone / felipe trueba
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Diese Verschwörungstheorien sind wirklich wahr. So wirklich wirklich. Wirklich.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Anonymous verpasst Querdenkern erneut einen Schlag

Heute vor einem Jahr nahm Anonymous den virtuellen Kampf gegen Coronaleugner und rechtsextreme Verschwörungserzähler auf. Zum Jubiläum hat das Hacker-Kollektiv das Reichsbürger-Netzwerk des selbsternannten «Königs von Deutschland» gehackt.

Anonymous versetzt der «Querdenker»-Bewegung einmal mehr einen Schlag. Zum einjährigen Jubiläum der Operation Tinfoil (Operation Aluhut) haben Anonymous-Aktivisten das «Reichsbürger-Netzwerk» von Peter Fizek, dem selbsternannten König von Deutschland, «hopps genommen».

Fizek ist das selbsternannte Oberhaupt eines von ihm gegründeten Fantasiestaates, den er «Königreich Deutschland» nennt. In Fizeks Reich gibt es eine eigene «Reichsbank» und mit der E-Mark eine eigene Währung. Die …

Artikel lesen
Link zum Artikel