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Rahel arbeitet an einem Tag pro Woche im Impfzentrum und studiert Medizin. Bild: watson/keystone/shutterstock

Was ich wirklich denke

Bis zu 80 Covid-19-Impfungen am Tag – Studentin erzählt von ihrer Arbeit im Impfzentrum



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Ich arbeite gerne im Impfzentrum. Die Patient:innen sind froh, dass sie geimpft werden – besonders die älteren. Dann loben sie die gute Organisation und fragen, «wie schaffen Sie das nur, so einen ganzen Tag lang impfen?»

Mein Arbeitstag dauert zwischen acht und neun Stunden. An gewöhnlichen Tagen verabreiche ich rund 50 Impfungen, an strengeren bis zu 80. Es ist anstrengend. Ich merke, dass ich am Abend viel weniger mit den Leuten «schwätzle» mag als am Morgen.

Ich wollte einen Beitrag zur Bekämpfung dieser Pandemie leisten. Er ist klein, aber immerhin.

Lernen kann ich nach Feierabend sowieso nicht mehr. Das muss ich am Wochenende nachholen. Eigentlich müsste ich täglich büffeln. Anfangs Semester habe ich mein Arbeitspensum im Impfzentrum von zwei auf einen Tag reduziert. Momentan geht es noch. Im Nachhinein merke ich dann vielleicht, dass es zu viel war.

Aber ich habe mich ja freiwillig gemeldet. Ich wollte einen Beitrag zur Bekämpfung dieser Pandemie leisten. Er ist klein, aber immerhin. Es herrscht ja sowieso ein grosser Mangel beim Gesundheitspersonal. Die Arbeit ist auch eine gute Abwechslung zum Lernen.

Wirst du dich gegen das Coronavirus impfen lassen?

Wir Student:innen mussten zuerst ins Impf-Handwerk eingeführt werden. Ein Arzt erklärte als Erstes das Notfallkonzept: Was man tut bei einer allergischen Reaktion oder einem Schock. Eine Pflegerin zeigte dann, wie man impft. Sie hat eine halbe Stunde zugeschaut. Danach impfte ich selbstständig.

Schlimme Nebenwirkungen habe ich bis jetzt noch nie gesehen. Man muss die Patient:innen immer explizit fragen, wie sie auf andere Impfungen reagierten oder ob sie Allergien hätten. Am besten geben sie das schon bei der Terminbuchung an.

Allergiker:innen nehmen in der Regel vorher ein Antihistaminika ein, damit sie die Impfung gut vertragen. Im Gegensatz zu anderen bleiben Allergiker:innen auch 30 Minuten zur Überwachung anstatt die üblichen 15 Minuten.

«Hässige» Patient:innen hatten wir nur ganz am Anfang ein paar. Da kam es vor, dass wir Leute abweisen mussten. Meistens, weil sie nicht alle Kriterien von der entsprechenden Impfgruppe erfüllten. Da wurden einige sauer.

Jetzt kommt das kaum mehr vor. Die Patient:innen sind eigentlich immer nett und zufrieden. Gerade für ältere Leute ist die Covid-19-Impfung etwas Spezielles: Sie können nach langer Zeit endlich wieder raus und freuen sich, dass sie ihre Enkel wieder sehen können.

Ungeduldige Personen gibt es wenig, dafür immer wieder etwas «gspässige». Einige wollen gar nicht informiert werden – möglichst wenig reden, möglichst schnell wieder raus. Dann gibt es andere, die Angst haben und den Tränen nahe sind. Ich hatte zwei, die wegen der Impfung weinten.

Der einfachste Trick bei Angst vor Spritzen ist wegschauen. Ich frage auch meistens nach: «Wollen Sie wissen, wann ich steche oder lieber nicht?»

Dass Leute ihren Impftermin nicht wahrnehmen, kommt vor. Entweder vergessen sie den Termin oder wollen dann doch nicht. Aber ich höre nur beiläufig davon, weil ich die Termine nicht organisiere. Das machen andere. Soweit ich weiss, wird es aber immer so organisiert, dass alle aufgetauten Impfampullen vollständig verabreicht werden können.

Leute aus meinem Umfeld sagen zu mir: «Komm, nimm doch einfach ein Fläschchen Impfstoff mit!»

Vor unserem Impfzentrum warten kurz vor Feierabend immer wieder vereinzelt Leute, die auf eine vorige Impfung hoffen. Die müssen wir leider wegschicken.

Ich werde auch oft von Leuten aus meinem Umfeld gefragt, ob ich ihnen schreiben könne, falls wir eine Impfung übrig hätten. Ich muss dann immer schmunzeln. Als könnte eine kleine Medizinstudentin irgendwen einschleusen.

Andere sagen: «Komm, nimm doch einfach ein Fläschchen mit!» Ich antworte dann: «Selbst wenn du auf diese Weise an eine Impfung kämest, würde es dir nicht viel bringen. Es wäre dann nirgends ausgewiesen, dass du gegen Covid-19 geimpft bist.»

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
quelle: keystone
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