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Review

Pult stichelt gegen SVP-Politikerin: «Esther, komm … du bist doch gescheiter als das!»

Das Fernsehpublikum erlebte erneut eine intensive «Arena». Es ging zwar wieder um ein Corona-Thema – zu sehen gabs aber leidenschaftliche Duelle.
01.05.2021, 03:04

Eigentlich gabs ja viele Themen, die die Schweizer Politik diese Woche beschäftigten. Etwa die Frage nach den Grundrechtseinschränkungen, die besonders heute am 1. Mai im Nachklang der unbewilligten, aber polizeilich geduldeten Demonstrationen an Aktualität gewinnen dürften. Oder generell die Lockerungspläne des Bundesrates. Zudem schwebt das Rahmenabkommen mit der EU irgendwo herum und die Nationalratssession steht nächste Woche an.

Das Team um den «Arena»-Moderator Sandro Brotz entschied sich aber zum geschätzten 30. Mal für ein Corona-Thema. Verpackt im Sendungstitel mit ein bisschen Hoffnung («Raus aus Corona – …») und ein bisschen Verunsicherung («… – Rein in den Impfzwang?»). Duellieren durften sich Links, Rechts, die Mitte und als Spezialgast Anne Lévy, die Chefin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG).

Selbstunkritische Lévy

Brotz widmete sich an zwei zentralen Stellen der Sendung der BAG-Chefin Lévy. Einerseits gleich zu Beginn, andererseits in einem «Eins-zu-Eins». Die Bundesamts-Direktorin machte bei beiden Auftritten deutlich, dass sie nicht von Bern nach Zürich anreiste, um Selbstkritik zu üben. So wurde sie von Brotz nach einer Note zwischen 1 und 10 für die Schweizer Impfstrategie gebeten.

Lévy wich aus: «Ich glaube, Noten verteilen wir am Ende der Pandemie oder am Ende des Impfens. Aber wir sind auf Kurs und wir haben gute Arbeit geleistet.» Brotz versuchte mit zufälligen Benotungsvorschlägen, irgendeine konkrete Note zu hören – «Eine 5? Eine 7?» – und konnte damit eine 8 herausholen.

Video: srf/arena

Die Antwort dürfte auch Brotz überrascht haben. Eine 8, trotz der vielfach kritisierten Probleme? Der Moderator nahm Lévy später in der Sendung in die Mängel und half der BAG-Chefin erneut, diesmal mit einer Gedankenstütze, was alles bei der Impfstrategie bislang schieflief. Er erwähnte das Hin-und-Her beim möglichen Zeithorizont: Mal sei es der Sommer, dann Juni, Juli gewesen, bis alle Impfwilligen sich impfen könnten. Nun werde aber der Herbst angepeilt. Brotz' kritische Frage: «Ein für alle Mal, Frau Levy: Bis wann sind alle geimpft, die das möchten?»

Lévy wollte keinen Widerspruch sehen und erklärte sich diese unterschiedlichen Pläne mit einer Detailanalyse: «Der Unterschied ist, wer geimpft wird.» Sie sei zuversichtlich, dass bis im Juni alle Impfwilligen sich impfen könnten. «Es wird sich aber bis im Herbst weiterziehen. Erstens werden bis dann hoffentlich auch Jugendliche geimpft werden können. Zweitens werden wir nicht an Tag X alle geimpft haben. Einige Menschen brauchen vielleicht mehr Bedenkzeit, ob sie sich impfen lassen wollen.»

Video: srf/arena

Impfbereite Humbel

Kritisch, aber verständnisvoll, zeigte sich Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel. Die Impfstrategie sei kein Debakel, aber auch keine Erfolgsgeschichte, sagte sie. Es sei halt ein schweizerischer Mittelweg. Die aktuelle chaotisch anmutenden kantonalen Impfunterschiede erklärte sie sich so: «Einige Kantone haben drauflos geimpft, andere wurden als Trödlerkantone bezeichnet. Man hat daraus gelernt.» Sie erwähnte auch positive Entwicklungen: So habe ihre 30-jährige Tochter im Kanton Aargau bereits einen Impftermin erhalten. Auch Humbel selbst kriege bald die Spritze, nämlich heute Samstag. «Das wird mein 1.-Mai-Erlebnis sein.»

«Es gibt gar keinen Impfzwang!»
Ruth Humbel

Diese verständnisvolle Linie präsentierte sie auch bei anderen Diskussionspunkten. So erinnerte sie daran, dass die Schweiz der Bevölkerung «relativ grosszügige Freiheiten» gebe, während in Deutschland teilweise Ausgangssperren gelten.

Video: srf/arena

Emotionaler wurde sie nur im Streit mit der SVP-Nationalrätin Esther Friedli (zu ihr kommen wir gleich). «Es gibt gar keinen Impfzwang!», warf Humbel ihr an den Kopf, nachdem Friedli diesen angeblichen Zwang erwähnt hatte.

In der gleichen Szene übte die bürgerliche Mitte-Politikerin eine Fundamental-Kritik an ihre bürgerliche Sparringpartnerin von der SVP: «Ihr kritisiert, es funktioniere alles nicht. Dabei war es Thomas Aeschi, der im Frühling das Parlament heimschickte und den Antrag stellte, die Session abzubrechen. Und im Mai wolltet ihr alles wieder öffnen. Diese Politik der Öffnung ist einfach verantwortungslos!»

Covid-Kritikerin Friedli

Esther Friedli, SVP-Nationalrätin aus dem Kanton St. Gallen, deplatzierte sich durch ihre mehrfachen Aussagen zu einem angeblichen Impfzwang. Einer Impfgegnerin im Publikum, die partout Vorteile einer Impfung nicht anerkennen wollte und ebenfalls von Zwang sprach, antwortete Friedli: «Ich bin auf Ihrer Seite.»

Video: srf/arena

Friedli brachte zwar als bürgerliche Wirtschaftspolitikerin verständliche Argumente und Kritikpunkte ein. So sagte sie etwa: «Ich möchte daran erinnern, dass die Innenräume der Gastronomie seit dem 20. Dezember geschlossen sind, trotzdem gibt es noch Corona-Fälle in diesem Land.» Sie erwähnte auch die Diskriminierung, dass Fitnesscenter wieder offen seien, aber drinnen im Restaurant kein Kaffee getrunken werden könne.

Der laute Pult, der junge Franzini

Und dann waren noch die beiden linken Männer anwesend: Der Bündner SP-Nationalrat Jon Pult und Luzian Franzini von den Grünen. Herausgestochen hat vor allem Pult, der als rhetorisches Ausnahmetalent bekannt ist und eine in der Schweizer Politik selten anzutreffende Schlagfertigkeit beherrscht.

Video: srf/arena

Pult liess sich zwar von Friedli mehrmals provozieren, etwa dann, als sie ihm vorwarf, die Linke wolle «mit ihrem sozialistischen Weltbild uns alle mit Almosen vom Staat füttern». Seine Reaktion reduzierte er aber auf einen süffigen, persönlichen Gegenangriff, als er im breitesten Bündnerdeutsch entgegnete:

«Hör mir doch auf. Nein, … Esther, komm … du bist doch gescheiter als das!»
Jon Pult

Pult punktete zudem rhetorisch, als er gegen Schluss der Sendung linke Aussen- und Wirtschaftspolitik, SVP-Kritik und Schmeicheleien gegenüber der ArbeiterInnenschaft innerhalb von 50 Sekunden verpackte und dann mit «Es ist nicht so kompliziert, das zu verstehen» schloss. Was er aber – genau so wie Lévy – nicht konnte: Den Bund, das Bundesamt und damit den eigenen Bundesrat Alain Berset kritisieren.

Video: srf/arena
Wer überzeugte dich in der «Arena» vom 30. April 2021?

Franzini, der Mann Nummer drei neben Pult und Brotz, hatte als Linker neben dem linken Bündner eine Nebenrolle. Punkten konnte er lediglich dort, wo er als Stimme der «Jungen» sprechen konnte. So klagte er etwa über die komplizierte Bürokratie rund ums Vakzin: «Es kann nicht sein, dass wir nur zu Bürozeiten impfen. Man muss auch am Abend nach der Arbeit einen Impftermin buchen können. (…) In meinem Umfeld sind viele junge Menschen noch nicht geimpft und haben noch keinen Termin, aber alle sind bereit für die Impfung.»

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Arena vom 30. April 2021

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Arena vom 30. April 2021
quelle: keystone / anthony anex
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